Die Wächter der Pilze / Leseprobe und Exposé

Exposé

Die Geschichte entstand aus der Intention heraus, die Kinder von Handys, Gameboys, Ipod´s und Co. wegzulocken. Ich wollte eine ursprünglichere, mystische Welt schaffen und den Kindern nahebringen, dass da draußen vor der eigenen Haustüre ungeahnte Möglichkeiten von spannenden Entdeckungen und Abenteuern auf sie warten. Ein reeller Raum, in den die Kinder eintauchen können. Wie riecht der Wald nach einem warmen Sommerregen? Oder nach langen heißen Sommertagen ohne Regen? Wie fühlt sich Baumrinde unter den Händen an? Oder Tannennadeln unter den bloßen Füßen? Wie klingt eine einsame Ammer? Oder der trällernde Buchfink?

Durch das Lesen der Geschichte sollen die Kinder angeregt werden, den Wald und seine Möglichkeiten selbst zu erforschen.

Genre: erzählendes Kinderbuch, Abenteuer

Zielgruppe: Leser/-innen ab 10 Jahren

Umfang: 322 Normseiten, fertiggestellt

Handlungsort: natürliche Waldumgebung mit

fantastischen Elementen

Atmosphäre: mystisch, stimmungsvoll

Positionierung: vglb. mit ´Ronja Räubertochter´

Die Geschichte erzählt…

  • vom Prozess des Älterwerdens mit seinen Zweifeln und Veränderungen.

  • vom wichtigen Zusammenhalt aller Einzelnen, um an ein gemeinsames Ziel zu gelangen.

  • vom ewigen Kreislauf der Natur, dem Geben und Nehmen zwischen uns und unserer Umwelt.

Personen/Bestandteile

Rhea: Wurzelwawi, Protagonistin

Eliah: Rheas Zwillingsbruder

Fine: Heilerin und Mutter der Zwillinge

Gork: Ratsältester Wurzelwawi

Kattra: fieses Pilzmännchen, Todfeind

Herrscher der Pilze: Herrscher der fiesen Pilzmännchen

Eule der Verdammnis: orakelndes Wawiwesen

Wurzelwawis: kleine Waldgnome

Baumbamboos: zierliche, fliegende Wesen

Raupen der Bamboos: Bamboos vor ihrer Verpuppung

fiese Pilzmännchen: Todfeinde, wollen Wesenspilze

Wesenspilze: überlebenswichtig für die Wawis,

wandeln Eigenschaft in Fähigkeit

Wandelung: 12. Geburtstagsfeier, Wesenspilz-

Übergabe, Zuweisung der Fähigkeit

Kurzzusammenfassung

Die Protagonistin Rhea muss die verschiedenen Waldvölker vor dem Untergang retten, deren überlebenswichtiges Wechselgefüge durch die fiesen Pilzmännchen bedroht wird. Rhea gelingt die Rettung, indem sie sich ganz allein dem Herrscher der Pilze entgegenstellt und ihn besiegt. Dadurch wird sie zur Nachfolgerin der Eule der Verdammnis, die diesen Konflikt eingefädelt hatte, um Erlösung durch Rhea zu finden.

Inhaltsangabe

Eliah findet einen geheimnisvollen Kristall im Wald. Kurz darauf nimmt Fine ein todkrankes fieses Pilzmännchen namens Kattra bei sich auf. Die Heilerin Fine findet heraus, dass Kattra von den für ihn giftigen Wesenspilzen der Wawis gegessen hat. Um den Grund für Kattras Auftauchen und die Folgen seines Pilzgenusses für die Wawis zu erfahren, stattet Gork, mit Rhea und Eliah der Eule der Verdammnis einen Besuch ab. Dieses Eulen-Wawiwesen macht eine undurchschaubare Prophezeiung und schenkt Rhea eine Kette mit einem kleinen Stein daran. Dessen Macht und die Bedeutung der Prophezeiung bleibt Rhea bis zum Schluss verborgen.

Nach ihrer Rückkehr belauschen die Zwillinge ein Gespräch, in dem Gork erfährt, dass die vier Raupen der Baumbamboos, von deren Wesenspilzen Kattra gegessen hatte, gestorben sind. Gork befürchtet, dass auch den vier Wawikindern, für die die Wesenspilze nach ihrer Wandelung bestimmt gewesen wären, etwas zustoßen wird. Was genau er jedoch befürchtet, weiß Rhea noch nicht.

Kurz darauf verschwindet Kattra. Auch Eliahs geheimnisvoller Kristall ist verschwunden. Der Vorfall wird von der Wandelungsfeier der Zwillinge in den Hintergrund gedrängt, bei der Rhea und Eliah die nächste Altersstufe erreichen und ihre neuen Fähigkeiten zusammen mit ihren Wesenspilzen zugewiesen bekommen. Als Rhea ihre neue Fähigkeit bei Gork einsetzt, erfährt sie, dass den Wawikindern, deren Raupen gestorben sind, der Tod bevorsteht.

Da taucht Kattra wieder auf und Rhea erkennt, dass er dem Herrscher der Pilze Eliahs geheimnisvollen Kristall übergeben hat. Dieser weiß inzwischen von der Eule der Verdammnis um das Geheimnis, wie er ihn einsetzen muss, um an die Macht der Wesenspilze zu gelangen. Das wäre der Untergang für die Wurzelwawis, die Baumbamboos und deren Raupen. Alle sind in heller Aufregung über den Verrat der Eule der Verdammnis.

Inzwischen hat sich Gorks Befürchtung bewahrheitet und die vier Wawikinder sind tödlich erkrankt, nicht einmal Fine als Heilerin kann sie retten. Rhea muss hilflos zusehen, wie die Kinder dahinsiechen. Doch Gork ist sich inzwischen sicher, dass Rheas Fähigkeit weit über das hinausgeht, was er ursprünglich in ihr gesehen hat, und lässt Rhea ihre Fähigkeit bei den kranken Kindern einsetzen. Tatsächlich erkennt Rhea den Grund des Siechtums und kann letztendlich die Kinder vor dem sicheren Tod retten.

Währenddessen stellt der Herrscher der Pilze sein Heer auf, um sich mit Hilfe von Eliahs Kristall die Macht der Wesenspilze zu holen. Doch auch die Waldvölker rüsten sich, um das überlebenswichtige Wesenspilzfeld gegen den Angriff der fiesen Pilzmännchen zu verteidigen. Im letzten Augenblick erkennt Rhea die Bedeutung der Prophezeiung der Eule der Verdammnis und den Zusammenhang zwischen Eliahs geheimnisvollen Kristall und ihrem Stein am Hals. Sie kann einen Krieg verhindern, indem sie sich ganz allein dem Herrscher der Pilze entgegenstellt und ihn mithilfe der beiden Kristallsteine besiegt.

Durch ihren Mut hat Rhea nicht nur die kranken Kinder und alle Waldvölker vor dem Untergang gerettet, sondern auch die Eule der Verdammnis aus ihrem ewigen Leben erlöst, deren Erbe sie nun antritt.

Leseprobe

1. und 2. Kapitel

Ein wunderschön geheimnisvoller Fund

Eliah bückte sich und hob einen besonders schönen Kieselstein aus dem Bachbett auf, während Rhea hinter ihm stand und über seine Schulter lugte, was gar nicht so einfach war, denn sie war eine gute Handbreit kleiner als ihr Zwillingsbruder, der immerhin schon so groß war wie vier aufeinander stehende Raben. Oder zwei aufeinander balancierende Waschbären. Oder fünf aufeinander gestapelte Eichhörnchen. So genau konnte Rhea das nicht feststellen, denn sie hatte noch nie vier Raben gleichzeitig fangen können – geschweige denn zwei Waschbären – und erst recht keine fünf Eichhörnchen. Aber ihrer Meinung nach war dieser Vergleich sehr gnädig – sie hätte ihren Bruder ja auch mit Wildschweinen oder mit aasfressenden Geiern vergleichen können, aber dazu mochte sie ihn zu sehr.

Abgesehen davon, dass ihr Zwillingsbruder größer war als sie, stand Rhea auch noch auf der abschüssigen Hügelseite im Wald, irgendwo tief in Muringen. Und wo Muringen eigentlich lag, konnte Rhea auch nicht mit Gewissheit sagen, denn das wusste keiner der Wurzelwawis so genau.

Jedenfalls machte es ihr der abfallende Hügel noch schwerer, mir ihren grasgrünen Augen, die so grün waren, dass sie fast schon leuchteten, über Eliahs Schulter zu blicken. Doch Eliah kümmerte Rheas Neugier sowieso kein bisschen. Seelenruhig drehte er den flachen Kieselstein hin und her, während er ihn eingehend mit seinen ebenfalls grasgrünen Augen betrachtete. Überhaupt hatten alle Wurzelwawis grüne Augen, zumindest hatte Rhea bisher noch keinen aus ihrer Gemeinschaft getroffen, der blaue oder braune oder auch schwarze Augen gehabt hätte.

Rhea reckte sich noch mehr und stellte sich auf die Zehenspitzen, wobei ihr schon wieder ihre langen schwarzen Locken ins Gesicht fielen. Das taten sie ständig bei jeder passenden – oder auch unpassenden – Gelegenheit. Ungeduldig schob Rhea die Locken hinter das Ohr.

„Und, ist er es wert, dass du ihn mitnimmst?“, fragte sie, während sie in Gedanken ihre grasgrünen Augen verdrehte. Schon wieder ein Stein, noch einer!

Doch zu ihrer Erleichterung schüttelte Eliah den Kopf, wodurch seine kurzen schwarzen Locken hin und her wippten. Diese Locken ließen Eliah immer wuschelig und unordentlich aussehen, egal wie intensiv er sie auch bearbeitete.

„Zu unscheinbar, brauche ich nicht. Davon habe ich schon genug in meiner Sammlung“, sagte er und warf den Stein achtlos in das Bachbett zurück, sodass das Wasser aufspritzte.

„He! Vorsicht, du machst uns ja ganz nass!“, rief Rhea und sprang zurück. „Jetzt sind meine Stiefel nass geworden.“ Sie blickte auf ihre Füße, die in weichen Stiefelchen steckten, die aus Leder gefertigt und innen mit Filz gefüttert waren. „Und mein Umhang ist auch nass!“ Sie versuchte, die Wassertropfen auf ihrem braunen, grob gewebten Umhang wegzuwischen.

„Ach, das macht doch nichts, das bisschen Wasser“, sagte Eliah. „Die Sonne wird es schon trocknen.“

Rhea blickte zu ihm auf. Seine hohen Wangenknochen und die mandelförmigen, leicht schräg stehenden Augen wirkten auf den ersten Blick etwas hochmütig, was aber gleich wieder durch die leicht pummelige Statur gedämpft wurde. Rhea wusste, dass sie genauso aussah wie ihr Bruder, nur eben mit langen statt mit kurzen Locken.

„Na, dann komm und lass uns weiter Pilze suchen, sonst müssen wir heute Abend hungrig ins Bett.“

Rhea hoffte, ihren Bruder mit dieser Bemerkung endlich davon abzubringen, noch länger auf Steinsuche zu gehen, die ihn so manches Mal vergessen ließ, warum sie im Wald unterwegs waren. Denn der Grund dafür war gewiss nicht Eliahs Steinsuche, sondern sie mussten ihre Vorräte an Pilzen auffüllen – an den gewöhnlichen Pilzen –, die das ganze Jahr über in diesem Wald wuchsen. An die anderen Pilze wollte Rhea jetzt gar nicht erst denken. Mit diesen Pilzen würde sie sich noch schneller befassen müssen als ihr lieb war.

Sie wollte sich gerade umdrehen, um den Heimweg anzutreten, als ihr Bruder sich schon wieder bückte und einen weiteren Stein in die Höhe hielt, der so groß war wie ein Vogelei. Langsam drehte er ihn hin und her. Einen kurzen Moment geschah gar nichts, als ob der Stein alle Sonnenstrahlen in sich einsog und zu einem einzigen Punkt verschmolz, mitten im Herzen. Denn gleich darauf explodierten die Sonnenatome und katapultierten sich in Millionen glitzernder, schillernder Regenbogenstrahlen zurück in die Freiheit. Rhea sah erst Eliah an, dann den Kristall in seiner Handfläche. „Hast du das gesehen?“, fragte ihr Bruder andächtig.

Rhea wollte gerade nicken, als Eliah plötzlich rief: „Autsch, das tut weh!“ Im selben Moment ließ er den Kristall fallen und schüttelte seine Hand.

„Was ist?“ fragte Rhea.

„Der Stein ist plötzlich ganz heiß geworden. Ich musste ihn fallen lassen, sonst hätte ich mich verbrannt.“ Eliah pustete heftig in seine Handinnenfläche.

„Bist du sicher?“

„Natürlich bin ich sicher. So was bilde ich mir doch nicht ein.“ Dann bückte er sich.

„Was tust du denn jetzt?“, fragte Rhea.

„Na, ich suche den Kristall“, grummelte Eliah, dessen Kopf irgendwo zwischen seinen Knien steckte.

„Wozu?“

„Wozu meinst du wohl? Ich will ihn mitnehmen, um ihn in mein Steinregal zu tun.“

„Du willst ernsthaft einen Stein mitnehmen, der dir gerade eben noch fast die Hand verbrannt hätte?“

„Aber hast du nicht gesehen, wie er geglitzert hat? Das ist ein außergewöhnlich schöner Kristall! Den lasse ich mir bestimmt nicht entgehen, nach so einem Stein habe ich mein Leben lang gesucht. Vielleicht habe ich mich ja getäuscht und er war gar nicht heiß.“

„Also eben warst du noch ganz empört, als ich dich fragte, ob du sicher wärst“, sagte Rhea, die nun halbherzig mitsuchte, wobei ihr schon wieder die Locken über die Wange fielen.

„Wo ist er nur? Hoffentlich finde ich ihn wieder. Ich muss ihn wieder finden! Er muss unbedingt einen Ehrenplatz in meiner Steinesammlung bekommen.“

Rhea war nie so ganz dahinter gekommen, warum Eliah so verrückt nach Steinen war. Er hatte bereits ein ganzes Regal voll davon zu Hause in ihrem Wurzelwerk, alle akkurat nach Größe, Farben und Formen sortiert.

„Da! Da ist er ja“, seufzte Eliah und griff vorsichtig nach dem Stein.

„Ist er heiß?“, fragte Rhea.

„Nein, eiskalt. Sozusagen eiskristallkalt“, antwortete Eliah und steckte den Stein schnell in die Hosentasche seiner Leinenhose. „Ich sage doch, dass ich mich getäuscht habe.“

„Na, dann können wir ja jetzt endlich gehen“, sagte Rhea. „Wenn du es sagst, Schwesterchen. Aber ich denke, hier am Bach im Wald ist deine Lieblingsstelle? Du sagst doch immer, dass du es im Wald viel lebhafter findest als draußen. Sagst du nicht immer, du kämst dir hier viel lebendiger vor? Und nun hast du schon genug von deinem Lieblingsplatz?“

„Du sollst mich nicht immer aufziehen, Eliah! Natürlich ist das hier meine Lieblingsstelle, aber wir waren nun lange genug unterwegs und für heute haben wir wirklich genug gesammelt“, antwortete Rhea und sah in den Weidenkorb, der an ihrem Arm hing. Tatsächlich war der Korb bis an den Rand gefüllt mit Pilzen unterschiedlichster Art: handtellergroße, cremefarbene, die einen süßlichen Geruch verströmten – fast schon unangenehm – und kleine, dunkelbraune, verschrumpelte Pilze, die eher wie erdige Wurzeln aussahen und sehr würzig und herb rochen. Der Anblick der Pilze ließ Rhea schon wieder an die anderen Pilze denken, an die Wesenspilze, die sie und ihr Bruder an ihrer Wandelung das erste Mal essen würden, dann, wenn sie auch ihren zwölften Geburtstag feiern würden. Einerseits freute sich Rhea darauf – jedes Wawikind fieberte seiner Wandelung und der Wesenspilzwahl entgegen. Doch Rhea hatte auch Angst, dass etwas schief gehen könnte. Was, wenn sie den falschen Pilz zugewiesen bekäme? Das wäre fatal. Es würde ihren Tod bedeuten.

„Lass uns nach Hause gehen, Fine wartet sicherlich schon auf uns. Außerdem habe ich Hunger“, sagte Rhea und drehte sich nun endgültig in Richtung Wurzelwerk um.

Eliah nickte. „Ja, lass uns heimgehen. Für heute bin ich zufrieden mit unserer Ausbeute.“ Er lächelte über die Doppeldeutigkeit seiner Worte. „Dass ich den Kristall ausgerechnet an deiner Lieblingsstelle gefunden habe, finde ich schön, Schwesterchen.“

Rhea nickte nur noch, alles andere würde zu weiteren Verzögerungen führen.

„Hast du auch den grünen Schwammpilz mitgenommen?“, fragte Eliah.

„Natürlich! Den lasse ich mir doch nicht entgehen!“ Doch Rhea warf trotzdem schnell einen Blick in den Korb, um sich zu vergewissern. Ja, da lag er, ganz oben, der grasgrüne Schwammpilz. Rhea kicherte. „Oh je, hoffentlich trifft Fine diesmal die richtige Dosierung, sonst werden wir wieder alle ganz gemeines Bauchweh bekommen wie beim letzten Mal.“

„Erinnere mich bloß nicht daran!“, stöhnte Eliah.

Kaum hatten sich die beiden Wurzelwawis in Bewegung gesetzt, als ihnen plötzlich von irgendwoher ein winzig kleines weißes Fellbündel entgegen sauste, so schnell, dass es sie fast umgerannt hätte.

„Na, na, nicht so stürmisch, Wolke“, rief Rhea lachend, bückte sich und strich der kleinen Wollratte über das weiche, flauschige Fell, das dreimal kuscheliger war als Hasenfell.

Prompt setzte sich Wolke auf ihren Wollrattenpo und sah mit ihren kleinen schwarzen Knopfäuglein ergeben zu Rhea auf. Ihre Tasthaare an dem zierlichen spitzen Näschen vibrierten leicht, während sie den langen, felllosen Schwanz um die Vorderpfoten ringelte.

Als Rhea die kleine Wollratte auch noch hinter den Ohren kraulte, fing diese genüsslich an zu pfeifen, ein ganz leises Pfeifgeflüster, das die kleine Wollratte nur von sich gab, wenn sie sich wirklich wohl fühlte. Wäre sie eine Katze gewesen, hätte sie jetzt geschnurrt.

„Na, Wolke jetzt ist es aber wieder gut. Komm, wir machen uns auf den Heimweg.“ Rhea gab Wolke einen leichten Stups, woraufhin das Pfeifgeflüster erstarb. Sofort hüpfte die kleine Wollratte freudig um Rhea herum.

Die Zwillinge schlugen den Pfad ein, der den Berg hinab am Bach entlang führte, während Wolke sie unermüdlich umkreiste und so Rheas Aufmerksamkeit auf sich zog. So konnte Rhea die Gestalt nicht bemerken, die sich hinter einem Busch erhob und sich in Bewegung setzte, um ihnen zu folgen.

Als die Zwillinge den Waldrand erreicht hatten, gingen sie den Pfad am Bachlauf nun unter freiem Himmel entlang. Das breite Tal, das vor ihnen lag, war umrahmt von sanften Berghügeln. Die Wiesen waren üppig mit kornblumenblauen Blüten übersät, gesprenkelt mit gelben Farbtupfern, die zwischen den größeren Blumen fast verloren aussahen. Hoch stand die Sonne am stahlblauen Himmel und blendete sie. Rhea kniff die Augen zusammen und bedauerte insgeheim, dass sie den Wald nun verlassen mussten.

Die Sonne, die ungebremst auf ihren Rücken schien, erwärmte die Luft und Rhea sog den würzigen, erdigen Geruch ein, der ihre feinen Nasenhärchen hinaufkletterte und in ihrem Kopf Bilder von heißen Sommertagen entstehen ließ, an denen Schmetterlinge hin und her tingelten und Bienen die Melodien dazu summten. Nach dem langen, strengen Winter konnte Rhea gar nicht genug von der Sonne bekommen. Fast war es warm genug, um den schweren Umhang auszuziehen. Aber dann hätte sie diesen tragen müssen.

„Sieh mal, Eliah, Fische!“, rief Rhea, als sie die flinken Schatten im Wasser des Baches entdeckte, die sofort ins Nichts huschten, als die Zwillinge an ihnen vorbei kamen. Der andere Schatten, der ihnen hinterher schlich, duckte sich tief in den dichten Farn, mit dessen Farben er perfekt verschmolz.

„Jetzt kommt endlich wieder mehr Abwechslung in unseren Speiseplan“, freute sie sich. Doch heute konnten die Fische noch sorglos sein, heute Abend gab es Pilzragout, gewöhnliches Pilzragout. Schon wieder wanderten Rheas Gedanken zu den anderen Pilzen. Offensichtlich hatte Eliah denselben Gedankengang.

„Denkst du auch gerade dasselbe wie ich?“, fragte er.

„Wahrscheinlich“, antwortete Rhea.

„Wenn du die Wahl hättest, wie würde dein Wesenspilz dann aussehen?“

„Nicht schon wieder dieses Thema, das hatten wir doch erst“, antwortete Rhea. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der gar nicht genug von diesem Thema bekommen konnte, wollte Rhea sich nicht ständig Sorgen darum machen müssen.

„Ja, ich weiß. Aber ich habe das Gefühl, die Tage bis zu unserer Wandelung wollen gar nicht mehr vergehen. Wenn es doch nur schon soweit wäre! Ich halte diese Anspannung bald nicht mehr aus. Interessierte es dich denn gar nicht, welchen Wesenspilz du bekommst?“

„Ja, schon“, antwortete Rhea. „Natürlich bin ich auch aufgeregt und freue mich darauf, endlich meinen Wesenspilz kennenzulernen. Andererseits habe ich auch Angst.“

„Angst? Wovor?“

„Naja, was passiert, wenn ich ihn das erste Mal esse? Ich meine, was passiert mit mir?“

Eliah kickte mit dem Fuß einen großen Stein aus dem Weg, der haarscharf an Wolke vorbeiflog. „Was soll denn schon anderes passieren als deine Wandelung?“

„Naja, was ist, wenn Gork sich irrt?“

„Du meinst, der Ratsälteste könnte uns die falschen Wesenspilze zuweisen?“

„Wäre doch möglich, oder? Was passiert dann? Werden wir krank?“

„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagte Eliah.

„Siehst du, ich kann die ganzen letzten Tage an nichts anderes mehr denken. Je näher unser Geburtstag rückt, desto mulmiger wird mir. Was ist, wenn wir nicht nur krank werden, sondern schlimmer. Was ist, wenn wir sterben, Eliah? Wenn Gork sich irrt?“

„Ich vertraue Gork, er hat sich noch nie geirrt“, sagte Eliah. „Schließlich ist er nicht ohne Grund der Ratsälteste. Und er hat die Fähigkeit der Bestimmung. Er wird schon wissen, was er tut.“

Doch Rhea hatte sich auch darüber Gedanken gemacht. „Bist du sicher, dass er sich noch nie geirrt hat? Vielleicht erzählen es uns die Erwachsenen nur nicht, weil es unvorstellbar schrecklich und tragisch war? Woher wissen wir mit Sicherheit, dass Gork sich wirklich noch nie geirrt hat?“

Eliah sah seine Schwester an. „Mach dir nicht so viele Gedanken, Schwesterchen. Freue dich lieber über den wunderschönen bunten Kristall, den ich heute gefunden habe. Alles andere wird sich finden.“

Er hüpfte über einen kleinen Felsbrocken, der mitten im Weg lag. Dann fing er an zu laufen, was Wolke als lustiges Spiel auffasste. Prompt hopste sie hinter Eliah her.

„Wartet auf mich!“, rief Rhea und folgte den beiden.

Der Weg knickte ab, weg vom Bachlauf und den Berg wieder hinauf. Die beiden Wawis folgten ihm, leicht außer Atem, und betraten mit Wolke im Schlepptau schließlich wieder den schattigen Wald. Die Luft war hier merklich kühler, als ob der Wald eine unsichtbare Barriere gegen die Hitze der Sonne gesponnen hätte.

Immer tiefer führte der Pfad die Zwillinge hinein in den Wald, wo das Tageslicht nur noch spärlich durch das bereits dichte Blätterdach fiel. Der Wald war eingehüllt in ein schummriges Licht, das alles in verschiedenen Grüntönen leuchten ließ. Nur dort, wo sich die Sonne durch das Blätterdach kämpfte, entstanden schmale Lichtsäulen, in denen winzig kleine Insekten und Fliegen ihren Sonnentanz tanzten.

Rhea holte tief Luft. So tief, als wolle sie den gesamten Wald von Muringen einsaugen. „Gott was bin ich froh, ein Wurzelwawi zu sein. Stell dir nur mal vor, wir wären als fieses Pilzmännchen auf die Welt gekommen.“

„Oh je, dann müssten wir ja auf immer und ewig Krieg gegen die Wurzelwawis führen. Und das auch noch im Doppelpack!“, sinnierte Eliah. „Da wäre ich dann doch lieber ein Baumbamboo geworden.“

Rhea zuckte mit den Schultern. „Tja, dann hätte sich das Thema ´Wesenspilzwahl´ für dich erledigt. Allerdings könntest du dann wunderschöne Luftpurzelbäume fliegen.“ Rhea sah den zierlichen Baumbamboos für ihr Leben gerne zu, wenn diese mit schillernden Flügeln ihre Luftakrobatik zum Besten gaben.

Im Wald war es ruhig, nur ein leises Sirren erfüllte die Luft, als sie die Baumbamboo-Siedlung passierten. „Kannst du die Bamboos sehen?“, fragte Rhea.

„Nein, dafür kann ich sie aber hören“, antwortete Eliah mit in den Nacken gelegten Kopf.

Rhea tat es ihm nach – wobei sie fast über Wolke gestolpert wäre. Die Hütten der Bamboos in den Baumkronen waren leer, keine einzige dieser zierlichen Gestalten war zu sehen.

„Mhm, ich kann auch keinen entdecken. Wahrscheinlich fliegen sie über den Baumkronen, um die warmen Sonnenstrahlen abzukriegen.“

Beim Anblick der freischwingenden Brücken, die die einzelnen Hütten untereinander verbanden, kribbelte es Rhea im Magen. „Oh Gott, wenn ich diese Brücken nur sehe, wird mir schon ganz schwindelig.“

Eliah kicherte. „Ja, freiwillig bekommt mich dort auch keiner rauf.“

Nach einer Weile hatten die Zwillinge ihr Wurzelwerk erreicht. Rhea bückte sich und schob ihre Locken hinter das Ohr.

„So, meine süße Wolke, nun lauf wieder in den Wald und tue das, was du immer tust“, sagte sie, wobei sie Wolke einen liebevollen Stups gab. Die kleine Wollratte sah ihre Herrin aus tieftraurigen Augen an, ließ die kleinen Ohren hängen, wandte sich um und schlich davon. Dieses Ritual war so alt wie Wolke bei ihnen lebte.

Doch nicht nur Wolke schlich sich davon. Den Schatten, der sich aus dem grünlichen Dickicht löste und so augenblicklich verschwand, als ob ihn das Grün des Waldes in sein Reich gesogen hätte, bemerkte Rhea auch diesmal nicht.

Sie hopste die drei Erdstufen zum Eingang des Wurzelwerks hinunter, das sich unter den ausladenden Wurzeln eines sehr, sehr alten Baumes befand, während Eliah seiner Schwester folgte. Kaum hatten sie den schummrigen Wohntunnel betreten, legte sich sofort ein leicht modriger Geruch vermischt mit dem herben Duft würziger Erde um Rheas Schultern wie eine alte Katze, die sie willkommen heißt, uralt und vertraut. Rhea trat durch die Tür auf der rechten Seite, die beiden Türen linkerhand ignorierte sie.

Die fast kreisrunde Kammer, die die Zwillinge nun betraten, wurde durch mehrere kleine Öffnungen unter der kuppelförmigen Decke erhellt. Vereinzelt ragte freigelegtes Wurzelwerk aus den Wänden, teils armdick, teils fein verästelt, während der Boden aus fest gestampftem Lehm bestand.

„Hallo Fine, da sind wir wieder“, sagte Rhea und stellte den Korb mit Pilzen neben dem steinernen Herd in der Mitte der Kammer ab. Ihre Mutter, die gerade in einem Kupferkessel rührte, der über dem Feuer hing, drehte sich um. „Hallo ihr zwei, da seid ihr ja wieder. Die Suppe ist gleich fertig, dann können wir zu Mittag essen.“

Erst jetzt fiel Rhea der betörende Essensgeruch auf, der in der Luft hing, und prompt meldete sich ihr Magen wieder. „Gott sei Dank, ich sterbe vor Hunger“, jammerte sie und sah ihre Mutter mit schmerzlichem Gesichtsausdruck an. Immer wenn Rhea ihrer Mutter in das vertraute Gesicht blickte, sah sie ihre eigene Zukunft, denn Fine sah aus wie Rhea einmal aussehen würde. Umgekehrt konnte sich Rhea lebhaft vorstellen, wie ihre Mutter einmal ausgesehen hatte.

„Na, nun übertreibe mal nicht gleich so. Ich bin ja gleich fertig, das wirst du schon noch aushalten können.“ Fine warf einen Blick auf den Korb mit Pilzen. „Lass lieber erst mal deine Ausbeute sehen, damit ich weiß, ob ihr euch eure Suppe überhaupt verdient habt.“ Sie steckte erwartungsvoll die Nase in den Korb.

„Ja, da wart ihr aber fleißig! Das wird ein feines Abendessen, da mache ich mich gleich nach der Suppe an die Arbeit. Und sogar einen grünen Schwammpilz habt ihr gefunden!“ Doch nach der ersten Begeisterung runzelte sie die Stirn. „Na, hoffentlich liegen wir morgen nicht alle mit Bauchweh im Bett.“ Sie wandte sich lächelnd zu Eliah um. „Und, hast du nicht auch noch ein paar Kieselsteine mitgebracht?“

Eliah grummelte vor sich hin. „Nö, nichts Gescheites dabei gewesen heute.“ Rhea wusste, wie ihr Bruder es hasste, wenn ihn auch noch seine Mutter immer mit seiner Leidenschaft aufzog. Es reichte ihm schon, wenn Rhea auf ihren Streifzügen immer doofe Kommentare abgab.

Lachend strich Fine ihrem Sohn über die Wange. „Ich weiß doch, dass du diesen Dingern nicht widerstehen kannst. Aber jetzt kommt, die Suppe ist fertig.“ Sie nahm den schweren Kupferkessel vom Herd und trug ihn zu dem Holztisch, der ebenfalls mitten im Raum stand.

Rhea war verwirrt. Eliah hatte doch einen Stein gefunden; und sogar einen außergewöhnlich schönen Kristall! Warum erzählte er Fine nichts davon? Sie warf ihrem Bruder einen irritierten Blick zu, den dieser aber nicht bemerkte – oder bemerken wollte. So sagte Rhea lieber nichts, Eliah würde schon seine Gründe haben.

Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch und Fine verteilte die Suppe. Rhea musste sich zusammenreißen, damit sie sich nicht den Mund verbrannte, als sie die Suppe fast inhalierte, so hungrig war sie. Doch sie kam nicht weit, denn Fine fragte: „Na, seid ihr schon aufgeregt wegen eurer Wandelung?“

Rhea wurde schon wieder mulmig. „Ja, wir haben uns auf dem Heimweg schon darüber unterhalten.“

„Wollt ihr wissen, welche Pilze ihr bekommt?“, fragte Fine scheinheilig. Die Zwillinge verschluckten sich fast, als sie ihre Mutter entgeistert ansahen. Würde Fine ihnen wirklich die Namen ihrer Wesenspilze verraten? Durfte, konnte sie das überhaupt? Wenn ja, warum hatte sie es nicht schon längst getan?

„Weißt du es denn?“, fragten sie fast gleichzeitig.

„Also, nicht so direkt. Allerdings habe ich natürlich so meine Vermutungen, aber ich werde mich hüten, es euch zu verraten.“

Die Gesichter der Zwillinge fielen prompt in sich zusammen. Nun tat es Fine offensichtlich leid, dass sie ihre Zwillinge so geneckt hatte. „Nein, nein, das ist allein Gorks Entscheidung. Kein anderer kann dies übernehmen.“

„Aber was denkst du?“, fragte Eliah, der sofort mit Begeisterung sein Lieblingsthema wieder aufgriff. Und diesmal hatte nicht einmal er damit angefangen.

„Nun ja, deine Eigenschaften sind klar“, sagte Fine, während sie sich noch einen Schöpfer voll Suppe aus dem Topf in ihren Teller schöpfte. „Du bist absolut genau und exakt in deinem Tun und besitzt strategisches Denken. Man braucht sich ja nur mal dein Sammelregal anzusehen.“

Eliah nickte und schlürfte einen Löffel Suppe, sehr zum Ärger seiner Schwester nicht gerade leise.

„Und ich?“, piepste Rhea, irgendwie heiser.

„Du? Du bist die Wahrheitsliebende und behältst stets die Gerechtigkeit im Blick, die du leidenschaftlich einforderst, egal ob nötig oder nicht“, antwortete Fine und zwinkerte. „Diese Eigenschaften sind so klar wie der aufgehende Mond und Gork hat sich sicherlich schon Gedanken gemacht, welche Fähigkeiten euren Eigenschaften entsprechen.“

Nun konnte sich Rhea nicht mehr länger beherrschen. „Hat Gork sich jemals geirrt? Ist jemals ein Wurzelwawi an der falschen Pilzwahl gestorben?“ So, nun war es heraus. Rhea fühlte sich genauso erleichtert wie lächerlich, aber sie trug diese Angst nun schon wochenlang mit sich herum und wollte endlich beruhigt werden wie ein kleines Kind, für das die Erwachsenen noch ebenso mächtig wie allwissend waren.

„Nein, Rhea. Gork irrt sich nicht“, sagte Fine. „Er hat noch immer den richtigen Pilz gefunden, der die Eigenschaften eines Wawikindes in die entsprechende Fähigkeit wandelt.“

Rhea glaubte ihr nicht. „Bist du sicher? Hat Gork noch nie den falschen Wesenspilz gewählt?“, hakte sie nach.

Nun legte Fine den Suppenlöffel aus der Hand und lehnte sich zurück. „Wenn ich so recht überlege, gab es da mal einen Vorfall“, sagte sie langsam.

„Was für einen Vorfall?“, fragte Eliah.

„Es war ein kleines Mädchen, noch bevor ihr geboren wurdet“, fuhr Fine fort. „Sie sah dir sogar etwas ähnlich, Rhea.“

Das wollte Rhea nun gar nicht hören.

„Was war mit ihr?“, fragte Eliah.

„An ihrer Wandelung hatte Gork ihr einen Pilz zugewiesen, von dem er überzeugt gewesen war, dass es der richtige war. Denn wie ihr wisst hat Gork die Fähigkeit der Bestimmung und hatte sich bis dahin auch noch nie geirrt. Also warum sollte er nun zweifeln? Nie im Leben hätte er gedacht, dass er sich irren könnte, das hätte er diesem Mädchen nie antun können.“ Fine verstummte.

Rhea kribbelte es im Magen. Einerseits wollte sie nicht wissen, was damals passierte, andererseits musste sie es wissen, unbedingt. „Und dann?“

„Als das Mädchen nun in der Nacht ihrer Wandelung von dem Wesenspilz abbiss, den Gork ihr zugewiesen hatte, fing sie an zu schreien. Wir wussten erst gar nicht, was los war. Sie schrie immer schriller, immer verzweifelter. Wir anderen sind auf das Pilzfeld gelaufen, mitten durch die Wesenspilze, um ihr zu helfen. Als wir ankamen, lag sie am Boden und wand sich vor Schmerzen. Ich habe sie berührt und versucht, mit meiner Fähigkeit als Heilerin herauszufinden, was los war. Sofort erkannte ich Gorks fatalen Fehler.“

„Konntest du sie retten?“, fragte Eliah.

Fine nickte langsam. „Es hat lange gedauert und wir mussten viel Geduld beweisen. Lange war nicht klar, ob sie überleben würde, doch am Ende hatte sie es geschafft. Allerdings war sie danach nie wieder so wie vorher. Sie war irgendwie durcheinander, verrückt.“

„Was hatte Gork falsch gemacht?“, fragte Rhea.

„Genau wissen wir es nicht, aber wir vermuten, dass seine Urteilskraft zum Zeitpunkt der Wandelung beeinträchtigt gewesen sein musste. Etwa zwei Monate zuvor war er ziemlich krank gewesen. Er hatte eine Erkältung, die sich zur Lungenentzündung ausgeweitet hatte und es stand sehr schlimm um ihn. Ich musste mir etwas einfallen lassen, das ihn rettete und hatte ihm ein sehr starkes Kraut gegeben, das bei manchen Wawis eine Bewusstseinsveränderung bewirken kann. Ich hatte es sehr vorsichtig dosiert und Gork daraufhin genau beobachtet, konnte aber keine Beeinträchtigung bei ihm feststellen. Die Lungenentzündung flaute auch tatsächlich schnell ab, doch das Kraut hat wohl sehr lange in seinem Körper nachgewirkt und sein Bewusstsein doch zu stark beeinträchtigt. An die Möglichkeit, dass das Kraut Gorks Urteilsvermögen bei der Wesenspilzwahl angreift, wäre ich nie gekommen. Es lagen ja auch gut zwei Monate zwischen seiner Krankheit und der Wandelung dieses Mädchens. Ich wollte einzig Gork retten, und damit unserer Gemeinschaft den Ratsältesten erhalten.“

Plötzlich empfand Rhea Mitleid mit Gork. Wie musste ihm sein fataler Irrtum zugesetzt haben. Und was war mit Fine? „Hattest du ein schlechtes Gewissen? Weil indirekt bist du ja irgendwie mit Schuld an Gorks Fehler.“

Als sie Fines Blick sah, bereute sie es, Fine danach gefragt zu haben.

„Ja, Rhea. Ich hatte große Schuldgefühle, die ich lange mit mir herumtrug. Doch verglichen mit Gorks waren sie lächerlich. Ich hatte schließlich unseren Ratsältesten gerettet.“

„War dies der einzige Fehler Gorks?“, fragte Eliah.

„Ja, es war die erste Wandelung nach seiner Lungenentzündung. Später war er wieder ganz hergestellt. Er gestand mir einmal, dass er sich bei dieser Wandelung ein wenig seltsam gefühlt hatte, als er den Wesenspilz für dieses Mädchen wählte, irgendwie entrückt, als ob er im Nebel wandeln würde. Dies war wohl ein Hinweis auf seinen Zustand gewesen und vielleicht hätte er es vermeiden können, wenn er darauf geachtet hätte.“ Fine überlegte kurz. „Nein, wahrscheinlich wäre ihm der Zusammenhang gar nicht klar gewesen. Ich hingegen hätte es wissen können.“

„Und die nächste Wandelung nach dem Mädchen? Hatte Gork nicht furchtbare Angst vor ihr?“, fragte Rhea.

„Ja natürlich hatte er Angst. Er war für die Pilzwahl verantwortlich, die für unser gesamtes Waldvolk von Bedeutung ist, nicht nur für uns Wurzelwawis. Auch die Baumbamboos hängen davon ab.“

„Die Bamboos?“, fragte Eliah. „Inwiefern hängen diese denn von uns ab?“

Fine fing wieder an, ihre Suppe zu löffeln, die inzwischen kalt geworden war. „Das wirst du noch früh genug erfahren. Aber nun wollen wir uns nicht mit so furchtbaren Themen befassen, dies ist alles lange her. Freuen wir uns lieber auf eure Wandelung.“

Doch Rhea kam ein weiterer beunruhigender Gedanke. Ihr fiel die Geschichte von Darelin wieder ein. Alle Wurzelwawikinder kannten seine Geschichte von klein auf. Rhea hatte immer gedacht, dass sich die Erwachsenen den Tod von Darelin nur ausgedacht hatten um sie vom Wesenspilzfeld fernzuhalten. „Was war mit Darelin? Ist er wirklich gestorben, weil er vor seiner Wandelung die Pilze gegessen hat, oder hat Gork sich auch bei Darelin geirrt?“

Fine nahm sich einen weiteren Löffel kalter Suppe, bevor sie fortfuhr. „Nein, Rhea. Darelins Geschichte ist leider wahr. Er ist nicht durch Gork umgekommen, sondern durch seine eigene Dummheit.“

„Also gab es diesen Darelin wirklich und es stimmt, was uns Kindern immer von euch Erwachsenen eingebläut wird?“, fragte Eliah. „Dass der Pilzgenuss vor der Wandelung tödlich ist?“

„Ja, das stimmt. Darelin hatte trotz aller Warnungen nicht hören wollen und den Pilzen nicht widerstehen können. Er ist kurz vor seiner Wandelung gestorben.“

Betroffen sah Rhea ihren Bruder an, während Fine ihren Teller mit kalter Suppe beiseite schob. „Übrigens habe ich Gork vorhin an der Quelle getroffen, als ich Wasser geholt habe. Dabei hat er mir erzählt, dass Balem von den Baumbamboos ziemlich krank ist und meine Medizin braucht. Könnte einer von euch beiden nach dem Essen zu ihm gehen und ihm etwas davon bringen?“

„Was hat er denn?“, fragte Eliah. „Ist er vor lauter Schimpferei mal wieder so rasant geflogen, dass er sich einen Flügel verrenkt hat?“

„Oder dass er vor lauter Brummigkeit den nächsten Baumstamm übersehen hat und dagegen gekracht ist?“ Rhea war froh über den Themenwechsel und musste bei dem Gedanken sogar kichern. Normalerweise waren die zierlichen Bamboos mit ihren zarten Flügeln von Natur aus fröhliche und hilfsbereite Wesen, die sehr geschickt im Fliegen waren. Balem bildete allerdings eine Ausnahme, manchmal sogar eine sehr große, zumindest was Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft betraf. Fliegen konnte er wie kein anderer.

„Nein,“ lachte Fine. „Soviel ich weiß, hat er sich nur ziemlich stark erkältet. Aber genau weiß ich es nicht, ich habe ihn ja nicht berührt.“

Rhea war jedes Mal fasziniert, wenn Fine ihre Fähigkeit einsetzte und allein durch Berührung der Kranken oder Verletzten herausfand, was ihnen fehlte. Ob sich ein Bamboo tatsächlich bei einem gewagten Flugmanöver die Flügel verrenkte, oder ob ein Wurzelwawi beim Aufstieg über die Hängeleitern hinauf in die Baumbamboo-Siedlung Angstzustände bekam, vor Fine konnte man nichts verheimlichen. Die Heilerin mixte die richtige Medizin aus den Kräutern und Beeren, die sie im Wald und im grünen Tal sammelte. Manchmal kam es auch vor, dass sie tief Nachts aus dem Bett geholt wurde – das kam sogar ziemlich oft vor – doch dann wollte der Wurzelwawi, der vor der Tür stand, keine Hilfe bei Verletzungen oder Krankheit, sondern erbat mit flüsternder Stimme, verschämtem Gesicht und verlegen geriebenen Händen einen Liebestrank, oder wenigstens Kräuter, die seine Angebetete betören sollten. Doch diese nächtlichen Besucher wimmelte Fine höflich, aber bestimmt, ab. Für Liebeskrankheiten war sie nicht zuständig. Bei kleineren Wehwehchen hingegen schickte Fine gern ihre Kinder. Eigentlich übernahmen die Zwillinge den Krankendienst ja auch recht gerne, so kam man immer herum, konnte mit den anderen aus der Gemeinschaft einen kleinen Plausch halten und musste nicht irgendwelche langweiligen Hausarbeiten verrichten. Doch zu den Baumbamboos gingen sie beide nicht gern, obwohl die Bamboos sehr fröhlich und freundlich waren, denn das bedeutete eine abenteuerliche Kletterei über eine wackelige, windige Strickleiter hinauf zu ihren Baumhütten. Bei einem Baumbamboo-Krankenbesuch bedauerte es Rhea jedes Mal zutiefst, nicht doch ein Bamboo zu sein und fliegen zu können.

Fine wartete immer noch auf eine Antwort. „Nun, ihr zwei, wer von euch beiden geht?“

Eliah und Rhea sahen sich entgeistert an.

„Du bist dran“, forderte ihr Bruder.

Rhea schüttelte nur den Kopf und hielt Eliahs Blick stand.

„Doch, du bist an der Reihe.“

„Nein, ich war das letzte Mal bei der verrückten Susa, als sie sich das Fußgelenk verstaucht hatte bei dem Versuch, sich selbst in den Hintern zu treten.“ Bei dem Gedanken musste Rhea kichern.

Auch Eliah lachte. „Stimmt, das war lustig. Aber das war leider das vorletzte Mal, Schwesterherz. Das letzte Mal war ich dran, als ich bei der alten Alma war und ihr die Hustenmedizin gebracht habe. Also bist du jetzt an der Reihe.“

Oh je, das hatte Rhea ganz vergessen. Nun musste sie in den sauren Apfel beißen. „Also gut, ich gehe“, seufzte sie.

„Danke Liebes, dann werde ich mal die Kräuter zusammensuchen“, sagte Fine, die das Zwiegespräch ihrer Zwillinge gelassen abgewartet hatte. Dann erhob sie sich, wusch ihre Suppenschüssel und den Holzlöffel in dem mit Wasser gefüllten Holzeimer aus und legte beides zurück in das Holzregal an der Wand, bevor sie die Kammer verließ. Rhea folgte ihr schnell, wobei sie mit voller Absicht vergaß, ihre Schüssel zu waschen und wegzuräumen. Rheas Gerechtigkeitssinn gewann die Oberhand; sollte das doch Eliah tun, wenn sie schon den unangenehmen Krankenbesuch übernehmen musste.

Rhea liebte die Kräuterkammer ihrer Mutter, die am Ende des Wohntunnels lag. Sie war winzig; mehr als zwei Wawis hatten schon keinen Platz mehr darin. An allen drei Wänden waren dicht auf dicht von oben bis unten schmale Gewürzregale angebracht, die vierte Wand wurde von der Tür eingenommen.

Fine stand auf einem Baumstamm, der ihr als Aufstiegshilfe diente, um auch an die oberen Regale heranzukommen, und kramte geschäftig herum, wobei sie vor sich in murmelte. „Wo hab ich denn…. ach ja, da. Dann brauch ich noch…. Wo ist denn nur…“

Währenddessen betrachtete Rhea ehrfürchtig das Sammelsurium der unterschiedlichsten Behältnisse auf den Regalen: Fläschchen, Tiegel, Flacons, Döschen, Töpfe, kleine Bastkörbchen und allerlei andere fremdartig anmutende Aufbewahrungsbehälter in den unterschiedlichsten Farben und Formen machten sich den spärlichen Platz auf den Regalen streitig. Die kostbaren Kräuter und Beeren, die sie enthielten, waren Fine so wertvoll wie ihr eigener Atem. Ohne ihre Erlaubnis oder während ihrer Abwesenheit durfte niemand die Kammer betreten.

Rhea musste daran denken, wie sie sich einmal trotz Verbot hineingeschlichen hatte. Das darauf folgende Donnerwetter hatte sie so tief beeindruckt, dass sie seitdem keinen Gedanken mehr an einsame Unternehmungen in der Kräuterkammer verschwendete.

Rheas Blick wanderte nach oben an die Decke, wo Fine verschiedene Kräuterbündel kopfüber zum Trocknen aufgehängt hatte. Die Büschel von Thymian, Salbei, Rosmarin, Oregano und noch so manch anderes würziges Kraut verströmten einen eigenartigen Geruch.

„Hier, halt mal“, sagte Fine, die bereits verschiedene Kräuter in einen kleinen Weidenkorb sortiert hatte, den sie nun Rhea in die Hand drückte.

„Was hat Balem denn genau?“, fragte Rhea.

„Ich weiß nicht recht. Gork sagte, er hat einen ziemlichen Schnupfen mit Husten und starkem Halsweh.“ Fine reckte sich und holte ein kleines Töpfchen vom Regal, aus dem sie ein paar getrocknete Kräuterbündel nahm und zu den restlichen in das Körbchen legte.

„Und was gibst du ihm dagegen?“

„Gegen den Schnupfen bekommt er Thymianwurzeln, gegen den Husten Salbei und Efeublätter und dann noch Pfefferminzblätter und Kamille gegen das Halsweh.“ Fine seufzte. „Ich hoffe nur, dass Balem die Kräuter auch wirklich nimmt.“ Sie wandte sich zu Rhea um. „Richte ihm aus, dass er sich daraus einen Tee aufbrühen muss und dass er diesen dreimal am Tag in langsamen Schlückchen so heiß wie möglich trinken soll. Er soll den Tee mit einem Löffel Honig süßen, das tut ihm gut und verstärkt die heilende Wirkung. Es wird Balem zwar nicht gefallen, dass ich ihm Anweisungen erteile, doch er muss sich zu seinem eigenen Schutz daran halten, sonst kann aus einem harmlosen Schnupfen oder Husten eine ernsthafte Krankheit werden.“

Rhea nickte. „Ich werde es ihm ausrichten. Hoffentlich wird er nicht ärgerlich.“

„So, nun geh aus der Kammer, damit ich endlich Platz habe um von diesem Baumstamm herunterzukommen.“

Rhea drehte sich um und machte sich auf den Weg. Als sie an der Küche vorbei kam, sah sie Eliah, der immer noch auf seinem Stuhl saß. Offensichtlich betrachtete er etwas, das er in seiner Hand hielt.

„He, Eliah. Willst du nicht doch zu Balem mitkommen?“

„Nein, danke, Schwesterchen.“ Er hielt seine Hand hoch und öffnete sie. „Ich guck mir lieber nochmal meinen Fund an, den ich heute gemacht habe.“ Selbst als er den Kristall im Dämmerlicht der Küche hin und herdrehte, konnte Rhea ein buntes Funkeln sehen. „Ist er nicht wunderschön? Richtig geheimnisvoll, findest du nicht?“

Rhea nickte. „Ist er heiß?“

„Nö, kein bisschen. Vielleicht hatte ich mich vor lauter Aufregung doch getäuscht.“

„Na, dann bis später.“ Rhea drehte sich um und hoffte, dass wenigstens Wolke sie nicht im Stich lassen würde.

Der nächtliche Ruhestörer

Als Rhea aus dem schattigen, kühlen Erdtunnel heraustrat, schlug ihr die laue Frühlingsluft ins Gesicht. Sie beschloss, dass es nun endlich warm genug war, um den Umhang daheim zu lassen. Schnell wand sie sich daraus hervor und legte ihn neben den Eingang auf einen Baumstumpf. Später würde sie ihn wieder brauchen, wenn sie in das Wurzelwerk zurückkam. Dort drinnen war es immer ein wenig kühl. Doch hier draußen war die Luft bereits voll vom Duft der ersten zarten Frühlingsblumen. Am besten konnte Rhea die Maiglöckchen riechen. Tief sog sie die Luft ein und seufzte erleichtert. Ja, jetzt ging es wieder aufwärts im Jahreslauf.

Rhea sah sich suchend nach Wolke um und pfiff leise. Schon hörte sie ein Rascheln im Gebüsch neben sich und eine Sekunde später schoss die kleine Wollratte daraus hervor, so schnell, dass sie kaum noch bremsen konnte und fast vornüber gekippt wäre. Dann setzte sie sich vor Rhea hin und sah sie erwartungsvoll an.

„Oh je, Wolke. Deine Pfoten sind ja total dreckig! In welchem Erdloch hast du denn schon wieder gegraben?“ Lachend bückte sich Rhea und kraulte Wolke kurz hinter den Ohren, was die kleine Wollratte prompt zum Anlass nahm, leise zu pfeifen.

„Nun aber los, sonst bekommt Balem seine Medizin heute gar nicht mehr.“ Rhea machte sich auf den Weg, während Wolke glücklich hinterher sauste.

Die Sonne sprenkelte den Pfad, der mit knorrigen Wurzeln durchzogen war, und Rhea versuchte hüpfend, von einem Sonnenfleck zum nächsten zu gelangen, ohne in die Schatten zu treten, während sie leise vor sich hinsummte. Wolke fand dieses Spiel überaus lustig und sprang zwischen Rheas Beinen hindurch. In diesem Moment war Rhea vollkommen eins mit der Natur und fühlte sich rundherum zufrieden.

Da fiel ihr der Grund des Spaziergangs wieder ein und ihre Stimmung trübte sich schlagartig. Sie war ja auf dem Weg zu dem knurrigen Balem, wie unangenehm. Noch dazu musste sie eine wackelige Strickleiter hinauf, was fast noch unangenehmer war als der unfreundliche Bamboo. Seufzend gab sie ihr Hüpfspiel auf und ging nun stetigen Schrittes weiter, Wolke mit hängenden Ohren vorneweg. Da blieb Wolke plötzlich stehen und hob den Kopf.

„Na, Wolke? Was hast du denn?“, fragte Rhea, die ebenfalls stehen geblieben war. Wolke rührte sich nicht. Rhea kannte diese Haltung, sie bedeutete äußerste Konzentration auf ihre Umgebung. Auch Rhea blieb ruhig stehen und lauschte, doch sie konnte nichts entdecken, was Wolkes Reaktion ausgelöst hätte. Da löste sich Wolkes Spannung und sie setzte sich wieder in Bewegung. Rhea folgte der kleinen Wollratte, blieb aber aufmerksam. Ihre Blicke durchstreiften das Dickicht am Wegesrand, trotzdem verbarg sich der Schatten so gut, dass Rhea ihn nicht bemerkte.

Nach einer Weile erreichte sie die Siedlung der Bamboos, und sie blickte mit einem mulmigen Gefühl nach oben. Knapp unter den Baumkronen sah sie die Hütten, die sich um die uralten Baumstämme der riesigen Bäume wanden. Rhea wusste, wenn man eine dieser Baumhäuser betrat, konnte man von einer Kammer in die nächste immer im Kreis einmal komplett um den Baumstamm herum gehen, bis man wieder bei der ersten Kammer angelangt war. Um das Baumhaus herum zog sich ein hölzerner Balkon, sodass man die Hütte im Freien ebenfalls einmal komplett umrunden konnte.

Als Rheas Blick auf die zahlreichen Hängebrücken fiel, die die Hütten untereinander verbanden, schüttelte sie sich innerlich. Fand sie die Strickleiter am Baumstamm, die nach oben führte, schon bedenklich, so waren die Hängebrücken dreimal schlimmer, weil sie immer in Bewegung waren, auch wenn es windstill war. Gott sei Dank musste sie heute nur über die Strickleiter zu Balems Hütte. Doch als sie nach oben sah, fing es ganz eklig in ihrem Bauch an zu kribbeln. Da hinauf musste sie, und zwar jetzt.

„Wolke, du bleibst da und wartest auf mich, oder du gehst jagen, wie auch immer“, sagte Rhea zu der kleinen Wollratte. „Du hast es gut, du kannst wählen. Ich nicht. Ich muss jetzt da hinauf.“ Sie seufzte.

Wolke ließ verdrossen die Ohren hängen, während sie ergeben zu Rhea aufsah. Doch diese war mit ihren Gedanken bereits bei dieser unmöglich wackeligen Strickleiter. Entschlossen nahm sie die unterste Sprosse ins Visier und schluckte. Das eklige Kribbeln in ihrem Magen hatte sich inzwischen zu einem flauen Gefühl entwickelt, was nicht unbedingt besser war. Resigniert griff sie nach den Hanfseilen und fing an, die Leiter hinaufzuklettern. Das Medizinkörbchen hatte sie sich in die Armbeuge geschoben, um die Hände frei zu haben.

Zuerst ging alles gut, die Leiter hing ruhig und Rhea wurde wagemutiger. Etwas rascher kletterte sie weiter. Das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn nun fing die Leiter an, unkontrolliert hin und her zu schwingen. Oh Gott, genau das wollte Rhea verhindern. Sofort hielt sie inne, während ihre Handinnenflächen ganz schwitzig wurden. Mit klopfendem Herzen umklammerte sie das Seil aus Angst, mit ihren feuchten Händen abzurutschen. Was musste sie auch unbedingt der Baumbamboobesuch treffen – hätte es nicht wieder die alte Alma mit ihrem ewigen Husten sein können? Oder die verrückte Susa mit einer verstauchten Hand? Oder sonst wer mit sonst was? Eigentlich war Rhea ja recht gerne in der Baumbamboo-Siedlung, aber nur, wenn sie keinen Krankenbesuch zu tätigen hatte und in Ruhe vom Boden aus den Bamboos beim Fliegen zusehen konnte. Die ruhige Atmosphäre der schwirrenden Bamboos gefiel Rhea immer sehr. Wenn nur nicht diese furchtbaren Strickleitern wären, und dann auch noch ausgerechnet der brummigste aller Baumbamboos. Rhea nahm sich vor, den nächsten Krankenbesuch freiwillig zu übernehmen, wenn es kein Baumbamboo war, denn dann konnte sie sicher sein, dass der darauf folgende Besuch an Eliah ging. Der durfte dann gern ein Baumbamboo-Krankenbesuch sein.

Während sie in Gedanken vor sich hin schimpfte, hing sie immer noch hilflos in der schwingenden Leiter und traute sich weder vor noch zurück. So langsam fingen ihre verkrampften Fäuste an zu schmerzen und sie fragte sich, ob sie denn nun auf immer und ewig hier baumeln würde, wie peinlich. Auf keinen Fall wollte sie wie ein nasser Sack in den Seilen hängen. Nicht auszudenken, wie lächerlich sie sich machen würde, wenn ausgerechnet jetzt ein Bamboo vorbeigeflogen käme und sie retten müsste. Schnell blickte sie sich um, aber es war niemand zu sehen. Doch die ruckartige Bewegung trug nicht unbedingt zur Verbesserung ihrer Situation bei. Unbeholfen versuchte sie, ihre Locken, die ihr dabei in das Gesicht gerutscht waren und ihr die Sicht versperrten, aus dem Gesicht zu schütteln, denn sie wagte nicht, eine Hand vom Seil zu lösen, um die Haare hinters Ohr zu streichen. Vorsichtig lugte sie nach oben, um den Rest der Strecke abzuschätzen. Eigentlich war es gar nicht mehr so weit und inzwischen hatte sich die Leiter auch beruhigt und mit der wilden Pendelei aufgehört.

Tapfer kletterte Rhea mit wackeligen Knien weiter. Die Leiter blieb stabil. Sprosse für Sprosse eroberte Rhea die Höhe weiter, bis sie es endlich geschafft hatte. Mit zitternden Armen zog sie sich auf die Plattform und setzte sich erleichtert hin, bevor sie sich schnaufend umsah. Von hier oben hatte man einen grandiosen Ausblick, da hatte sich die Mühe doch wenigstens gelohnt.

Die anderen Baumhäuser ringsherum waren alle in etwa auf der gleichen Höhe und die Hängebrücken, die sie verbanden, schwangen sanft hin und her. Von den anderen Bamboos war nichts zu sehen.

Als Rhea nach unten blickte, sah sie Wolke noch immer an der Stelle, an der sie sie zurück gelassen hatte. Wie klein sie doch wirkte von hier oben! Da lenkte eine Bewegung weiter hinten im Dickicht Rhea von Wolke ab, doch als sie genauer hinsah, war alles ruhig. Sie konnte die Gestalt, die sich an den Baumstamm schmiegte, nicht erkennen.

Plötzlich riss sie ein fulminanter Schnäuzton, der dem Trompeten eines irre gewordenen Elefanten aufs Haar glich, aus ihren Gedanken und ließ sie zusammenzucken, während sie sich irritiert umsah. Da dämmerte es ihr: Balem!

Den hätte sie ja fast vergessen. Schnell erhob sie sich, das Weidenkörbchen immer noch in ihrer Armbeuge, wandte sich um und betrat Balems Baumhaus.

Sie musste sich bücken, um durch die Tür zu gelangen. Gott sei Dank waren die Baumbamboos nicht viel kleiner als die Wurzelwawis, sonst hätte sie jetzt vielleicht auf Knien robben müssen.

Im Inneren standen ein Holztisch mitten im Raum und zwei Regale an der Innenwand. Von Balem keine Spur.

Zögernd rief Rhea: “Balem, bist du da?“ Klar war er da, wer sonst sollte denn so laut geschnäuzt haben, schalt sie sich gleich darauf in Gedanken selbst.

Kurz darauf ertönte ein heiseres Krächzen. „Hier bin ich, komm rein.“ Oh je, das hörte sich aber wirklich nicht gut an. Rhea ging durch die Tür, wobei sie sich fast den Kopf angeschlagen hätte. Doch im letzten Moment bückte sie sich schnell und betrat Balems Schlafzimmer.

Der Bamboo lag dick eingepackt in seinem Bett und sah ihr mit grimmiger Miene entgegen. Aus dem rotkarierten Federbett lugte gerade noch sein Gesicht hervor. Seine rote Schnupfennase, die eine leichte Knollenform hatte, war kaum von der Bettdecke zu unterscheiden. Um seinen Hals war ein dicker blauer Wollschal geschlungen, während seine karottenroten Haare wirr in alle Himmelsrichtungen abstanden.

„Hallo Balem, ich bin es, Rhea. Fine schickt mich mit ein paar Kräutern für dich, damit du wieder gesund wirst. Wie geht es dir?“, fragte Rhea vorsichtig. Immerhin wusste sie noch nicht, in welcher Stimmung sich Balem gerade befand.

Dieser grummelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin und Rhea verstand kein Wort. „Was hast du gesagt?“

„Ich sagte: Ich liege ja noch nicht im Sterben, da muss man noch kein so ein Tamtam machen!“, krächzte er mit heiserer, aber durchaus kräftiger Stimme.

,Ja, aber du hast doch ausdrücklich nach Fines Medizin geschickt?“, sagte Rhea, immer noch auf der Hut. Doch trotzdem musste sie innerlich schmunzeln. Das war typisch für Balem: Immer grantig und brummig und erst mal kräftig auf alles und jeden schimpfen.

Balem grummelte weiter vor sich hin. Dann schnappte er: „Nun gib schon her, deine kostbare Medizin. Hilft ja sowieso nichts.“

„Nein, so einfach gebe ich sie dir nicht. Erst musst du mir genau zuhören, wenn ich dir erkläre, wie du sie nehmen musst. Sonst hilft sie nämlich wirklich nicht, das lässt dir die Heilerin extra ausrichten.“ Oh je, noch bevor Rhea den letzten Buchstaben ausgesprochen hatte, wusste sie, dass sie den falschesten aller Töne getroffen hatte. Doch es war zu spät. Sie sah es an seinen karottenroten Haaren, die langsam aber stetig die Farbe wechselten und vom Karottenrot in ein schmutziges Hellgrau übergingen, das genauso langsam aber sicher in ein helles Blau überwechselte, bis es schließlich tief nachtdunkelblau war. Rhea fing an zu schwitzen, das dunkelste Dunkelblau drückte höchste Verärgerung aus und es war allerhöchste Vorsicht geboten. Auch Balems sowieso schon grimmige Miene änderte sich – allerdings schlagartig –, wurde noch viel grimmiger, und Rhea sah mit einem Anflug von Panik, wie sich zwischen seinen Augenbrauen zwei steile Zornesfalten bildeten.

Der Bamboo schnellte leicht vor, dann polterte er auch schon los: „Ja du unverschämte Rotzgöre, was glaubst du denn, wer du bist? Ich kann immer noch selbst entscheiden, ob und wann und wie und überhaupt ich eure ach so kostbare Medizin nehme. Am Ende wollt ihr mich noch vergiften, um mich los zu werden?“

Jetzt war Diplomatie angesagt, leider keine der Eigenschaften, die Rhea auszeichneten. „Nein, Balem. Keiner will dir Vorschriften machen.“ Rhea sprach in einem besänftigendem und – wie sie hoffte – beruhigendem Tonfall, achtete aber darauf, dass es nicht so klang, als ob man einem wütenden Zweijährigen erklären wollte, warum er nicht noch mehr von dem grünen Schwammpilz essen konnte. „Fine wollte dir bestimmt auch nur einen Ratschlag geben. Natürlich entscheidest du am Ende selbst, ob und wann und wie du die Medizin nimmst.“

Das war gut. Rhea sah es Balems Haaren an, die langsam heller wurden, um gleich darauf wieder in ihre ursprüngliche Farbe zu wechseln. Er schnaubte zwar noch etwas empört, legte sich aber wieder zurück und sah sie schon nicht mehr so grimmig an. „Na, dann her mit dem Zeug. Sag mir, was ich tun muss.“

Puh, das ging ja schneller als erwartet. Rhea merkte erst jetzt, dass sie vor lauter Anspannung die Luft angehalten hatte, die sie jetzt erleichtert ausatmen konnte. Dass Balem so schnell wieder besänftigt war lag sicherlich daran, dass er von der Erkältung viel zu geschwächt war. Nun traute sich Rhea, ihm die Kräuter zu zeigen und erklärte bei jedem genau, was Fine ihr dazu gesagt hatte, wobei sie es mit viel ´könntest´ und ´hättest´ und ´würdest´ ausschmückte. So langsam legte sich Balems letztes bisschen Misstrauen und er nickte ein paar Mal mit dem Kopf. Rheas Stimmung hob sich.

Nachdem sie die Kräuter in Balems Küche abgelegt hatte, machte sie sich wieder daran, die Leiter hinunterzuklettern. Sie war so erleichtert, heil und ohne größere Schimpftiraden entkommen zu sein, dass ihr die Aussicht auf den Abstieg über die wackelige, schwingende Hängeleiter nun fast wie ein Vergnügen vorkam. Tatsächlich schaffte sie den Weg nach unten viel schneller als gedacht und ohne große Angstschweißausbrüche.

Wolke lag noch genau an der Stelle, an der sie Rhea warten hatte lassen. Doch als diese auf dem Boden ankam, konnte sich Wolke nicht länger beherrschen. Sie sprang auf, drehte sich einmal im Kreis und pfiff leise vor sich hin. Rhea lachte, ließ ihre Finger über das weiche Fell an Wolkes Bauch gleiten und kitzelte sie unter dem Kinn. Dann machte sie sich mit der kleinen Wollratte im Schlepptau wieder auf den Heimweg.

Mitten im Wald, wo das verwilderte Gebüsch links und rechts dicht bis an den Weg heranreichte, hatte Rhea plötzlich ein ungutes Gefühl. Wie ein Donnergrollen vibrierte es durch ihren Körper und Rhea wusste, dass sie beobachtet wurde. Schnell sah sie von links nach rechts, wobei sie Wolke nicht aus den Augen ließ. Auch die kleine Wollratte war angespannt. Vorsichtig witternd ging sie weiter, blieb jedoch nicht stehen. Rhea konnte weder etwas Ungewöhnliches hören noch entdecken. Trotzdem musste sie sich zusammenreißen, um nicht loszustürmen und somit diesem Gefühl zu entkommen, als ob zwei stechende Augen ihren Rücken mit Blicken durchbohrten. Stattdessen ging sie noch schneller, als sie sowieso schon ging, und verlängerte ihre Schritte. Wolke lief nun zügig und immer noch aufmerksam neben Rhea her, als ob sie diese mit ihrem kleinen Wollrattenkörper beschützen wollte.

Kurz darauf erreichte Rhea mit klopfendem Herzen das Wurzelwerk, wo sie auf Fine traf, die auf einem alten, quer gelegten Baumstamm saß und den Korb mit Pilzen an ihrer Seite hatte, die die Zwillinge vormittags gesammelt hatten. Gerade hielt sie den einen verschrumpelten Pilz in Händen, der aussah wie eine Wurzel. Mit geübten Bewegungen schnitt sie die schadhaften Stellen heraus, bevor sie ihn in kleine Scheiben schnibbelte, die sie in eine Holzschüssel auf ihrem Schoß fallen ließ. Der Duft, der Fine umgab, roch nach Wald, Wurzeln, Erde und Moos.

Rhea setzte sich neben Fine, während sich Wolke zu ihren Füßen niederließ und sich einringelte.

„Na, Kleines, war es sehr schlimm?“, fragte Fine und strich Rhea eine ihrer widerspenstigen Locken hinter das Ohr.

„Mhm. Wie man es nimmt. Er hat dunkelblaue Haare bekommen.“

„Oh mein Gott!“ Fine hätte fast die Schüssel vom Schoß katapultiert, als sie vor Schreck zusammenzuckte. „Was hast du getan?“

„Ich habe ihm gesagt, dass die Medizin nur hilft, wenn er sie nach deiner Anweisung zubereitet.“

„Das war alles?!“

„Naja, ich habe mich wohl etwas im Ton vergriffen. Aber Gott sei Dank war er durch die Erkältung so geschwächt, dass er nicht lange durchgehalten hat. Und am Schluss war er, glaube ich, wieder ganz zufrieden. Jedenfalls waren seine Haare wieder karottenrot.“

„Na, hoffentlich. Ich will keine Beschwerden über euch hören, wenn ihr Krankenbesuche macht.“

Auf einmal fing Fine an zu kichern. „Vielleicht hätte ich ihm ein wenig Schlafmohn unter die Kräuter mischen sollen. Dann würde er jetzt sanft den Schlaf der Gerechten schlummern.“

Auch Rhea konnte sich bei dieser Vorstellung ein schwaches Grinsen nicht verkneifen und sie merkte, wie der eben überstandene Schreck auf dem Heimweg sich in wohlige Geborgenheit auflöste. Dann fragte sie: „Wo steckt eigentlich Eliah schon wieder?“

Fine zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich lungert er am Bachbett herum und sucht Kieselsteine.“ Ja, das war wohl so, doch Rhea hatte keine Lust, ihren Bruder zu suchen und ihm beim Tragen zu helfen. So blieb sie einfach neben Fine sitzen, stützte das Kinn in die Hände und guckte ihrer Mutter beim Schnibbeln zu.

Am Abend saßen sie alle drei zusammen am Abendbrottisch.

„Und, Bruderherz, was hast du heute so getrieben, während ich bei Balem war?“, fragte Rhea.

„Nichts“, antwortete Eliah, wobei er unverschämt grinste.

„Warum bist du dann so gut gelaunt, wenn du nichts getan hast?“

„Ich bin nun einmal ein fröhlicher Mensch“, sagte Eliah, während sein Grinsen noch ein bisschen breiter wurde. Rhea kannte ihren Bruder viel zu gut, als dass sie ihm das glaubte, da musste etwas anderes dahinter stecken. Freute er sich, weil er dem Krankenbesuch entkommen war? Oder freute er sich noch immer über seinen schönen Kristall, den er am Bach gefunden hatte? Oder über die bevorstehende Wandelung? Doch Rhea verwarf diese Gründe gleich wieder, sie waren alle viel zu unbedeutend für sein unverschämtes Grinsen. Offensichtlich verbarg er etwas, das er in Anwesenheit von Fine nicht erzählen wollte – oder konnte. Warum sonst erzählte er es nicht einfach? Rhea nahm sich vor, ihren Bruder sobald wie möglich auszufragen, spätestens heute Abend, wenn sie in den Betten lagen.

Währenddessen verteilte Fine das Pilzragout auf die Teller und Rhea merkte, wie ihr Magen knurrte. Dampfend stieg ihr der intensive Geruch in die Nase, der ihr prompt das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. „Hast du den grünen Schwammpilz auch mitgekocht?“, fragte sie Fine.

„Ja, und ich hoffe, ich habe diesmal die Dosierung besser im Griff gehabt als das letzte Mal.“

Eliah zuckte zusammen. „Oh je, erinnere mich bitte nicht daran. Die halbe Nacht habe ich nicht geschlafen vor Bauchweh! Ich habe gedacht, ich müsste sterben.“

Auch Rhea sah nicht gerade glücklich drein. „Auf so eine Nacht kann ich gut und gern verzichten.“

„Ich werde es schon recht gemacht haben“, erwiderte Fine. „Ich will ja, dass meine Kinder noch länger bei mir bleiben und nicht, dass ich sie mit meinem Essen aus dem Haus graule.“

Alle kicherten, dann sahen sie sich stumm an. Wer nahm den ersten Löffel? Einerseits scheute sich Rhea davor, aus Angst, es könnte ein Bauchweh-Löffel sein. Andererseits konnte sie es kaum erwarten, von dem köstlich duftenden Ragout zu probieren. Sie gab sich einen Ruck. „Also gut, ich fange an.“

Fine und Eliah folgten ihren Bewegungen mit den Augen während Rhea sich den Löffel volllud und ihn langsam in den Mund schob – und ein Feuerwerk der Sinne explodierte.

All ihre verfügbaren Geschmacksnerven schienen lebendig zu werden. Sie schmeckte alles auf einmal und doch eines nach dem anderen: süß, sauer, bitter, salzig, herb, würzig, scharf, lieblich, pilzig. Die verschiedenen Empfindungen ließen die unterschiedlichsten Bilder in ihr aufblitzen: Himbeeren mit Pfefferminzsauce, Mandelbrot mit Kräuterbutter, Fischfilet mit Gänseblümchen, Haferbrei mit Apfelmus, Waschbärbraten mit Rosenkohl. Igitt, Rosenkohl allein empfand Rhea als eine Zumutung, aber alles zusammen war unglaublich. Es war ein so widersinniger, aber trotzdem köstlicher, unbeschreiblich guter, absolut einmaliger Geschmack, dass Rhea fast schon süchtig danach war – trotz Rosenkohl. Genüsslich schloss sie die Augen und brummelte ein langgezogenes „Mmmmmmhhhh.“ Sie hörte, wie nun auch Eliah und Fine von ihren Tellern kosteten. Kurz darauf ertönte ein vielstimmiges „Mmmmmhhhh“ in der Küche des Wurzelwerks tief im Wald von Muringen.

Abends lagen die beiden Wawis wohlig und ohne Bauchweh in ihren Betten in der Kammer gegenüber der Küche. Neben den Betten standen je zwei Nachttischchen, an der Wand gegenüber eine hölzerne Kleidertruhe und Eliahs Regal mit seiner immensen Steinsammlung, mehr brauchten die Zwillinge nicht.

Die völlige Dunkelheit umhüllte Rhea wie eine schützende Decke, und als im Wald ein Käuzchen klagend rief, war Rhea froh, dass sie warm und weich in ihrem Bett lag. Schläfrig kuschelte sie sich tiefer in die Decken, während sie die Füße weiter vor in den noch kalten Bereich am Fußende schob. Sie war schon fast eingeschlafen, als ihr wieder einfiel, dass ihr Bruder beim Abendessen so grundlos gut gelaunt gewesen war. Sofort war sie wieder wach und flüsterte in die Dunkelheit: „Eliah, schläfst du schon?“

Als Antwort erhielt sie nur ein unverständliches Gegrummel. Doch nun wollte sie der Sache auf den Grund gehen. „Wo warst du eigentlich heute Nachmittag, als ich bei Balem war?“

Keine Antwort – war Eliah schon eingeschlafen? Das ging aber schnell, eben hatte er doch noch gegrunzt.

Da hörte sie, wie sich ihr Bruder im Bett bewegte, bevor er flüsternd antwortete: „Du ahnst nicht, wo ich heute war.“

„Nun sag schon, mach es nicht so spannend.“

„Naja, ich war dort, wo wir beide in zwei Wochen endlich auch ganz offiziell hingehen dürfen!“

Rhea überlegte. In zwei Wochen, ganz offiziell? Doch scheinbar hatte sich ihr Gehirn schon auf Schlaf eingestellt, denn sie brauchte geschlagene fünf Sekunden, bevor es ihr einfiel: In zwei Wochen war ihr Geburtstag! Und ihre Wandelung!

Sie schnellte in die Höhe und blieb stocksteif sitzen. „Du warst am Pilzfeld?! Alleine? Ohne mich? Was hast du dort gemacht? Hat dich jemand gesehen? Hast du dich versteckt! Oh mein Gott. Wenn dich jemand erwischt hätte!

„Pssst, sei leiser! Es muss ja nicht gleich jeder mitbekommen!“

„Warum hast du das getan? Du weißt doch ganz genau, dass es Wurzelwawis vor ihrer Wandelung strengstens verboten ist, allein zum Pilzfeld zu gehen! Du weißt, dass die Verlockung, doch von den Pilzen zu probieren, einfach zu groß ist. Denk doch nur an den armen Darelin, der hat auch nicht widerstehen können. Und der ist jetzt tot! Der hat seine Wandelung nicht mehr erlebt!“ Rhea versuchte zu flüstern, aber der Schock über das, was Eliah getan hatte – und was sie ihm nie zugetraut hätte – ließ ihre Stimme kaum leiser sein. Ausgerechnet Eliah, der sonst immer alles so genau nahm, war zum verbotenen Wesenspilzfeld gegangen, sie konnte es nicht fassen. „Hoffentlich hat dich niemand beobachtet!“

Nun hatte Eliah doch ein schlechtes Gewissen, Rhea hörte es ihm an der Stimme an, was sie mit leichter Genugtuung registrierte.

„Naja, ich war nur neugierig. Nein, eigentlich konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Die zwei Wochen dauern mir zu lange, ich wollte ja nur einmal gucken und nicht gleich von den Pilzen probieren!“

Trotz der Ungeheuerlichkeit seines Tuns war Rhea fasziniert. „Und, wie war es?“

„Umwerfend! So viele, und so unterschiedlich! Ich verstehe gar nicht, wie man da seinen eigenen Pilz wiederfinden soll.“

Rhea nickte. Fine hatte die Zwillinge einmal mitgenommen und ihnen das Wesenspilzfeld kurz von Weitem gezeigt – trotz Gorks Verbot –, um die Faszination des Verbotenen vorwegzunehmen. Das Pilzfeld hatte einen tiefen Eindruck bei Rhea hinterlassen.

In Gedanken sah sie wieder die brusthohen Wesenspilze vor sich, die tief im Wald eng beieinander auf einer Lichtung standen: dicke, dünne, kleine, große, schief gewachsene und kerzengerade, mit großem Hut oder kleiner Kappe, mit Manschette oder ohne, mit Lamellen oder glatter Unterseite. Am besten gefielen Rhea die Kappen der Pilze, die in sämtlichen Schattierungen schillerten, von Zartrosa bis Dunkelviolett, von Veilchenblau über Azurblau und Tintenblau bis Nachtblau – fast wie Balems Haare –, von Zitronengelb über Schiefergelb, Eidottergelb und Sonnenblumengelb bis hin zu einem intensiven Orange, Karmesinrot, Scharlachrot, Purpurrot, Magentarot, Rosenrot, Apfelgrün, Grasgrün, Flaschengrün, Smaragdgrün, Moosgrün, Schneeweiß, Eierschalenweiß, Lichtgrau, Schiefergrau und Pechschwarz und, und, und. Doch auch die Muster der Kappen waren spektakulär. Manche hatten kleine Flecken, andere Sprenkel, wieder andere hervorstehende Noppen oder feine Äderchen, die auch noch pulsierten. Bei einigen meinte man, ins Nichts zu blicken, wenn man die Flecken fixierte. Die Vielfalt war so unglaublich, dass es schier unvorstellbar war, doch jeder Pilz war einmalig.

Da riss sie Eliahs Flüstern aus ihren bunten Gedanken. „Ich hatte mich in dem Gebüsch versteckt. Du weißt schon, das, welches so aussieht wie ein geducktes Wildschwein. Ich war vorsichtig, aber trotzdem hatte ich ein komisches Gefühl“, kam es flüsternd aus der Ecke.

Eliahs Tonfall ließ Rhea aufhorchen. „Ist alles in Ordnung, Eliah? Du klingst so komisch.“

Es dauerte ein paar Sekunden, bevor ihr Bruder zögernd antwortete: „Ich weiß nicht. Erst war alles gut. Ich saß im Gebüsch und betrachtete die Pilze. Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass mich etwas beobachtet. Mir lief es richtig kalt den Rücken hinunter und ich habe eine Gänsehaut bekommen. Ich bin ganz still gesessen und habe keinen Mucks von mir gegeben. Dann habe ich etwas im Wald hinter mir rascheln gehört. Aber ganz leise, so als ob da irgendetwas herumschleicht, das nicht gehört werden will. Ich habe mit Stielaugen versucht, im Wald etwas zu entdecken, aber da war nichts. Nach einer Weile war das komische Gefühl weg und ich war sicher, wieder alleine zu sein.“

„Und dann?“

„Dann bin ich nach Hause und habe den Vorfall ganz vergessen. Erst jetzt, als du mich gefragt hast, ob alles in Ordnung ist, ist es mir wieder eingefallen.“

„Meinst du, es könnte ein Tier gewesen sein?“

Eliahs Antwort kam prompt. „Nein, das war eindeutig kein Tier.“ Offensichtlich hatte er selbst schon über diese Möglichkeit nachgedacht.

„Komisch“, sagte Rhea. „Mir ist heute auch was Unheimliches passiert. Als ich zu Balem unterwegs war, hat sich Wolke auf einmal komisch benommen, so als ob sie etwas im Wald gewittert hätte.“ Rhea verstummte.

„Und, hat sie?“, fragte Eliah.

„Ich bin mir nicht sicher. Mir ist nichts aufgefallen. Doch als ich auf dem Rückweg war, hatte ich auf einmal auch das Gefühl, dass mich jemand beobachtet. Und es war mit Sicherheit auch kein Tier. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Jemand mich ganz bewusst und ganz gezielt beobachtet. Es war richtig unheimlich und ich hatte fast ein bisschen Angst. Meinst du, das war dasselbe Wesen?“

„Weiß nicht, möglich wäre es.“

Nun wurde es Rhea noch im Nachhinein ganz mulmig zumute.

„Mhm“, brummte Eliah. „Es ist ja nichts passiert. Vielleicht sollten wir es einfach vergessen und jetzt endlich schlafen.“

„Ja, du hast recht, lass uns schlafen.“ Sie hörte, wie sich Eliah im Bett umdrehte. Auch Rhea drehte sich auf die Seite und zog sich die Bettdecke über die Schultern. „Gute Nacht, Bruderherz.“

„Ja, gute Nacht, hoffentlich musst du mich heute nicht wecken, weil ich einen Alptraum von den fiesen Pilzmännchen habe.“

Rhea konnte nicht ahnen, dass die Sorge ihres Bruders sich auf andere grausame Weise bewahrheiten sollte.

Rhea hatte das Gefühl, eben erst eingeschlafen zu sein, als sie plötzlich von lautem Poltern und Geschrei aus dem Schlaf gerissen wurde. Erschrocken fuhr sie in die Höhe. Was war passiert? Pechschwarze Nacht umgab sie, es konnte also noch nicht Zeit zum Aufstehen sein. „Eliah, bist du wach? Hörst du den Tumult da draußen?“

Von Eliah kam keine Antwort. „Eliah, hörst du?“ Tastend fuhr sie über ihr Nachttischchen und fingerte nach der Schale mit dem Brennkraut, wobei sie gegen einen der beiden Feuersteine stieß, der polternd zu Boden fiel. Jetzt war endlich auch ihr Bruder wach. „Was‘n los?“, kam es verschlafen aus der Ecke.

„Ich weiß nicht, ich glaube es ist was passiert.“ Rhea hatte sich halb aus dem Bett gebeugt und fuhr mit einer Hand suchend über den Boden in der Hoffnung, den Feuerstein zu finden.

Da, endlich hatte sie ihn. Rasch schlug sie die beiden Steine über dem Brennkraut an, das sofort mit einem zischenden Laut Feuer fing. Sogleich wurde die Dunkelheit von einem sanft goldenen Schein zur Seite geschoben.

Rhea sah mit aufgerissenen Augen zu ihrem Bruder, der sich inzwischen ebenfalls aufgesetzt hatte. Nach einem Blick in sein panisches Gesicht konnte sich Rhea vorstellen, wie ihr eigenes gerade aussehen musste.

Währenddessen hatte es draußen weiter gepocht und gehämmert. Nun endlich hörten sie Fine, wie sie rief: „Na, na, wer wird denn gleich die ganze Tür einreißen wollen? Ich komme ja schon, bin schon unterwegs.“

Erst jetzt trauten sich auch die Geschwister aus den Betten, warfen sich ihre Umhänge über und liefen nach draußen in den Tunnel.

Die Szene, die sich ihnen bot, war kurios: In der offenen Eingangstür stand Gork, der Ratsälteste, mit Manou und Heli, dem Nachbars-Ehepaar. Zwischen Manou und Heli hing eine seltsame Gestalt, die sich offensichtlich nicht mehr allein auf den Beinen halten konnte. Rhea zuckte zurück. Dieses Etwas sah so völlig widersinnig aus. Erst dachte Rhea, es sei ein Wesenspilz vom Pilzfeld, doch da bewegte sich die Gestalt.

„Schnell Fine, er ist mehr tot als lebendig“, stieß Gork hervor. „Du musst dich beeilen mit deiner Medizin.“

Die Heilerin stellte keine Fragen. „Bringt ihn herein in Narons Kammer.“

Als sie den Namen ihres verstorbenen Vaters hörte zuckte Rhea zusammen. Er war bei einem der Kämpfe zwischen den fiesen Pilzmännchen und den Wurzelwawis gestorben, als Rhea und Eliah noch sehr klein gewesen waren. Rhea wusste, dass all diese fiesen Pilzmännchen zusammen das Pilzgeflecht bildeten, das vom Herrscher der Pilze angeführt wurde. Seit jeher führte der Herrscher der Pilze mit seinem Pilzgeflecht Krieg gegen die Wurzelwawis und war eine ständige Bedrohung für die Gemeinschaft der Wurzelwawis, auch wenn derzeit Frieden herrschte. An ihren Vater konnte sich Rhea nur noch schemenhaft erinnern, eigentlich waren es mehr Empfindungen als wirkliche Erinnerungen. Doch ein Erlebnis war ihr sehr deutlich und sehr bildhaft in Erinnerung geblieben, und sie hütete es wie einen geheimen Schatz. Als sie nun so unvermittelt den Namen ihres Vater hörte, stand ihr dieses Erlebnis wieder vor Augen: Sie und Eliah waren damals noch kleiner gewesen, hatten gerade das Laufen gelernt. Es war ein sehr warmer und wunderschöner Sommerabend gewesen. Naron, ihr Vater, war draußen auf dem Baumstamm vor dem Wurzelwerk in der Abendsonne gesessen und hatte die Zwillinge je auf einem Bein sitzen. Ihr Vater hatte sie auf seinen Beinen wild auf und ab hüpfen lassen und Rhea musste ganz laut jauchzen und lachen, um das Kribbeln in ihrem Bauch aushalten zu können, eine Mischung aus Angst und Freude über das Auf und Ab. Auch Eliah konnte sie jauchzen hören. Dann war Fine aus dem Wurzelwerk herausgekommen und hatte mit ihnen gelacht.

Wie jedes Mal verspürte Rhea auch jetzt einen schmerzhaften Stich, als ihr diese Erinnerung kam. Sie hatte sich damals so wohl gefühlt, so geborgen und glücklich und sorglos auf dem Schoß ihres Vaters mit der lachenden Fine und der warmen Sommerluft, in der die Erde nach würzigem Kraut roch. Kurz darauf war ihr Vater gestorben und Rhea hatte keine Gelegenheit mehr, dieser Erinnerung weitere hinzuzufügen. Als Rhea dann etwas älter gewesen war, hatte sie Fine Fragen über Narons Tod gestellt, doch diese hatte dann immer einen so tieftraurigen Gesichtsausdruck bekommen und einen weit in die Ferne gerichteten Blick, sodass Rhea irgendwann aufhörte, Fragen zu stellen.

Und nun brachten Manou und Heli diese komische Gestalt in Narons Kammer, die nur über eine Seitentür in Fines Schlafkammer zu erreichen war. Nach Narons Tod hatte Fine die Kammer ab und zu als Krankenzimmer benutzt für Patienten, die rund um die Uhr Betreuung brauchten.

Rhea war ewig nicht mehr hier drin gewesen und blickte sich neugierig um. In dem schmalen, engen Raum stand ein kleiner Schreibtisch, daneben zwei Bücherregale und rechts neben der Tür eine schmale Pritsche an der Wand.

Auf diese legten sie nun den Kranken, der wirklich nicht sehr gesund aussah. Seine Augen waren geschlossen, die Haut aschfahl, Schweiß stand ihm auf der Stirn und er atmete stoßweise. Kleine, feine Schaumtröpfchen sammelten sich in seinen Mundwinkeln und sprühten bei jedem Keuchen in einem leichten Bogen durch die Luft. Angeekelt verzog Rhea das Gesicht. Ein seltsames Gefühl beschlich sie, dem sie keinen Namen geben konnte – oder mochte. Dieses Wesen sah so ganz anders aus als alles, was Rhea jemals auf dieser Welt zu Gesicht bekommen hatte, es sah fast aus wie… doch dieser Gedanke war so abwegig, so fern aller Realität, dass sie ihn ganz schnell ganz weit von sich schob.

„Schnell Fine, was hat er?“ Gork trat einen Schritt zurück und stellte sich neben Manou und Heli, um für die Heilerin Platz zu machen. Fine beugte sich über den Fremden, nahm sanft seine beiden Handgelenke in ihre Hände und schloss konzentriert die Augen. Dann wurde sie ganz ruhig.

Auch die anderen verstummten. Rhea zählte in Gedanken die Sekunden mit, die in die Stille tropften wie Harz, der die Baumrinde hinunterkriecht. Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere, bis sie einen strafenden Blick von Gork auffing.

Plötzlich riss Fine die Augen auf und das Entsetzen sprang ihr förmlich aus den Gesichtszügen. Sie wirbelte zu Gork herum, wobei sie die Handgelenke des Kranken so abrupt von sich stieß, als hätte sie sich verbrannt. Aschfahl im Gesicht flüsterte sie kaum hörbar: „Er hat von den Pilzen gegessen.“

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