Exposé



Aufbau
Arbeitstitel:
Blut-Druck
Hans Dölzer
E-Mail: hans@stresspress.de
http://www.vs-rhein-neckar.de/mg_hd_01.htm
Jojos zweiter Fall


Es gibt bisher kein Buch unter diesem Titel. Der Autor kann Alternativvorschläge ebenso
liefern wie Fotos zur Titelgestaltung.
Zeitraum:


Frühjahr 2012
Thema in Kurzform:


Motorrad- und Kulinarik-Krimi

Ein Mann zwischen Zahnrädern – wo sonst Papier bedruckt wird, wurde ein Student
hineingequetscht. Das große Mannheimer Landesmuseum ist Ort des Verbrechens.


Jonas Jordan, Motorradjournalist aus Leidenschaft und Heidelberg, Kriminalkommissarin
Irene Falter und Vulkanologin Claudia Dunkmann fahren auf ihren Motorrädern den Tätern
hinterher. Das führt sie in die Eifel, an den Bodensee, nach Nürnberg und ins tiefste
Oberbayern.


Der zweite Fall für Jonas Jordan, genannt Jojo.
Cover (Motivideen):


• Zahnradkaskaden
• “Imperia”-Statue am Konstanzer Hafen.
Beide Motive können vom Autor geliefert werden.
Inhalt:


Im großen Mannheimer Landesmuseum wird ein Student zwischen die gewaltigen Zahnräder
einer alten Druckmaschine gequetscht und wenige Tage später im Krankenhaus endgültig
ermordet.


Der Motorradjournalist Jonas Jordan, genannt Jojo, ermittelt gemeinsam mit
Kriminalhauptkommissarin Irene Falter. In den Verdacht geraten drei Rentner, die
ehrenamtlich in der Druckabteilung des Museums arbeiten, aber auch die Kommilitonen des
Studenten, allesamt Mitglieder einer Burschenschaft. Allerdings könnte es auch ein Junkie
gewesen sein, der undurchsichtige Beziehungen zu einer Krankenschwester der
Mannheimer Uniklinik unterhält. Schließlich stirbt eine Verdächtige, ausgerechnet in
Polizeigewahrsam. Und ein Chemielaborant, der sich ein eigenes Geheimlabor errichtet hat,
sprengt sich aus Unachtsamkeit selbst in die Luft.


Der Showdown und die Lösung der Rätsel finden im idyllischen Weiltal statt: Das Mordopfer
hatte Material gestohlen, das in den USA militärischer Geheimhaltung unterlag. Daher wurde
eine Agentin angesetzt, die die Weiterverbreitung des Materials zu verhindern hatte.


Der Journalist ist ein Freund guter Küche. So wird nicht nur im Text häufig Bezug auf
kulinarische Höhepunkte genommen, sondern im Anhang finden sich alle Kochrezepte zu
den im Krimi erwähnten Gerichten.
Figurenbiografien:


Protagonist: Jonas Jordan, Motorradjournalist, 57 Jahre alt, klein, dick. Single. Pedant. Hang
zum gelegentlichen “Klugscheißen”. “Motorradwanderer”, also Tourenfahrer (im Gegensatz
zum Rennfahrer oder Raser). Leidenschaftlicher Koch und Genießer. Identifikationsfigur.


2. Hauptfigur: Irene Falter (bekannt aus dem ersten “Jordan”-Krimi),
Kriminalhauptkommissarin in einer länderübergreifenden Sonderkommission Hessen/BadenWürttemberg
(Viernheim/Mannheim), 30 Jahre alt, wohnhaft neuerdings im badischen
Ladenburg.
Motorradfahrerin. Bekannt für ihre Zornausbrüche (“Zitronenfalter”).



3.
Hauptfigur:
Claudia Dunkmann, Vulkanologin aus Niedersachsen, wohnhaft bei Nürnberg,
45
Jahre. Motorradfahrerin. Körperlich ungewöhnlich kräftig und angstfrei.



Gegenspieler:
Hartmut von Sicken, Leiter der fiktiven Heidelberger Burschenschaft
“Wibelingia”;
dessen Freundin Karin Schneider; weitere Burschenschafter.



Nebenfiguren:
Günter Ronellenfitsch, Kriminalkommissar; Hansjörg Brauko, LKA-Ermittler;
Markus
Dirkes, IT-Spezialist; Ingo Gayher, Museumsleiter; Bauhs, Picard und Kuppert,
Rentner;
Arno Leibrand, erwerbsloser Chemielaborant.



Randfiguren:
Familie Wienhausen, Eltern und Schwester des Ermordeten; Theodor von
Sicken,
Chef eines großen Elektrounternehmens; Lene Laubach, Heidelberger
Kriminalhauptkommissarin;
Horst “Rübe” Frauenschuh, Junkie; Peter Lenk, Bildhauer; u.a.
Seriencharakter
:
Die Geschichte ist die zweite einer Reihe von Motorradkrimis, die als Mischung von
Regionalkrimi und road story angelegt sind. Durch die Serie ziehen sich:
Jonas Jordan, Motorradjournalist, als Protagonist; Motorräder als Transportmittel und
Hauptthema, Kulinarik als Nebenthema.

Vom Autor beabsichtigt ist der Zusatznutzen für den Leser/die Leserin, daß erwähnte
regionale Gerichte nachgekocht werden können.



NICHT weiterverfolgt werden die Themen Kirche und Burschenschaften, die Bestandteile
des ersten bzw. zweiten Buches sind.
Regionalbezug:


Haupt-Handlungsorte: Mannheim, Heidelberg.

Weitere Orte: Nürnberg, Meersburg/Bodensee, Rosenheim, Kirchbrombach/Odenwald, Eifel
u.a.


Die Serie spielt im Wesentlichen im Raum Heidelberg/Mannheim/Odenwald. Da MotorradMobilität
die Handlungen trägt, kommen im Zuge einer roadstory weitere Orte und Gegenden hinzu.


Regionale
Bezüge werden hergestellt durch regionale Küche, lokalspezifische
Redewendungen
und Dialekte und Erwähnung bestimmter historischer Ereignisse.
Zielgruppe/Marketing:


Zielgruppe der Serie: Motorradfahrer/innen, Krimileser/innen, Interessierte an
Regionalliteratur, Leser/innen von Kulinarik-Krimis, Touristen in den Handlungsorten, die
Urlaubsregionen sind (Heidelberg, Odenwald, Bodensee).


Spezielle Motorradkrimis existieren in Deutschland kaum. Das Durchschnittsalter der
Motorradfahrer in Deutschland liegt mittlerweile nachgewiesenermaßen bei 48 Jahren (sic!),
einem Alter, in dem mehr gelesen als gefahren wird.


Da Teile der Geschichte vom Autor selbst erlebt wurden, ist er der Auffassung, daß dies der
Glaubwürdigkeit nützt.


Heidelberg-Krimis gibt es durchaus bereits eine Menge. (Imbsweiler, Burger, Schäfer, Bach,
Noll usw.) Dennoch scheint der Bedarf daran noch nicht gedeckt zu sein.


Die Mischung “regionaler Motorrad-Küchen-Krimi”, wie sie für die Serie steht, gibt es noch
nirgends.


Der Autor legt großen Wert auf einen Text in alter Rechtschreibung, da er die mittlerweile
sechsmaligen künstlichen Änderungen daran für nicht nur in sich widersprüchlich hält,
sondern auch für lächerlich und unhistorisch. Er gibt allerdings zu, daß dies höchstens für
eine sehr überschaubare Zahl von Philologen ein Kaufkriterium wäre.


Da der Autor bereits mit anderen Büchern Lesungen bestritten hat und selbst Organisator
verschiedener Lesungen mit anderen Autoren war (Ingrid Noll, Jürgen Lodemann u.a.), kennt
er Buchhändler und Veranstalter, die eine Buchvorstellung bestreiten würden. Dies trifft
sowohl auf den Raum Heidelberg/Mannheim zu wie auf die Region Nordhessen (siehe
seinen ersten Krimi “Kurbelwellen weinen nicht”).
Motivation:


Der Autor hat unter seinem Mädchennamen Hans Hohmann bereits einen Krimi, weitere
Bücher und Buch-Übersetzungen veröffentlicht, neben seiner Arbeit als Technik-Journalist,
u.a.:

Hans Dölzer: Kurbelwellen weinen nicht. Jojos erster Fall.
Highlights-Verlag, Euskirchen 2012. 234 Seiten, Taschenbuch, 9,90 Euro. ISBN 978-
3-933385-65-9



Hans Hohmann: Motorrad-Elektrik in der Praxis. Delius Klasing Verlag, Bielefeld
2016, 7. Auflage. 144 Seiten, Broschur, 16,90 Euro. ISBN 978-3-7688-5258-6


Hans Hohmann: Touren in Baden-Württemberg. Verlag Martin Franitza, Reisbach
1994, 2. Auflage. 96 Seiten, Broschur, 9,90 DM. ISBN 3-9801491-6-1


Hans Hohmann: Rad ab! Geschichten auf zwei und drei Rädern. Bernhard Götz
Verlag, Kornwestheim 1989. 224 Seiten, Taschenbuch, ISBN 39802242-0-1


Weiter verschiedene Sachbuch-Beiträge, Buch-Übersetzungen und Lektorate neben
zahlreichen Fachartikeln und regelmäßigen Glossen.

Manuskriptumfang:

Anzahl Tastenanschläge: ca. 413.000; zusätzlich Kochrezept-Anhang: ca. 27.000

 



Leseprobe

Der zweite Fall für Jonas Jordan

[Klappentext:]
Resigniert wandte sich Feilhauer zu seiner Besuchergruppe um, bereit, sich für den Ausfall
der alten Maschine zu entschuldigen. Erstaunt sah er, daß alle an dem Monstrum
emporblickten, einige hatten die Hand vor den Mund geschlagen.
Das zehnjährige Mädchen zeigte hinauf und krähte: “Opa, warum schläft da ein Mann in der
Maschine?”
Ein Mann zwischen Zahnrädern – wo sonst Papier bedruckt wird, wurde ein Student
hineingequetscht. Ort des Verbrechens ist das große Mannheimer Landesmuseum.
Jonas Jordan, Motorradjournalist aus Leidenschaft und Heidelberg, Kriminalkommissarin
Irene Falter und Vulkanologin Claudia Dunkmann fahren auf ihren Motorrädern den Tätern
hinterher. Das führt sie in die Eifel, an den Bodensee, nach Nürnberg und ins tiefste
Oberbayern.
Der zweite Fall für Jonas Jordan, genannt Jojo.

 


[Schmutztitel-Rückseite:]
Das Leben ist meist grotesker als ein Roman. Die Handlung ist daher nicht authentisch,
wenn auch Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen kaum vermeidbar sind. Der
Autor aber schwört jedem, der sich wiederzuerkennen glaubt, daß er es garantiert nicht ist.
Den Anwälten der sich irrtümlicherweise beleidigt fühlenden Menschen kann versichert
werden, daß ihre Mandanten mit keiner Silbe erwähnt werden und sie überhaupt jemand
völlig anderes sind. Insbesondere sind alle im Buch erwähnten Mitarbeiter des Mannheimer
Landesmuseums für Technik und Arbeit fiktiv. Das Museum existiert jedoch durchaus
außerhalb des Romans, und es lohnt einen Besuch – auch wenn es mittlerweile den
lächerlichen Zusatznamen Technoseum verpaßt bekam.
Obwohl der Autor kein Politiker ist, handelt es sich bei dem Buch teilweise um ein Plagiat.
Auf Wunsch tritt der Autor auch gerne zurück, er weiß nur nicht, wovon. Er hat von sich
selber abgeschrieben und verschiedene schon früher veröffentlichte Glossen und Erlebnisse
verarbeitet.
Er legt Wert auf in Jahrzehnten gewachsene Rechtschreibung. Lächerliche
Verschlimmbesserungen wichtigtuender Rechtschreibreformer hatten daher in diesem Buch
keine Chance.
Der Autor dankt Kommissarin Céline Nautile für zahlreiche Tipps aus dem Polizeialltag,
Stilfehlersuchterroristin Birgit Hoss, die den Text von mancherlei Blüten befreite, sowie
seiner Frau Renate, die ihm das Kochen (und Braten!) beibrachte. Alle drei sind noch heute
mit ihm befreundet, obwohl sie seine Bücher lesen mußten.

1
***
[Zitat]
Du bist so weit gefahrn und kommst irgendwo an,
wo der Kopf noch will und das Herz nicht mehr kann.
Bernie Conrads


Eins

Robert Feilhauer mußte sich nicht beeilen. Wenn die Leitzentrale Punkt neun Uhr den
Haupteingang öffnete, dauerte es mindestens eine Viertelstunde, bis die ersten Besucher auf
Ebene B erschienen. Außer, wenn eine Schulklasse gleich von ihrem Lehrer hochgeschickt
wurde mit dem Auftrag, sich gezielt die historische Druckabteilung anzusehen. Aber das war
derzeit nicht zu erwarten. Sowohl in Baden-Württemberg als auch in den angrenzenden
Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz herrschten Osterferien, und da hatten Schüler anderes
im Sinn als Museen zu stürmen.
Feilhauer, Vorführtechniker, konnte in Ruhe seine Ausstellungseinheit vorbereiten,
Druckfarbe vorrichten, die Linotype anheizen, Blankopapier für die Bostontiegel bereitlegen
und Sitz und Sauberkeit der Druckformen kontrollieren. Er prüfte den Vorrat an Schilfrohr, mit
dem sich die Besucher wie die Mönche im Mittelalter an einem Stehpult im Schönschreiben
versuchen konnten. Feilhauer staunte immer wieder, wieviele Menschen von dem Pult
angezogen wurden, fast stärker als von den Maschinen. War es die beinahe meditative
Ruhe, die zum Schreiben nötig war? Oder der Blick vom Pult durch die große Glasfront zum
Luisenpark hinüber? Erstaunlich auch, daß sich noch nie jemand mit dem scharfen Messer
verletzt hatte, das zum Schnitzen der Schreibfedern bereitlag.
Die Uhr im LTA, dem Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, zeigte
fünfunddreißig Minuten vor Zehn an diesem Mittwoch Morgen im April, als die ersten
Besucher durch den langen Gang auf die Druckabteilung zuschlenderten. Großeltern hatten
ihre knapp zehnjährige Enkelin offenbar in den Ferien zu Besuch und mußten ihr etwas
bieten, wollten sie sich nicht durch ein quengelndes Kind die Osterzeit verderben lassen. Für
den Holiday Park in Haßloch war es noch zu kalt, und der Nieselregen verbat einen Ausflug
in den Heidelberger Zoo. So mußte das Landesmuseum aushelfen.
Damit er nicht gegen Lärm anschreien mußte, schaltete Robert Feilhauer das große
Wasserrad aus, das ein Stockwerk tiefer die historische Weberei antrieb. Sowie er Opa,
Oma und Enkelin in die Bedienung der Hand- und Trettiegel eingewiesen hatte und sie sich
Grußkarten mit dem Logo des Museums selber drucken konnten, standen wie aus dem
Nichts ein Dutzend weiterer Besucher in der Abteilung. Feilhauer kannte das Phänomen,
daß sich Menschen immer zu Gruppen von ihresgleichen hingezogen fühlten. Das war im
Museum nicht anders als beim Schlußverkauf, auf dem Jahrmarkt und in Möbelhäusern.
Sobald sich alle mit selbstgedruckten Postkarten versorgt hatten, in einer Menge, die das
nächste Jahrhundert an Glückwunschbegehren ausfüllte, und sobald die Erwachsenen mit
Druckfarbe vollgeschmiert waren – im Gegensatz zu den Kindern, die besser aufpaßten –,
wollten sie weitere Maschinen laufen sehen. Routiniert führte Robert Feilhauer die
Besuchergruppe zu der historischen Rollenrotations-Druckmaschine, 1922 hergestellt von
Koenig&Bauer. Stockwerkhoch und unverkleidet beherrschte sie die gesamte Abteilung. Und
wenn sie auch als Veteranin ihrer Art höchstens ein Fünftel der Größe moderner Druckwerke
erreichte, beeindruckte sie den Laien dennoch, vor allem, wenn sie lief.
Am Schaltschrank ärgerte sich Feilhauer, daß die Kollegin am Vortag augenscheinlich mal
wieder vergessen hatte, den Hauptschlüssel abzuziehen. Wie oft noch sollte er sie darauf
hinweisen, daß jedes Kind damit die Maschine einschalten konnte, was bei den vielen offen
laufenden Zahnrädern, Walzen und Trommeln hochgefährlich war? Feilhauer seufzte, drehte
den Schlüssel und drückte den Anlaufknopf, um den Koloß zu starten. Der gewaltige
Elektromotor begann zu brummen, schaffte mühsam eine dreiviertel Umdrehung und gab mit
einem Zittern auf. Im Schaltschrank klackte ein Relais, und die rote Störungsleuchte blinkte.
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Resigniert wandte sich Feilhauer zu seiner Besuchergruppe um, bereit, sich für den Ausfall
der alten Maschine zu entschuldigen. Erstaunt sah er, daß alle an dem Monstrum
emporblickten, einige hatten die Hand vor den Mund geschlagen.
Das zehnjährige Mädchen zeigte hinauf und krähte: “Opa, warum schläft da ein Mann in
der Maschine?”


***

Jonas Jordan ärgerte sich. Es nieselte, und so mußte er sich für die kurze Strecke von
seinem Wohnort nach Mannheim in das Regenzeug hineinquälen. Jojo, wie ihn seine
Freunde nannten, besaß kein Auto, nur Motorräder. Und zum heutigen Pressetermin wollte
er nicht völlig durchweicht erscheinen, also blieb nur die Gummihaut.
Jonas Jordan war siebenundfünfzig Jahre alt, freier Technik-Journalist und arbeitete für
verschiedene Zeitschriften und Verlage. Und wenn sein Schwerpunkt auch Motorräder
waren, gab es durchaus hin und wieder Aufträge für Berichte über anderen Themen, seien
es Schiffe, Eisenbahnen, Flugzeuge oder Zukunftstechnik wie Brennstoffzellen oder
Fotovoltaik. So war er im Presseverteiler des Mannheimer Landesmuseums für Technik und
Arbeit gelandet, wo heute ein neues Exponat vorgestellt werden sollte. Das Museum
verwaltete den gesamten Nachlaß des Heidelbergers Felix Wankel, Erfinder des
Kreiskolbenmotors, und nun hatte ein gewaltiger dreieckiger Wankelkolben eines USamerikanischen
Flugzeugherstellers den Weg in die Stadt an Rhein und Neckar gefunden.
Jonas schnallte den wasserdichten Rucksack mit Fotoausrüstung und Diktiergerät auf den
Rücken und schwang sich auf seine Montesa. Die Pressevorstellung sollte um elf Uhr
beginnen, und Jonas hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, zu solchen Terminen
mindestens eine halbe Stunde vorher zu erscheinen. Es gab oft Gelegenheit zu informellen
Gesprächen mit dem Veranstalter, Kollegen oder weiteren Gästen. Außerdem konnte er so
in Ruhe Bildaufbau und Perspektiven für seine Fotos wählen. Zeitschriftenredaktionen
legten, so traurig es war, weitaus mehr Wert auf gute und zahlreiche Bilder als auf einen
fundierten Text.
Der Journalist kannte sich aus im Museum und wußte, daß dessen Stockwerke als
“Ebenen” bezeichnet wurden. Das Haus zeigte die Technik- und Sozialgeschichte von etwa
1750 bis in die Gegenwart, wobei der Besucher mit dem Aufzug auf die oberste Ebene
fahren und von dort auf schrägen Rampen wie bei einem Kugelspiel eine Zeitreise bis in den
Keller antreten sollte. So jedenfalls war es gedacht.
Er wählte die Treppe zur untersten Ebene F hinab. Hier waren bereits eine Fläche
freigeräumt und ein Imbiß für die Journalisten und weiteren Gäste aufgebaut worden.
Majestätisch thronte der über ein Meter hohe Trochoidenkolben auf einem Sockel.
“Ah, Herr Jordan!” Ein Mann Ende Zwanzig in beigem Anzug, Weste und Krawatte kam auf
ihn zu. Das helle Haar war sorgfältig nach hinten gekämmt, die teure Uhr schimmerte
bescheiden unter der Manschette hervor. Er gab Jonas die Hand.
Jonas kannte Manfred Cordes bereits seit dessen Einstellung als Pressereferent des
Museums. Er hatte die Öffentlichkeitsarbeit auf Vordermann gebracht, für die sich zuvor
niemand im Haus zuständig gefühlt hatte. Seit dem Beginn seines Jobs war die Zahl der
Medienberichte über das LTA deutlich gestiegen. Cordes hatte einen verläßlichen
Presseverteiler aufgebaut, pflegte ihn, gab regelmäßig Mitteilungen über interessante
Ausstellungen heraus und trug dazu bei, daß sich die Besucherzahlen ständig erhöhten.
“Herr Jordan, ich grüße Sie!” Cordes lächelte und hielt etwas Abstand zu dem Journalisten.
Immerhin war er einen ganzen Kopf größer als Jonas mit dessen gerade einmal
einhundertfünfundsechzig Zentimetern, und damit Jonas nicht den Kopf in den Nacken legen
mußte, blieb Cordes auf Distanz. Offensichtlich verfügte er über ein feines Gespür für
Körpersprache.
“Dieser Wankelkolben paßt aber nicht unbedingt in ein Motorrad”, scherzte der
Pressesprecher. “Auf welche Zeitschrift mit Ihrem Bericht werden wir uns denn freuen
dürfen?”
“Ich fasse Informationen für einen allgemeinen Report über Wankel-Technik zusammen”,
antwortete Jonas. “Ich habe selber etliche Jahre ein Wankel-Motorrad gefahren, eine
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Hercules, und es gibt eine rege Rotations-Szene. Aber keine Angst, Herr Cordes, Ihr Haus
wird selbstverständlich erwähnt.”
“So genau kenne ich mich mit den Motoren nicht aus”, gab der andere zu. “Ist denn die
Technik überhaupt noch aktuell?”
“Durchaus”, erwiderte Jonas. “Kreiskolben-Aggregate laufen in Drohnen, als
Kompressoren, in Gleitschirm-Fluggeräten und natürlich in Autos. Sie können einen
nagelneuen Mazda mit Wankelmotor kaufen.”
Cordes’ Mienenspiel heuchelte Interesse.
“Und der Motorrad-Liebhaberkreis ist klein, aber aktiv”, fuhr Jojo fort. “Es gibt Treffen,
Clubzeitschriften, und manche Schmerzlose fahren sogar bei Rennen mit.”
Bevor der Journalist zu einem längeren Vortrag ausholen konnte, erspähte Cordes weitere
Gäste, zu deren Begrüßung er sich fluchtartig verabschiedete. Vertreter des Rhein-NeckarFernsehens
waren erschienen sowie die Kollegen von der hiesigen Tageszeitung
“Mannheimer
Morgen”, die von allen in der Journalisten-Szene “Mannheimer Mogel”
genannnt
wurde. Außer von den MM-Mitarbeitern selber, die bei diesem Spottnamen meist
pikiert
wegschauten.
Eine schlanke, hochgewachsene Blondine in grauem Kostüm trat ein. Anhand ihrer
makellosen Gesichtszüge, die wie die Abbildung aus einem Modekatalog wirkten, vermutete
Jonas eine Vertreterin des USA-Konsulats, zu Recht, wie sich später herausstellte. In
diesem seltsamen Land auf der anderen Seite der Erdkugel bekamen die MittelschichtMädchen
zum Schulabschluß von den Eltern Nasen- und Brustoperationen geschenkt, damit
sie
dem weißen Schönheitsideal entsprechen konnten. Was dort eine wichtige
Voraussetzung
für die berufliche Karriere bildete.
Kurz nach ihr schritt ein untersetzter Mann in blauem Anzug und Krawatte durch die Tür. Er
mochte um die fünfzig Jahre alt sein, eine weite Stirnglatze thronte über dem ergrauenden
Haarkranz, und eine lange Narbe zierte seine Wange, vermutlich von einem Verkehrsunfall.
Das mochte auch der Grund für seinen leicht humpelnden Gang sein, aus dem man
allerdings stattdessen auf Arthrose oder gar eine kaputte Hüfte schließen konnte. Er hinkte
auf die Amerikanerin zu, die sich mit Manfred Cordes unterhielt. Jojo bemerkte, wie der
Pressesprecher zu erstarren schien und sich, ohne den kleinen Dicken zu begrüßen, von der
Frau verabschiedete. Seinen Platz nahm nun die Arthrose ein, die sich nicht weiter um
Cordes scherte.
Die vier Menschen, die jetzt eintraten, waren Jonas Jordan bekannt. Groß und blond,
schritt Hartfried Suhlmayrli voran, der Direktor des Landesmuseums, begleitet von seiner
Gattin. Offensichtlich störte er sich nicht im geringsten daran, daß sein dunkler Anzug
denkbar miserabel saß. Wesentlich eleganter trat seine Frau auf in einem langen, dezent
dunkelroten Kleid mit passendem Plaid. Wenn überhaupt, so hatte sie sich sehr verhalten
geschminkt, und unter dem langen dunklen Haar blitzten kluge Augen hervor. Jojo fragte
sich, ob sie sich nicht zu schade war für die armselige Rolle des Begleit-Maskottchens.
Gleich hinter dem Direktoren-Ehepaar wuselte dienernd Detlef Haselhoff her,
Verwaltungschef des Museums, der vermutlich häufig unter seinem Nachnamen litt,
ungeachtet der Tatsache, daß er mit nur einem S geschrieben wurde. Im Übrigen erinnerte
seine Erscheinung – Bäuchlein, kahler Hinterkopf und gebückte Haltung – in keiner Weise an
den US-Frauenschwarm der 1990er Jahre.
Als letzter der Reihe trat Lars Naumann durch die Tür. Der promovierte Historiker war der
für die Motoren des Hauses zuständige Konservator, ein eloquenter Mann, der sich für
jegliche Mobilitätstechnik begeistern konnte und ganz in seinem Beruf aufging.
Sie schienen nun vollständig zu sein. Die Uhr zeigte fünf Minuten nach elf, als Manfred
Cordes die Vertreter der Presse offiziell begrüßte und gleich das Wort an den Direktor
übergab.
Souverän hieß der Museumsleiter die Gäste willkommen und verlor ein paar launige Worte
zum Wankelmotor, die ihm wohl jemand aufgeschrieben haben mußte, denn er selbst, das
war bekannt, glänzte in technischen Dingen mit Ahnungslosigkeit. Jonas dachte daran, daß
im englischen Sprachraum der Name des Erfinders tunlichst gemieden und lieber von der
rotary engine gesprochen wurde. Zu nahe lag “Wankel” an wanker, dem Vulgärausdruck für
“Wichser”.
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Nun bat der Direktor die blonde Frau in grauem Kostüm nach vorne, die er als Cheryl
McClone vorstellte, wie vermutet Mitarbeiterin des US-Konsulats. Sie vertrat die spendende
nordamerikanische Firma. Sie gaben sich die Hände, und die Fotografen hatten ausgiebig
Gelegenheit, die beiden VIPs vor dem gewaltigen Kreiskolben abzubilden. Zum Schluß zog
Suhlmayrli noch den kleinen humpelnden Mann nach vorne und stellte ihn als “meinen
Kollegen” Ingo Gayher vor.
Jonas staunte. Das war allerdings eine lokale Sensation. Ingo Gayher war der zweite Mann
und heimliche Leiter des Zahnradeums Zeiterstadt, kurz ZaZ. Und das Erstaunliche bestand
darin, daß die beiden Museen bisher heftige Konkurrenten, wenn nicht gar Feinde waren.
Das ZaZ war ein gigantisches Privatmuseum mit horrenden Eintrittspreisen, gefüllt mit
sensationsheischenden Exponaten aus Verkehr, Technik und Militär, oftmals historisch
falsch präsentiert. Das LTA hingegen mühte sich als öffentliche Einrichtung um seriöse
Forschung, Sammlung und Bildung und vermittelte dies mit attraktiven Vorführungen und
Mitmach-Elementen.
Bevor er sich fertig wundern konnte, knackte die Lautsprecheranlage und gab einen Jingle
von vier Digitaltönen wider. Die zweisekündige Tonfolge war einst für viel Geld von einem
Landeskantor komponiert worden, der nach Ansicht der Museumsdirektion genügend
Renommee besessen hatte, mit dieser schwierigen Aufgabe betreut zu werden. Suhlmayrli
blickte genervt zur Decke: Die Leitzentrale hatte Anweisung, bei Veranstaltungen im Haus
auf Durchsagen zu verzichten.
“Herr Direktor Suhlmayrli bitte ganz dringend zur Ebene B”, tönte die leicht panische
Stimme des Mannes aus der Leitzentrale durch die Hallen, “Herr Direktor bitte! Es ist ein
Notfall!”
Jonas schaltete am schnellsten. Während alle durcheinander redeten und der Direktor
samt Gefolge zu den Besucheraufzügen strebte, sprintete der Journalist in die andere
Richtung. Er kannte den Weg zum Mitarbeiter-Fahrstuhl, wußte, wie man am schnellsten zur
B-Ebene kam.


***

Das Trompetenkonzert in Es-Dur erklang. Irene Falter hatte die Melodie einst als Klingelton
auf ihr Handy gespielt, weil sie das Stück liebte. Bald jedoch war ihr das seelenlose Gedudel
auf die Nerven gegangen, in das die Mikroprozessoren die warme und rhythmische
Komposition Joseph Haydns verappleten. Noch aber war sie nicht dazu gekommen, den
Klingelton wieder zu ändern, um sich den Komponisten des 18. Jahrhunderts nicht zu
vergällen. Ihr fehlte schlicht die Zeit – im Dienst nahm sie die Arbeit in Beschlag und in der
Freizeit ihr frisch ererbtes Häuschen.
Irene Falter war gerade dreißig Jahre alt geworden. Der schlanken, mittelgroßen Frau
stand die dunkelblonde Kurzhaarfrisur gut. Jegliches Make-up war ihr zuwider, was sie vor
dem Teufelskreis bewahrte, dem geschminkte Frauen im Lauf der Jahre ausgeliefert waren:
mit Cremes das Gesicht und andere Körperteile zumatschen, was die Poren verkleisterte.
Die Folge war kaputte Haut, die sie dann noch mehr zuschmierten, was weitere Pickel und
Ekzeme wachsen ließ. Und so fort.
Im Übrigen hätte die Schminkerei bei Falters Beruf nur gestört. Sie war Polizistin und vor
kurzem zur Kriminalhauptkommissarin befördert worden. Irene Falter stammte, das hörte
man deutlich am westfränkischen Dialekt, aus dem Bauland, der Gegend um
Tauberbischofsheim. Eine Liebe, die längst verflogen war, hatte sie von der badenwürttembergischen
Polizei zur nordhessischen verschlagen. Nun war kurz nach
Weihnachten
2011 eine kinderlose Tante von ihr gestorben, und die Kommissarin hatte ein
gemütliches
Fachwerkhaus in der Altstadt Ladenburgs geerbt, des alten Römerstädtchens
am
Neckar zwischen Heidelberg und Mannheim.
Irene Falter war dorthin gezogen und hatte sich zur Dezentralen Ermittlungsgruppe
Viernheim versetzen lassen. Viernheim, gerade noch Südhessen, war nur wenige Kilometer
vom badischen Ladenburg entfernt. Das war günstig, denn eine Versetzung von der Polizei
eines Bundeslandes in die eines anderen war im kleinstaatlichen Deutschland des
einundzwanzigsten Jahrhunderts nahezu unmöglich. Schon der Wechsel von
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Tauberbischofsheim nach Homberg war ein rarer Glücksfall gewesen.
So blieb Irene Falter zwar hessische Polizistin, wurde aber hin und wieder als Mitglied
einer länderübergreifenden Sonderkommission eingesetzt, die für spektakuläre Fälle im
Dreiländereck zuständig war.
An diesem Mittwoch im April war die Kommissarin daher trotz Freischicht in die
Dienstbereitschaft der Mannheimer Kripo eingeteilt. So kam es, daß ihr Handy das
Trompetenkonzert in Es-Dur dudelte, während sie in Latzhose und auf Knien die Holztreppe
ihres Häuschens mit einem Bandschleifer bearbeitete.
Sie drückte die grüne Taste und lauschte konzentriert. “Ich komme”, versprach sie dann,
ließ den Bandschleifer liegen, faßte im Vorbeigehen ihren Fliegerblouson, schloß die Haustür
hinter sich und sprang in ihren alten japanischen Kleinbus. Bis zum Landesmuseum waren
es nur wenige Kilometer.


***

Als Jonas Jordan aus dem Fahrstuhl in die Druckabteilung auf Ebene B stürzte, traf er
nahezu zeitgleich mit Notarzt und Feuerwehr ein. Mehrere Museumsmitarbeiter hatten die
schaulustigen Besucher von der Rotations-Druckmaschine zurückgedrängt und hielten sie
auf Distanz. Der Arzt erklomm die Maschine und beugte sich zu dem leblosen Körper, der
zwischen zwei Walzen eingeklemmt war. Genügend fachkundige Helfer waren da, so hob
Jojo seine Profi-Pentax, stellte auf Automatik und schoß. Halbtotale, Totale, Tele, Details,
Überblick, Perspektivenwechsel. Einige der Besucher sahen ihm mißbilligend zu, obwohl sie
selber gafften.
“Der Mann lebt”, rief der Notarzt den Feuerwehrleuten zu, “er muß hier raus!”
Einer der rot gekleideten Männer hob einen schweren Trennschleifer vom Boden und
suchte eine Steckdose.
“Halt!” Robert Feilhauer sprang dazwischen. “Wir können die Maschine von Hand zurück
drehen!” Im Nu hatte er ein großes Zahnrad entriegelt, aus einer Kaskade gezogen und
damit die Walzen entkoppelt. Er faßte in die Räder und begann, mühsam ein Druckwerk zu
drehen. Der Feuerwehrmann begriff, legte den Trennschleifer ab und half dem
Vorführtechniker. Ein anderer war zu dem Arzt hinaufgestiegen, und unter gemeinsamer
Anstrengung bekamen sie den Bewußtlosen frei.
Zwei Streifenpolizisten erschienen und verschafften sich einen Überblick. Während sie
begannen, Anschriften von möglichen Zeugen zu notieren, kam der Direktor samt Anhang
angetrabt und bahnte sich durch die Zuschauer einen Weg zur Maschine. Der Einsatzleiter
instruierte ihn. Die Beamten scheuchten nun die Schaulustigen weiter zurück, von denen
sich allerdings vier widersetzten.
“Lassen Sie sie hier”, rief Robert Feilhauer den Polizisten zu, “die gehören zum Haus.”
Wie wild begannen jetzt die Fotografen des MM und die Kameraleute des Rhein-Neckar-
Fernsehens zu knipsen und zu filmen. Aufgeregt rannte Pressesprecher Manfred Cordes vor
ihnen herum, fuchtelte mit den Armen und beschwor sie: “Meine Herren, bitte keine Fotos
und Informationen an die Öffentlichkeit, bevor wir Näheres wissen! In einer halben Stunde” –
das hatte er spontan entschieden – “findet eine Pressekonferenz im Auditorium statt, zu der
Sie alle eingeladen sind.”
Mittlerweile hatte der Arzt dem Verletzten eine Infusion angelegt und ihn transportfähig
gemacht. Augenscheinlich war dieser noch immer bewußtlos. Mittels eines Rettungstuchs
wurde der Mann von der hoch aufragenden Rotation hinabgelassen und auf eine Rollbahre
gebettet. Eine Frau aus der Museumsaufsicht zeigte den Sanis den Weg zum
Lastenfahrstuhl, und gemeinsam mit dem Arzt verschwanden sie hinter den Kulissen.
Die Sensation war vorbei, die Menge an Besuchern dünnte aus. Hinter der Absperrung
blieben zwei Wehrmänner zur Absicherung, Jonas Jordan, Feilhauer, drei ältere Männer und
eine rotbezopfte Frau um die Vierzig. Die vier Letzteren waren ehrenamtliche Mitarbeiter des
Museums. Feilhauer hatte sie für seine “Druckwerkstatt” gewonnen, ein wöchentliches
Angebot für Fachleute und Interessierte, die sich typografisch, drucktechnisch und
künstlerisch mit der alten Technik befassen wollten.
In diesem Augenblick traf eine junge Frau ein, in Fliegerblouson und einer Latzhose voller
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Holzstaub.



Zwei

Das bißchen Nieselregen spielt keine Rolle. Der gesamte März war trocken, und daher ist
der Wasserstand niedrig. So kann er leicht die Tür erreichen. Daß sie entdeckt werden
könnte, fürchtet er nicht. Zu tief hängen die Zweige und Ranken über das Ufer. Vor allem
aber verliert er keine Zeit durch das Fluten und Abpumpen in der Schleuse.
Das Fluten: Heute kann er darüber lachen, doch vor einem dreiviertel Jahr brach ihm der
Schweiß aus. Plötzlich veränderte sich das Geräusch des Stellmotors, sein Brummen fiel um
eine Oktave. Wo sollte er einen neuen Motor herbekommen? Und unbemerkt einbauen? Die
Überlastungssicherung sprang heraus, und er spürte, wie Puls und Blutdruck nach oben
schossen. Doch dann stellte er bei genauer Untersuchung fest, daß sich im Mechanismus
eine Biberratte verfangen hatte. Schnell entfernte er den Tierkörper und ließ ihn mit der
Strömung davontreiben.
Biberratten, Nutrias, gab es hier früher nicht. Wer weiß, wer sie eingeschleppt hat.
Vielleicht sind sie vom nahen Zoo ausgebrochen? Auf jeden Fall scheinen sich die
hasengroßen Tiere mit den beeindruckenden orangefarbenen Nagezähnen in dieser
Flußlandschaft wohlzufühlen. Die trägen Lastkähne stören sie nicht, schon gar nicht in ihrem
Fortpflanzungsdrang.
Er steuert seinen Kahn in die kleine Bucht und legt an. Früher hat er am Ufer der
Jugendherberge festgemacht, doch seitdem ein paar Kids das Boot fanden und es den Fluß
hinabtreiben ließen, hat er den Anlegeplatz gewechselt, auch wenn dieser der Tür näher
liegt.
Er packt Angelzeug und Schemel aus. In Gummistiefeln und mit Metzgerkappe wird ihn
jeder für einen der Hobbyfischer halten, die hier und da am Ufer schweigend ins trübe
Wasser starren.
Er spürt den schweren vierbärtigen Schlüssel in der Tasche seines Anoraks und möchte
am liebsten sofort aufbrechen. Doch er muß sich in Geduld üben. Der Teufel will’s, und
jemand sieht ihn, selbst in der Einsamkeit eines regennassen Ufers. Er gibt sich zehn
Minuten, hockt auf dem Schemel, verkeilt die Angelrute zwischen Steinen und starrt auf den
Blinker. Die Ohren spitzen, die Augen unterm Kappenschirm wandern lassen und innerlich
zehnmal bis sechzig zählen.
Langsam steht er auf und schlendert nach links, schlüpft unter die herabhängenden,
triefenden Zweige. Sollte ihn jetzt tatsächlich jemand beobachten, so wird es wirken, als ob
der Angler mal pissen müßte. Er greift den Schlüssel und steckt ihn in die verrostete Tür.


***

Als sich Hauptkommissarin Irene Falter von den beiden Streifenkollegen und den
Feuerwehrleuten hatte informieren lassen, erkannte sie Jonas Jordan, der sich mit seiner
Fotoausrüstung auf einer Papierrolle niedergelassen hatte.
“Herr Jordan, so sieht man sich wieder!” Vor zweieinhalb Jahren hatten sie sich
kennengelernt, um im Odenwald einen fünfzig Jahre alten Mord aufzuklären. Ihr fiel ein, daß
Jojo ja ganz in der Nähe wohnte.
“Waren wir nicht beim Du?”, versuchte Jojo einen alten Journalistentrick, da er hoffte, so
mehr Details über die Ermittlungen zu erfahren.
Die junge Frau blickte irritiert. So genau konnte sie sich nicht mehr an das Gespräch 2009
in Wald-Michelbach erinnern. Doch sie ließ sich darauf ein.
Das Erstaunen war indes auf der Seite des Journalisten. “Bist du von Homberg hierher
strafversetzt worden?”, scherzte er.
Falter klärte ihn auf. “Rein freiwillig. Meine jetzige Dienststelle liegt in Viernheim. Ich wohne
in Ladenburg.”
Die alte Römerstadt war nur wenige Kilometer von Jojos Häuschen entfernt. “Und da wirst
du im badischen Mannheim eingesetzt?”
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“Es gibt eine Sonderkommission für das Rhein-Neckar-Dreieck, die bei Gewaltdelikten
aktiv wird. Und das hier sieht ganz danach aus. Ich habe leider nicht viel Zeit”, fuhr sie fort,
“weil ich noch einige Leute befragen muß. Daher nur kurz: Würdest du uns deine Fotos zur
Verfügung stellen?” Der Journalist bejahte.
Sie verabredeten sich zum Mittagessen in der Cafeteria des Museums, einer im Originalstil
wiederaufgebauten Arbeiterkneipe der zwanziger Jahre. Irene Falter strebte davon, weiteren
Zeugen zu, und auch Jonas mußte sich auf den Weg zum Auditorium machen, wollte er
rechtzeitig zu der Pressekonferenz erscheinen.
Das Auditorium, ein Hörsaal im Museum, war zu einem Drittel gefüllt. Manfred Cordes hatte
es nicht verhindern können, daß sich die Neuigkeiten zumindest in Journalistenkreisen wie
ein Lauffeuer verbreitet hatten. Eine Menge an Autoren, Fotografen, Moderatoren und
Kameraleuten, letztere mit Technik-Gefolge, hatte sich versammelt, viel mehr als zu der
morgendlichen Präsentation eines Wankelkolbens, bei der man aus Faulheit und Zeitmangel
eher am Redaktionsschreibtisch auf die fertigen Pressebilder und -erklärungen des
Museums zurückgriff. Ohnehin hätte der dreieckige Kolben trotz seiner Exotik lediglich eine
kurze Notiz im Lokalteil ergeben, wenn er nicht gar auf der Seite “Aus aller Welt”
untergebracht worden wäre, zwischen einem Busunglück in Costa Rica, der neuen Flamme
von Bruce Willis und dem Schaf im schottischen Aberdeen, das ein Radio verschluckt hatte
und nun seine Wiese beschallte.
Bei der Pressekonferenz waren die Rollen vertauscht. Direktor Suhlmayrli begrüßte kurz
die Anwesenden und überließ dann seinem Pressesprecher den weiteren Verlauf. Schon im
Vorfeld hatte Manfred Cordes abwägen müssen zwischen den Folgen, die die Nachricht von
dem Menschen haben konnte, der in einem Exponat des Museums eingeklemmt worden
war. Möglich, daß sich nun weniger Besucher ins Landesmuseum trauten, weil sie
fürchteten, in eine laufende Maschine zu geraten. Auf jeden Fall würden sie ihre Kinder
zuhause lassen. Andererseits zog eine Sensation natürlich Schaulustige an.
Cordes hatte sich für eine seriöse Darstellung entschieden. “Meine Damen und Herren, es
ist selten, daß in einem Museum zwei prägende Ereignisse an einem Tag stattfinden. Heute
morgen hat Frau Cheryl McClone vom US-Konsulat im Namen von Wrong Incorporated
unserem Haus den größten Rotationskolben übergeben, der je in Serie hergestellt wurde.”
Cordes suchte unter den Anwesenden nach der Frau, die jedoch offenbar bereits abgereist
war, aus welchem Grund auch immer. Doch dort saß Lars Naumann, der zuständige
Konservator, den Cordes mit einer Handbewegung nach vorne bitten wollte.
Naumann hatte sich halb erhoben, als es aus der Menge von Journalisten erscholl:
“Lassen Sie Ihren Kolben doch rotieren, wo er will! Erzählen Sie lieber von dem Unfall!”
“Gerne.” Cordes war flexibel und entfernte sich ein paar Schritte vom Rednerpult.
Fotografen kamen heran, und Kameras surrten. “Gegen elf Uhr heute morgen entdeckten wir
eine bewußtlose Person in einem Exponat, einer großen Druckmaschine.” – “Nicht tot?” –
“Nein, der Notarzt stellte fest, daß der Mann lebte. Er wurde in die Klinik gebracht.”
Nun redeten die Journalisten durcheinander. “Wer ist es?” – “Besteht Lebensgefahr?” –
“War es ein Unfall?”
Der Pressereferent hob beide Hände. “Eins nach dem anderen. Ob Lebensgefahr besteht,
wissen wir nicht, es gibt noch keine Information aus der Klinik. Auch die Identität des Mannes
ist uns bis dato unbekannt. Wir werden Sie informieren, sobald wir Näheres wissen.”
Cordes kehrte zum Mikrofon zurück, da seine Stimme nur mit Mühe in die letzten Reihen
vordrang. Aus dem Augenwinkel sah er auf dem Pult vor sich einen Zettel liegen. Die
Lautsprecheranlage machte ihn wieder hörbar. “Ein Unfall kann nicht ganz ausgeschlossen
werden, wir halten das allerdings für unwahrscheinlich.”
“Das heißt, es gab einen Mordversuch?”
“Es hat den Anschein, daß der Mann mit Gewalt in die laufende Maschine gedrückt und
dann eingeklemmt wurde. Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß weder wir noch die Polizei
jetzt spekulieren möchten.”
“Ist die Maschine voller Blut? Werden Augenzeugen psychologisch betreut?” Offenbar war
auch ein Mitarbeiter der örtlichen Bildzeitungs-Regionalausgabe anwesend.
“Nein, Blut werden Sie keins finden.” Manfred Cordes ärgerte sich über die Sensationsgier
mancher Leute, die sich dreist “Journalisten” nannten, nur weil sie es nicht zu einem
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anständigen Beruf geschafft hatten. “Und was die psychologische Betreuung angeht: Wie
Sie wissen, sind Mannheimer seelisch robust.” Er sah dem Fragesteller ins Gesicht. “Ich
würde eher Ihnen eine berufliche und moralische Betreuung empfehlen.” Viele lachten, der
Bild-Reporter blickte grenzdebil.
Eine Journalistin, die Cordes der “Rheinpfalz” zuordnen konnte, fragte: “Ist die Maschine
beschädigt? Werden Sie sie in Zukunft noch laufenlassen?”
“Ich vermute nicht, daß das Exponat Schaden genommen hat.” Der Pressereferent sah
eine Chance, künftigen Besuchern die Angst zu nehmen. “Sämtliche Vorführungen in
unserem Haus werden von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt und sind sicher. Eine
Gefahr für Besucher besteht in keiner Weise.” Er wußte, daß dies nicht ganz der Wahrheit
entsprach. Das Museum mußte ständig den Spagat zwischen laufender alter Technik, zu
wenig Personal und modernen Sicherheitsanforderungen bewältigen. “Wo der Verletzte lag”,
fuhr er fort, “kommt kein Besucher unseres Hauses hin.”
Manfred Cordes war klar, daß alle darauf warteten, den Tatort im Bild festhalten zu
können. Er fügte an: “Wir haben einen Ortstermin für Sie vorbereitet. Bitte halten Sie sich vor
der Polizeiabsperrung, da die Spurensicherung noch nicht abgeschlossen ist.” Das war das
Stichwort für Robert Feilhauer, der die Meute Richtung Druckabteilung führte.
Cordes blieb zurück. Im Grunde war er damit zufrieden, wie er heikle Themen umschifft
oder gemeistert hatte. In sein Bewußtsein drang nun der Zettel vor ihm auf dem Pult. Er
hatte ihn dort nicht hingelegt. Stammte er vom Direktor, der ihm noch Anweisungen hatte
geben wollen? Aber warum war das Blatt dann zusammengefaltet? Cordes klappte das
Papier auf.
In ungelenker Handschrift stand dort: “Langenburger Spezialität”. Was sollte das? Hatte
jemand den Zettel versehentlich dort liegenlassen? Er knüllte das Papier zusammen, warf es
in den Papierkorb und vergaß es.
Währenddessen war in der Druckabteilung die Spurensicherung eingetroffen und begann
routiniert mit der Dokumentation. Der Bewußtlose hatte keinerlei Papiere bei sich gehabt.
Sollte er nicht überleben, ging ein Puzzlespiel zu seiner Identität los, Irene Falter war
deshalb unzufrieden. Sie konnte, das wußten alle Bekannten, schnell sauer werden, weshalb
ihr von Kollegen der Spitzname “Zitronenfalter” anhing.
Natürlich hatten die befragten Besucher, Zaungäste des Geschehens, nichts bemerkt, nur,
daß ein Mensch in der Maschine eingeklemmt gewesen war. Falter wandte sich an eine
stämmige Dame von Walkürenformat, begleitet von einem nicht weniger korpulenten Mann.
“Darf ich nach Ihrem Namen fragen?”
“Beckmonn”, kam es wie mit der Zwille geschossen und in hörbarem Mannheimer Idiom,
“Marlies Beckmonn. Un des is moi Kort.”
“Herr und Frau Beckmonn”, wiederholte die Polizistin und notierte den Namen.
“Noo, ‘Beckmonn’ mit ‘A'”, widerbrüllte die Kurpfälzer Trompete, “un ‘Kort’ mit ‘U’ wie
‘uunbeschreiblisch’.” Natürlich hatte sie zu dem Täter eine Theorie: “Des war doch sischer
die Fraa, die wo die Polizischtin in Heilbronn erschosse hot”, spekulierte die Dampfnudel.
“Die mißt ihr doch endlisch emol schnappe!”
Bevor Irene Falter antworten konnte, mischte sich der Ehemann der Besucherin ein. “A
hea, Marlies, was babbelsch dann widder? Des war doch des Phantom mit denne
Wattestäbsche!” – “A wie”, wandte sich seine Gattin an ihn, “die hewwe se mit
Wattestäbsche erschosse?” – “Noo, mit denne Stäbsche isch doch en falscher SchpuckeTescht
gemacht worre.” – “Hot die Tot’ noch schpucke kenne?” – “Oh, Marlies, heb doch dei
Schnut,
wann d’ nix verschtehsch!”
Seufzend wandte sich die Kommissarin von der doppelzentnerschweren Spekulateuse ab
und kehrte zu ihren Streifenkollegen zurück. Sie wartete auf Oberkommissar Ronellenfitsch,
der bereits seit längerem überfällig war.
Günter Ronellenfitsch kam aus dem Kraichgau, der Gegend südlich von Odenwald und
Neckar, und sein Nachname wies Kenner unmißverständlich darauf hin, daß er aus jenem
Dorf stammte, dessen Einwohner seit Jahrhunderten lediglich zwei Gruppen angehörten, die
sich durch ihre beiden Familiennamen unterschieden. So war deren Genpool sehr lokal
begrenzt, und Günter Ronellenfitsch galt dort als der intellektuelle Überflieger, da er es bis
zum Oberkommissar geschafft hatte. Allerdings wurde er, wann immer er sein Heimatdorf
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besuchte, mißtrauisch beäugt, hatte er doch seine Wurzeln verraten, indem er in die weite
Fremde gezogen war, in das vierzig Kilometer entfernte Mannheim.



***

“Weißwürste! Wurstsalat!”, brüllte die Frau hinter der Theke. Natürlich war es Jojo bewußt,
daß Kenner nach elf Uhr vormittags keine Weißwürste mehr zu sich nehmen durften. Aus
Bayern stammend, hatten sie ursprünglich frisch nach dem Füllen gegessen werden
müssen, noch vor dem Mittags-Glockenschlag, wie es überliefert war. Immerhin trank er
stilecht ein Weizenbier dazu, wenn auch ein alkoholfreies. Irene Falter hatte Wurstsalat
bestellt, nach Schweizer Art mit Käsestreifen vermischt. Jonas trug beides von der
Selbstbedienungstheke zum Tisch.
Angewidert blickte die Kommissarin auf Jojos Teller. Die schlabbrigen Würste waren nicht
jedermanns Geschmack. Und als sie der Journalist pellte, mußte Falter unwillkürlich an ihre
Ausbildungswochen in der Gerichtsmedizin denken.
“Na gut, Händlmaier’s”, kommentierte Jonas das Senfbeutelchen, das Würsten und
Laugenbrezel beilag. Einst hatte er von einem Münchener Freund fünfundzwanzig
verschiedene Sorten süßen Senfes erhalten und einen Geschmacks-Flottenversuch
durchgeführt. Am besten hatte für ihn Mari-Senf von Kiefhaber abgeschnitten, doch den
bekam man in Baden nicht. Händlmaier’s lag dagegen im Mittelfeld und war genießbar, wenn
sich auch der Rechtschreib-Fetischist in ihm über den falschen Apostroph ärgerte.
Von ihrem Platz an der Brüstung konnten sie auf die unterste Ebene des Museums
hinabblicken. Die große alte Dampfmaschine war dort in den Boden eingelassen, und ein
Kollege Robert Feilhauers hatte sie gerade mit hauseigenem Dampf nahezu lautlos in
Bewegung gesetzt. Daneben war die Ausstellungseinheit zu Atomkraft zu sehen, die das
Thema durchaus differenziert präsentierte. Die alte wie die neue Energiequelle standen für
die Erzeugung von Strom, dem mächtigen Helfer des zwanzigsten Jahrhunderts und
wahrscheinlich auch zukünftiger Epochen. An der hohen Decke schwebte ein kleines
Flugzeug, der erste Raketenflieger der Welt von 1929.
Die junge Frau riß sich von dem Anblick los. “Könnte ich gleich deine Bilder haben?” Jonas
nahm seine Kamera zur Hand und zog die Speicherkarte heraus. “Du bekommst sie auch
schnellstmöglich wieder”, meinte Falter.
“Das eilt nicht”, erwiderte Jojo, “ich kopiere sie mir gleich. Die Bilder von der geplatzten
Wankel-Übergabe sind ohnehin separat gesichert.” Er nahm ein zigarettenschachtelgroßes
Kästchen zur Hand, steckte die Karte hinein und drückte einen Knopf. Irene sah ihm
aufmerksam zu. “Ein digitaler Massenspeicher”, erklärte er und gab die Karte an die
Kommissarin weiter. “Was bekomme ich im Gegenzug?”
Die Frau war auf die Frage vorbereitet. “Als erster Journalist sämtliche Informationen zu
dem Fall, falls dem nicht ermittlungstaktische Gründe entgegenstehen.”
“Motorrad-Journalist, bitte”, präzisierte Jojo, “so viel Zeit muß sein.”
“Die Druckmaschine sah mir aber nicht danach aus, als ob sie in ein Motorrad paßt”,
witzelte Irene. “Aber ich habe mir vor kurzem auch eines zugelegt.”
“Du hast den Einser-Führerschein?”
“Den konnte ich seinerzeit noch während der Ausbildung machen. Im übrigen heißt das
jetzt ‘Fahrerlaubnisklasse A’.”
“Was hast du dir gekauft?”, wollte Jojo wissen.
“Eine gebrauchte Moto 6.5 von Aprilia.”
Jonas zog anerkennend die Augenbrauen hoch. Die Moto 6.5 war 1995 vom französischen
Star-Designer Philippe Starck entworfen worden, wenngleich der bis dahin nur mit Möbeln zu
tun gehabt hatte. Folgerichtig war einiges an dem 650er Einzylinder unsinnig konstruiert. So
blieben mehrere Liter Sprit im Tank zurück, wenn das Motorrad bereits die Reserve
verbraucht hatte – der Benzinhahn war schlicht zu hoch angebracht worden. Später wurde
das durch eine zusätzliche Benzinpumpe kaschiert. Das war, als wenn man bei einer
Kaffeetasse versehentlich den Henkel innen angebracht hätte und nun dem Benutzer einen
wasser- und hitzefesten Handschuh mitlieferte statt eine neue Tasse mit Außenhenkel.
Immerhin bot die Moto 6.5 ein glattflächiges Bild, und alle Linien und Farben harmonierten.
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Darin unterschied sie sich von den meisten aktuellen Zweirädern, die frisch vom Band
bereits aussahen wie nach einer Kollision mit drei Mähdreschern.
Ein kleiner dicker Mann schnaufte zu ihrem Tisch. “Hier steckst du!”, sprach er Irene an.
Sie wandte sich ihm zu. “Ganz recht. Und dich habe ich vermißt.”
Das Gesicht des Dicken steigerte seine rote Farbe. “Stau auf der A6, und ich habe mein
Handy vergessen.”
“Darf ich vorstellen? Das ist Jonas Jordan, ein Journalist, der uns hoffentlich
aufschlußreiche Fotos vom Tatort geliefert hat. Jonas, Oberkommissar Ronellenfitsch,
Mitglied unserer Sonderkommission.” Günter Ronellenfitsch nahm Platz, seine Vorgesetzte
erklärte ihm, was bisher vorgefallen war, und versah ihn gleich mit Aufgaben. “Setz dich bitte
mit der Uniklinik in Verbindung. Sobald der Verletzte ansprechbar ist, wollen wir ihn
befragen. Und greif dir doch gleich einmal den Museumsmitarbeiter, der die Maschine
beaufsichtigt. Robert Feilhauer heißt er.”
Ronellenfitsch machte keine Anstalten aufzustehen und blickte sehnsüchtig auf Falters
Wurstsalat.
“Na gut”, meinte sie, “bevor du mir aus lauter Magersucht umkippst, hol dir was zu essen.”
Sein Gesicht hellte sich auf, und er nahm es ihr augenscheinlich nicht übel, als sie spöttelnd
anfügte: “So ein vergessenes Handy zehrt ja auch.”


***

Markus Dirkes war IT-Spezialist, achtundvierzig Jahre alt und Motorradfahrer. Er hatte Jojo
über das kleine Magazin Stress Press International kennengelernt, das sich selbst als
“Untergrund-Motorradzeitschrift” bezeichnete. Die Leser und Autoren, “Stresser” nannten sie
sich, trafen sich mindestens zweimal jährlich und waren ein seltenes Beispiel für eine
Gemeinschaft von Individualisten. Ein wie auch immer gearteter Club bestand nicht, was
erstaunlich war, da ja der durchschnittliche Deutsche sofort einen Verein gründete, sowie
auch nur drei Menschen im Umkreis von zweihundert Kilometern lebten. Die wenige
organisatorische Arbeit, die zu Produktion und Vertrieb des Magazins nötig war, wurde
ausschließlich ehrenamtlich und freiwillig erledigt. Dennoch bestand es bereits seit
siebenunddreißig Jahren – ebenso lange wie die Ehe der schwedischen Königin Silvia, die in
Heidelberg geboren worden und im Stadtteil Wieblingen zur Schule gegangen war. Welche
von beiden, die Zeitschrift oder die Ehe, länger überdauern würde, stand noch nicht fest.
Markus Dirkes und Jonas Jordan hatten bei sich eine gleiche Wellenlänge festgestellt,
waren beide Singles und sahen sich mindestens einmal pro Woche. Markus, der große
Blonde mit der Strubbelmähne, zog den Freund hin und wieder mit einer Geschichte auf, die
sie auf einem Treffen in der Oberpfalz erlebt hatten. Der Spätsommertag war warm
gewesen, und Jojo hatte am abendlichen Lagerfeuer festgestellt, daß er zu faul war, noch
sein Zelt aufzubauen. Markus’ Iglu stand bereits, doch Jonas wollte im Freien übernachten,
ungeachtet dessen, daß er nachts die Brille abnahm und daher den Sternenhimmel über sich
gar nicht sehen konnte.
“Heute nacht soll es aber noch regnen, hat es geheißen”, warnte Markus.
Jojo winkte ab: “Und wenn schon. Ich hab’ zur Not noch mein Zwei-Minuten-Zelt dabei.”
Er hatte den Unterschlupf bei einem großen Hamburger Zubehör-Versandhaus erworben,
wo er als “Notzelt, aufgebaut in zwei Minuten” für ein paar Euro angeboten gewesen war.
Ausprobiert hatte ihn der Journalist noch nie. Er schichtete sich eine Unterlage aus Laub und
rollte den Schlafsack darauf aus.
Natürlich begann es nach Mitternacht zu regnen. Jojo erwachte und holte das Bündel mit
dem Notzelt aus der Packtasche. Es bestand aus einer Wäscheleine sowie einer
rosafarbenen Mülltüte, die am Boden aufgeschnitten war, sodaß sie einen Schlauch bildete.
Der Plan war, die lange Leine durch den Schlauch zu fädeln, beide Enden an Bäume oder
Masten zu knüpfen und dann in den Schlauch zu robben.
Tatsächlich war dies in zwei Minuten geschehen. Doch er mußte feststellen, daß selbst
abgebrochene Riesen wie er über die Länge der Mülltüte hinausragten. Bald war der
Schlafsack an Kopf und Fuß durchnäßt, und das Wasser schlängelte sich am Boden des
Plastikschlauchs entlang, um auch noch den Rest zu durchfeuchten.
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Gegen drei Uhr nachts wachte Markus auf, weil jemand von außen den Reißverschluß
seines Zeltes öffnete. Er erkannte Jojos Stimme, die kläglich fragte: “Ist noch Platz bei dir?”
So früh wie möglich am nächsten Morgen baute Jojo sein komplett nutzloses “Notzelt” ab
und versuchte, es heimlich in der Mülltonne zu entsorgen. Doch konnte er nicht verhindern,
daß sich sein peinlicher Outdoor-Event wie ein Lauffeuer unter den Motorradfahrern
verbreitet hatte, sie ihn sämtlich im Kreis umstanden und freundliche Kommentare zu dem
Zwei-Minuten-Zelt absonderten: “Zwei Minuten bleibste trocken!” – “Überleben in der
Mülltüte.” – “Wenn du naß wirst, hängst du dich einfach über die Wäscheleine.” – “Nur die
Nassen können’s fassen!” – “Rüdiger-Nehberg-Grundausrüstung.”
Schließlich mußte auch Jojo mitlachen, und als Markus noch den Helm des Freundes
herbeibrachte, der ihn in der nächtlichen Eile nach oben geöffnet im Freien hatte liegen
lassen und in dem nun das Wasser schwappte, lagen sie sich kichernd in den Armen.
Jonas half Markus beim Zeltabbau, und der griff sich dessen Helm, um ihn geduldig unter
den Händetrockner in der Toilette zu halten, bis der Hut zumindest soweit entfeuchtet war,
daß einem beim Tragen nicht mehr die Brühe an den Ohren herunterlief.
Solche Erlebnisse schweißten die Freunde zusammen, wobei jeder darauf achtete, dem
anderen dessen Freiheit zu lassen. Interessanterweise hielten sich die gemeinsamen
Vorlieben in Grenzen. So schaute sich Markus jedes Motorradrennen und jedes Fußballspiel
im Fernsehen an, wogegen es für Jojo kaum etwas gab, für das er sich weniger interessierte.
Auch der Frauengeschmack konnte nicht unterschiedlicher sein, was allerdings den Vorteil
besaß, daß, hätte sich bei einem eine Beziehung ergeben, der andere garantiert nicht
neidisch geworden wäre. Doch dieses Szenario blieb ohnehin rein theoretisch, da jeder das
anstrengungslose Singledasein einer womöglich mühsamen Zweierkiste vorzog.
Heute war Markus Dirkes erschöpft. Er hatte bereits viermal das Script geändert, und
immer noch schien das Testprogramm auf dem PixelSense nicht richtig zu laufen.
Das Gerät sah aus wie ein großer Sofatisch, dessen Glasplatte aus einem Bildschirm
bestand. Auf dieser Platte konnte man durch Fingerbewegungen Bilder und Texte
erscheinen lassen, drehen, zoomen und ändern. Einen “interaktiven Screen” nannte man
das, und es war überall dort gut einzusetzen, wo ein Projektor mit Leinwand zu unflexibel
erschien, etwa bei Messepräsentationen oder Besprechungen im kleinen Kreis.
Nach der anstrengenden Programmiererei wollte Markus den Kopf frei bekommen. Er zog
sich die Textilkombi über, faßte nach Handschuhen und Helm und öffnete das Garagentor.
Seine V-Strom strahlte ihn an. Der Nieselregen hatte aufgehört, und ein lauer Wind trocknete
den Asphalt. Vor Markus lag der Odenwald mit seinen Tälern und Hügeln, seinen sanft
geschwungenen Straßen, seinen Wäldern und überraschenden Fernblicken, seinen stillen
Winkeln und Gasthöfen.
Markus Dirkes mochte es nicht, nur des Fahrens wegen unterwegs zu sein. Er brauchte ein
Ziel, und wenn es nur ein Vorwand war, sich aufs Motorrad zu schwingen. Da gab es doch
diese kleine Käserei bei Hüttenthal, nicht weit vom Mossau-Stausee entfernt. Dort konnte
man rasten, frischen Ziegenkäse und andere Milchprodukte kaufen und sich sogar durch die
Produktionsanlage führen lassen.
Nach dem Regen waren nur wenige Motorradfahrer unterwegs. Markus hatte im
Gegensatz zu dem Betrieb an sonnigen Wochenenden die Straße nahezu für sich allein.
Olfen flog vorbei und Güttersbach, und als er Hüttenthal erreichte, brach sogar die Sonne
durch. Markus Dirkes deckte sich mit Käse ein, holte sich einen Becher frische Buttermilch
und setzte sich auf eine der Vesperbänke im Hof. Auf ihrer Wiese kletterten Ziegen
Holzstapel hinauf, in den Birken zwitscherten Vögel, und drei Kinder turnten an den
Spielgeräten. Er genoß den Frieden.
Der wurde indes bald gestört durch die Martinshörner von Krankenwagen und Notarzt, die
auf der Bundesstraße 460 dem Marbach-Stausee zueilten. Auf dieser beliebten
Motorradstrecke hatte sich wahrscheinlich wieder ein subfontanell sparsam möblierter
Zweiradfahrer zu neunzig Grad Schräglage entschieden. Vermutlich vor dem Gafferparkplatz
am See, wo sich breitbeinige Testosteronhirsche traditionell gegenseitig die Haftgrenzen
ihrer Reifen vorführten sowie ihre Komplexe fütterten.
Die Buttermilch war leer, und nach einer Weile startete Markus die Suzuki für den
Rückweg. Über Beerfelden und Falkengesäß visierte er Neckargemünd an, wo er wohnte.
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Der Weg führte durch Unter-Schönmattenwag, ein umständlicher Name, den höchstens
Touristen hochdeutsch aussprachen. Weit und breit nannte man den Ort dagegen
“Schimmeldiwoog”, was, wenn man Historikern glauben durfte, von “schimmete Woog”
stammte, “schäumende Woge”. Der Laxbach, der durch das Tal floß, dachte jedoch nicht
daran, schäumende Wogen zu bilden, sondern plätscherte gemütlich durch sein Bett.
In Neckarsteinach stieß Markus auf die B45, die am Fluß entlang zu seinem Wohnort
führte. Plötzlich wurde ihm schwummrig. Sollte mit der Buttermilch etwas nicht gestimmt
haben? Er ließ die Suzuki auf den Standstreifen der breiten Bundesstraße rollen, klappte den
Seitenständer aus und stieg ab. Als er den Helm auf den Spiegel gestülpt hatte, ging der
Umweltlärm in lautes Rauschen über, das offenbar aus seinem eigenen Kopf stammte. Die
Straße kippte vor ihm weg. Er konnte sich im Fallen gerade noch abfangen. Dann wurde
alles weiß.


***

Günter Ronellenfitsch wollte nicht in fremden Revieren wildern. Um als Mannheimer in
Heidelberg zu ermitteln, war es geraten, sich mit den dortigen Kollegen zu verständigen.
Obwohl sie nur fünfundzwanzig Autobahnkilometer trennten, war das Verhältnis zwischen
beiden Städten traditionell gespannt. Heidelberg, das romantische Beamtenstädtchen,
vollgestopft mit Studenten und Touristen, sah sich in Konkurrenz zu Mannheim, das mit der
Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert enorm gewachsen und zu einer Arbeiterstadt
geworden war. Mittlerweile schien diese Zeit vorüber. Fabriken wurden stillgelegt, Mannheim
stöhnte unter einer hohen Erwerbslosenzahl und versuchte, durchaus mit Erfolg, sich zu
einer Kulturstadt zu entwickeln. Die Heidelberger Kultur litt dagegen an ewigem Gezänk
zwischen den vielen Kino-, Literatur- und Veranstaltungsvereinen. Es mangelte ihr an Rotem
Faden und Konzepten, woran Stadtverwaltung, Gemeinderat und derzeitiger
Oberbürgermeister nicht ganz unschuldig waren. Dennoch galt in Heidelberg der
hundertfünfzig Jahre alte Spruch – er stammte aus der Zeit der ersten Eisenbahnen:
“Monnem hinne!” Die Einwohner der Quadratestadt an Rhein und Neckar revanchierten sich
mit “Schloßbeleuchter!”
Das wirkte sich auch auf die Polizeiarbeit aus, und jedes Präsidium freute sich heimlich
über einen Mißerfolg des anderen, ungeachtet der verzweifelten Versuche der
Landesregierung, zu einer einvernehmlichen Zusammenarbeit zu kommen. Doch der
Innenminister saß in Stuttgart, im ungeliebten Schwaben, das, so sahen es die Kurpfälzer,
1952 Baden entgegen dem Ergebnis einer Volksabstimmung annektiert hatte. Sowohl in
Heidelberg als auch in Mannheim folgte man daher württembergischen Anordnungen nur,
wenn die Stuttgarter mit der Umleitung des Neckars drohten – in dem die Kurpfälzer
Eingeborenen im Übrigen gerne den einen oder anderen Schwaben untergetunkt hätten.
So rief Günter Ronellenfitsch bei den Kollegen in der Heidelberger Römerstraße an.
Kriminalhauptkommissarin Lene Laubach hatte durch Medien und Buschfunk vom
“Museumsfall” gehört und keine Einwände gegen eine Zusammenarbeit.


***

Das dreifarbige Wappen enthielt ein großes verschnörkeltes W mit Ausrufezeichen. Den
Buchstaben, klärte die Frau den Mannheimer Kommissar auf, nannten Eingeweihte “Zirkel”,
das Zeichen einer Studentenverbindung. Ronellenfitsch und Lene Laubach betrachteten das
dreistöckige neoklassizistische Haus, über dessen Eingangstür das Wappen hing. Es mußte
eine Menge Geld kosten, ein solch großes Gebäude zu unterhalten, das zudem vermutlich in
Heidelberg unter Denkmalschutz stand.
Neben dem Haus führte eine vergitterte Einfahrt in den Hinterhof, die Polizisten warfen
einen Blick hinein. Günter Ronellenfitsch erkannte einen dunkelgrünen Audi TT und zwei
Motorräder, deren Modelle er nicht bestimmen konnte. Eines allerdings erinnerte ihn stark an
ein Hängebauchschwein. Irene Falter hätte sicherlich die Marken erkannt. Immerhin
registierte er, daß die Kennzeichen aller drei Fahrzeuge mit “HD-W …” begannen.
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Die Eingangstür des Hauses war verschlossen. Laubach drückte einen Klingelknopf, über
dem ein Video-Auge angebracht war. In ein Messingschild war in gebrochener Schrift der
Name der Verbindung eingraviert: Wibelingia. Sie mußten eine Weile warten, bis sich eine
Männerstimme meldete.
“Ja?”
“Kriminalpolizei, mein Name ist Lene Laubach. Guten Tag. Dürfen wir eintreten?”
“Um was geht es denn?” Der Herrscher über die Pforte hatte offensichtlich wenig
Ambitionen, sich mit der Kripo zu unterhalten.
Lene Laubach und Ronellenfitsch sahen sich an. “Das würden wir gerne im Hause mit
Ihnen besprechen.”
“‘Wir’? Wieviele sind Sie denn?”
“Zwei. Hier steht noch mein Kollege Ronellenfitsch.”
Ronellenfitsch hatte den Eindruck, daß selbst das Summen des Türöffners widerwillig
klang.
Ein pickliger Bursche von vielleicht zwanzig Jahren öffnete. Die blonden Haare waren
gegelt, das weiße Hemd stak in einer teuren Leinenhose. ‘Immerhin hängt ihm der Schritt
nicht zwischen den Knien’, dachte Lene Laubach, die sich an die derzeitige Mode bei jungen
Männern noch immer nicht gewöhnen konnte. Der Bursche betrachtete sie stumm, bevor er
meinte: “Kommen Sie mit.”
Er führte sie in ein größeres Zimmer, das von einem langgestreckten Eichentisch
beherrscht wurde, der etwa zwölf Personen Platz bot. Die Wände waren mit
Korporationsfarben und Fotos von Gruppen junger Kerle geschmückt, die in vollem Wichs
und vermutlich nicht mehr nüchtern riesige Bierkrüge stemmten. Etliche von ihnen stellten
mehr oder weniger rote Gesichtsnarben zur Schau. Wibelingia war eindeutig eine
schlagende Verbindung. Günter Ronellenfitsch fielen auf Anhieb mehrere hochrangige
Politiker ein, die sich der Mensur unterzogen hatten, darunter ein ehemaliger
Ministerpräsident, der von Wiesbaden nach Mannheim gewechselt war. Sich gegenseitig die
Gesichter aufzuschlitzen, gehörte in diesen Kreisen zur zweifelhaften Ehre.
“Warten Sie einen Augenblick.” Der junge Mann ging zurück in den Flur und schlug einen
altmodischen Gong, der an der Wand hing.
Nach kurzer Zeit trat ein Mann ein, der einige Jahre älter und vor allem selbstsicherer
erschien als der erste. Ronellenfitsch schätzte ihn auf Ende Zwanzig. Er war schlank, seine
Kleidung saß korrekt, zu gestreiftem Hemd und grauer Stoffhose hatte er dunkle Lackschuhe
angezogen. Ronellenfitsch vermutete, daß das männliche Model das Geld seines Vaters auf
dem Körper trug. Die Haarfarbe konnte man schlecht beurteilen, weil sich der Mann die
Kopfhaut hatte rasieren lassen. Den Augenbrauen nach zu urteilen, mußte sie rabenschwarz
sein. Als er den Kopf wandte, schimmerte es, als trage er Kontaktlinsen.
“Guten Tag. Sie wünschen?” Im Hintergrund zog sich der gegelte Pfortenmeister zurück.
Die Polizisten stellten sich vor und fragten nach dem Namen ihres Gegenübers.
“Hartmut von Sicken. Ich bin in diesem Haus verantwortlich.”
“Herr von Sicken, es geht um Ihren Kommilitonen Siegfried Wienhausen.”
“Der ist nicht da”, kam es sofort.
“Das wissen wir. Er liegt nämlich im Krankenhaus.” – Der junge Mann zeigte keinerlei
Reaktion. – “Wollen Sie nicht wissen, was passiert ist?”
Statt einer Antwort bot ihnen der Student Stühle an. Er nahm selber Platz, lehnte sich
zurück, verschränkte die Arme und sah die Polizisten aufmerksam an.
Ronellenfitsch eröffnete mit der Routinefrage: “Wie stehen Sie zu Herrn Wienhausen?”
“Er wohnt hier. Er studiert Anglistik. Wir kennen uns nicht näher.”
“Herr Wienhausen ist ziemlich schwer verletzt. Wir vermuten, daß er von Unbekannten in
eine laufende Maschine gedrückt wurde.”
“Das ist bedauerlich. Und was können wir da tun?”
“Sie könnten uns Auskünfte geben, ob er vielleicht mit jemandem im Streit liegt, wie seine
finanziellen Verhältnisse sind und ob er irgendetwas mit Druckmaschinen zu tun hat.”
Von Sicken hob eine Augenbraue. “Wissen Sie, wir mischen uns nicht in private
Angelegenheiten ein. Ich weiß lediglich, daß Herr Wienhausen vom Bodensee stammt, aus
Meersburg. Aber mit dreckigen Tätigkeiten hat niemand von uns etwas im Sinn.”
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Lene Laubach mußte durchatmen und sich selbst zur Ruhe mahnen. “Halten Sie das
Druckerhandwerk für eine dreckige Tätigkeit?”
Von Sicken lächelte mit schmalen Lippen. “Unsere Korporation stellt die Elite von morgen,
und dazu passen keine schwarzen Fingernägel. Körperliche Arbeit ist für diejenigen
gemacht, denen es intellektuell nicht zum Studium reicht.”
Für Günter Ronellenfitsch verdichtete sich der Eindruck, daß sein Gegenüber ein
arroganter Schmierlappen war. Er grinste zurück, als er sagte: “Wenn ich es recht gesehen
habe” – er wies auf die Fotos an den Wänden – “betätigen Sie sich aber durchaus körperlich.
Oder bewegen Sie Ihre Fechtwaffen mittels Geisteskraft?”
Das Lächeln verschwand aus von Sickens Gesicht. “Ich glaube kaum, daß es zu Ihren
Aufgaben gehört, das zu beurteilen!”
“Und ich glaube kaum, daß unsere Aufgaben Ihrer Beurteilung unterliegen.” Der
Kommissar war jetzt verärgert. ‘Warte, Bürschchen’, dachte er, ‘wenn du unseren
Zitronenfalter auf dem Hals hast, wirst du wissen, was Säure ausrichtet!’ Laut sagte er: “Die
Aufgaben bestehen unter anderem darin, herauszufinden, wer Ihren Kommilitonen so
zugerichtet hat, daß er sein Leben lang nur noch einen Arm bewegen kann. Und dazu
können wir Sie gerne auch auf unser Präsidium bitten.”
“Ich bin mir nicht sicher”, erwiderte der Student, “ob Sie wissen, mit wem Sie es zu tun
haben. Theodor von Sicken ist mein Vater.”
“Gratuliere!”, ätzte Lene Laubach. “Müssen wir ihn kennen?”
Der junge Mann streifte die Kommissarin nur mit einem Seitenblick. Es war deutlich, daß
Frauen für ihn keine ernstzunehmenden Gesprächpartner waren, denn er richtete die
Antwort an den Polizisten: “Er ist Präsident von CCD und besitzt einigen Einfluß in Stuttgart.”
CCD, Crown Current Division, war ein internationaler Konzern der Elektroindustrie. Einer
der Hauptstandorte lag entweder in Heidelberg oder Mannheim. Genau konnte dies niemand
sagen, da die Grenze zwischen beiden Landkreisen quer über das CCD-Gelände verlief. In
der Fabrik wurden Elektrokomponenten für weltweiten Einsatz hergestellt.
Die Polizisten blieben von der geschilderten Stellung des Glatzen-Vaters unbeeindruckt,
was den Burschenschafter sichtlich wurmte. “Sie kommen aus Stuttgart?”, fragte Laubach,
ohne die Arroganz ihres Gegenübers zu beachten.
Wieder antwortete von Sicken nur dem Kommissar: “Nein, meine Eltern wohnen in
Nürnberg. Doch Sie können gerne bei der Stuttgarter Landesregierung nach ihnen fragen.”
Er bleckte kurz sein makelloses Gebiß.
Sie erkannten, daß von ihm vorerst keine verwertbaren Auskünfte zu Siegfried
Wienhausen zu erwarten waren. So gaben sie sich für den Moment damit zufrieden und
verabschiedeten sich, nicht ohne daß ihm Ronellenfitsch seine Visitenkarte in die Hand
gedrückt hatte mit dem Hinweis, er möge sich bitte melden, wenn ihm noch etwas einfalle.
Als die beiden das Haus verließen, warfen sie noch einen Blick in die Einfahrt. Ein
Motorrad fehlte nun, der Audi und das Hängebauchschwein waren geblieben. Hinter dem
Fenster stand von Sicken und ließ die Karte des Kommissars immer wieder über den
Fingernagel schnalzen, während er die Polizisten betrachtete, die die Straße hinunter
gingen.


***

Jonas Jordan liebte Orientierungsfahrten. Das waren keine Massenveranstaltungen,
sondern man konnte alleine sein mit seinem Motorrad. Zu Beginn bekam der Teilnehmer ein
Heft mit Fragen und Aufgaben in die Hand gedrückt, die ihn auf eine Strecke führten, je nach
Veranstalter über pittoreske Nebenstraßen. Alte O-Fahrt-Hasen rüsteten sich mit detaillierten
Straßenkarten aus, vielleicht sogar mit topografischen Blättern, Kompaß, Metermaß, Zirkel,
Fernglas, Höhenmesser und Bleistift.
Seit Handies und Tablets samt Internet-Funkanbindung Einzug gehalten hatten, wurde es
für die Veranstalter natürlich schwieriger, knifflige Aufgaben zu stellen. Doch bei Chinesen-
und Fischgrätenrallies halfen weder Computer noch Navi, und auch die Tonhöhe von
Kirchenglocken oder die Suche nach Bärlauch wurden von Wikipedia nicht unterstützt. Die
Benutzung elektronischer Helfer war für alte Fahrensleute ohnehin unter ihrer Würde. Bei
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guten O-Fahrten gab es überdies kein Zeitlimit, was Jojos Fahrstil entgegenkam, den er
“Motorradwandern” nannte.
Die Motorradfreunde Öhringen hatten eingeladen. Das Wetter war freundlich geworden,
und er rang eine Weile mit sich, ob er Irene anbieten sollte, auf ihrer frisch erworbenen
Aprilia mitzukommen.
Im Normalfall war Jonas ein militanter Verfechter des Alleinfahrens. Rudelbraten konnte er
nicht leiden. Und ein Rudel war für ihn alles, was über ein Motorrad hinausging. Entweder
mußte man zusehen, daß man dem Vordermann hinterherkam, oder man blickte fortwährend
in den Rückspiegel, ob der Nachfolgende die Kurve bewältigte. In beiden Fällen bekam man
von der Landschaft nichts mit. Ständig mußte man sich anderen anpassen – sie fuhren zu
schnell oder zu langsam, dann wollte jemand anhalten, um zu rauchen, ein paar Kilometer
weiter mußte der nächste pinkeln, tanken oder sein Motorrad reparieren. Und pausierte der
Schwarm, texteten sich dessen Bestandteile gegenseitig zu. Nein, zu elft spielte man
Fußball, zu dritt Skat, zu zweit Schach – und allein fuhr man Motorrad.
In diesem Fall jedoch machte er eine Ausnahme. Mit seiner Montesa war er ähnlich
motorisiert wie Irene mit der Moto 6.5, vielleicht glichen sich ja ihrer beider Fahrstile. Zudem
war ihm die junge Kommissarin in ihrer unkomplizierten Art durchaus sympathisch. Und
schließlich gierte der Journalist natürlich nach Informationen, nicht nur zu dem Fall des
Eingeklemmten, sondern allgemein zum Polizeialltag.
Jojo wählte also die Ladenburger Nummer. Zu seinem Erstaunen mußte er nicht lange
bitten. Irene hatte ihr freies Wochenende und war froh, den Renovierungsarbeiten an ihrem
Häuschen entfliehen zu können, wenn auch eine Motorradtour nur Vorwand war, ihr
schlechtes Gewissen zu beruhigen. Sinnvollerweise holte sie den Journalisten in dessen
Wohnort ab, der an der Badischen Bergstraße lag. Gemeinsam nahmen sie die Strecke quer
durch den Odenwald unter die Räder.
Öhringen liegt an der A6 östlich vom Weinsberger Kreuz und ist unter Insidern bekannt für
Paul Heyds Privatsammlung faszinierender Autos und Motorräder aus den fünfziger bis
achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Dort startete auch die Orientierungsfahrt an diesem Samstag im April. Nach einem
Begrüßungs-Kaffee erhielten sie ihre Aufgabenhefte. Sie blätterten sie auf. Schnell
erkannten sie, daß eine Rundstrecke durch die Hohenloher Ebene führte, eine malerische
Landschaft im Fränkischen an Jagst und Kocher. Über zwanzig Fragen und Prüfungen
waren zu beantworten und zu bewältigen, einige davon konnte Irene mit Hilfe der
Straßenkarte bereits am Startpunkt lösen, da sie im Bauland aufgewachsen war, der Gegend
um Tauberbischofsheim nördlich von Hohenlohe.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Es gab Fragen zu einheimischen Spezialitäten
zu lösen, zu Götz von Berlichingen, der hier gelebt hatte, zu den Bauernkriegen Anfang des
16. Jahrhunderts und zu bestimmten Begriffen der örtlichen Mundart. Die Route mied die
breiten Straßen und führte über Nebenstrecken, Dorfgassen und Feldwege. Vieles davon
war nicht ausgeschildert, und Reiterin und Reiter mußten sich gänzlich auf Karte und
Kompaß verlassen. Die Sonne half, indem sie ab und zu zwischen den Wolken hervorlugte.
Weikersheim wollte besucht werden, Schloß Langenburg mit seinem Fahrzeugmuseum
und einer der zahlreichen Weinberge, bei dem man die Rebsorte feststellen mußte, eine
Aufgabe, die ohne Unterstützung Einheimischer nicht zu bewältigen war.
In Rothenburg ob der Tauber scheuchte das Aufgabenheft die beiden ins Foltermuseum, in
dem ohne Erklärungen geschichtlicher Zusammenhänge Quäl- und Mordinstrumente aus der
Zeit gezeigt wurden, in der in Europa auf Geheiß der Kirche Millionen Menschen umgebracht
worden waren. In den Begleittexten wurden die zu Tode gefolterten und verbrannten Frauen
tatsächlich als “Hexen” bezeichnet, und zwar ohne Anführungsstriche. US-Amerikaner,
Japaner und andere Touristen drängten sich hier, um sich Horrorschauern hinzugeben sowie
der selbstgerechten Illusion, daß heute, vierhundert Jahre später, kein Mensch mehr
gefoltert oder ermordet wurde. Zumindest nicht auf Geheiß von Regierungen oder
Weltreligionen in den sogenannten zivilisierten Ländern. Fluchtartig verließ Jonas den Ort
der Geschichts- und Realitätsignoranz. Die Kommissarin mochte durch Beruf oder Charakter
robuster sein und blieb, bis sie die Frage im Heft gelöst hatte.
Die Sonne stand nun hoch am Himmel und schmolz die letzten Nieseltropfen aus den
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Wiesen. Zeit für eine Mittagspause. Aprilia und Montesa nahmen noch die Strecke nach
Braunsbach unter die Räder, dem Ort, auf dessen Marktplatz alljährlich ein bekanntes
Treffen von Veteranen-Motorrädern stattfindet. Ein paar Mal hatte Jojo als Journalist daran
teilgenommen und konnte daher seine Reisegefährtin zu einem gemütlichen kleinen
Restaurant führen, untergebracht im Tiefparterre eines alten Fachwerkhauses.
Aus der Karte wählte er ortstypische Käsespatzen, während sich Irene Linsen mit
Saitenwürsten bestellte. Als die Gerichte kamen, blickte Jonas, Kurpfälzer mit
nordhessischem Migrationshintergrund, mit ähnlicher Abscheu auf das Gericht der jungen
Frau wie diese vor ein paar Tagen auf seine Weißwürste. Was fanden die Süddeutschen nur
an Linsen? Ungeachtet des kulinarischen Schlaraffenlandes, das sich südlich der Mainlinie
erstreckte und in seinen Augen mit dem Paradies fusioniert worden war – er hatte ja lange
genug im chronisch salzkartoffelgepeinigten Waldeck leben müssen –, gab es hier einige,
wenn auch wenige Speisen, zu deren Genuß man einen teflonbeschichteten Magen
benötigte. Linsen mit Saitenwürsten gehörten dazu. Noch grausamer trieben es die
Schwaben, die diesem Problemmüll Spätzle hinzufügten, was eine Pampe ergab, mit der
Jojo nicht einmal Schlaglöcher füllen würde, und die möglicherweise Ursache der Niederlage
war, die die Badener im Bauernkrieg erlitten hatten. Jonas vermutete, daß damals mancher
Leibeigene die gegnerische Hellebarde den Magenkrämpfen vorgezogen hatte, die die
drohende Zwangsernährung mittels Lensa mit Schbätzla ond Saidawirschd zur Folge gehabt
hätte.
Irene Falter, geboren im Madonnenländchen, war in dieser Hinsicht ganz offensichtlich
belastbar und zeigte keinerlei Anzeichen von Brechreiz. “Ich würde gerne die restliche
Strecke vorausfahren”, bat sie. “Wäre das in Ordnung für dich?”
Jonas hatte von Anfang an bemerkt, daß ihre Fahrstile harmonierten. Keiner mußte
langsamer oder schneller fahren als gewünscht, beide mochten zu gleicher Zeit die Fahrt
unterbrechen, und selbst die Tankpausen unternahmen sie gemeinsam. Er fühlte sich wohl
und mußte zu seinem Erstaunen feststellen, daß ihn diese Frau auf ihrem 650er Eintopf
durchaus zum Rudelfahren verleiten könnte – vorausgesetzt, das Rudel überstieg zwei
Maschinen nicht. So stimmte er zu. Und nutzte Irenes Lächeln zur neugierigen Frage: “Seid
ihr bereits weitergekommen in dem Druckmaschinenfall?”
“Ja. Der Mann ist am Freitagabend erwacht und konnte befragt werden. Er heißt Siegfried
Wienhausen, ist 23 Jahre alt, studiert in Heidelberg und stammt vom Bodensee. Er wohnt in
einem Verbindungshaus.”
Verbindungshäuser waren Jojo durchaus ein Begriff. Das waren diese
Studentenwohnheime, die von Burschenschaften, eben Verbindungen, unterhalten wurden
und die ausschließlich Männern offenstanden, bei den meisten Korporationen nur
Mitgliedern. Den größten Teil des zum Unterhalt der Häuser nötigen Geldes brachten die
“Alten Herren” auf, ehemalige Studenten, die längst im Beruf standen und meist hohe
Positionen in Staat und Wirtschaft bekleideten.
“Konnte er Täter und Motiv nennen?”
“Nein, er konnte oder wollte sich an fast nichts mehr erinnern. Mein Kollege, der ihn
befragte, hatte allerdings den Eindruck, daß er etwas verschwieg.”
“Ist er schwer verletzt?”
“Sein linker Arm wird wohl gelähmt bleiben, die Schulter wurde zertrümmert. Alles andere
heilt, wie die Ärzte sagen.”
“Meinst du, man wollte ihn lediglich verletzen, oder war es ein Mordversuch?”
“Das ist bisher schwer zu sagen. Er hätte tot sein können. Deswegen bleibt auch unsere
Soko damit befaßt.”
“Wie geht ihr weiter vor?”, wollte Jojo wissen.
“Ronellenfitsch hat die Burschenschafter besucht. Viel haben sie allerdings nicht in
Erfahrung gebracht. Wienhausen stammt aus Meersburg, aber seine Burschenschaftsbrüder
wollten keine weiteren Informationen herausrücken. Ich habe den Eindruck, sie
verheimlichen etwas. Allerdings haben wir bisher nur mit einem von ihnen sprechen können,
offenbar der Kopf der hiesigen Wibelingia. Der Name soll übrigens vom Heidelberger
Stadtteil Wieblingen abstammen.”
“Wieviel Leute arbeiten denn in eurer Sonderkommission mit?”
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“Außer Ronellenfitsch und mir noch zwei feste Kollegen. Und je nach Bedarf ziehen wir
noch weitere hinzu. So hat die Kollegin Laubach aus Heidelberg geholfen …”
Jojo unterbrach sie: “Lene Laubach? Die kenne ich. Da gab es mal eine Pressekonferenz,
auf der sie einen recht guten Eindruck gemacht hat.”
“Einige dieser Wibelingia-Mitglieder in Heidelberg scheinen auch Motorrad zu fahren.
Ronellenfitsch meint, eines sehe aus wie ein Hängebauchschwein.” Sie lachte.
“Das kann nur eine Ducati Diavel sein. Seit der AJS E95 in den fünfziger Jahren hat es
kein so häßliches Design mehr gegeben. Sogar BMWs sehen besser aus, und die gehören
nur bei Nacht gefahren.”
“Weißt du zufällig etwas über motorradfahrende Burschenschafter einer schlagenden
Verbindung?”
“Nein, zumindest sind sie mir bisher nicht aufgefallen. Aber ich kann mich ja mal umhören.”
Unter den Jonas bekannten Motorradfahrern befand sich niemand mit tiefen Narben im
Gesicht – “Schmisse” sagte man dazu in einschlägigen Kreisen. Allerdings konnten Narben
ja auch andere Ursachen als Mensuren haben. Eine Fahrt zum Beispiel auf dem C1-Roller
von BMW konnte dazu führen, dachte er belustigt. Den Roller durfte man ohne Helm fahren,
mußte aber zwei Sicherheitsgurte anlegen, sonst ließ er sich nicht starten. Löste man dann
die Gurte mittels eines Zentralhebels, so schnalzten sie mit Wucht zurück, und ihre
Schlösser konnten dann dem Fahrer durchaus Mensurschmisse zufügen. Wäre das nicht
das ideale Dienstfahrzeug für eine schlagende Verbindung?
“Magst du mich auf dem laufenden halten?”, bat er die Kommissarin.
“Das habe ich dir ja bereits versprochen. Mit zwei Einschränkungen: Erstens erfährst du
nichts, was die Ermittlungen behindern könnte. Zweitens brauche ich dein IndianerEhrenwort,
daß ohne meine Zustimmung nichts an die Öffentlichkeit dringt.”
“Ich schwör!”
Am späten Nachmittag kehrten Irene und Jojo zurück, versehen mit Endorphinen und roten
Wangen sowie mit Gegenständen, die sie hatten finden müssen und deren Vorhandensein
am Zielpunkt geprüft wurde: ein rohes (und unbeschädigtes!) Hühnerei, ein Schälchen
Erdbeeren (und das im April!), eine Tüte mit regionalem Gebäck, eine Flasche Frankenwein
und ein Schokoladen-Nikolaus. Letzterer war jetzt im Frühling wohl das Schwierigste
gewesen. Doch Jonas kannte noch aus der Zeit seines Jura-Studiums den Wortlaut eines
Gesetzes zur Begrenzung von Schokoladenpreisen, das bei den Erstsemestern regelmäßig
für Heiterkeit gesorgt hatte: “Als Weihnachtsmänner im Sinne dieses Gesetzes gelten auch
Osterhasen.” Tatsächlich wurde von einigen Firmen die gleiche Gußform für beide Figuren
verwendet und nur unterschiedlich umhüllt. Entfernte man das farbige Stanniol, kam darunter
eine neutrale braune Figur zum Vorschein, sodaß Jojo den Veranstaltern einen SchokoNikolaus
vorweisen konnte – von Verpackung war ja nicht die Rede gewesen.
Unter dem weit auskragenden Vordach einer Bauernscheune klang der Tag aus. Die
Motorradfreunde Öhringen hatten Grillgut, Salate und Getränke besorgt, und nach der
Verleihung nicht ganz ernstgemeinter Preise begann der gemütliche Teil. Gegen halb Zwölf
rollte sich Jojo auf dem Scheunenstroh in seinen Schlafsack. Die Kommissarin hielt länger
durch und folgte später.


***

Die Sonne kitzelte sie aus dem Schlaf. Noch im Dämmerzustand roch Irene Kaffeeduft,
während das Stroh unter ihr bei jeder Bewegung knisterte. Sie fühlte sich wohl in ihrem
warmen Schlafsack, so blieb sie noch ein Weilchen liegen und ließ den vergangenen Tag im
Geist passieren. Es war angenehm gewesen, mit diesem Journalisten unterwegs zu sein.
Motorradfahrten hatten den Vorteil, daß man sich nicht ständig unterhalten mußte und
eigenen Gedanken nachhängen konnte. Doch selbst in den Pausen hatte Jonas sie nicht
zugeschwallt, wie sie es von vielen Männern kannte – die Realität stand wie so oft in
krassem Gegensatz zum Klischee. Wenn er allerdings den Mund auftat, konnte er eine
gewisse Klugscheißerei nicht verhehlen. Irene erfand auch gleich das Wort dazu: Jojopedia.
Bevor ihr indes zu wohl wurde, rief sich die Kommissarin zur Ordnung. Sie kannte diesen
Jordan ja kaum. Sie sollte besser aufpassen, daß sie ihm nicht zuviel erzählte. Zum einen
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wäre das ihrer Arbeit abträglich, zum anderen hatte sie schlechte Erfahrungen damit
gemacht, sich zu sehr auf einen Mann einzulassen. Nein, es tat nicht mehr weh, wenn sie an
jenen Lokführer dachte, dessentwegen sie sich vor Jahren von Tauberbischofsheim nach
Homberg an der Efze hatte versetzen lassen. So unstet wie sein Beruf war auch seine Art
gewesen, was Frauen anbetraf. Daher war schließlich die Liebe den Schienenstrang
hinabgerollt, und die Erinnerung daran war nur noch eine Seite aus einem fremden Roman.
Irene Falter kroch aus ihrem Schlafsack und meldete sich für eine Tasse Kaffee an.


***

Rübe fror. Er saß nun bereits zwei nächtliche Stunden vor dem Lieferanteneingang der
Chirurgie und wartete auf Jule. Trotz der Vollmondnacht war er kaum zu erkennen, denn vor
der Bank für die Raucher des Klinikpersonals stand ein dichter Thujabusch und warf seinen
Schatten auf den hageren Mann.
Sie waren verabredet. Regelmäßig. Seit Wochen. Rübe, wie ihn alle seiner Knollennase
wegen nannten, gehörte nicht zu jenen Fixern, die so weit unten gelandet waren, daß sie
sich ihren Schuß mit irgendwelchen Nadeln setzten, egal, ob sie steril waren oder gebraucht.
Nein, er wollte sein achtundzwanzigjähriges Leben nicht wegen einer völlig überflüssigen
Blutvergiftung oder Infizierung mit Aids aushauchen. Dann schon lieber einen Goldenen
Schuß, davon hätte er wenigstens noch etwas.
Sie nannte sich Jule. Wahrscheinlich war das nicht ihr richtiger Name. Egal. Jule war
Nachtschwester und hatte Rübe eines Morgens beim Nachhauseweg am Neckarufer
entdeckt, wie er dort im Gebüsch lag. Nach ein paar Sätzen war ihr klargeworden, daß sie
nicht als Streetworkerin geeignet war. Rübe hatte nur trocken gelacht, als ihn die junge Frau
von der Gefährlichkeit der Drogen überzeugen wollte. In einem Anfall von Mitleid hatte sie
ihm versprochen, wenigstens regelmäßig sterile Spritzen von der Diabetes-Station zu
bringen. Immer nur eine, damit es nicht auffiel. Das ging so nun bereits seit zwei Monaten.
Rübe war immer zuverlässig erschienen und hatte seine Nadel abgeholt. Seit Beginn war
zwei Uhr nachts ihr Date.
Die Milchglasscheibe der Tür leuchtete auf. Jule trat heraus, zu Rübe an die Bank, der die
Augen zusammenkniff, weil ihm die kleine Taschenlampe der Nachtschwester ins Gesicht
schien.
“Augen auf!”, befahl sie. “Ich will deine Pupillen sehen.” Rübe gehorchte.
Jule war nicht zufrieden. Doch was konnte sie schon erwarten bei einem Fixer, der sich auf
der steilen Rutschbahn nach unten befand, an deren Ende eine namenlose Urne wartete?
Sie drückte die Spritze in seine zitternde Hand. Dann zog sie noch eine Ampulle aus der
Kitteltasche. “Weil gerade Ostern war”, erklärte sie, und gab Rübe zusätzlich das
Glasfläschchen, drehte sich um und verschwand durch die Tür ins Innere.
Ja, sie wußte, sie war sentimental. Doch besser, Rübe drückte sich das Methadon in die
Vene als irgendein Dreckzeug unbekannter Herkunft. Natürlich würde die fehlende Ampulle
auffallen, die Bestückung des Giftschranks wurde streng kontrolliert. Doch kein Mensch
würde die Nachtschwester einer weit entfernten Station verdächtigen, zumal niemand von
dem illegalen Zweitschlüssel zu dem Schrank Kenntnis hatte.
Mühsam entzifferte Rübe die Beschriftung im Mondlicht. “Polamidon” – also Methadon! Er
wußte, daß das Zeug normalerweise tropfenweise geschluckt wurde, doch man konnte es
auch spritzen. Jule war wirklich ein prima Kumpel! Er sollte ihr gelegentlich einen Strauß
Blumen mitbringen, die er im Park rupfen konnte.
Er wollte gerade die Verpackung der Spritze aufreißen, als hinter der Scheibe des
Lieferanteneingangs erneut das Licht aufflackerte. Schritte waren zu hören. Wollte Jule noch
etwas von ihm? Vielleicht die Ampulle wieder holen, weil sie das Geschenk bereute? Die Tür
ging auf, und der Schein der Neonlampen beleuchtete den gepflasterten Zufahrtsweg.


***

Siegfried Wienhausen lag in einem Doppelzimmer der Mannheimer Chirurgie. Das zweite
Bett stand allerdings bereits seit zwei Tagen leer, den Zimmergenossen hatte man in die
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Rehabilitation entlassen. Nicht, daß Wienhausen dies bedauert hätte – er wollte seine Ruhe
haben, und der Mitpatient hatte ihm fast ein Ohr abgeknabbert. Ohnehin hing er am Tropf mit
Antibiotika, Sedativa und vor allem Schmerzmitteln. Ihm war dadurch kaum bewußt, daß er
eine zerquetschte Schulter besaß und seinen linken Arm nie wieder würde bewegen können.
Die Infusion sorgte für eine Art Dämmerzustand.
Nur undeutlich konnte er sich an die Geschehnisse jener Nacht erinnern. Sie hatten ihn
überredet, in das Museum einzusteigen. Warum allerdings die Alarmanlage geschwiegen
hatte, war ihm nicht klar. Jemand mußte sie rechtzeitig ausgeschaltet haben. Um was war es
eigentlich gegangen? Undeutlich erinnerte sich Wienhausen an einen riesigen dreieckigen
Metallklotz, dessen Seiten bogenförmig abgerundet waren. Sie waren gemeinsam einige
Rampen im Haus hinaufgegangen, danach setzte seine Erinnerung aus.
Meersburg kam ihm in den Sinn, die steile verwinkelte Stadt am Bodensee. Im Halbschlaf
sah er sich, wie er als Kind durch die Gassen streifte, auf geheimen Wegen in die Burg
gelangte. Am Ufer spielte er mit Kieseln und ließ flache Steine übers Wasser hüpfen.
Plötzlich lag der See unter heißer kalifornischer Sonne. Wienhausen stand auf den
Eingangsstufen der Universität, in der er sein Auslandssemester verbrachte. Dann wieder
saß er in der Kirchenbank, der Kindergottesdienst hatte begonnen. Plötzlich löste sich der
Pfarrer in Luft auf, und auf dem Altar erschien ein gewaltiger dreieckiger Metallklotz, auf
dessen glänzender Oberfläche sich bunte Lichtstrahlen spiegelten, die durch die
Kirchenfenster hereinfielen. Maschinengeräusch übertönte das Orgelspiel.
Kurz wachte Siegfried Wienhausen auf. Er blickte an eine weiße Zimmerdecke und
erinnerte sich diffus an Vorwürfe, die ihm gemacht worden waren. Wortfetzen gingen ihm
durch den Kopf: “Deutscher Erfindergeist … Elite … Diebstahl …”
Draußen hatte heute die Sonne geschienen, doch nun war sie hinter dem Horizont
verschwunden. Ein Pfleger der Spätschicht hatte nach dem Patienten geschaut, die
Übergabe an die Nachtschicht war erfolgt, und die Nachtschwester war bereits durch die
Zimmer gegangen. Wienhausen döste ein.
Es war eine ruhige Nacht auf der Station, nur ein Patient klingelte einmal nach der
Schwester. Etwa zwei Stunden nach Mitternacht öffnete sich leise die Tür zu Wienhausens
Zimmer, die Frau im weißen Kittel trat ein. Wie bei Nachtschwestern üblich, leuchtete nur
eine kleine Taschenlampe. Siegfried Wienhausen schlief. Die Frau trat an das Gestell mit der
Infusionsflasche, zog eine Spritze hervor, stach sie durch den Gummiverschluß und drückte
sie leer. So leise, wie sie gekommen war, verließ die Pflegerin wieder das Krankenzimmer.
Gegen Morgen, als die Nachtschwester ihre letzte Runde machte, holte sie eilends den
Arzt hinzu, der nur noch Siegfried Wienhausens Tod feststellen konnte.


Drei


Er hat lange nach den Bestandteilen gesucht. Wobei es weniger die Substanzen waren,
sondern die benötigte Menge. Doch nun verfügt er darüber und kann beginnen.
Ha, wenn sie wüßten, wie er das Temperaturproblem gelöst hat! Sie sind trotz ihrer ganzen
teuren Forschung nicht dazu in der Lage gewesen. Er hätte ihnen durchaus die Wege
gezeigt und die Mittel besorgt, aber so? Sie sind selber schuld, wenn sie meinten, daß sie ihn entlassen konnten.
Frau Doktor Asmus hatte nur noch resigniert abgewunken, als er ihr das
Entlassungsschreiben zeigte. Forschung und Entwicklung an dem Projekt waren eingestellt
worden. Order von ganz oben. Dabei waren sie kurz vor dem Durchbruch gewesen. Dumm
von ihnen, daß sie ihn alleine ließen. Er besaß das Vertrauen von Doktor Asmus und konnte
jederzeit Büro und Labor betreten. Pläne, ganze Akten hat er sich heimlich kopiert. Sie
wären allerdings nichts wert, wenn er nicht den entscheidenden Tipp bekommen und wenn
der Vater ihm nicht von der Tür erzählt hätte. Er ist damit in der Lage, alleine
weiterzuarbeiten.
Das soll wohl einst ein Trichter gewesen sein, ein Bombentrichter, von denen es nur vier in der ganzen Stadt gab. Seltsam genug. Doch ihm soll es egal sein. Die nötigen Geräte stehen
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bereit, der kleine leistungsfähige Kompressor, Inverter-Schweißanlage, Halon-Löscher,
Emaillierofen, die Meßinstrumente. Und darauf, wie er den nötigen Strom besorgt hat, ist er besonders stolz. Die große Spule hat er allein berechnet! Werktisch, Regale, Stuhl, eine leistungsfähige Beleuchtung – alles ist vorhanden. Zum Glück haben sie hier in der Nähe ein Institut neu möbliert, da konnte er sich beim Sperrmüll bedienen. Neu durfte er das alles nicht besorgen. Es hätte seine finanziellen Möglichkeiten überstiegen, und außerdem hätte es Spuren hinterlassen – Rechnungen, Belege, Erinnerungen von Verkäufern und Lieferanten. Nein, bis er mit der Entwicklung fertig sein wird, darf niemand davon erfahren.
Und selbst dann muß er äußerst geschickt den Verkauf einfädeln. Gerade jetzt, wo bald
Hunderttausende, wenn nicht eine Million damit ausgestattet werden sollen, werden sich die Hersteller darum reißen. Er überschlägt: Pro Stück zehn Euro, das wär’s doch! Zehn
Millionen – das wäre die Rache an den Ignoranten im fünften Stock.
Nun fehlt nur noch das Material. Das ist unterwegs.


***

Jojos Anrufbeantworter enthielt drei neue Nachrichten. Die ersten beiden konnte er
löschen, doch bei der dritten mußte er sich setzen. Das Heidelberger Krehl-Krankenhaus,
Teil der Universitätsklinik, bat ihn um Rückruf. Jonas war kerngesund, also konnte es sich
nur um Bekannte handeln. Er wählte.
“Herr Jordan, bei uns wurde ein Herr Dirkes eingeliefert, und wir haben bei ihm lediglich
Ihre Adresse gefunden. Von Angehörigen wissen wir nichts, Herr Dirkes ist noch bewußtlos.
Könnten Sie vorbeischauen und uns fehlende Informationen geben?”
Jonas versprach, so schnell wie möglich zu kommen. Die Montesa war noch warm von der
Rückfahrt aus Öhringen, und er saß auf, obwohl er zitterte.
An der Klinikpforte schickte man ihn zur Intensivstation, wo er sich anmelden mußte und
ein Arzt ihn empfing. “Herr Jordan, Sie sind ein Bekannter von Herrn Dirkes?”
“Ja, ein Freund.”
“Wir haben in den Papieren von Herrn Dirkes die Notiz gefunden, daß wir Sie
benachrichtigen sollen, falls ihm etwas zustößt. Ich gehe davon aus, daß das so in Ordnung
ist.”
“Natürlich, wir sehen uns oft.”
“Wissen Sie, wie man Angehörige von ihm erreichen kann, Ehefrau, Kinder, Eltern?”
“Markus lebt allein. Seine Mutter wohnt in einem Heim in Überlingen. Sie ist sehr betagt
und leicht verwirrt. Der Vater ist bereits gestorben, Kinder oder Geschwister gibt es nicht.
Was ist denn passiert?”
“Herr Dirkes wurde gestern zwischen Neckarsteinach und Neckargemünd auf der
Bundesstraße neben seinem Motorrad gefunden. Er hatte einen funktionellen Herzstillstand
und mußte defibrilliert und reanimiert werden. Er ist jetzt noch bewußtlos. Das Echo zeigt
eine sehr schwache Pumpfunktion. Wir werden eine Herzkatheteruntersuchung vornehmen,
um Näheres festzustellen. Derzeit wird er mit Infusionen stabilisiert.”
“Kann ich zu ihm?”
“Sicherlich. Und eine Bitte, die mir die Polizei ausgerichtet hat: Sein Motorrad steht noch
immer an der Straße, wir haben den Schlüssel. Könnten Sie sich darum kümmern?”
Von vielen Kabeln und summenden Geräten umgeben, lag Markus im Bett der
Intensivstation. Ein Sauerstoffschlauch führte zu seiner Nase. Er war blaß, und Jojo schien
es, als sei sein Gesicht eingefallen. Vielleicht war es lediglich ein falscher Eindruck durch
das zwei Tage lang unrasierte Kinn. Auf dem Monitor am Kopfende war die Herzkurve zu
sehen, die häufige Aussetzer und Extrasystolen aufwies. Der Freund atmete schnell. Jonas
legte ihm die Hand auf den Arm, wobei er erst eine freie Stelle suchen mußte, in der keine
Infusionsnadeln staken. Markus’ Atem schien nun ruhiger zu werden.
“Mensch, Kerl, was machst du für Sachen?”, flüsterte Jojo. Herzprobleme? Sollte Markus
davon gewußt haben, so hatte er jedenfalls nie darüber gesprochen. Eine Schwester kam ins
Zimmer. Sie grüßte und wechselte mit geübten Griffen die große Spritze in einem Gerät.
Eine Stunde lang saß er an der Seite des Freundes, der entgegen seiner vagen Hoffnung
nicht erwachte. Dann hielt er es nicht mehr aus, verließ das Krankenhaus und setzte sich auf
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eine Bank vor der Pforte. Er nahm sich vor, Markus so häufig wie möglich zu besuchen. Nun
mußte er sich zunächst um die Suzuki kümmern, sie in ihre Garage bringen und nach
Markus’ Wohnung schauen. Um im Urlaub gegenseitig Post und Blumen zu versorgen,
hatten sie einst ihre Zweitschlüssel getauscht.
Er lenkte die Montesa nach Neckargemünd und nahm von dort den Bus über die badischhessische
Grenze nach Neckarsteinach. Er entdeckte die Suzuki nicht weit vom
Ortsschild
und
fuhr sie zu Markus’ Wohnung.


***

Es hatte nachts ein wenig geregnet, die Wiese vor Jojos Häuschen glitzerte in der
Morgensonne. Jonas schnallte den Rucksack auf und rollte die MZ aus der Garage. Wenn
ihn jemand vor einigen Jahren gefragt hatte: “Welches Motorrad fahren Sie?”, so hatte er
gerne die Gegenfrage gestellt: “An welchem Wochentag?” In der Tat hatte er sieben
verschiedene Maschinen besessen und konnte auswählen, welche für den Tag am
geeignetsten erschien. Aber Fahrzeuge benötigten Pflege und ab und zu Reparaturen. So
hatte er seinen Fuhrpark auf vier Modelle reduziert: das Wasp-Gespann mit einem Liter
Hubraum; eine GasGas mit Trial-Genen zum Querfeldeinwandern; die fast dreißig Jahre alte
MZ, der er zu dreihundert Kubik, siebenundzwanzig PS und einem Tank mit ebensoviel
Litern verholfen hatte; und schließlich die grüne Montesa, mit der er meist unterwegs war.
Zugegeben – auf Tank und Motor stand ursprünglich “Honda”. Doch da die SLR 650 im
spanischen Montesa-Werk gebaut wurde und auch in den Papieren dieser traditionsreiche
Name stand, hatte Jojo die Embleme mit dem iberischen Logo überklebt und bestand auf der
Markenbezeichnung.
Die dreihundert Kilometer zum Bodensee konnte er natürlich auf der Autobahn
herunterreißen. Doch machte das Spaß, ganz zu schweigen von den ewigen Staus auf A6
und A81? Lieber kalkulierte er das Doppelte an Zeit ein und nahm sich Nebenstrecken vor,
die auf der Generalkarte gelb und manchmal grau eingezeichnet waren. Der Kraichgau lag
vor ihm, Schwarzwald und Hegau. Zu Beginn war auch noch ein wenig Odenwald dabei.
Wie mit einem gigantischen Rechen geformt, ziehen sich die Täler des vorderen
Odenwaldes von Nord nach Süd, bis sie auf den Neckar treffen. Eine kleine romantische
Fähre führt vom hessischen Neckarhausen zum badischen Neckarhäuserhof hinüber. Der
sogenannte Kleine Odenwald südlich des Flusses geht in die sanften Hügel des Kraichgaus
über. Durch Zabergäu und Enzgau konnte sich Jojo zwischen den nervtötenden Großstädten
Pforzheim und Stuttgart hindurchmogeln.
Südlich von Calw, am Fuß des Schwarzwalds, legte Jonas Rast ein. Mittag war vorbei, und
deutsche Wirtschaften hatten bis zum Abend geschlossen – als wenn der Mensch nur auf
Befehl der Uhr Hunger spürte. Restaurants mit ausländischen Spezialitäten waren da
flexibler. Ein etwas abseits gelegenes afrikanisches Lokal fiel Jojo ins Auge. Er war ein
wenig skeptisch, als er hielt. Wenn schon in dem kleinen Deutschland solch kulinarische
Gegensätze wie Labskaus und Verstorz existierten, welche Vielfalt bot dann erst der riesige
Kontinent Afrika zwischen Tripolis und Kapstadt? Und wie wollte man diesen Querschnitt von
Couscous und Mopane-Raupen auf einer einzigen Speisekarte darstellen?
Jojo wählte Pescado tropical. Serviert wurde ein Gratin von Süßkartoffeln, Maniok,
Pastinaken und Kochbananen, auf dem ein Seehechtfilet lag, das sich dort zu Recht sehr
wohl fühlte. Nach dem Essen übertrug sich das Gefühl auf Jonas. Angenehm, daß es in
diesem Landstrich noch etwas anderes gab als Schwarzwälder Kirschtorte und Schnitzel, die
man “Klodeckel” nannte – aufgrund ihrer Größe, nicht aufgrund des Geruchs.
Gegen Abend ging es hinter Bonndorf zum Bodensee hinunter. Über dem Wasser hatte
sich der übliche Nebel gebildet, und es wurde deutlich kühler. Das größte Binnengewässer
deutschsprachiger Anrainer trug den Namen “Schwäbisches Meer” zu Unrecht, da der
längste Teil des Ufers zu Baden gehörte. Die badischen Ureinwohner nahmen den
Württembergern auch diese Annexion übel. Ohnehin lebte im badischen Süden ein
eigensinniges Völkchen. Wie an vielen Orten Deutschlands hatten nach dem Zweiten
Weltkrieg zwischen Lörrach und Lindau SPD und KPD zusammengearbeitet und sich hier
am hartnäckigsten gegen die Spalterbefehle aus Hannover gewehrt.
22
Sipplingen liegt direkt am Bodensee, nur durch Uferstraße und eine Bahnlinie von ihm
getrennt. Jonas wurde herzlich im Haus seiner Freunde aufgenommen, die er noch aus
Heidelberger Studientagen kannte.


***

Nein, Jonas’ Besuch war zwecklos. Die alte Frau Dirkes saß in ihrem Sessel und blickte
teilnahmslos durch Jojo hindurch. Offensichtlich war ihre Demenz nicht von der aggressiven
Sorte, aber mittlerweile weit fortgeschritten. Hin und wieder gab sie summende Geräusche
von sich, das war alles.
Jonas hatte sie zu ihren guten Zeiten nicht gekannt, dennoch zog sich in ihm etwas
zusammen, als er der Frau mit ihren kurzen grauen Haaren gegenübersaß. Mußte ein Leben
so enden? Die Persönlichkeit eines Menschen, der gelacht und geliebt hatte, der zornig oder
duldsam gewesen war, löste sich einfach auf. Was ging vor in einem solchen Kopf? Gab es
noch helle Momente? Spielten Empfindungen und Wahrnehmungen eine Rolle, die der
Körper vielleicht gar nicht mehr ausdrücken konnte? Einen solchen letzten Lebensabschnitt
wünschte Jojo keinem Feind. Was würde er tun, wenn er einst bei sich selber Anzeichen von
Demenz entdeckte? Er wußte es nicht.
Jonas zog eine Kamera hervor. Er scheute sich fast davor, ohne ihre Einwilligung ein Foto
von dieser Frau zu machen. Doch er nahm es für Markus auf, der sich vielleicht über ein
möglicherweise letztes Bild von seiner Mutter freute.
Er hatte, obwohl ohne ihre Reaktion, Frau Dirkes von ihrem Sohn gegrüßt. Nun sagte er
Ade in das teilnahmslose Greisinnengesicht. Jonas verließ den Raum und gab im
Schwesternzimmer Bescheid.
Bevor er sich auf den Weg nach Meersburg machte, wollte er sich noch an etwas
Erfreulichem aufrichten. Er setzte sich auf die Terrasse eines Cafés am Ufer und blickte bei
einem Cappuccino auf den See hinaus, wo träge die Fähre nach Konstanz vorbeizog und
Segelboote und Motoryachten kleine Bugwellen hinterließen.
Auf der dicht befahrenen Uferstraße lenkte Jonas schließlich die MZ nach Meersburg. Die
Altstadt war für Kraftfahrzeuge gesperrt, und Parkplätze gab es kaum. Ein Glück, daß ein
Motorrad fast überall Platz hatte.
Er hatte im Telefonbuch nachgesehen: Den Namen Wienhausen gab es in Meersburg nur
einmal. Bei der Adresse drückte er auf den Klingelknopf. Aus der Sprechanlage meldete sich
eine brüchige Frauenstimme: “Ja?”
“Guten Tag, Jordan mein Name. Darf ich Ihnen ein paar Fragen zu Ihrem Sohn Siegfried
stellen?”
Ohne weiteren Kommentar summte der Öffner. In der Wohnungstür stand eine Frau in den
Fünfzigern. Die Augen waren verweint, die Mascara verlaufen. Ihre Frisur hatte offensichtlich
gelitten. “Kommen Sie rein.”
Sie führte ihn in ein Wohnzimmer, das im schwülstigen Stil der Gründerjahre eingerichtet
war. Befranste Teppiche und Läufer bedeckten den Boden, dunkelbraune Kommoden und
gußeichene Schränke schluckten das wenige Licht, das sich durch die schweren
Fenstervorhänge quälte. Einen mit Girlanden beschnitzten Holztisch umstanden Sessel wie
Kanonenboote. Goldgerahmte Schinken an den Wänden zeigten echten deutschen Wald,
einen Zeppelin über Friedrichshafen sowie mehrere Dackel, die sich vermutlich aus
Depression von dieser wilhelminischen Welt verabschiedet hatten.
Auf dem panzerschrankartigen Sofa saßen ein Mann Ende Fünfzig und eine junge Frau,
die Jojo auf knapp Zwanzig schätzte. Beide trugen wie die Mutter – Jonas vermutete, daß sie
es war – zu einer bedrückenden Atmosphäre bei. Ihn überraschte das nicht. Eine Familie,
deren Sohn mit zertrümmerter Schulter im Krankenhaus lag, würde wohl kaum eine fröhliche
Stimmung verbreiten.
Der Mann sah auf und betrachtete Jojos Ausstattung. “Sind Sie ein Motorradfreund von
Siegfried?”
“Ein Bekannter. Ich untersuche den Unfall Ihres Sohnes.”
“Unfall?” Die ältere Frau blickte verständnislos und schüttelte dann den Kopf. “Sie meinen,
daß aus Versehen eine falsche Infusion angehängt wurde?”
23
Achtung, Jonas!, dachte der Journalist. Hier gibt es entweder Mißverständnisse oder
Entwicklungen, die dir noch nicht bekannt sind.
Die unausgesprochene Frage wurde von der jungen Frau beantwortet, vermutlich Siegfried
Wienhausens Schwester. Sie setzte Jojo ins Bild. Vorgestern waren zwei Streifenpolizisten
bei Wienhausens erschienen, hatten ihre Mützen abgenommen und vom Tod des Sohnes
berichtet. Die Schwester war daraufhin sofort von ihrer Wohnung zu den Eltern geeilt. Die
örtliche Kripo hatte sich für Montag angekündigt.
Frau Wienhausen und Jonas hatten sich gesetzt. Das traurige Tuten eines BodenseeSchiffs
paßte zur Stimmung im Raum. Jojo benötigte eine Weile, um das Gehörte zu
verdauen,
bevor er sagte: “Was im Krankenhaus mit Ihrem Sohn geschah, wird die Kripo
untersuchen.
Ich weiß nur, daß bereits seine Verletzung durch das Druckwerk nicht von
ungefähr
erfolgt ist. Jemand hat ihn in die Maschine hineingedrückt.”
Die Mutter weinte lautlos in ihr Taschentuch. “Das wissen wir”, antwortete der Vater. “Wer
macht denn so etwas?”
“Um das herauszufinden, würde ich gerne mehr über Ihren Sohn erfahren. Möchten Sie mir
etwas über ihn erzählen?”
Der Vater lehnte sich zurück, während die Schwester mit gefalteten Händen und
gesenktem Kopf auf die dickflorige Perser-Simulation blickte. “Ich bin leitender Ingenieur in
einem großen Metallbearbeitungs-Unternehmen in Friedrichshafen. Wir sind immer davon
ausgegangen, daß unser Ältester auch einmal ein Ingenieursstudium aufnimmt …”
Die Mutter unterbrach: “‘Wir?’ Das war wohl alleine dein Wunsch!”
Wienhausen senior krauste die Stirn und blickte kurz verärgert zu seiner Frau, bevor er
fortfuhr: “Wie auch immer, Siegfried wollte das nicht, obwohl ich ihm bereits Kontakte in den
USA besorgt hatte. Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Ich hätte ihn später
mühelos bei uns in Friedrichshafen unterbringen können.”
Nun wandte sich die Schwester an ihren Vater: “Warum wolltest du Sigi dazu zwingen? Du
weißt genau, daß er mit deinem Beruf nichts anfangen konnte.” Und an Jojo: “Er hatte
Freude an Sprachen. Er wollte neben Englisch und Französisch noch Russisch und eine
skandinavische Sprache lernen.”
“Das hätte ihm doch erst recht alle Türen geöffnet”, wandte der Vater ein. “Er hätte es
wunderbar mit dem Maschinenbau verbinden können.”
Nun sprach die Mutter: “Siegfried war ein sensibler Junge. Er hat gerne gemalt und Musik
gespielt. Und er war leicht zu beeinflussen.”
“Ja, das war er”, stimmte ihr Mann zu. “Deshalb habe ich ihn in meiner alten
Burschenschaft in Heidelberg untergebracht. Ich hatte gehofft, daß er dort Disziplin lernte. Er
war einfach …” – er zögerte – “… zu weich. Manneszucht …”
“‘Manneszucht?'”, rief jetzt die Schwester und sah ihren Vater an. Ihr Gesicht rötete sich
vor Zorn. “Deine verstaubten Ansichten kannst du für dich behalten!”
“Nicht diese Äußerungen!”, bellte der Mann.
Die junge Frau reagierte nicht darauf. Sie war solchen Streit anscheinend gewohnt. Zu
Jonas sprach sie weiter: “Sigi war unglücklich in dieser biersaufenden Rotte! Er wollte die
Welt kennenlernen.”
“Und ich habe es ihm ermöglicht”, brauste nun Wienhausen senior auf. “Ich habe sein
Auslandssemester in den USA in die Wege geleitet. – Anglistik!” Er sprach das Wort
verächtlich aus. “Das kann man ja als Hobby betreiben, aber doch nicht als Beruf. Ich habe
meine Beziehungen genutzt, damit sich jemand von United Tecceram in San Diego um ihn
kümmerte. Vielleicht siehst du das endlich mal ein!”
“Könnt ihr immer nur zanken?”, rief nun die Mutter mit verweinten Augen. “Siegfried ist tot!”
Die beiden schwiegen. Jonas versuchte, das Thema zu wechseln. “Hatte Ihr Sohn
Freunde? Vielleicht ein Mädchen?”
“Er hatte seine Kameraden in der Verbindung …”, meinte der Mann.
Die Schwester murmelte dazwischen: “Freunde sind etwas anderes.”
“… und eine Freundin hatte er noch nicht gefunden.”
“Natürlich nicht!”, fuhr die junge Frau ihren Vater an. “Sigi war schwul!”
“Ich verbitte mir solche Beleidigungen in meinem Haus!”, schrie jetzt der Alte. “In unserer
Familie war nie jemand derartig krank!”
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Die Schwester stand vom Sofa auf und hatte die Fäuste geballt. “Wer hier krank ist, bist
du”, zischte sie zornbebend, “und zwar im Hirn! Nicht einmal jetzt hältst du zu deinem Sohn!”
Und zu Jojo: “Ich halte es hier nicht mehr aus. Wenn Sie noch mit mir sprechen wollen, rufen
Sie mich an.” Sie kritzelte eine Telefonnummer auf einen Zettel, gab ihn Jonas und verließ
grußlos die Wohnung.
Die Mutter hielt das Taschentuch vor ihr Gesicht und heulte nun hemmungslos.
“Ich glaube, ich gehe jetzt besser.” Jonas war die Szene peinlich. Er griff nach einer
Visitenkarte. “Ich lasse Ihnen meine Adresse da.” Er verabschiedete sich. Wortlos blickte ihm
der Mann nach, als er die Wohnung verließ.


***

Jojo konnte nur schwer mit der Atmosphäre in der Familie Wienhausen umgehen. Sie
erinnerte ihn stark an das Elternhaus seiner Mutter. Der Großvater war ein Patriarch
altdeutschen Schlages gewesen, nach dessen Pfeife die ganze Familie zu tanzen hatte.
Seine Frau, Jojos Großmutter – die Bezeichnung “Oma” war verpönt gewesen –, war mit
knäckebrotähnlichem Intellekt ausgestattet, was sie nicht an Arroganz und
Selbstgerechtigkeit gehindert hatte. Um Kinder, Küche und Haushalt hatten sich Bedienstete
kümmern müssen.
Nein, zur Feudalkaste hatte die Familie nicht gehört, was wohl die Großeltern zeitlebens
gewurmt hatte. Die Demütigung, die sie dadurch empfanden, hatte sie wie viele andere
Kleinbürger den Faschisten in die Arme getrieben. Noch lange nach dem Krieg empörten sie
sich darüber, daß US-amerikanische Soldaten nach der Befreiung der Kleinstadt auf ihren
wertvollen Biedermeierstühlen Platz genommen hatten. “Sogar ein Neger hat sich darauf
gesetzt!”, regte sich die Oma noch in den Fünfziger Jahren auf, als Jonas ein Kind war.
Allerdings, so gefühlskalt wie seine Oma war die Mutter von Siegfried Wienhausen
offenbar nicht. Wäre nicht dessen Vater dabei gewesen, hätte sie ihm vielleicht mehr
Informationen geben können. Auch mit der Schwester würde er sich gerne noch einmal
unterhalten, wenn sich die Gelegenheit dazu ergäbe.
Jonas entschloß sich, die Autofähre nach Konstanz zu nehmen und über Süd- und
Westseite des Bodensees nach Sipplingen zurückzufahren. Ein leichter Wind war
aufgekommen, und wie unbeholfen rollte das große Schiff auf den Wellen.
In Konstanz nahm Jojo die Gelegenheit wahr, sich die skandalumtoste, neun Meter hohe
Skulptur der Imperia anzuschauen, die der Bildhauer Peter Lenk 1993 wie eine
Freiheitsstatue an den Hafen gestellt hatte. Eine durch einen vorne offenen Umhang mehr
oder weniger bekleidete Frauengestalt breitete die Arme wie eine Hindu-Tänzerin aus und
ließ auf ihren Händen zwei nackte Männlein sitzen, einen gekrönten Kaiser und einen Papst
mit Tiara. Das ganze Ensemble drehte sich auf einem Sockel. Die Bedeutung war
offensichtlich: Regierende als auch Geistlichkeit waren Nutznießer und zugleich Opfer der
Prostitution – ob im direkten oder übertragenen Sinne und ob in Vergangenheit oder
Gegenwart, blieb dem Betrachter überlassen.
Der prüde Teil des sogenannten gesunden Volksempfindens hatte gezetert und sich
dadurch lächerlich gemacht. Honoratioren, deren Bordellbesuche offene Geheimnisse
waren, hatten sich am stärksten über die selbstbewußte Figur der Prostituierten aufgeregt.
Ganz Konstanz hatte gelacht. Außer ihnen. Mitgliedern des Stadtrats sowie dem Erzbistum
Freiburg war es nicht gelungen, die Figur der Imperia wieder abbauen zu lassen. Die
Deutsche Bahn, der das Gelände damals gehörte, hatte sich erfreulicherweise widersetzt.
Jojo hatte etwas übrig für selbstbewußte Frauen. Das Gesicht der Statue besaß einen
Ausdruck von Zielstrebigkeit, die sich einen feuchten Dreck kümmerte um das, was andere
denken mochten. Die große Frau lächelte spöttisch auf die Menschen herab, die zu ihren
Füßen wuselten. Das Gesicht schien Jojo vertraut – besaß es Ähnlichkeit mit Irene? Oder
mit Beate Aschenbrenner, jener jungen Frau, mit der er vor drei Jahren einen alten Mordfall
gelöst hatte?
Er hatte Lust auf einen kleinen Imbiß in einem Bistro am Hafen. Wie in allen
touristenübertrampelten Orten waren auch hier die Parkplätze knapp, und er freute sich
erneut, daß er mit einem Motorrad unterwegs war. Damit fand er immer eine Lücke.
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In Belgien hatte man Untersuchungen angestellt, daß alle Stau- und anderen
Verkehrsprobleme in den Städten gelöst werden könnten, wenn nur zehn Prozent der Autos
durch Roller oder Motorräder ersetzt würden. Auch die Stadtverwaltung Londons hatte das
kapiert und Zweirädern kostenfreie Einfahrt in die Stadt gestattet, als sie vor einigen Jahren
eine PKW-Maut eingeführt hatte. Nur in Deutschland blieben Politik und Medien wie gewohnt
stur und beteten regelmäßig die Rosenkränze der tödlichen Gefahr, die von
“unverantwortlichen Rasern” auf Motorrädern ausging, die mit mehr als
Schrittgeschwindigkeit unterwegs waren. Ein ehemaliger Ministerpräsident BadenWürttembergs,
der inzwischen nach Brüssel entsorgt worden war, hatte gar einst das
generelle
Verbot aller Motorräder gefordert.
Nachdem sich Jojo eine Quiche lorraine bestellt hatte, erschienen zwei Pärchen, die
unschwer als Motorradfahrer zu erkennen waren, in quietschbunten Lederanzügen, die
Männer mit den neumodischen Kamelhöckern am Rücken. Sie setzten sich an den
Nebentisch. ‘Rudelbrater!’, dachte Jonas und blickte in eine andere Richtung. Er mochte es
nicht, daß manche Menschen ihre Zeitgenossen belästigten, sofern sie irgendeine
Gemeinsamkeit entdeckten.
Doch es mußte so kommen: Nachdem die Bedienung mit der Bestellung der Vier
davongezogen war, schallte es in Richtung Jojo: “Na, auch unterwegs?”
“Nein, ich sitze schon seit November hier.” Jonas wollte nicht extra an einen entfernteren
Tisch wechseln und hoffte, durch Unfreundlichkeit die Lästlinge vom Hals zu bekommen. Der
Nachbar verstand jedoch die Ironie nicht und beschloß, die Antwort zu ignorieren. Aus dem
Augenwinkel bemerkte Jonas einen “Gold-Wing”-Aufnäher an dessen Rüstung. Auch das
noch! Unterwegs mit Zwei-Zimmern-Küche-Bad, wahrscheinlich mit kompletter ChristbaumAusstattung,
die eine Kleinstadt hätte beleuchten können.
Nur ein paar Meter weiter stand Jojos MZ. “Deine?”, fragte der Christbaum-Fahrer und
deutete in die Richtung. “Wasn das?”
Zugegeben, die Marke war nach zahlreichen Umbauten nicht unbedingt gleich zu
erkennen. “Motorradwerke Zschopau”, antwortete er kurz angebunden.
Der Kamelbuckel blickte verständnislos. “Das waren die Zweitakter aus der Ehemaligen”,
half ihm eine der beiden Frauen auf die Sprünge, die offenbar seine Ahnungslosigkeit nicht
teilte.
“Honeckers Eierfeile”, lachte Wohnmobil-Lenker Numero Zwei.
“Zweitakter?” Der Goldflügel wunderte sich. “Darf man mit denen noch fahren?”
Jonas seuzte. Er sah ein, daß er die Konversationsparasiten nicht stoppen konnte. So
bemühte er sich zu erklären: “Zweitakter stoßen als Luftmangel-Motoren, ebenso wie
Wankel-Aggregate, wesentlich weniger Stickoxide aus als Viertakter. Mit Direkteinspritzung
zählen sie sogar zu den saubersten Verbrennungsmotoren.”
“… und schlucken Öl”, mischte der zweite Mann sein Halbwissen in das Gespräch.
“Ich fahre mit Mischung Eins zu Hundert”, sprach Jojo erschöpft, denn diese Diskussion
hatte er unzählige Male führen müssen, da selbst sogenannte Fachzeitschriften die
technischen Märchen wiederkäuten. “Das ist weniger Öl, als mancher Viertakter verbrennt.”
Den Kreuzfahrtschiff-Kapitänen fiel dazu nichts mehr ein. Wenn sie es denn überhaupt
verstanden hatten, konnten sie die Informationen nicht in ihre Welt einordnen.
Glücklicherweise erschien die Bedienung mit den bestellten vier Hyper-Titanic-GalaktoEisbechern
(light, aus der Diätkarte) mit Schokolikör, Extra-Sahne, Waffeln und ButtercremeGarnierung),
und die beiden Pärchen wandten sich den Kalorien zu.
Jonas schaltete sein Handy ein. Er gehörte zu der Minderheit, die erstens kein Smart- oder
Wie-auch-immer-phone besaßen, sondern ein uraltes Mobilteil mit ewig haltbarem Akku und
besserer Sprachqualität als diese tastenlosen Schminkspiegel, die man mit fettigen Fingern
verschmierte. Zweitens schaltete er das Gerät nur ein, wenn er es wirklich benötigte.
Die Mobilbox meldete sich: “Sie haben einen neuen Anruf.” Jonas wählte die Nummer.
Die Stimme von Irene hatte eine Nachricht hinterlassen: “Hallo Jojo, ruf mich bitte zurück.
Es gibt Neuigkeiten in unserem Museumsfall.”
Nun, auch er hatte Informationen erhalten. Er wählte Irenes Nummer und meldete sich.
26
“Grüß’ dich, Jojo, danke für den Rückruf. Du, Freitag morgen haben sie unser Opfer aus
der Druckmaschine tot in seinem Krankenzimmer aufgefunden. Er wurde mit seiner Infusion
vergiftet.”
“Das weiß ich bereits.”
“Was? Woher?”
“Ich bin gerade in Konstanz und war vorhin bei Wienhausens Eltern in Meersburg. Die
haben es mir erzählt.”
“Wie bitte? Ohne mich zu fragen?” Der Zitronenfalter war sauer. “Du ermittelst auf eigene
Faust? Das war nicht vereinbart.”
Jonas wurde kleinlaut. “Ich wollte ohnehin an den Bodensee, und da dachte ich …”
“Nichts dachtest du!” Die Kommissarin hatte die Stimme erhoben. “Durch solche
Alleingänge kannst du die ganze bisherige Arbeit zunichte machen. Meinst du, wir haben
keinen Plan?” Sie schnaubte. “Ermittlungen sind eine Profi-Angelegenheit. Da kann nicht
jeder dazwischenfunken, auch wenn er sich Motorrad-Journalist schimpft. Jetzt muß ich die
Kollegen in Meersburg informieren, daß du vor ihnen bei der Familie warst und ihnen ins
Handwerk gepfuscht hast.”
Jonas war in seinem Bistro-Sessel immer tiefer gesunken. Das war wohl ein Schnitzer
gewesen. Er versuchte lahm, sich zu entschuldigen: “Kommt nicht wieder vor.”
“… sagte der Muttermörder”, setzte Irene den Satz sarkastisch fort. Sie schien sich
immerhin etwas beruhigt zu haben, als sie ihn nach seinen Erkenntnissen fragte.
Jonas berichtete ihr alles, was er in Meersburg erfahren hatte, und sie machte sich
offenbar Notizen. Schließlich sagte sie: “Gut. Du rufst bitte nicht Wienhausens Schwester an
und unternimmst auch sonst keine Aktionen. Zumindest, wenn du sie nicht mit mir
abgestimmt hast.” Das versprach er. “Es gibt noch etwas, was du wissen solltest. Nach dem
Tod von Wienhausen hat sich nun das Landeskriminalamt eingeschaltet. Ich hoffe, daß sie
den Fall nicht gänzlich an sich reißen. Und ich hoffe auch, daß sie jetzt weder mir noch dir
Schwierigkeiten bereiten.”
Geknickt verabschiedete er sich. Schöne Scheiße, dachte er und hoffte nur, daß nicht
jemand hineintrat.
Er brach auf. Westlich von Konstanz erstreckten sich am Seeufer Obstplantagen. Durch
die Bäume blinzelte die Sonne und warf Lichtflecke auf die wenig befahrene Nebenstrecke,
die parallel zur überfüllten Bundesstraße führte. Der luftgekühlte Einzylinder unter ihm
schnurrte beruhigend, und die sanften Kurven luden zum Schwingen ein. Um den Überlinger
See herum, den nordwestlichen Arm des Bodensees, erreichte er Sipplingen. Morgen würde
er nach Hause fahren, und wenn das Wetter mitspielte, wollte er in großem Bogen über die
Ausläufer des Allgäus und der Schwäbischen Alb östlich um Stuttgart herum durch das
fränkische Unterland und die Löwensteiner Berge die Rückfahrt unter die Räder nehmen.
Allerdings hatten sie starke Niederschläge in der Heilbronner Gegend angekündigt. Na, so
schlimm würde es schon nicht werden.
Am folgenden Tag steuerte Jonas die MZ in einem Schlenker über Lindau, die bayerische
Stadt am südöstlichen Zipfel des Bodensees. Schon lange hatte er dort ein
denkmalgeschütztes Gebäude besuchen wollen. Felix Wankel, in Heidelberg aufgewachsen,
hatte hier am Ufer 1962 nach eigenen Entwürfen ein Wohnhaus mit angeschlossenem
Konstruktionslabor bauen lassen. Der technische Autodidakt entwickelte darin nicht nur
unzählige Varianten eines Rotationskolbenmotors, sondern beschäftigte sich ebenso mit
Gleitbooten und Tierschutz.
Er stellte das Motorrad an der Zufahrtstraße ab. Das lichtdurchflutete Gebäude mit
Wänden fast ausschließlich aus Glas stand offensichtlich leer. Zuletzt, das wußte Jonas,
hatten hier nach dem Tod Wankels weiterführende Entwicklungsarbeiten stattgefunden, und
heute gehörte das Gelände der Volkswagen-Aktiengesellschaft. Er packte die Kamera aus
und fotografierte das Gebäude aus allen Richtungen. Sicherlich besaßen sie im Mannheimer
Museum genügend Aufnahmen. Und wenn nicht? Er konnte die Bilder ja Lars Naumann
anbieten, dem zuständigen Konservator.
Er brach auf, zurück ins nahe Württemberg.



27
Vier


Alles ist eingetroffen. Werkzeuge und Material liegen bereit. In zwei großen Behältern hat
er Natrium und Schwefel zur Erhitzung vorbereitet. Die Feststoffplatten hat er sich noch vor
seiner Entlassung gefertigt. Aluminiumoxid, Natriumoxid und Magnesiumoxid waren in der
Firma vorhanden, und das Verschwinden hat keiner bemerkt.
Den genialen Werkstoff zur Isolation hat er gestern aus den USA bekommen,
zugegebenermaßen über mehrere Strohmänner. Er bereitet das Gehäuse vor und muß nun
die Behälter erhitzen. Nur einmal, denn dann bleiben die dreihundert Grad Celsius erhalten,
weil sich das Ganze thermisch weitgehend selbst regeneriert.
Er zündet die Brenner. Es wird eine ganze Weile dauern, bis diese Mengen von Natrium
und Schwefel flüssig sind. Derweil kann er ja die Meßanordnung vorbereiten. Er ist völlig
euphorisch, wenn er daran denkt, welchen Durchbruch er nun erzielen wird. Wenn er es
richtig einfädelt, wird er Unsummen verdienen. Und alles wird mit seinem Namen verbunden
sein – wie Gauß, Volta, Reis, Edison, Siemens, Bosch, lauter Männer, an die man sich noch
nach Jahrhunderten erinnert.
Wo ist der Lastwiderstand? Mist, er hat ihn im Boot vergessen. Dann muß er eben
nochmals kurz hinaus, um ihn zu holen. Das Natrium ist schon teigig.
Im Osten hat es stark geregnet. Und nach wie vor heult der Himmel. Der Wasserspiegel
des Flusses ist nach nur einer Stunde angestiegen.
Er achtet in der Eile nicht auf die rote Warnlampe der Schleuse. Er drückt den Knopf zum
Öffnen der Innentür. Wenn er noch dazu käme, würde er bemerken, daß sich erneut eine
Nutria in der Mechanik der Außentür verfangen hat.
Eine gewaltige Welle drückt sich in das provisorische Labor und spült ihn an die
gegenüberliegende Wand. Das flüssige Natrium auf dem Tisch! In Panik greift er zum HalonLöscher.
Selbst wenn Halon die Reaktion nicht verstärkte – was er unbeachtet ließ –, würde
es
nichts mehr
nutzen.
In Kontakt mit Wasser explodiert flüssiges Natrium unter starker Wasserstoff-Bildung.
Letzterer bildet mit dem Rest-Sauerstoff im Labor Knallgas, was sich an der BrennerFlamme
entzündet. Halon und die Propangasflaschen machen
die Sache nicht besser.


***

Der Heidelberger Zoo liegt unmittelbar am Neckar. Ausgerechnet hier waren im Zweiten
Weltkrieg zwei Bomben niedergegangen. Ein alliiertes Flugzeug hatte sie wohl noch von
einem Angriff auf Mannheim übrig und wollte sie loswerden. Zwei Bombentrichter im Zoo
gehörten demnach in Heidelberg zu den wenigen Zeugnissen des gnadenlosen Raub- und
Zerstörungskrieges, den die Großindustrie mit ihren Hitler-Marionetten begonnen hatte. Das
romantische Städtchen mußte eine nur einstellige Zahl an Luftangriffen verkraften. Vielmehr
warfen die Staffeln der US Air Force Flugblätter ab: “Wir tun Heidelberg verschonen – wir
wollen später bei euch wohnen.” Was nach dem Krieg ja auch geschah. Erst kürzlich war
beschlossen worden, das Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte von Heidelberg nach
Wiesbaden zu verlegen.
An diesem Abend im April war der Zoo schon lange geschlossen. Durch den starken
Regen hatte es ohnehin nur wenige Besucher ins Neuenheimer Feld gezogen. Auch die
Tierpfleger waren in den Feierabend verschwunden, und lediglich die beiden Männer von der
Nachtwache saßen im Eingangsgebäude und sahen fern.
Eine gewaltige Explosion zerriß den Ton des Actionfilms, der gerade lief. Bevor die
Wächter begriffen, daß der Donner nicht aus dem Fernseher, sondern aus Richtung des
Flusses kam, wurden die Fenster eingedrückt, und wie bei einem Erdbeben hob und
schüttelte sich das Gebäude. Nach einem Moment der Starre stürzten sie hinaus, um
verständnislos zuzusehen, wie ein Teil der Wand bröckelte und zusammenfiel. Im Westen,
nur knapp hundert Meter entfernt, stieg eine fauchende Feuersäule zum Himmel. Erdballen
und Steine fielen aus der Luft, Tiere schrien, und in dem Inferno warfen sich die Männer
synchron zu Boden.
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Einem von ihnen fiel ein, daß sie einst in der Schule gelernt hatten, man solle sich bei
einem Atombombenangriff unter den Eßtisch flüchten und eine Aktentasche über den Kopf
halten. Wie grotesk! Selbst wenn Tisch und Tasche vorhanden gewesen wären – was hätte
es genützt? War dies, dachte der Mann in Überschätzung der Katastrophe, ein
Atombombenangriff?


***

Kriminalhauptkommissarin Lene Laubach wußte am nächsten Morgen bereits durch den
Buschfunk Bescheid. Die Explosion im Tiergarten war Stadtgespräch, und sie mußte bei
Dienstantritt nicht erst von ihren Kollegen informiert werden. Noch bevor das Gelände
vollständig untersucht worden war, noch bevor Mitteilungen an die Öffentlichkeit ergingen,
war jedem Heidelberger klar, daß vergangene Nacht ein Blindgänger aus dem Krieg
detoniert war. Hatte seinerzeit ein Luftangriff auf Heidelberg nicht dem Tiergarten gegolten?
Waren nicht in Mannheim erst kürzlich am Neckar zwei Fliegerbomben entschärft worden,
wobei viele Anwohner evakuiert werden mußten? Glücklicherweise war es dort zu keiner
Explosion gekommen. Und nun hatten eine Erschütterung oder ein Tier im Zoo den alten
Zünder ausgelöst.
Natürlich waren Tiere ums Leben gekommen, natürlich mußten die Gehege instandgesetzt
werden. Doch Menschenschäden waren nicht zu beklagen, sah man von einer veritablen
Beule an einem der Nachtwächter ab, der einem fliegenden Stein im Weg gelegen hatte.
Schaulustige hatten sich vor dem Zoo-Eingang versammelt, doch da das Ereignis an der
Neckarseite stattgefunden hatte, war von hier aus nichts zu sehen. So verlief sich die Menge
enttäuscht wieder. Selbst vom Fluß aus konnte man nichts beobachten, die Schiffahrt war
vorübergehend eingestellt worden.
Ein Blindgänger also – die Heidelberger Kriminalpolizei war demnach nicht betroffen. Lene
Laubach konnte oder mußte ihrem wenig aufregenden Tagesdienst nachgehen, der aus
Papierkram und Bürosesselabrieb bestand.
Sprengmittelräumdienst, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk waren derweil damit
beschäftigt, den gewaltigen Schadensort am Ufer zu sichern und zu untersuchen. Nein, ein
Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg war es nicht gewesen, konnte es gar nicht
gewesen sein, da sich genau an dieser Stelle einer der beiden Bombentrichter im Tiergarten
befunden hatte. Davon gab es alte Lagepläne, die auf Luftbildern beruhten.
Durch die Explosion war zwar das meiste vollständig zerstört worden, doch Ziegelsteine,
verrostete Türen und vor allem verbogene und verglühte Gerätschaften machten klar, daß
jemand diesen alten Trichter als unterirdische Werkstatt ausgebaut hatte.
Bis ans gegenüberliegende Ufer des Neckarkanals hatte es die Teile geschleudert, sodaß
auch dort ein Geländeabschnitt abgesperrt und Spurensicherer eingesetzt wurden. Einer der
jüngeren, noch ehrgeizigen Männer des Teams bog einen Strauch beiseite, stutzte, griff zum
Funkgerät und rief seinen Vorgesetzten: “Hallo Chef, Schollenberger am Apparat. Hier liegt
eine Hand.”
Nur wenige Minuten später klingelte das Telefon auf Laubachs Schreibtisch. Wenn eine
Leiche im Spiel war, gab es entgegen ursprünglicher Vermutung eben doch Arbeit für die
Kriminalpolizei.


***

“Wer alles befand sich in der Nähe der Druckmaschine?” Hansjörg Brauko stellte die Frage
an die Leiterin der Sonderkommission Irene Falter.
Brauko war von Stuttgart angereist. Der Ermittler beim Landeskriminalamt Baden-
Württemberg war jedoch weder Schwabe noch Badener. Vielmehr hatte es ihn von
Wuppertal in die südwestdeutsche Landeshauptstadt verschlagen. Brauko war Anfang
Vierzig, schlank und hochgewachsen, und die unter womöglich karibischer Sonne erworbene
Gesichtsbräune bildete einen netzhautätzenden Kontrast zu seinem blonden
Kurzhaarschnitt. Ein altrosa getöntes Jackett saß über einem eierschalenfarbenen Hemd
und blaugestreifter Krawatte. Zu der dunklen Lederjeans trug er gelbe Dockerboots. In
29
diesem ostereierfarbenen Aufzug hätte man ihn für einen Promi-Friseur halten können,
bestenfalls für einen Exzentriker.
Mit übergeschlagenen Beinen, zurückgelehnt in einen Stuhl des Besprechungszimmers im
Mannheimer Polizeipräsidium, saß er der Kriminalhauptkommissarin gegenüber und gab vor,
sich auf dem Block vor ihm Notizen zu machen. Von der Bismarckstraße drang ärgerliches
Hupen herauf, vom Flur Polizistengelächter.
‘Wer sich alles in der Nähe der Druckmaschine aufhielt?’, dachte Irene Falter. Laut fragte
sie: “Zu welchem Zeitpunkt?”
Brauko lächelte. “Gratuliere! Präzise Gegenfrage! Ich meine den Moment, als der Verletzte
in der Maschine entdeckt wurde.”
“Robert Feilhauer als Vorführtechniker auf jeden Fall. Darüber hinaus eine Gruppe
Besucher, deren Namen und Adressen Sie auf dieser Liste finden.” Sie gab sie ihm. “Sie
sind alle befragt worden.”
“Spurensicherung?”
“Ein wenig Blut in der Maschine. Vom Opfer. Ein paar unterschiedliche Textilfasern von
wem auch immer. Sonst nichts – keine frischen Fingerabdrücke.”
“Wie sah der Tatort aus?”
“Der Journalist Jonas Jordan hat alles fotografisch festgehalten und uns seine Bilder
überlassen.” Sie überreichte ihm auch die Abzüge.
“Jordan? Ist das nicht der gleiche, der in Meersburg dazwischengefunkt hat?”
Irene hatte die Frage befürchtet. “Ja, Herr Jordan ist wohl über das Ziel hinausgeschossen.
Das mag daran liegen, daß er vor zwei Jahren einen Mordfall im Hessischen aufgeklärt hat.
Er hat mir versichert, daß er keine Alleingänge mehr unternimmt.”
Der Ermittler hob die Augenbrauen, schien sich jedoch damit zufriedenzugeben und
betrachtete Jojos Lichtbilder. “Wer sind diese Personen innerhalb der Absperrung? Ich
meine, außer den Ersthelfern und Feuerwehrmännern.”
Die Kommissarin blickte auf zwei der Bilder. “Hier ist Feilhauer, der die Druckmaschine
vorführt. Und diese Vier wurden uns als ehrenamtliche Mitarbeiter des Museums vorgestellt.”
Brauko krauste die Stirn. “Ehrenamtlich?”
“Ja. Feilhauer bietet für Interessierte wöchentlich einen Workshop an. Wer Lust hat, kann
Motive entwerfen, setzen und drucken. Die Vier sind wohl ständige Besucher der
Druckwerkstatt, drei von ihnen Rentner, die aus dem grafischen Gewerbe kommen.”
“Namen?”
Irene Falter kramte eine weitere Liste aus den Akten und las sie vor. “Heinz Bauhs, 67,
ehemaliger Reprograf. Lore Hoffmann, 43, Hausfrau. Egon Picard, 71, Schriftsetzermeister
im Ruhestand. Walter Kuppert, 73, Drucker. Die Adressen finden Sie hier.”
“Sie haben sie befragt?”
“Natürlich. Frau Hoffmann hat wohl künstlerische Ambitionen auf Volkshochschul-Niveau
und engagiert sich daher in dem Workshop. Die drei Rentner kommen, wie sie sagen,
aufgrund von Berufsstolz und legen großen Wert darauf, noch aktive Gewerkschafter zu
sein. Alle vier sind erst erschienen, als man Wienhausen schon entdeckt hatte und Kollegen
gerade den Ort sicherten.”
Hansjörg Brauko schwieg und schien zu überlegen. Dann kam er auf den Mord an
Wienhausen in der Klinik zu sprechen. “Wie ich hörte, ist die Infusion vergiftet worden. Wer
hatte denn Zugang zu dem Krankenzimmer?”
“Natürlich die Nachtschwester und der diensthabende Arzt.”
“Die scheiden als Täter aus?”
“Sicherlich. Der Arzt hat sich die gesamte Nacht um Notfälle kümmern müssen und wurde
dabei von Zeugen begleitet, Schwestern und Pflegern. Auch die Nachtschwester kann
ausgeschlossen werden, denn Todeszeitpunkt und Latenzzeit des Giftes lassen sich recht
genau bestimmen. So können wir auf die Uhrzeit schließen, zu der das Propofol der Infusion
beigefügt wurde. Und da hatte sich die Nachtschwester ausführlich um einen anderen
Patienten kümmern müssen, was der bestätigen konnte.”
“Propofol? Wird das nicht in den USA als Hinrichtungsmittel verwendet?”
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“Ja, früher. Die Herstellerfirma als Monopolist weigert sich deswegen inzwischen, das Zeug
nach Nordamerika zu liefern. Aber bei uns wird es in geringer Dosis als Kurznarkotikum
eingesetzt.”
“Niemand sonst wurde in der Nacht auf der Station gesehen?”
“Nein. Es ist allerdings ziemlich leicht möglich, das Krankenhaus ungesehen zu betreten und
wieder zu verlassen.”
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