Die verstörenden Auslassungen eines erhabenen Fremden

Exposé

Über dieses Buch

Von Bernd Unger

Drinnen, durch den Dom, braust Beethovens Neunte, gleißt Schillers Ode an die Freude, während draußen die Welt gleichsam in einem Unwetter apokalyptischer Fluten zu versinken droht.

Bereits im Konzert war er ihm aufgefallen, „der Fremde“. Ein komischer Kauz, der ihn überdies noch ansprach, um anschließend über Lüge und Wahrhaftigkeit zu dozieren.

Ausgerechnet ihm, dem Werbetexter, einem Wortschmied aus der krassen Gegenwelt der haltlosen Versprechungen und des schnöden Scheins.

… Und doch beginnt ein merkwürdiges Gift in ihn zu sickern.

Thomas Christen jagt den Leser durch ein seltsam ortloses, Schnitzler’sches Traumspiel.

Für den namenlosen Werbemenschen und Ich-Erzähler beginnt ein Taumel durch die Nacht, in der immer wieder der geisterhafte Fremde mahnend auftaucht – und Schiller, Zarathustra und Friedrichs Mönch am Meer sich als verlässliche Fremdenführer erweisen.

Unser Held durchmisst einen illustren nächtlichen Personenkreis und wird am Ende seiner Selbsterfahrung, in einer Art Katharsis, jenen „tanzenden Schritt“ wagen, den schon Nietzsches Zarathustra zur geistigen Reifung so dringend empfiehlt.

Tanzen wir also mit ihm.

Schritt für Schritt.

Leseprobe

 

The book of love is long and boring,

no one can lift the damn thing.

It’s full of charts and facts and figures

and instructions for dancing.

Stephin Merritt

(Peter Gabriel)

Erster Teil

Und Dein Herz wird Dir beben, wenn Du in meines blicken wirst, das verspreche ich Dir.

Heinrich von Kleist, 1800

20.30 Uhr

Ich sah ihn das erste Mal Mitte April vor vier Jahren. 2012. Es war an einem Freitag, dem 13. und meine Erinnerung an diesen Abend ist noch so lebendig, als sei es erst gestern gewesen. Es schüttete in Strömen. Abertausende, wild um sich schlagende, von den Lichtern der Straßenbeleuchtung zerteilte Wasserfäden, von Windböen gejagte Schwaden, die aus einem schwarzen Himmel fielen.

Wenn ich heute manchmal daran zurückdenke, frage ich mich, was wohl geschehen wäre, wenn uns an diesem Abend beim Verlassen des Doms nur eine ganz normale kühle Aprilnacht erwartet hätte und kein Weltuntergangsszenario mit seinen über die Gehwege und den Asphalt peitschenden Wassermassen. Ein irdisches Echo dessen, was nach den letzten siebzig, der Welt entrückten Minuten langsam in meinem Körper verhallte.

Manchmal, wenn ich abends in meinem Sessel sitze und meine Gedanken dem leisen Flüstern oder gewaltigen Toben einer Musik überlasse, wenn der Wein zu wirken beginnt und mit süßem diabolischen Lächeln jenes geheimnisvolle Tor öffnet, hinter dem der Verstand und die Seele in einem Nebel aus Größenwahn und Schwermut, aus Euphorie und unerklärlicher Trauer miteinander zu tanzen beginnen, dann bin ich mir sicher, dass dieses wütende Gewitter an jenem Abend ein Menetekel war, ein Omen und ein Mahnruf: Jede Verfehlung, jede Unterlassung und jedes noch so kleine Versäumnis haben Folgen.

Aber so hatten wir unschlüssig nebeneinander im Vorraum des Kirchenraumes gestanden, hatten die herausströmende Menschenmenge beobachtet, das Aufklappen der Regenschirme gehört und den einem Sakralbau eigenen Geruch aus warmem Wachs und lang verwehtem Weihrauch wahrgenommen. Unsichtbare Schwaden von an unzählbaren Festtagen hereingetragener Parfums. Schwere, winterklamme Mantelstoffe, vollgesogen mit den Aromen hunderter von Restaurantbesuchen, Zugfahrten oder der Luft fremder Wohnungen. Für eine kurze Zeit lang weltlicher Odem, dem Ort und dem eben Gehörten für einen Augenblick auf unbeeinflussbare Art und Weise widersprechend. Aber diese Gedanken verwehten im selben Moment, verflüchtigten sich ungreifbar und so schnell wie sie gekommen waren und das leise Gemurmel der menschlichen Stimmen (Nein, der dunkelbraune dort und der Schirm dort drüben …) begann längst wieder dem zu entsprechen, was man hier erwartete. Flüsternde Zurückhaltung, Orten wie diesem eingemeißelte Gepflogenheiten sich zurücknehmenden demütigen Betragens. Und vor dem Portal hatte ein Wassermonster getobt und mit abertausenden, glitzernden Tentakeln den schwarzen Himmel zerrissen …

Ich bin mir seiner neben mir durchaus bewusst. Ich frage mich, warum der Zufall herausströmender Menschen dafür gesorgt hat, dass ausgerechnet er jetzt neben mir steht. Rückblickend war es, glaube ich, ein verstörendes Gefühl. Aber vielleicht übertreibe ich ja auch.

Er hatte in der Reihe vor mir gesessen. Einen Platz nach links versetzt. Und er hatte sich während des gesamten Konzertes nicht ein einziges Mal bewegt. Vielleicht muss ich diesen Gedanken erklären. Vielleicht wirkt es ja schon seltsam genug, dass einem das überhaupt auffällt. Aber der Gedanke, sich in einem klassischen Konzert zu räuspern ist mir zuwider. Seine Sitzposition in einer engen Stuhlreihe zu verändern, gar husten zu müssen, weil eine heraufziehende Erkältung keine Rücksicht zu nehmen bereit ist, bereitet mir eine ziemliche Pein. Im Foyer ausgegebene Hustenpastillen bewirken da gar nichts. In solchen Fällen habe ich mich in der Vergangenheit das ein oder andere Mal entschieden, einfach zu Hause zu bleiben. Erklären kann ich das nicht. Ich weiß nicht, was mich in dieser Weise geprägt hat. Aber wer diese Eigenart an mir kennt, wird verstehen, warum er mir auffiel.

Er bewegte sich nicht, wirkte wie eine sitzende Statue, nicht unähnlich denen, die seit Jahrhunderten versteinert von einigen der Säulen um uns herum herunterblickten. Und während sich vor uns eine Musik entfaltete, der ich – ja, wie sagt man das, ich kann auch das nur schwer erklären – sagen wir habhaft werden, die ich verstehen, erfühlen wollte, weil nicht wenige Menschen dieses Werk als das großartigste Stück Musik überhaupt erachten, ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich den Haarkranz dieses Mannes in der Reihe vor mir betrachtete. Regungslos saß er da und in sich versunken.

Er trägt ein braunes Jackett, das Falten über der Kante der Rückenlehne wirft und einen schmalen Rand eines blauen Hemdes freigibt.

Braun und blau! Eine Kombination, der ich noch nie etwas abgewinnen konnte. Aber, wenn ich es mir recht überlege, auch diese Wahrnehmung war nicht wirklich von Dauer. Warum ich mich dennoch an sie erinnere? An dieses Blau-Braun-Blitzen? In dieser Hinsicht bin ich wohl arrogant. Ich halte mich für einen Ästheten, darüber hinaus für einen Symmetriefanatiker und das betrifft bei mir auch das ein Wohlgefühl hervorrufende Zusammenspiel von Farben. Die Kombination braunblau hat für mich da noch nie hineingepasst, gleich welche zeitgeistigen Ansichten und Machbarkeiten vertreten werden. Diesbezüglich gäbe ich einen großartigen Sparringspartner für freigeistige Alles-ist-möglich-Apostel ab.

Ich fürchte, die Taxis gehen an die Herrschaften vor uns.“

Er nickt in Richtung der sich lichtenden Menge an den Garderoben.

Sie haben in der Bankreihe hinter mir gesessen, nicht wahr?“

Warum ist ihm das aufgefallen? Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich ein einziges Mal umgedreht hat. Ich bejahe die Frage und habe ihn, glaube ich, ein wenig erstaunt angeschaut. Er lächelt und wirft einen kurzen Blick in Richtung des offenen Portals durch das uns das Rauschen des Regens und ferner Donner entgegenweht.

Und?“, fragt er freundlich, „hat Ihnen das Konzert gefallen?“

Er ist fast einen ganzen Kopf kleiner als ich und blickt jetzt mit fragenden Augen zu mir hoch. Er trägt eine runde Nickelbrille mit stark vergrößernden Gläsern, besagtes hellblaues Hemd unter dem braunen Tweedjackett und eine beige Krawatte mit dunkelbraunem Rautenmuster. Einen kurzen Augenblick erinnert er mich flüchtig an den Komponisten Kurt Weill, obwohl meine vorurteilenden Gedanken in diesem Moment gleichzeitig die Worte Lateinlehrer und Finanzbeamter formulieren.

Zu welcher Gruppe gehören Sie?“, höre ich ihn fragen und es klingt beinahe so, als reagiere er auf kryptische Art und Weise auf meine Gedanken, „zu der, die wegen des Repertoires kommt und der die Ausführenden nicht so wichtig sind, oder zu der, die vor allem wegen der Interpreten kommt und weniger wegen des Programms?“

Ich erinnere mich, dass ich in diesem Moment meine Irritation kaum verbergen konnte, dass er kurz auflachte und entschuldigend die Hand hob.

Verzeihen Sie meine Direktheit. Es lag mir fern, Sie zu …“

… Ich gehe nicht sehr oft in Konzerte wie dieses“, unterbreche ich ihn höflich, „leider erlaubt das meine Zeit nicht. Insofern stellt sich diese Frage in meinem Fall wohl eher nicht. Ich habe mir darüber aber auch noch nie Gedanken gemacht.“

Er nickt und dieses Nicken lässt eine seltsame Art von Erklärungswunsch in mir aufsteigen. Warum verspüre ich den Drang mich zu rechtfertigen?

Eine Bekannte hat mir zu dieser Karte verholfen. Sie arbeitet in einer Konzertagentur und meinte, es sei vielleicht eine der letzten Gelegenheiten Masur, noch einmal dirigieren zu sehen. Er sei wohl nicht gesund. Sie gehört wohl eher zur zweiten Gruppe …“

Seine Reaktion ist ein lautes Lachen und das ältere Paar, das in diesem Augenblick an uns vorbeikommt, kommentiert das ganze mit einem konsternierten Blick. Er entschuldigt sich mit einer kurzen angedeuteten Verbeugung in Richtung der beiden und dann fragt er völlig unvermittelt:

Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie zu einem Glas Wein einlade? Bis die Chancen auf ein Taxi wieder etwas größer sind. Oder darauf, den Weg zur nächsten Haltestelle einigermaßen trocken und am Stück zu überstehen.“

Er weist mit dem Finger auf das Portal. Ich zögere einen Moment und hebe unschlüssig die Hände. In meiner Wohnung erwartet mich niemand. Meine Frau ist vor einem halben Jahr ausgezogen und Lena kenne ich damals noch nicht. Die Liste meiner Freunde ist noch heute sehr übersichtlich und nach diesem Konzert zu lesen oder fernzusehen, danach steht mir nicht der Sinn. Ich nicke und bedanke mich.

Das Da Jacopo ist ein italienisches Restaurant in einer kurzen Sackgasse nicht einmal zweihundert Meter vom Dom entfernt. Ich bin ein einziges Mal dort gewesen, vor langer Zeit, als ich noch direkten Kontakt zu unseren Kunden hatte. Carsten Weber, unser CD hatte ihn bereits zweimal getroffen und ich sollte ihm an diesem Abend einige Textvorschläge und Slogans vorstellen. Der Mann war Geschäftsführer einer mittelständischen Firma gewesen, die Kosmetikprodukte herstellte und ich hatte ihm meine, unsere Ideen für eine dreimonatige Kampagne dargestellt. ‚Es geht nicht darum Wunder zu verkaufen’, hatte er verschwörerisch lächelnd gemeint, als wollte er mir konspirativ klarmachen, dass er die geheimen Zutaten unserer Branchenrezepte längst kenne. Ich war mir an diesem Abend sicher gewesen, dass er von uns, von mir längst erwartete, dass die Spots und Plakate genau das ausstrahlen sollten. Ich denke, er gehörte zu den Menschen, die einem unmissverständlich klar machen wollen, dass man ihnen in der Wüste keinen Sand verkaufen kann, aber dem geschäftlichen Gegenüber in die Arme fallen, wenn man ihm an einem solchen Ort Schneeschuhe anbietet.

Das Da Jacopo ist renoviert worden und nichts erinnert mich an das Lokal von damals. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, die auf die Idee gekommen sind, nach dem Konzert hierherzugehen. Am Tisch, an dem ich seinerzeit mit dem seltsamen Kunden gesessen hatte, sitzt ein junges Paar und tauscht die Hälften ihrer wohl unterschiedlichen Pizzen aus. Die Bilder an den Wänden haben damals andere Motive gezeigt. Winzige aufblitzende Kleinigkeiten, die man in einer Umgebung, die man lange nicht mehr gesehen hat, überhöht.

Der Kellner führt uns an den letzten freien Tisch im hinteren Teil des Restaurants, durch einen hölzernen Paravent blickgetrennt von der Tür, die zu den Toiletten führt. Ich mag solche Tische nicht. Es ist einmal mehr eine meiner absonderlichen Eigenarten, die ich nicht erklären kann. Ich habe nie über meine Träume nachgedacht. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich einer jemals verfolgt hätte. In der Regel sind sie mit dem Aufschlagen der Augen vergessen. Sollen sich Psychologen und Psychotherapeuten darüber Gedanken machen, zum Wohle ihrer Patienten und ihrer eigenen Brieftaschen. Ich habe den Traum nur ein- oder zweimal geträumt: Ich sitze im Nebel meiner nächtlichen Exkursionen mit meiner Frau an einem solchen Tisch und jeder, der von der Toilette kommt und durch die Tür tritt, wirft mir eine Münze auf den Unterteller meiner Espressotasse. Meine Frau lächelt jedes Mal, ohne etwas zu sagen, blickt mich an und nickt dankend …

Auf dem Weg ins Lokal müssen mein Begleiter und ich einen befremdlichen Anblick geboten haben. Ich habe keinen Schirm dabei und so hielt er den seinen am beinah ausgestreckten Arm nach oben, windgebeutelt und wenig hilfreich. Bei guten Freunden hätte sich vielleicht der eine beim anderen untergehakt, aber so viel Nähe war für mich undenkbar gewesen. Und so hüpfte und hopste ich mit gebeugtem Kopf neben ihm her und spürte, wie die linke Mantelschulter zunehmend feuchter wurde.

Als wir uns gesetzt haben und der Kellner unsere Bestellungen entgegengenommen hat, beginnt er seine Brille zu putzen, lehnt sich zurück und lächelt mich verbindlich an.

Sie erwähnten, dass Ihnen die Zeit fehlt, öfters in solche Konzerte zu gehen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“ Ein junger Mann geht an unserem Tisch vorbei und verschwindet hinter dem Paravent. Ich sehe ihm nach und höre das Geräusch der sich öffnenden Toilettentür.

Ich arbeite in einer Werbeagentur“, antworte ich und bemerke, wie er zuerst kurz die Augen zusammenkneift, dann die Brauen hochzieht und mich mit einem süffisanten Lächeln mustert.

Oh! Ich verstehe. In vorderster Front im Kampf um Ehrlichkeit und Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Freimut!“

Ich antworte nicht. Einen Augenblick lang frage ich mich, was dieser Mann mit seinem Sarkasmus einem Fremden gegenüber bezweckt. Ich kenne solche Diskussionen zu genüge, habe sie oft genug mit anderen geführt, Fremden und Bekannten, ohne, dass irgendetwas dabei herausgekommen wäre. Außerdem bin ich nicht hierher gegangen, um mein Privatleben von einem Unbekannten auf den Prüfstand stellen zu lassen. Der Kellner bringt zwei Gläser Wein und lächelt. Er hebt seines eine Hand breit an und prostet mir zu.

Wissen Sie, dass ich mich nicht erinnern kann, je etwas bewusst gekauft zu haben, das ich irgendwo beworben gesehen habe? Nicht bewusst, meine ich.“

Der zynische Unterton in seiner Stimme ist verschwunden.

Dieser Alles-jetzt-und-fast-umsonst-aber-unsagbar-wichtig-Blödsinn bewirkt bei mir eher das Gegenteil. Schon seit einiger Zeit.“ Er verzieht den Mund zu einem undeutbaren Lächeln und scheint durch mich hindurch zu schauen.

Natürlich muss auch jemand wie ich Lebensmittel kaufen. Und wahrscheinlich wurde irgendein Produkt irgendwann einmal irgendwo beworben. Auch ich besitze ein Auto, mit dem ich gelegentlich irgendwohin in Urlaub fahre. Meine Frau hat es mir vor Jahren allerdings nicht einfach so zum Valentinstag geschenkt. Ich brauche Waschmittel, Seife, Kleidung und so weiter, wie jeder andere Mensch. Ich habe sogar ein Handy. Ich meine ein Handy, kein Smartphone. Manchmal schaue ich mir im Fernsehen alte Filme an. Und je nach Tageslaune stehe ich zu den Werbepausen auf, um etwas anderes zu machen, was meistens passiert, oder ich bleibe sitzen und staune über diese Manifestationen sich unbegrenzt ausbreitender, menschlicher Verblödung. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Verstand und beobachten einmal eine Weile ihr Umfeld. Macht das einer?“

Es scheint ihn wirklich zu interessieren. Ich grinse ihn an und hebe mein Glas, um das Ausbleiben einer Antwort zu überspielen. Jemand wie er gehört wahrscheinlich zu denen, die Carsten immer als Die Verlorenen bezeichnet. Aber um diese Versprengten ist es eigentlich noch nie gegangen. Der Löffel mit Honig, den man in die Luft hält, den wir anbieten, muss nur groß genug sein und man muss ihn lange genug hochhalten. Der Honig muss nur süß aussehen und sein Genuss ein gewisses Alleinstellungsmerkmal versprechen. Es werden genug daran klebenbleiben! Es ist niemals anders gewesen.

Obwohl“, fährt er fort und in seinen Augen erscheint ein seltsames Blitzen, „ich muss ehrlich bleiben. So ganz stimmt das nicht, was ich gesagt habe. Hin und wieder kaufe ich mir eine CD. Wenn ich eine gute Besprechung im Radio gehört habe. Wussten Sie übrigens, dass die Firmen Sony und Philips Anfang der achtziger Jahre bei der Einführung der Compact Disc ihre Größe und den Speicherumfang nach genau dem eben gehörten Werk bemessen haben? Beethoven. Beethoven! Wilhelm Furtwänglers Aufnahme der Neunten von 1951 dauerte genau vierundsiebzig Minuten und sollte ohne einen Wechsel des Mediums zu genießen sein …“

Ich schaue ihn ungläubig an und er nickt bestätigend.

Ausgerechnet Wilhelm Furtwängler! Einer der drei Musiker auf Hitlers Gottbegnadeten-Liste. Was gäbe ich dafür, könnte man mit den Toten über Wahrhaftigkeit sprechen. Er warf den Mannheimer Musikern 1933 die Partitur vor die Füße, weil sie sich weigerten unter seinem Kapellmeister Simon Goldberg zu spielen. Den Mannheimer Geiger mit der Hakenkreuzbinde hat er damals des Pultes verwiesen. Aber er lässt sich von Goebbels zum Direktor der Berliner Staatsoper ernennen. Er schreibt ihm einen offenen Brief, indem er darauf hinweist, dass er nur bereit ist zwischen guter und schlechter Kunst zu unterscheiden. Aber er lässt sich von ihm in den Reichskulturrat berufen und unterstützt den Anschluss Österreichs. Nennt man so etwas nicht opportunistisch?“

Er spitzt die Lippen und in seinen Augen blitzt etwas Herausforderndes.

Dass seine Version der Neunten Jahre später ausgewählt wurde, um eine durchaus spektakuläre technische Erneuerung auf den Markt zu bringen, dürfte ihn wohl gefreut haben. Aber, bitte, sagen Sie mir jetzt, wie Ihnen das Konzert gefallen hat. Was haben Sie empfunden? Beschreiben Sie es mir. Was ist in Ihnen vorgegangen?“

Ich stoße einen Seufzer aus und versuche mich zu erinnern. Am Tresen rutscht dem Kellner ein Glas vom Tablett und zerspringt mit einem lauten Klirren auf dem Boden. Zwei Sekunden lang herrscht gedämpftes Schweigen im Raum und dann schwingen sich Stimmen und Geräusche wieder auf das übliche Niveau, um sich ineinander zu verknäulen. Und während meine Gedanken in den Dom zurückwandern, höre ich mich sagen:

Vielleicht war Furtwängler ja wirklich nur an der Kunst und seinem Einsatz für sie interessiert. Hätte man ihn verboten, verjagt, dann …“

Was hatte ich vor einer Stunde gefühlt? Es ist schwer zu erklären.

… Ja. Ziele erreichen auf den Wegen der Verstellung, der Lüge und Unaufrichtigkeit, der Illusion und – Diplomatie. Ein probates Mittel.“

Sein Kopf wackelt wie einer jener Plastikhunde auf verstaubten Hutablagen eines Audi 80 aus den Siebzigern. Er starrt sein Glas an und scheint zu sich selber zu sprechen. Einen Moment lang kommt mir in den Sinn, meinen Wein einfach stehen zu lassen, aufzustehen, mich freundlich und noch einmal bedankend zu verabschieden und zu gehen. Dieser Mann scheint einen Hang zum Dozieren zu haben und das behagt mir nicht. Ich lasse mich nicht gerne, einfach so, aus dem Zusammenhang gerissen, belehren. Schon gar nicht von Menschen, die ich nicht kenne. Ich bin diesem Fremden zu nichts verpflichtet und mir fallen diverse Gründe ein, die ich vorschieben könnte.

Aber dann geschieht etwas äußerst Seltsames und mein Gedanke verflüchtigt sich und zieht sich zurück, wie jemand, der eine Tür öffnet und bemerkt, dass er ein vertrauliches Gespräch stört.

Er hat seine Brille wieder abgenommen und wischt sich mit dem Finger über sein rechtes Auge. Dann sieht er mich an, lächelt und abermals nickt er versonnen, als wolle er eine Bemerkung bestätigen, die jedoch nicht gefallen ist. Ich bin mir absolut sicher, dass er sich verschämt eine Träne aus dem Auge gewischt hat. Mein Verstand sucht händeringend nach einer Reaktion auf diese zu schlingern beginnende Situation. Peinlichkeit und Verschämtheit schweben von der Decke herab, obwohl ich mir sicher bin, dass einzig ich sie sehe, fühle. Aber da lächelt er mich schon wieder herausfordernd an und wartet mit fragendem Blick auf meine Antwort und für Bruchteile von Sekunden habe ich ein Bild vor Augen, klar und scharf umrissen: Einen Fisch direkt unter der Wasseroberfläche, einen Fisch mit unbeschreiblich verstörtem Gesichtsausdruck, meinem Gesicht. Und den Haken, den er nicht mehr aus dem Maul bekommt.

Ich seufze und hebe beide Hände ein wenig, als könne man mit einer solchen Geste unerwünschte Fragen abwehren.

… ich bin kein … Musik ist nur ein Hobby … ich weiß nicht …“

Bitte. Sie können doch mit Worten umgehen.“ Seine Unterbrechung hat nahezu etwas Flehendes. „Es ist Ihr Beruf, oder nicht?“

Mein Blick kann nicht anders. Einen viel zu langen Moment mustert er die lupenhaften Brillengläser dieses Mannes, als wolle er versuchen hinter sie vorzudringen, um zu erkunden, ob in diesem letzten Satz noch etwas ganz anderes, Spottendes mitklang. Als er irritiert die Augenbrauen hebt, entschuldige ich mich. „Pardon“, und es entsteht eine Pause.

… Es gab ein paar Passagen, es gab Stellen, bei denen ich etwas gefühlt habe, das ich hier und da in vollkommen anderen Situationen …“

Ich rede schneller als ich denken kann und drohe mich zu verhaspeln. Als ich die Lippen spitze und unmerklich auspuste, beginnt die Kerzenflamme zu zittern und wir beide müssen unwillkürlich lächeln.

Ich wandere gerne. Wenn es die Zeit zulässt. In den Bergen, am Meer. Am liebsten alleine. Und an manchen Orten hält man dann einfach inne und bewundert das unglaubliche Panorama oder einen unbeschreiblichen Ausblick, eine überwältigende Komposition der Natur …“

Ich muss eine Pause machen und ärgere mich über den aufkommenden klebrigen Pathos in meinem Gerede, Komposition der Natur!, meine Güte, aber er nickt mir nur unmerklich zu, als wolle er mich auffordern, jetzt nicht den Faden zu verlieren.

Die physische Übermächtigkeit eines Berges, die Unendlichkeit eines Ozeans vor der sich selber bewusst werdenden eigenen Winzigkeit …“

Als er zu lächeln beginnt, verspüre ich für einen Herzschlag lang ein Gefühl von aufkommender Übelkeit ob meines schwülstig dramatischen Geschwätzes und dieser Mann an meinem Tisch ist nichts weiter, als ein neuer Kunde, dem ich für seine Süßwarenfirma ein paar verzuckerte, ins Opernhafte aufgeblähte Werbeslogans anbiete. Ja, es ist mein Beruf. Und wenn er es so haben will, dann soll er es eben bekommen. Meinetwegen. Also weiter. Und mitnichten kleiner.

Nur, dass dieses Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit gleichermaßen schmerzt und verstört wie es berauscht und beglückt. Die Seele singt und zerspringt im selben Augenblick.“

Gütiger Himmel, spätestens jetzt muss dieser Mensch den Eindruck gewonnen haben, dass hier jemand vor ihm sitzt, der ihn nicht annähernd ernst nimmt und nach Strich und Faden verarscht.

Ich untermale den Schlusspunkt meines höchst zweifelhaften Vortrages, indem ich mein Glas nehme und es in einem Zug austrinke. Er schweigt und lächelt.

Wie ich Ihnen sagte: Ich bin nicht gut in solchen Sachen. Beethoven hätte mir, uns, der Firma wohl kaum zu einem Pitch verholfen.“

Er schaut mich kurz mit einem fragenden Blick an, aber ich winke ab. Ich habe keine Lust, das zu erklären. Dann macht er dem Kellner mit zwei Fingern ein Zeichen, das ich leider zu spät bemerke, nimmt seine Papierserviette und beginnt sie immer kleiner zu falten.

Eigentlich wollte ich … Ich denke, ich …“

… Erhabenheit. Das ist das Wort“, unterbricht er mich, als habe er meinen Einwand nicht gehört und schiebt das kleingefaltete Serviettenviereck nachdenklich auf der Tischdecke hin und her.

Ich denke, mit diesem kleinen Wort muss man solch große Gefühle beschreiben“, und der Ton, mit dem er diese Sätze ausspricht, klingt nach unbeschreiblicher Zufriedenheit. Als der Kellner mit den beiden Weingläsern kommt, schaue ich ostentativ auf meine Uhr, aber die Wahrnehmung dieses Mannes beweist einmal mehr ein ausgeprägtes Selektionsvermögen.

Ich bin mir fast sicher, nein, Sie müssen mir das einfach glauben, ich weiß es. Ich weiß, dass es dem, was der Mensch Schicksal nennt, also das, auf das der eine vertraut und sein Nachbar nicht, dass der Gottergebene in gläubigem Wahn schutzengel- oder eben teufelshaft zu personifizieren vermag, was die nicht ganz so Vertrauensbeseelten immerhin noch als möglicherweise personenverbundene energetische Aura ansehen, die mit Ambition und Glück gelegentlich an- oder abgeschaltet werden kann, dass es diesem Schicksal in jenem Moment zu langweilig wurde. Einem Schicksal, das unverbesserliche Realisten einzig als träumerische Schwäche eines wenig ausgebildeten Selbstbewusstseins erachten. Und das beschloss, auf perfide Art und Weise in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Heute, nach so langer Zeit, kann ich noch immer nicht leugnen, obwohl ich es so gerne täte, dass ich mich in den Stunden, die diesem Restaurantaufenthalt folgen sollten, immer wieder und mit bangem Zweifel zur Gruppe der wahnhaft Gläubigen zählte. Aber der Reihe nach.

Der Kellner beugt sich über meine linke Schulter und möchte das Glas auf den Tisch stellen. Ich will es ihm abnehmen und für einen kurzen Moment lang sind wir uns uneinig, wer nimmt und wer gibt. Ob er zu früh loslässt, oder ich zu spät zugreife, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall fällt an diesem Abend ein weiteres Glas zu Boden, zerschellt knallend neben meinem Stuhl und der Wein verteilt sich auf meinem Hosensaum und unter dem Tisch. Ich habe das Gesicht des Kellners noch genau vor Augen, eine bemerkenswerte Mischung aus aufflammender Wut und mühsam aufrecht erhaltener Dienstleistungscontenance. Ich höre mich immer wieder Entschuldigungsphrasen stammeln, aber er zwingt ein Lächeln auf sein Gesicht und winkt ab.

Es gibt solche Abende“, meint er lakonisch, „ich bringe Ihnen ein neues Glas. Kein Problem. Ich hoffe, ich habe Ihre Hose nicht ruiniert.“

Und dann geht er und kehrt kurz darauf mit einem Kehrblech und einem Lappen wieder. Wahrscheinlich bin ich rot geworden und wahrscheinlich habe ich mich genau deshalb unter den Tisch gebückt, um die Reste des zerbrochenen Glases aufzuheben, damit mein Tischnachbar dieses Erröten nicht bemerkt. Aber als ich wieder über der Tischkante erscheine, streckt er mir schon den Arm entgegen und stößt mit seinem Glas kurz an den zersplitterten Rest in meiner Hand an. Und für einen ganz kurzen Moment erweckt er den Eindruck, als wolle er den Inhalt seines Glases mit einer Geste fragwürdiger Verbundenheit auf den Tisch schütten. Als ich ihn völlig perplex anschaue, lacht er, senkt die Stimme und flüstert:

Auf die Ode an die Freude! Ein wahrlich bemerkenswerter Abend, mein Freund. Ich möchte Sie gerne so nennen? Sehen Sie es mir bitte nach, denn ich würde das alles jetzt nicht mehr als puren Zufall ansehen wollen.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll und zucke mit den Schultern. Als der Kellner zurückkommt, lächelt er vieldeutig, zwinkert mir zu und ich nuschele ein kaum hörbares Vielen Dank.

Ich werde mich jetzt wohl besser auf den Weg machen.“ Meine Stimme klingt belegt und ich räuspere mich zweimal. Ich wische mir über die Hose und richte mich auf. Er faltet langsam die Hände und seufzt.

Ihnen wird wahrscheinlich, selbst in der Kürze der Zeit, nicht entgangen sein, dass ich ein Mensch bin, der eine gewisse Direktheit schätzt. Und ich würde mich durchaus als jemanden bezeichnen, der – nun ja, sagen wir – jederzeit um Ehrlichkeit bemüht ist. Deswegen möchte ich Sie herzlich bitten, wenigsten das Glas noch in Ruhe auszutrinken. Betrachten Sie sich bitte weiterhin als mein Gast. Bitte.“

Er weist mit der einen Hand auf meinen Stuhl, fährt sich mit der anderen Hand durch das Haar und rückt dann seine Brille zurecht.

Ich möchte Ihnen etwas erzählen. Etwas, das nach diesem kleinen Missgeschick eben ein wahrlich erstaunliches Licht auf diese unsere zufällige Begegnung wirft. Ich bin absolut sicher, Sie werden das am Ende verstehen.“

Ich schenke ihm einen zweifelnden Blick und antworte vielleicht etwas zu forsch:

Fassen Sie sich bitte kurz. Mein Tag war wirklich nicht übel und ich möchte nicht, dass der Abend daran etwas ändert. Und ich werde langsam etwas müde. Verzeihen Sie. Ich hoffe, dass Sie das genauso verstehen.“

Er lächelt und nickt. Dann verschränkt er die Arme auf dem Tisch und betrachtet sein Glas.

Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium … Sie erinnern sich? Ach, was sage ich, natürlich erinnern Sie sich. Sie haben das Gefühl immerhin äußerst treffend beschrieben.“

Ich habe gar nichts beschrieben, guter Mann. Ich habe Phrasen gedroschen. Ich habe dir das gesagt, was du hören wolltest, ein paar emotionale Schablonen reflexartig aus dem Hut gezaubert und sie zuckerüberzogen in Worthülsen gefasst. Das ist mein Job. So macht man das, mein – Freund! Aber das sage ich ihm nicht. Und wieder entsteht eine kurze Pause.

Am 13. September 1785, noch früh am Morgen, sitzt Friedrich Schiller im Kreise seiner Freunde unter einem Nussbaum im Garten beim Frühstück. Der Vorabend war weinbeseelt und rauschhaft gewesen. Schiller war erst an diesem Tag in Loschwitz bei Dresden angekommen. Drei Jahre Flucht liegen hinter ihm. Jahre des Darbens, der wirtschaftlichen Not und der Ungewissheit. Die schärende Erinnerung an eine Lehranstalt mit Namen Karlsschule, die er die Sklavenplantage nannte. Vielleicht das ihn verfolgende Gesicht des Monstrums Herzog von Württemberg. Eine Vergangenheit, die er nicht selten als Kerker empfunden haben muss, als Loch, in dem er ohnmächtig gefangen saß. Aus dem er sich nur herausschreiben konnte. Zorn, ohne Pardon, einzig das Alles oder Nichts fühlend, im Furor einer unbeugsamen Unbedingtheit, im Großartigen wie im Banalen. Was hör ich, einen nassen Strumpf, geworfen in die Welle. Im Guten wie im Bösen. Und dann diese Einladung nach Loschwitz. Wie ein Übersiedeln in das Paradies. Zu Seelenverwandten, Bewunderern, Gleichgesinnten, wo man ihm neben der Anerkennung sogar ein finanzielles Auskommen anbietet. Schiller befindet sich in einem solch euphorisierten Zustand, dass er bei einem Toast so heftig an das Glas Minna Stocks, der jüngst angetrauten Gattin seines Gastgebers und Gönners Christian Gottfried Körner anstößt, dass deren Glas zerbricht und sich der Rotwein auf die Tischdecke ergießt …“

Einem seltsamen Impuls folgend schaue ich auf meinen weinbefleckten Hosensaum und höre einen Moment lang nicht zu. Ich weiß nicht, ob er die Skepsis bemerkt, die sich auf mein Gesicht zu legen beginnt. Ich glaube aber nicht, denn er erzählt wie in einer Art rasant ansteigendem Fieber.

Und Schiller, in seinem grenzenlosen Glücksgefühl, ruft: «Eine Libation für die Götter! Gießen wir unsere Gläser aus». Und als er das wirklich macht, tun es ihm Christian Körner und die anderen Gäste nach. Und Schiller nimmt die leeren Gläser und wirft sie über die Gartenmauer, wo sie scheppernd auf dem Steinpflaster zerschellen. «Keine Trennung! Keiner allein! Sei uns ein gemeinsamer Untergang beschieden!», schreit er in einem Ausbruch unbeschreiblicher Leidenschaft…“

Ich höre mich tief ausatmen, aber er schweigt einen Augenblick und spielt gedankenverloren am Stiel seines Glases.

Und ein paar Wochen später vollendet er an diesem Ort Die Ode an die Freude, die er, das am Rande, auf einen Vorschlag Körners begonnen hatte. Und deren Qualität er, bemerkenswerterweise, wenige Jahre später auf das Heftigste relativierte. Wie es übrigens auch Beethoven mit eben jenem vierten Satz seiner 9. Symphonie gemacht hat. Ein für den Autor unbefriedigendes Gedicht und ein kompositorischer Missgriff verschmelzen zu einem die Jahrhunderte überdauernden, erhabenen Monument …“

Er schüttelt den Kopf und lächelt.

Beethoven und Schiller sind sich nie persönlich begegnet …“

Er sieht mich an und bemerkt meinen fragenden, und ja, ich gebe es zu, mehr als zweifelnden Blick. Wir sitzen hier im Grunde aus purem Zufall. Wir waren im gleichen Konzert. Gut. Aber warum erzählt er mir das alles in einer solchen Ausführlichkeit? Wein wurde zu allen Zeiten verschüttet, Unachtsamkeit ist ein Teil des menschlichen Wesens und euphorische Träumer gibt es auf dieser Welt wie Sand am Meer. Sie sorgen dafür, dass mein Konto nicht immer wieder hoffnungslos in die Miesen rutscht.

Sie glauben mir nicht, nicht wahr? Sie halten mich für einen Schwätzer. Einen einsamen Schwätzer. Einen einsamen alten Schwätzer …“

Ich hebe entschuldigend die Hände und bin mir sicher, dass er die Unwahrheit in meiner antwortenden Geste sofort heraushört.

Es ist eine reizende Geschichte. Und sie ist ein wunderbarer Abschluss dieses denkwürdigen Abends. Haben Sie vielen Dank, aber ich muss jetzt wirklich …“

… Es ist keine Geschichte, mein Freund! Es ist die Wahrheit! Die W-a-h-r-h-e-i-t! Und wie ich Ihnen schon sagte: Mir liegt unendlich viel an Wahrheit und Ehrlichkeit. Die Freude ist beileibe nicht nur das, wofür sie viele halten, keine prärevolutionäre, männerbündlerische, romantisch überhöhte, kitschüberzogene, dem, dem, dem …“, er beginnt mit den Händen vor seinem Gesicht herum zu wedeln, „… dem zu Melodramatik neigenden Charakter eines verarmten Poeten zuzuschreibenden … sie ist ein Schrei! Ein Schrei nach … das absolut sichere Gefühl, die unumstößliche Gewissheit eins zu sein mit anderen, ja mit der Natur, in seinem Streben und Denken, die Erhabenheit, die …“

Bitte! Bitte beruhigen Sie sich. Ich weiß nicht, für wen Sie mich halten, aber ich bin ganz sicher nicht …“

Ich lege meine Hand auf die Tischdecke, als könne diese Geste bewirken, dass unsichtbare Ströme eines Sedativums durch den weißen Stoff fließen, aus ihm herausströmen, um ihn dann wie beruhigender Nebel einzuhüllen. Er betrachtet mich mit dem Blick eines maßlos enttäuschten Lehrers, der es soeben aufgegeben hat, seinem Schüler die Wunder der menschlichen Seele zu vermitteln.

Nein, nein, Sie sind auch nur einer jener abertausend Scharffensteins, gegen dessen Spötterei der Dichter schrieb: Wie wenig Achtung, Liebe Du für mich hegtest, wie klein Du mein Herz gefunden. Die Seele verschweißt. Aus Privilegien erwachsene Blindheit, Höflinge des Mittelmaßes“, flüstert er.

Glauben Sie mir, ich habe so viel verloren. Aber böte man es mir an: Ich wollte es nicht zurück!“

Ich stehe auf. Diese Unterhaltung hat Formen angenommen, mit denen ich nicht mehr zurechtkomme. Seine letzten Tiraden und Anschuldigungen nehme ich nicht ernst. Wem, oder was sie geschuldet sind, will ich nicht wissen. Ich bin kein Psychologe, geschweige denn Psychiater. Eine gewisse Portion Menschenkenntnis und Empathie verlangt mein Job. Aber eine solche Breitseite an Pathos erinnert mich – ja, an was? Ich muss zugeben, dass in den Untiefen meines Verstandes kurz etwas zu brodeln beginnt, an das ich einfach nicht erinnert werden will. Das Knarren der Stuhlbeine klingt wie Geräusche aus einer anderen Welt.

Machen Sie es gut und nochmals vielen Dank.“

Ich nehme meinen Mantel von der Garderobe und nicke ihm im Vorbeigehen noch einmal zu. Aber er reagiert nicht und rezitiert leise etwas vor sich hin, das ich nicht verstehe. … nie gekonnt, der stehle weinend sich … An der Tür angelangt ziehe ich den erstbesten Schirm aus dem Ständer und trete auf den nassglitzernden Gehweg. Das Gewitter und der Sturm haben nachgelassen. Vereinzelt weht eine tropfendurchtränkte Böe heran. Ich spanne den Schirm auf und überlege, wo die nächste Bushaltestelle liegt. Der 810er fährt um diese Zeit noch alle halbe Stunde. Als ich an der Haltestelle ankomme und unter dem Wartehäuschen den Schirm zuklappe, wird mir bewusst, dass ich gar keinen eigenen Schirm mitgenommen hatte. Ich bin also ein Dieb! Aber ich werde das Ding unter keinen Umständen zurückbringen. Und ich verspüre nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Schirme sind Werbeartikel. Es gibt sie, wenn nicht an jeder, dann an jeder zweiten Ecke. Streuware. Ich weiß wovon ich rede. Die Sprüche zur mediopharm-Aktion vor zwei Jahren waren auf meinem Mist gewachsen: Damit Sie die nächste Grippewelle nicht nass macht! Und zehn Sekunden lang war ein unsäglich bescheuerter blauer Bär aus der Feder unseres AD über den Bildschirm gehüpft und hatte einen ebenso blauen Riesenschirm geschwungen. Eine Windböe weht die durchweichte Hälfte einer Yoghurtverpackung an die tropfenübersäte Außenwand des Wartehäuschens und ich schlage den Kragen meines Mantels hoch.

… Ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund! Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!

Warum? Warum fällt mir diese Stelle ein? Jetzt? Hat er eben irgendwann aus dem Gedicht zitiert und ich habe es nicht bemerkt, weil ich mit meinen Gedanken woanders war? Haben mich seine letzten kruden Bemerkungen doch irgendwie auf verschlungenen Wegen erreicht? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie lang das ganze Gedicht ist. Hat der Chor diesen Teil in der Kirche gesungen?

Der 810er aus der Gegenrichtung kommt und hält auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es gibt nur einen Fahrgast. Eine junge Frau, direkt hinter dem Fahrer. Sie starrt durch die Scheibe ins Nichts und lauscht dem, was aus den Kopfhörern kommt, die sie aufhat. Durch meinen Kopf weht das Bild meiner Frau, Rauch, aber klar zu erkennen. Es wabert, verschwindet und kehrt zurück, verwandelt sich in den Rücken meiner mehr als befremdlichen Bekanntschaft von eben. Die Kirchenbank vor mir. Ein hellblaues Hemd. Und urplötzlich die Gesichter von Carsten und den anderen Kollegen. Noch bevor ich mich fragen kann, woher diese nächtlichen Geisterbilder jetzt kommen, höre ich das Rauschen des nahenden Busses und der Gedankenspuk ist vorbei. Ich setze mich vor den Ausgang in der Mitte und hole mein Handy hervor. Keine Mitteilungen. 22.15 Uhr und der Akku auf 9 Prozent.

… Festen Mut in schweren Leiden, Hilfe, wo die Unschuld weint, Ewigkeit geschwor’nen Eiden, Wahrheit gegen Freund und Feind … Verschwindet! Irgendjemand, irgendetwas spielt mit mir. Der Bus setzt sich in Bewegung und mir fällt in diesem Moment auf, dass wir uns nicht einmal namentlich vorgestellt haben.

22.45 Uhr

Meine Eltern starben als ich siebzehn war. Im selben Jahr, binnen weniger Monate. In meiner Erinnerung ist mein Vater ein ruhiger und ausgeglichener Mensch, frei von aufbrausender Wut oder gar Jähzorn. Ich kann mich nicht an Schläge erinnern. Zurückhaltend. Eben väterlich. Ich glaube, wir hatten ein gutes Verhältnis. Und doch, noch nach achtundzwanzig Jahren, bleibt dieses Jahr das Jahr für mich, in dem meine Mutter starb. Menschen im Alter meiner Mutter stehen nicht in vorderster Reihe wenn der Tod eine Routinerunde macht. Wenn ich an den Moment zurückdenke, an dem ich es erfuhr, habe ich noch immer das Gefühl, dass die Umstände ihres Todes damals von einer Aura John Irving’schen Ausmaßes umwoben waren. Ich erinnere mich, dass ich damals abends in meinem Zimmer im Soglitzer Internat Gottes Werk und Teufels Beitrag las und dass mich Irvings überbordende Fantasie und Ideenwelt im gleichen Maß beeindruckte wie sie meine eigene Vorstellungskraft zu den überspanntesten Bocksprüngen verführte. Die Geschichte und mein Leben wiesen keine Parallelen auf. Nicht wirklich. Verstand und Herz eines Siebzehnjährigen sind nicht immer leicht deckungsgleich zu bekommen. Sie operieren nicht selten nach dem Prinzip: Er sieht mich, er sieht mich nicht. Denn ich empfand für jenen Homer Wells und sein Schicksal eine oft geradezu verschwörerische Zuneigung. Jenen stillen Waisenjungen, der keine Adoptiveltern fand, zu dessen Ziehvater sich der so äthersüchtige wie liebenswerte Dr. Larch machte und der den anderen Kindern im Heim jeden Abend vorlas. Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine. Alles klang anders gleich und es gab, wie ich mir damals gerne einredete, verblüffende Ähnlichkeiten, die zu Knetmasse in den Händen meiner Gedanken wurden.

Meine Mutter arbeitete als Lehrerin für katholische Theologie und Deutsch am Gymnasium in Bad Arling. Und an jenem Montagmorgen vor achtundzwanzig Jahren stürzte sie im blühenden Alter von nur sechsundvierzig Jahren auf der Treppe eben jener Lehranstalt, die sie, in absoluter Übereinstimmung mit meinem Vater für mich als weiterführendes Bildungsinstitut für nicht ausreichend erachtet hatte, um sich das Genick zu brechen. Es hieß, sie habe auf der untersten Stufe gelegen, in ihrer etwas aus der Zeit gefallen wirkenden schwarzen Trauerkleidung, mit ungläubig aufgerissenen Augen und die Bibel an die Brust gedrückt. Ich weiß nicht, ob ich damals, als man mir die Nachricht überbrachte, geweint habe. Ich denke schon. Aber ich weiß noch sehr gut, dass mir für einen kurzen Augenblick lang John Irvings Figur des Homer Wells in den Sinn kam und ich mir in diesem Moment absolut sicher war, nachempfinden zu können, im tiefsten Inneren zu verstehen, was es bedeutet, zu einem Waisen geworden zu sein.

Als ich klein war, lebten in unserem Haus in Bad Arling vier Personen: Mein Vater, meine Mutter, ich und der liebe Gott. Das Verhältnis meiner Eltern zu unserem unsichtbaren Gast war zeitlebens von unumstößlichen Vertrauen und innigstem Glauben an dessen schützende Hand geprägt, einer Hand, die sie selbstverständlich auch über ihrem Sohn schweben sahen. Wie konnte es auch anders sein? Dass meine Mutter katholische Religion lehrte, entsprach keiner Eingebung, es sei denn einer ebensolchen aus Gottes traumhaften Mund, es war nicht das Ergebnis eines langen Denkprozesses oder eines Zufalls, es war natürlich.

Heute weiß ich, dass wir eine, wenn nicht begüterte, dann doch durchaus wohlhabende Familie waren. Damals waren derlei Dinge nicht Teil meines Denkens. Und es war auch keineswegs so, dass der Glaube meiner Eltern und vor allem der meiner Mutter unser Haus in bleierne Düsternis, übermäßiges Gebetsgemurmel und frömmelnden Mief getaucht hätte. Ihr Glaube war nur zutiefst innig, unerschütterlich und von der festen Überzeugung geprägt, keine einzige Minute zu verschwenden, in der man sich nicht um das gottgefällige Wohl des eigenen Miteinander, das seiner Umgebung und nicht zuletzt das des eigenen Sohnes kümmert. Es gab eine Zeit und sie liegt vor allem in den ersten Jahren meines Lebens im Internat, da habe ich versucht im Nachhinein und aus der räumlichen und zeitlichen Distanz doch noch Spuren von in den Augen brennenden Weihrauchschwaden, versteckter Scheinheiligkeit und schmerzender Unwissenheit zu erriechen, von denen ich mir anfangs einredete, dass es sie in unseren Zimmern zu Hause gegeben haben muss, denn, so sagte es mir mein jugendlicher Verstand, sonst hätten mich meine Eltern niemals nach Soglitz geschickt. Aber ich habe keine solchen Spuren gefunden, auch, wenn ich sie immer und immer wieder gesucht habe. Meistens sehe ich von der Sonne in die Zimmer geworfene Lichtkegel, in denen Staubkörner tanzen, höre irgendwelche Stimmen und habe den kaum wahrnehmbaren Geruch von selbstgemachter Marmelade in der Nase. Und meine Erinnerung unternimmt den aufs Neue zum Scheitern verdammten Versuch, aus all dem fassbare Bilder zu bauen.

Und so entschieden sich meine Eltern gegen das Gymnasium in Bad Arling. Heute weiß ich, dass diese Entscheidung nicht darauf beruhte, dass sie die Schule als schlecht erachteten. Sie war ihnen lediglich nicht gut genug. Und das Gehalt meines Vaters als Oberstudiendirektor in Grunddellingen, fünfzehn Kilometer von Bad Arling entfernt sowie das Zubrot meiner Mutter, wie sie es zu nennen pflegte, boten eine beruhigende Basis, diesen Plan bis an sein ohne jeden Zweifel erfreuliches Ende umsetzen zu können.

Vielleicht hätte ich als kleiner Junge öfter mit unserem, den Augen verborgenen Gast sprechen sollen. Aber das Wort Konsequenz kommt in den Wörterbüchern Heranwachsender nicht vor. Bis heute gehen wir uns aus dem Weg und ich verhehle nicht, dass ich der felsenfesten Überzeugung bin, dafür meine guten Gründe zu haben. Meinen Eltern schenkte er die Sicherheit eines wirtschaftlichen Auskommens und die Hoffnung auf eine lebenswerte und sichere Zukunft ihres Sohnes. Aber sie sprachen ja auch mit ihm. Und waren sich seiner Geduld sicher. In meinem Fall ging es wohl eher darum, dass er nicht vergisst. Er soll sündige Engel bestraft haben. Warum sollte er es mit uneinsichtigen Kindern anders halten?

Ein knappes Jahr, bevor meine Mutter auf der Treppe des Gymnasiums den Tod fand, hatte mein Vater einen Schlaganfall erlitten. Zwei Monate später starb er. Die fast zehn Jahre Altersunterschied meiner Eltern lieferten keine tröstende und nachvollziehbare Erklärung. Aber der junge Mann in mir fürchtete schon damals zu wissen, warum das geschehen war, was geschehen war. Die Beerdigung meines Vaters glitt an mir vorbei wie die Kamerafahrt entlang eines Höllenorchesters, vor dem Gott kurz davor ist, den Taktstock zu heben, um den finalen Satz einzuleiten. In meinem Kopf tobte ein Sturm aus schwarzweißen Bildern. Mein erstes Zimmer im Soglitzer Internat, das ich mit einem verschlagenen Idioten teilen musste, die beiden Deutsch- und Englischlehrer und ihre undurchsichtigen wie schlangenartigen Anweisungen und Erklärungen, die mich zunehmend verstörter zurückließen, weil ich fühlte, dass sie mein kindlich-jugendliches Interesse vor allem am Fach Deutsch zu untergraben begannen, der allgegenwärtige Gestank nach Essig, Putzmitteln und Essensresten, der bis in die Klassen und unsere Zimmer wehte und natürlich die Freunde in den ersten beiden Jahren, von denen kein einziger ein echter Freund gewesen war. Fetzen, Bruchstücke, Nebelbilder und immer wieder die Frage: Warum? Was habe ich falsch gemacht?

Ich habe mir in meinen ersten beiden Schuljahren auf dem Internat zwei zerbrochene Brillen eingehandelt (heute trage ich Kontaktlinsen), mindestens vier zerrissene oder mutwillig verschmierte Hemden, zwei verschwundene Lieblingsbücher, die Tage später und vom Regen völlig durchnässt im Garten wieder auftauchten, eine Hand voll blauer Flecken sowie unzählige hinter meinem Rücken geflüsterte Spötteleien und hämische Bemerkungen. Das Salzfass mit nur aufgelegtem Verschluss vor meinem Teller im Speisesaal am zweiten Tag nach meiner Ankunft in Soglitz rechne ich nicht einmal mit. Ich buche es auf das Konto rüder Initiationsriten.

Habe ich mich gewehrt? Nein, das habe ich nicht. Zumindest nicht in einer angemessenen Art und Weise. Ich war mir sicher, dass alles einfach schnell vorübergehen würde. Ich wollte nichts von alledem schlimmer machen.

Ich habe zwei Wesenszüge meiner Eltern geerbt. Eine gewisse Eloquenz, die meinen Vater auszeichnete und die sich in meinem Beruf als äußerst hilfreich erwiesen hat und die blinde, Harmonie bevorzugende Unfähigkeit meiner Mutter gegen offensichtliche Ungerechtigkeit vorzugehen. Unmittelbar und ohne verdrehtes Zögern. Mein Vater konnte auch schweigen und es so meiner Mutter leicht machen. Und meine Mutter fand in meinem Vater einen vertrauenswürdigen Verbündeten, der bei Bedarf für sie beide sprach. Vielleicht hätte mir mein väterliches Erbe gegen die Unfähigkeit helfen können, aber irgendetwas hat mir immer gesagt, dass ich damit alles nur schlimmer gemacht hätte.

Wie heißt er? Wie heißt er? Ja, Klugscheißer heißt er!

Und irgendwann war plötzlich alles vorbei. Anfang der dritten Klasse hatte ich eines Tags das Gefühl, als hätte ich zwei Jahre in einem Regenschauer verbracht, der nur über mir herabgegangen war. Als würden mich unzählige Gesichter angrinsen und meinen: Wie siehst du denn aus? Alles in Ordnung? Herzlich willkommen! Sätze, die wie die letzten Tropfen um mich herum niederfielen, ohne, dass auch nur einer derer, die sie äußerte begriffen hätte, was er da sagt.

Nach dem Tod meiner Eltern verbrachte ich die verbleibenden knapp zwei Jahre fast ausschließlich in Stoglitz. Wir waren auch in den Jahren zuvor nicht regelmäßig an den Wochenenden nach Hause gefahren, aber jetzt gab es für mich kein zu Hause mehr. Diese Zeit war eine der seltsamsten in meinem bisherigen Leben. Der Nachlass sorgte dafür, dass ich die Schulzeit wie geplant beenden konnte. Mein Vormund und ein Rechtsanwalt, zwei mir völlig unbekannte Männer, boten an, mit mir gemeinsam, sobald ich das wünsche, einen Plan für die Zukunft zu erarbeiten. Aus dem Erbe inklusive des Hauses in Bad Arling stünden durchaus Mittel zur Verfügung, die einen detaillierten Plan möglich aber auch nötig machten. Sie sprachen in einer anderen Sprache, kamen aus einem anderen Universum. Ich lebte unter einer unsichtbaren Glocke, konnte alles um mich herum sehen, aber kaum etwas hören. In diesen Tagen, glaube ich, schlug ich zum ersten Mal das Wort katatonisch nach. Mein Elternhaus stand leer. Wie ein Symbol meiner selbst. Aber weil das so war, spürte ich wenigstens, dass es mich selbst noch gab. Und so dämmerte ich damals monatelang meiner Volljährigkeit entgegen.

Der Bus biegt in die Kleiststraße ein. An der nächsten Haltestelle steigt ein junger Mann mit einem Skateboard ein, drückt seine Dauerkarte auf den Automaten und lässt sich auf den nächstbesten freien Sitz fallen. Leises, rhythmisches Gezische dringt aus seinen Kopfhörern bis zu mir herüber. Meine Gedanken kommen mir vor wie das verbitterte Geschwätz eines alten Greises, aber manchmal kann man, nein, muss man den Eindruck gewinnen, dass die ganze Menschheit aus kopfhörertragenden, oder auf ein Smartphone starrenden Klonen besteht. Ich drücke auf den Stoppschalter und auf der Anzeigetafel hinter dem Fahrer tauchen die Worte Wagen hält auf.

Als der Bus zum Stehen kommt steige ich aus und stelle fest, dass das Unwetter inzwischen nur noch ein Echo aus der Ferne ist. Mit einem kurzen Zischen schließt sich die Tür und der Bus fährt los. Und in diesem Moment bemerke ich, dass ich den im Da Jacopo mitgenommenen Schirm im Bus habe liegen lassen. Langsam gehe ich den Anstieg zu meiner Siedlung hinauf.

Wahrscheinlich fragen Sie sich, warum ich Ihnen diese ganze Geschichte meiner Internatszeit und vom Tod meiner Eltern erzählt habe. Der Grund liegt in einem Gefühl, das ich nicht erklären kann. Einem beklemmenden Gefühl. Denn ich bekomme die Ereignisse des heutigen Abends nicht aus dem Sinn. Ich bekomme den verrückten Fremden nicht aus meinem Kopf. Ich glaube nicht an Zufälle. Was geschieht, das geschieht. Der Zufall ist die Manifestation der Sinnlosigkeit. Ja, ich weiß, der allgegenwärtige Untermieter meiner Eltern würde das durchaus anders sehen. Für ihn sind Zufälle Teile eines großen Plans, seines Plans, oder je nach dem, wen man vor sich hat, des Plans seines Vaters. Aber wie ich schon sagte: Wir kennen uns kaum und das, was wir voneinander wissen, verträgt sich nicht. Zufall und menschliches Streben bilden meines Erachtens eine nicht funktionierende Beziehung.

Dieser von Pathos geflutete Ritter-des-unbeugsamen-Rückgrats heute Abend erzählte davon, dass Schiller das Internat, auf dem er war, seine Sklavenplantage nannte. Dass er im Rausch einer beseelten Glückseuphorie Gläser zerbrochen hat. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, sieht er sich selber als heren Verfechter einer unmittelbar gelebten Aufrichtigkeit. Drei Dinge, die auf äußerst befremdliche und verquaste Weise auch mit meiner Person zu tun haben. Könnten. Oder eben auch nicht.

Ja, ich war auf einem Internat, wobei er das gar nicht wissen konnte, da ich es mit keinem Wort erwähnt habe. Ja, wahrscheinlich habe ich ein Glas zerbrochen und ja, ich habe meine Schwierigkeiten mit … aber auch das habe ich mit keinem Satz verraten. Zufälle. Alles Zufälle, an die ich nicht glaube. Zumindest nicht im Sinne einer fremdbestimmten Lenkung meines Lebens. Und warum vergesse ich es dann nicht einfach? Warum gelingt es mir nicht, es als groteske Anekdote abzutun? Weil es Zufälle gibt, die – zufälliger – absurder sind als andere. Die ein länger nachhallendes Echo haben. Punkt.

Ich steige die Stufen zu unserem Haus hinauf und mir fällt ein, dass ich dem Hausmeister unbedingt sagen muss, dass er die Innenklappe meines Briefkastens ersetzen muss, nachdem das Ehepaar unter mir sich bitter beschwert hat, dass die Werbeprospekte jedes Mal auf dem Boden herumfliegen. Am liebsten hätte ich der Frau gesagt, dies seien mitnichten nur Werbeprospekte, sondern wichtige Belegexemplare meiner immerhin auch sie betreffenden Arbeit. Aber ich habe es selbstverständlich nicht gesagt und nur genickt. Zum einen hätte sie den Witz nicht verstanden, zum anderen hätte es nicht gestimmt.

Und dann bricht mir, absolut unvermittelt und ohne jegliche Vorwarnung der Schweiß aus, denn meine Hand fährt, wie abertausende Mal vorher in einer solchen Situation in die rechte Hosentasche und findet – nichts. Ich taste mit der anderen Hand über die linke Hosentasche. Nur das Feuerzeug und das Rückgeld. Beide Hände wandern in die Manteltaschen, aber da ist nur der zerknüllte Busfahrschein und eine Packung Papiertaschentücher.

Ich atme einmal tief durch und wiederhole das ganze. Als das Ergebnis das gleiche bleibt, suche ich mit fahrigen Bewegungen die Innen- und Außentaschen meines Jacketts ab, schon ahnend, dass der Schlüssel da eigentlich nicht sein kann. Dort stecken nur die Brieftasche und mein Moleskine. Für Ideen, die vom Himmel fallen. Ein letztes Mal und meine Finger scheinen ein Wunder heraufbeschwören zu wollen. Aber das Wunder bleibt aus.

Scheiße!“, höre ich mich flüstern und wische mir mit zwei Fingern über die kalte Stirn.

Scheiße! Scheiße! Scheiße!“

Ich trete zwei Schritte zurück und lasse den Blick über die Fassade wandern. Vier Parteien. Sechs Fenster. Alle schwarz. Das Fenster unserer Wohnung, ja, noch ist es unsere Wohnung. Auch dieses Thema schiebe ich vor mir her, obwohl ich längst mit ihr darüber hätte reden müssen, das Fenster blickt dunkel in die Nacht. In einer anderen Zeit, als ich meine erste Stelle annahm, verkaufte ich das Haus in Bad Arling und kaufte diese Wohnung. Und mit gemischten Gefühlen beobachtete ich, wie bemerkenswert emotionslos die Metamorphose von versteinerten Erinnerungen zu sehr lebendigen Hoffnungen erfolgte. Ich verspüre einen kurzen Stich in der Magengrube. Ein funktionierendes Verhältnis, eine wunderbare Freundschaft, eine im Großen und Ganzen problemlose Ehe haben unvorstellbare Vorteile. Die Wohnung links von unserer steht seit einem Monat leer. Das Ehepaar drunter ist im Urlaub, weswegen ich in der Sache mit dem Briefkasten auch noch nichts unternommen habe und der junge Mann unter mir ist zu seinen Eltern gefahren. Sein Zweitschlüssel liegt bei mir im Flur. Einen Zweitschlüssel meiner Wohnung hat niemand. Doch, Anja, meine Frau. Aber die ist seit zwei Monaten mit ihrem neuen Schatten in Südafrika.

Und der Hausmeister, fällt es mir siedend heiß ein und mein Finger wischt zitternd durch das Adressbuch meines Handys. Der Mann wohnt mit seiner Familie etwa drei Kilometer weit in einem anderen Stadtteil, aber Notfall ist Notfall. Das Freizeichen dauert ein ganzes Leben lang. Dann erklingt der Anrufbeantworter und zerstört meine letzte Hoffnung.

Fuck verdammt!“, und ich bin froh, dass das niemand hört. 23.10 Uhr und der Akku bei 8 Prozent.

Ich setze mich auf die oberste Stufe der Treppe, die zum Hauseingang führt, und schere mich nicht darum, dass mein Mantel langsam einen nassen Fleck bekommt. Es bedarf keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, dass meine Möglichkeiten äußerst überschaubar sind. Freitagabend. Es gibt Freitagabende, da ist Alex Schäfer um diese Zeit noch im Büro, aber ich erinnere mich, dass er den siebzigsten Geburtstag seiner Schwiegermutter erwähnte. Carsten fällt aus. Das geht einfach nicht. Und außerdem wohnt er zu weit entfernt. Wie hieß die Frau, mit der ich vor einer Woche im Savoy zwei Pimms getrunken habe? Vielleicht auf ein nächstes Mal, hatte ich beim Abschied gesagt und brav gelächelt. Ich hatte das gesagt. Nicht sie. Aber ein weiterer Blick auf mein Handy schenkt mir auch hier keinen Eintrag. Ich werde alt. Es gab mal eine Zeit, da war das anders. Jetzt, hier, heute komme ich mir eher schäbig vor.

Überschaubare Möglichkeiten verwandeln sich in keine Möglichkeiten.

Eine Mischung aus Wut, Panik und Ratlosigkeit steigt in mir auf. Ich stehe auf, gehe die Treppe hinunter und schlendere ratlos zurück in Richtung Bushaltestelle.

Na denn, du dunkle Nacht. Was hast du anzubieten?“

In der Ferne schlägt eine Turmuhr das Viertel der Stunde. Die Tankstelle an der Ecke der Kleiststraße hat durchgehend auf und ich kaufe eine Packung Zigaretten, obwohl ich es mir eigentlich abgewöhnen wollte. Als ich an der Bushaltestelle ankomme, setze ich mich auf eine der Plastikschalen und starre mein Handy an.

… Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein! Schon wieder. Unfassbar! Aber ich höre nicht hin.

Chalky … Du immer erreichbarer unerreichbarer Hauptstädter. Bist du noch wach? Sitzt du noch über einem Buch oder einem Blatt Zeichenpapier?“

Und dann tippe ich die Nummer ins Smartphone.

23.25 Uhr

Ich bins.“

— „

Ich. Bin. Es!“

Ja, ja, schon klar. Alte Männer brauchen etwas länger und der Gerichtsvollzieher hat sich erst für morgen angekündigt. Beim grünen Hütchen … ich schaue einmal auf die Uhr und denke mir … lass mich raten: Du hast gerade auf deinen Wecker geschaut, der allerdings stehen geblieben ist und auf, sagen wir, viertel nach sieben, vielleicht auch acht steht. Oder der Küster der Kirche bei Dir gegenüber hat zu viel Messwein stibitzt und aus Versehen nur sieben- oder achtmal am Seilchen gezogen. Oder irgendeiner vor Deinem Fenster probiert ein neues Flutlicht aus und gaukelt Dir vor, wir hätten helllichten Tag … Oder aber alles zusammen. Habe ich recht, oder habe ich recht?“

Guten Abend. Gott segne Deine Schlaflosigkeit. Und Du hast so etwas von Unrecht.“

Gott ist im Spiel? Das klingt – übel. Was ist los? Oder gerade nicht, ich kenne Dich doch! Und schenk Dir einen Gruß an Herrn Gott. Wir kennen uns nicht.“

Ok, Spaßplatte zu Ende. Hast Du einen Moment Zeit. Nein, ich weiß, dass Du Zeit hast. Chalky hat immer Zeit. Fast immer …“

Wenn ich nicht wüsste, wer da spricht. Immer der Alte. Es ist bemerkenswert, wie Du nach wie vor mit dem höchsten Gut anderer Leute umgehst.“

Ist ja gut. Ich bin ein Arschloch. Aber bitte, hör mir jetzt einen Moment zu. Ich muss mit jemandem reden und brauche Deine Hilfe.“

— „

Ich war heute Abend in einem Konzert. Beethovens Neunte. Sehr schön. So weit so gut. Dann hat mich ein komischer Kauz angequatscht und mich zum Italiener eingeladen. Wegen des Wetters bin ich mitgegangen. Ich weiß schon, warum mir schlechtes Wetter aufs Gemüt schlägt. Er hat mir über Schiller und dessen Ode an die Freude die Ohren zugelabert. Von irgendeiner Freundesrunde in einem Ort bei Dresden. Ich habe dem Kellner ein Glas Wein vom Tablett gestoßen. Der Typ ist schier ausgeflippt. Hat von Erhabenheit, Wahrheit und Ehrlichkeit gefaselt. Glaub mir, es war echt krass. Man hätte meinen können, er wollte mich zu einer Art geistigem Kumpel, einer Art Seelenverwandten machen. Und das Schlimmste ist, dass ich diesen Typ seitdem nicht mehr aus meinem Schädel bekomme … Bis du noch da?“

Geht es noch weiter? Du hast einen in der Krone, oder?“

Mein Lieber, ich bin so was von trocken. Was mich am meisten ärgert ist, dass diese grotesken Auslassungen dazu geführt haben, dass ich während der ganzen Busfahrt an Anja, ihre Eltern, meinen Job und an früher denken musste. Einmal Achterbahnfahrt mit Gefühlskonfetti. Und dann stehe ich spätabends vor der Haustür und komme nicht rein, weil ich meinen Schlüssel in der Wohnung vergessen habe. Kein Mensch da und ich kann jetzt zusehen, wie ich mir die Nacht um die Ohren schlage. Also keinesfalls warm und gemütlich, sondern kalt und Bushaltestelle … Sag mal, ich weiß, dass du das weißt: Hat es dieses Treffen von Schiller und den anderen wirklich gegeben?“

— „

Komm, Dein Name ist Brockhaus. Du liest doch all das Zeug, das die meisten links liegen lassen.“

Du sitzt an einer Bushaltestelle und kommst nicht rein?! Mein herzliches Beileid. Das muss man dir glauben, das könnte sich nicht einmal ein Werbeschwiemeler wie Du ausdenken.“

A … habe ich dich jemals angelogen …?“

Den Aspekt lassen wir jetzt einmal tunlichst beiseite. Obwohl das Thema offensichtlich … Und ja, das Treffen hat es wohl gegeben. Euphorie unter Weinlaub. Männer, Träumer, sturzbetrunken, Brüder des Deliriums. Die Jahreszahl habe ich …“

… ich habe es befürchtet!“

Wahrheit muss er hören – Wahrheit! Und wär er zehnmal ein Gott!“

Wie bitte?!“

Ach, nur ein Insiderwitz. Das ist auch Schiller. Aus Don Carlos. Du gestattest, dass ich sitzenbleibe und nicht nachsehe, wann das entstanden ist. Ich bin mir nicht sicher. Ich habe da so eine Ahnung und am Ende verstört dich das Ergebnis noch mehr.“

Wahnsinnig spaßig!“

Ich würde dir ja gerne ein Bett anbieten, aber ich befürchte, bis du hier bist, liege ich seit Stunden in Hypnos zärtlichen Armen.“

— „

Hallo, ist da jemand?“

Ja, hier ist noch jemand ……“

Oha, wie das klingt. Und die richtige Antwort lautet: Es läuft im Augenblick mal wieder nicht so … Ich meine nicht nur die Sache mit dem Schlüssel. Ich meine eher generell?“

Mmh.“

Mann, da trifft mein Freund, so wie es sich anhört, einen kauzigen, romantisierenden und leicht bekloppten verkappten Idealisten und schon fallen ihn die Selbstzweifel wie eine Heer aus Furien an.“

— „

Dir ist schon klar, dass es solche Typen zu fast allen Zeiten gegeben hat, oder? Besonders häufig tummelten sie sich in der Romantik und dem, was man den Deutschen Idealismus nennt. Kein Kommentar bitte. Es spricht Herr Professor Schlaumeier, der dich auf andere Gedanken bringen will. Das absolute Einssein von äußerer und innerer Landschaft. Die Welt als Objekt des Bewusstseins. Das System schlechthin. Ein erkenntnistheoretisches Gottesteilchen. Rousseau, Kant, Schiller, Fichte. Kleist hat der Zwang zum menschlichen Rollenspiel so sehr angewidert, dass er irgendwann meinte, nur seine eigene Gesellschaft ertragen zu können, weil er nur dort wahr sein könne. Und dann schießt er sich mit 34 Jahren eine Kugel durch den Kopf …“

Wie aufmunternd. Vielen Dank.“

So weit ich weiß, hast Du keinen Waffenschein. Und wir leben, dem Himmel sei Dank, nicht in Amerika. Vergiss es also …“

… aber es wäre vieles so einfacher, wenn man seine großen und kleinen Lügen nicht täglich fieberhaft neu organisieren müsste, weil konsequenter Ehrlichkeit keine Stolpersteine im Weg liegen. Mach’ das heißt, mach’ ja etwas anderes. War nicht so gemeint bedeutet, es war sehr wohl so gemeint. Und morgen alles anders herum. Jetzt fange ich meinerseits schon an zu philosophieren.“

Es wäre nicht einfacher. Glaube es mir. Es funktioniert schlichtweg nicht. Vielleicht vertrocknet man, wenn man nur das zu denken wagt, von dem man glaubt, es auch leben zu können. Aber, ich sage dir, du vergehst, wirst zerstört, puff, peng, weg, wenn du ausnahmslos das leben willst, was du irgendwann einmal gedacht hast. Im günstigsten Fall machen dich solche Versuche zutiefst einsam. Ich fürchte, so ist das mit dem Menschsein. Soll ich Dir ein paar Schwänke erzählen?! Und ich spreche nicht von Situationen, in denen ich zu viel erhaltenes Wechselgeld nicht brav zurückerstattet habe.“

Apropos. Warte mal bitte. Der Bus kommt. Nicht auflegen.“

— „

So. Nein, brauchst Du nicht. Ok. Schluss mit Trauerchor. Wie geht es dir?

Immer wieder gerne. Und was deine Frage anbelangt, immer wieder gerne gut. Nur, dass das leider nicht immer klappt. Meine Mutter liegt mit einer gebrochenen Hüfte im Krankenhaus und ich muss am Montag zum Männerdoktor. Mehr verrate ich nicht.“

Mehr will ich auch gar nicht wissen. Ich neige mit zunehmendem Alter zu einer gewissen Hypochondrie.“

Was piepst denn da? Bist du das?“

Das ist mein Akku. Wenn ich gleich also plötzlich verstumme, liegt das nicht an der Erhabenheit deiner Sätze, sondern an meiner Unfähigkeit, mein Telefon rechtzeitig aufzuladen.“

… und der Sarkasmus geht zuletzt …“

Ich muss immerhin zu dir aufschließen. Wobei habe ich dich eigentlich mit meinem Anruf gestört?“

Ich lese. Ich las. Ich habe gelesen.“

Empfiehl mir das Buch! Ich benötige Zerstreuung.“

Das willst du nicht wissen. Das ist dir zu dick. Und zu alt. Aus der Links-liegen-lassen-Krabbelkiste. Ich allerdings lese es gerne zum zweiten Mal.“

Du würdest dich wundern, wozu ich mir inzwischen Zeit nehme, seit Anja nicht mehr da ist. Also was?“

Moment. Warte. Ich lese dir etwas vor. Und dann sehen wir ja, ob der Köder schmeckt. Kurze Pause.“

— „

Die Summe dessen, was wir sind, hat keiner von uns je ermessen; man versetze uns zurück in Blöße und Nacht und wird vor viertausend Jahren auf Kreta die Liebe keimen sehen, die gestern in Texas ihr Ende fand. Die Saat unseres Untergangs wird in der Wüste aufgehen, das Gegengift wächst aus dem Gebirgsfelsen, und durch unser Leben spukt eine Schlampe aus Georgia, weil in London ein Taschendieb dem Galgen entging. Jeder Moment ist die Frucht von vierzigtausend Jahren.“*

— „

Weiter?“

Nein. Und? Was ist das?“

Der Anfang von Schau heimwärts, Engel. Thomas Wolfe. Von 1929. Alte Männer wie ich mögen alte Schinken. 800 Seiten. Und wenn du das Buch zuklappst, bist du ein anderer Mensch.“

Dann sollte ich es mir ja vielleicht wirklich zulegen. Vierzigtausend Jahre. Ich musste kurz an Bad Albrig denken.“

Lesen! Nicht nur zulegen. Bedauerlich, dass die Buchläden um diese Zeit unerklärlicherweise schon geschlossen haben. Wohin fährt Dich der Bus eigentlich? Ins Obdachlosenheim?“

In die Stadt zurück. Wenigstens dürfte noch die ein oder andere Kneipe offenstehen, in der Gestrandete wie ich sich hoffnungslos betrinken können.“

Du kannst einem echt Leid tun. Ein gut aussehender, charmanter, betuchter, intelligent-humorvoller, redegewandter, voll im Saft stehender und so weiter Werbefuzzi und kein Bettchen, das er mit seiner Herzdame teilen kann. Oder hat sich seit unserem letzten Telefonat etwas geändert?“

Natürlich nicht! Der Pegel steigt. Um auch, was die Zoten angeht, mitzuhalten. Wie Du ganz richtig angedeutet hast: Alte Männer lieben alte Autos, wie ich lernen durfte, alte Bücher, alten Wein oder Whiskey und junge Frauen. Und genau da wird es klebrig.“

Ich bin der Alte, Mann. Du triefst ja förmlich vor Selbstmitleid. Sagt der Busfahrer ob dieser drohenden Schweinerei noch nichts?“

Wie ich doch diese Ehrlichkeit und Direktheit schätze. Wie viele Freunde hast Du heute verloren? Lass mich raten …“

Ich war noch nicht draußen.“

Es könnte so schön sein. Ich fände es schön. Und nicht wenige unserer Kunden. Du brauchst so etwas ja nicht. Kerzenlicht. Kühler Wein. Lange Frauenbeine auf einem weichen Sofa. Ein betörender Duft. Ein Blusenknopf zu viel geöffnet. Ein lächelndes, leicht rötlich geschminktes Lippenpaar. Wortloses Verstehen. Tiefste Verbundenheit bei leiser Musik.“

*Textzitat: Thomas Wolfe, Schau heimwärts, Engel

aus: btb/Random House, 2009

Ich sehe es förmlich vor mir. Du hast den Stehgeiger vergessen. Unfassbar! Was ist das? Stoff für einen blinden und taubstummen Neukunden? Mich wundert überhaupt nichts mehr. Und das mit der Musik bekommst Du sowieso nicht mehr hin, mein Freund. Ich wette, Du hörst immer noch nur Deine drei, vier, fünf, was weiß ich, wie viele Du inzwischen auf dem Altar liegen hast, CDs von Frau Ich-sing-Dir-den-Blues-Göttin.“

Da hast Du so etwas von Recht. Und Du machst Dir keine Vorstellung, wie gerne ich das jetzt täte.“

— „

Es passt eben alles. Alles! Als wüsstest Du nicht, dass es wirklich so etwas gibt. Alles! Die Stimme. Die Art, wie sie singt. Wie sie sich bewegt. Die Figur. Das Gesicht. Der Schweiß auf der Haut …“

… wie schön, dass Du die Stimme als erstes nennst!“

… die Musik. Die Texte. Die Geschichten. Das Zerbrechliche und gleichzeitig bedrohlich Schlangenhafte. Du liebe Güte, selbst die Tattoos haben etwas Verheißungsvolles. Und das sage ich, der ich sie Anja ausgeredet habe, was in einer ziemlichen Katastrophe endete.“

Welcher Idiot beklebt denn auch die Scheiben seines Rolls-Royce mit Aufklebern seiner Urlaube im Bayerischen Wald? Karl-Otto an Bord. Ich bremse für Tiere.“

Chalky, Du bist zu einer verbitterten Giftspritze verkommen! Aber immerhin erkennst Du einen Rolls-Royce.“

Zu eins: Ganz bestimmt nicht. Zu zwei: Auf jeden Fall. Wenn es etwas mit Kunst zu tun hat. Der Rest ist meinetwegen Ansichtssache. Aber das Ausmaß Deiner Apostelwerdung halte ich für hochgradig bedenklich. Und ich habe im Augenblick eine ziemlich klare Vorstellung, wie das Gespräch mit Deinem Freund abgelaufen sein muss. Nur, dass Du im Moment die Stühle gewechselt hast.“

— „

Mach das, was die meisten anderen in Deiner Situation machen. Wach auf, geh vor’s Loch, wenn Dir Dein Job stinkt, such’ Dir einen anderen, hau’ Dir heute Nacht einen hinter die Binde. Was soll ich noch alles vorschlagen. Aber hör’ auf, Dir …………..“

Chalky? Hey? Chalky? … Mist. Leer.“

00.15 Uhr

Situationen wie die, in der ich mich gerade befinde, sind Gift für meine Fantasie. Sie gebären, unter Schmerzen versteht sich, die aberwitzigsten, vor meinem geistigen Auge vorbeiziehenden Tableaus, Skizzen und Bilder irgendwo zwischen Munch und Pollock, mit Zutaten und einem Personal, das eher aus dem Pinsel eines Francis Bacon geflossen zu sein scheint. Von beängstigend bis lächerlich. Grotesk und monströs, aber immer so detailgetreu, dass ich meine persönlichen Geister sofort wiedererkenne. Es bedarf einiger Anstrengungen, um diese Kopfkinos unbeschadet zu verlassen und je absurder diese Szenarien von Mal zu Mal werden, desto häufiger habe ich den Eindruck, dass mir das nicht immer gelungen ist.

Der Bus ist in die Stadtwälder Allee eingebogen, die um diese Uhrzeit menschenleer vor dem regenverspritzten Fenster vorbeizieht. Selbst der Verkehr kommt zur Ruhe und nur ab und an rauschen die Lichtkegel entgegenkommender Autos vorbei. Ein schwarzer Schatten taucht zwischen den Bäumen auf und manifestiert sich für einen Augenblick zu einem schirmhaltenden Hundebesitzer. Es ist der letzte Bus in dieser Richtung und ich muss mir langsam überlegen, wie es weitergeht. Ich war wohl einen Moment lang unaufmerksam, denn meine Gespenster zwängen sich durch die Ritzen meines Verstandes, grinsend und mit gezückten Pinseln.

Kennen Sie Night on Earth? Ein Film von Jim Jarmusch. New York in tiefer, triefender Nacht. Geschlossene Chinesen-Take-Aways. Demolierte Telefonzellen. Um diese Zeit bekanntermaßen so wenig einladend, dass Yoyo kein Taxi findet, egal mit wie vielen Geldscheinen er herumwedelt. Nur ist in meinem brodelnden Hirn Yoyo kein Schwarzer, sondern Chalky. Chalky mit Pelzmütze. Und das heran holpernde Taxi wird nicht von Armin Mueller-Stahl alias Helmut Grockenberger gelenkt, sondern von meiner Wenigkeit. Wir, also Yoyo/Chalky und mein Helmut/Ich tragen die gleichen Pelzmützen. Klar. Chalky faselt in bösestem Slang und selbstverständlich verstehe ich kein Wort. Außerdem komme ich immer noch nicht mit der Automatik zurecht.

Hey man, D is to drive!

Chalky flippt förmlich aus, weil ich die Kiste nicht zum Laufen kriege. Ja, und dann tauschen wir eben die Plätze und Chalky fährt. Darf natürlich keiner wissen.

Yeah, it’s good to go … Wi häf se säim hätt, Mister … Pelzmützen mit riesigen, schlabbernden Ohrenklappen. Se säim hätt! … What? No, no, mine ist different. Mine is – the hype! It’s fresh, man, fresh … Sis Iarsings, säim Iarsings. Fräsch hätt, sätt saunds gud … Ha, ha, fräsch hätt …

Das Hupen eines vorbeirauschenden LKWs lässt mich aufschrecken und für einen Augenblick kommen meine Gedanken ins Stolpern. Ich komme nicht vorwärts, kenne die Hebel nicht, die mein Leben voran bringen und so fährt eben Chalky. Man mag sich, irgendwie. Ähnlicher Geschmack. Frotzeleien. Damals dieselbe Stadt. Schlingernde Salti meiner ausufernden Visionen.

Und als Yoyo/Chalky plötzlich seine Schwägerin Angela alleine durch die Nacht laufen sieht, ist er außer sich und zerrt sie ins Taxi, wo sie sich auf das Deftigste anbrüllen. Nur dass Angela in meinem wirren Seelenkino Anja heißt. Schi is sou biutifull! …

Chalky hat uns beide damals miteinander bekannt gemacht. Auf einer Wiedersehensfeier in Berlin. Ich glaube, verstanden hat er mich nie ganz. Und gemocht hat er sie nie wirklich. Aber er hat gentleman-like geschwiegen. Und mitbekommen hat er so manches. Zumindest wenn wir beide uns besuchten oder telefonierten.

Also, wenn Sie Night on Earth einmal in die Finger bekommen sollten, greifen Sie zu. Ich bin nicht zu sehen. Versprochen. Aber Armin Mueller-Stahl ist unbeschreiblich …

Ich steige am Rathausplatz aus und schaue dem Bus nach, wie er hinter der nächsten Ecke verschwindet. Der Klang einer niemals zur Gänze schlafenden Stadt umgibt mich. Weißes Rauschen und undefinierbares Scharren. Ich muss mir einen Plan für die nächsten Stunden machen, ein minutiöses Programm mit Punkten, die ich mit stetig wachsender Genugtuung abhaken kann, wenn ich nicht in von Selbstmitleid getränkter Melancholie untergehen möchte. Vor allem aber habe ich Hunger. Ich habe seit heute Mittag nichts mehr gegessen. Wäre der Mensch mit der Gabe der Vorsehung gesegnet, hätte ich im Da Jacopo einen Salat gegessen. Aber dann hätte ich noch länger neben diesem Verrückten sitzen müssen. Hätte, wenn und aber … Ich knüpfe meinen Mantel zu und schlendere den Kleinen Wall hinauf. Die Fußgängerzone ist nahezu ausgestorben. Eine Gruppe Jugendlicher zieht johlend in einiger Entfernung vor mir her. Die beleuchteten Geschäftsauslagen bieten um diese Tageszeit ein Bild grenzenlosen Jammers. Angebote um Angebote, die niemanden interessieren. Tausende von Aufdringlichkeiten, denen kein Mensch mehr verfällt, niemand, der sie als Zeichen tiefster Missbilligung schlichtweg übersieht. Wie viele Kollegen haben sich wie viele Nächte um die Ohren geschlagen, um ihrer Fantasie all diese Verpackungen, Plakate, Schriftzüge und Slogans abzupressen?

Hinter dem Fenster eines Elektrowarengeschäfts liegen unzählige Geräte jeglicher Größe drapiert, vom Rasierapparat bis zur Waschmaschine. Das ganze ähnelt einem bis an den Rand beladenen Umzugswagen. Im Modegeschäft zwei Häuser weiter stehen unbekleidete Schaufensterpuppen in kleinen Gruppen. Eine trägt einen Hut. In billigen Horrorfilmen verstecken sich die Helden immer in solchen Szenarien.

Und dann Uuaah …

Gibt es heutzutage noch den Beruf des Schaufensterdekorateurs? Leistet sich irgendjemand heute noch diesen verstaubten, unwirtschaftlichen Luxus? Einer der Jugendlichen vor mir hat versucht, eine leere Dose in einen Papierkorb zu werfen. Scheppernd fällt sie daneben und rollt unter eine Sitzbank.

In der Mitte der Claudiusstraße liegen, durch eine leerstehende Fahrschule getrennt, ein Pizzadienst und ein Döner-Imbiss. Über mir zieht das Rattern eines unsichtbaren Hubschraubers durch den Nachthimmel. Ich bleibe kurz stehen und beobachte die Jugendlichen. Anfangs scheinen sie sich nicht einig zu sein, aber dann öffnet einer von ihnen die Tür des Pizzadienstes und die anderen folgen. Ich suche gedankenverloren den Himmel nach dem Hubschrauber ab und überquere die Straße in Richtung des Döner-Imbisses.

Özmert/Lokanta. Unsere Döner sind wie unsere Preise, einfach spitze! Während ich die Tür öffne, kann ich nicht anders, als zu lächeln. Welch’ wunderbare Stolperfallen doch immer wieder ein Spaziergang durch die Alphabete bereithält. Vielleicht sollte jemand einmal Özmert sagen, was er da über den Eingang geschrieben hat.

Ich bin der einzige Gast und nachdem ich die laminierte Speisekarte überflogen habe, bestelle ich mir einen Hähnchendöner und einen Tomatensalat.

Zum Hieressen, oder zum Mitnehmen?“, werde ich gefragt und ich antworte:

Zum Hieressen.“

Mit scharfe Sauce?“ Ich nicke.

Als der Mann mir die Teller auf den Tresen stellt und ich meinen Geldbeutel zücke, lächelt er mich an und meint:

Spitze!“

Ich erwidere sein Lächeln, zahle und balanciere die beiden Plastikteller an einen der beiden Stehtische, die hinter einem Mauervorsprung in einer kleinen Nische stehen. Der Raum hat das Flair eines begehbaren Kühlschranks. Weiße Kacheln, ein umlaufender Sims aus Spiegeln, eine Handvoll Resopaltische mit hohen Hockern und jede Menge Poster. Ein Strand in Belek, das Amphitheater in Side, Pinien und Palmen bei Incekum. Nicht, dass ich einen der Orte kennen würde. Aber die Schriftzüge auf den Plakaten sind unübersehbar. Das Gesicht der Bedienung taucht hinter dem Mauervorsprung auf und fragt:

Trinken?“

Ich schlucke die Tomatenscheibe hinunter, nicke und nuschele:

Ja, bitte. Ein Bier.“

Sekunden später stellt mir Özmert, ich nehme einfach an, dass er es ist, die Flasche und ein Glas auf den Tisch und wünscht guten Appetit.

Anja und ich waren vor einem Jahr auf Zakynthos, der südlichsten der Ionischen Inseln. Sie hatte darauf bestanden, dass ich mir dieses Mal mindestens zwei Wochen frei nehme, dass sie das ständige Verschieben und tageweise Urlaubmachen nicht mehr bereit wäre mitzumachen. Das kleine Appartement lag unweit des Navagio Beach im Nordwesten der Insel. Der Olymp liegt nur etwa fünfhundert Kilometer entfernt, für mich ohne jeden Zweifel zu nah an den Göttern, die sich auf das Perfideste entschlossen, diese zwei Wochen zu den längsten meines Lebens auszudehnen.

Denn ich habe die Ausflüge mit unserem Leihwagen bei brütender Hitze von einer zur nächsten griechisch-orthodoxen Kirche nur widerwillig mitgemacht und mich nach acht Tagen schlicht geweigert mit nach Kefalonia zu kommen, um auf der Nachbarinsel noch mehr Kirchen anzuschauen. Sie hat zurückgegiftet, dass ich mich dann wenigstens um die defekte Klimaanlage in unserem Schlafzimmer kümmern solle. Erstaunlicherweise wäre es mir dort nachts nicht zu warm. Sie fing sich eine Magenverstimmung ein und ich pflegte meinen Sonnenbrand, was mir den Vorwurf einbrachte, ich wäre ein unverbesserlicher Egoist. Sie schwärmte vom Essen und ich schwieg, weil ich die griechische Küche als eher langweilig ansehe. Auf einer Bootsfahrt in die Navagiobucht las ich ihr aus dem Führer vor, dass das Wrack der Panagiotis, das dort seit 1980 liegt, Zigaretten schmuggelte und auf der Flucht strandete. Und dann, ja dann erwähnte ich in einem zugegebenermaßen zu sarkastischen Unterton, dass man auf unserer sonnigen Urlaubsinsel vor Jahren im Rahmen der Staatsschuldenkrise hunderte von Betrugsfällen aufdeckte, weil sich durch und durch ehrliche Griechen falsche Bescheinigungen zum Erlangen von Blindengeld hatten ausstellen lassen. Der Punkt meiner Ausführungen bildete die Zahl zwei Millionen. Euro. Schaden. Sie sprach den Rest des Tages nicht mehr mit mir, aber ich weiß, dass sie mich für einen klugscheißenden Zyniker gehalten hat. Wir haben uns dann aufgerafft und die letzten Tage unseres Aufenthaltes in Anstand und Würde verbracht. Man hätte uns für Geschwister halten können. Freundlich, zurückhaltend, nicht übertrieben aufmerksam und immer wieder einmal auf ein nettes Souvenir auf den Holztischen der unzähligen Geschäfte hinweisend.

Wir hätten wissen müssen, wohin wir fahren. Wir hätten uns darüber klar werden können, was das bedeutet. Wir hätten uns über Vieles klar werden müssen. Aber wir sind in unseren gemeinsamen Jahren irgendwo, irgendwann an einer Weggabelung in jeweils unterschiedlicher Richtung abgebogen ohne es zu merken. Und über die Distanz haben wir uns angewöhnt uns anzuschreien. Oder zu schweigen, in der festen Überzeugung, dass der andere sowieso nichts versteht. Wir hätten miteinander reden können. Wir sind keine dummen Menschen. Wir hätten die Messer stecken lassen sollen und besser ehrliche Fragen gestellt. Worte als Trittsteine über die Stromschnellen der Gleichgültigkeit. Verbale Versuche, wenigstens für kurze Momente Einigkeit in unserer Gegensätzlichkeit zu finden. Gelassenheit als gefühlte Klugheit dem angstvoll gefürchteten möglichen Zerreißen zweier Seiten gegenüber, die wir aus größenwahnsinniger oder naiver Sicht für von Natur aus passgenau hielten. Wir hätten uns nicht vor den Antworten auf unsere Fragen fürchten müssen. Nicht als noch Zeit war.

Ich bin gerade dabei aufzustehen, um mir bei Özmert noch ein Bier zu holen, als ich wie vom Blitz getroffen zurückschrecke und mich betont leise wieder auf meinen Hocker setze. Das kann jetzt nicht sein. Das ist ein perverser Witz meines halluzinierenden Verstandes. Aber es ist seine Stimme. Der gleiche Tonfall. Zwei, drei Armlängen hinter dem Mauervorsprung. Ich wische mir unwillkürlich einen nicht vorhandenen Saucenrest aus dem Mundwinkel und versuche in der Spiegelleiste an der Stirnwand etwas zu erkennen. Er ist es! Er trägt ein anderes Jackett, aber er ist es. Was um alles in der Welt geht hier vor? Und er ist nicht allein. Eine etwas ältere Frau ist bei ihm. Sie trägt ein dunkelblaues Kostüm und am Arm eine Handtasche. Viel mehr ist auf die Entfernung im Spiegel nicht zu erkennen.

… wie ist nun Ihre Meinung? Können Sie mir sagen, ob Tugend und Sitte gelehrt werden können? Oder nicht gelehrt, sondern geübt? Oder weder geübt noch angelernt, sondern von Natur aus angeboren? Sie haben Dr. Gorgas Vortrag nicht gehört, oder?“

Die Stimme der Frau hat einen unangenehm scharfen Ton.

Ich teile die Armut in dieser Sache mit meinen durchschnittlichen Mitbürgern, Asche auf mein Haupt. Ich weiß gar nichts vom Wesen der Tugend. Wenn ich aber etwas nicht kenne, wie soll ich dann über dessen besondere Beschaffenheit reden? Oder glauben Sie, dass es möglich ist, dass jemand, der einen nicht kennt, sehr wohl wissen kann, ob man schön oder hässlich, reich oder arm, vornehm oder gewöhnlich ist? Ich bin noch niemandem begegnet, der so etwas gewusst hat. Glauben Sie das ist möglich?“

Was darf es sein, die Herrschaften?

Özmerts Frage zwängt sich dazwischen wie eine Putzfrau, die eine falsche Tür öffnet und in eine philosophische Diskussionsrunde platzt.

Ähm, ja, ich nehme, was nehme ich denn? Ich nehme eine Dönertüte …“

Und Sie, Madam?“

Ich, mmh, ich möchte gerne einen vegetarischen Döner. Ob ich glaube, dass da möglich ist?“

Sie scheint sich wieder an meinen gespenstischen Schatten zu wenden.

Geht es um die Tugend eines Mannes, so denken vielleicht Traditionalisten, es gehe um die Tugend, gesellschaftliche Angelegenheiten bestmöglich zu verwalten, politische Freunde zu unterstützen, Gegner klein zu halten. Spricht man über die …“

Mit Pommes oder ohne? Zum Hieressen oder zum mitnehmen?“

… ähm, ohne. Zum Mitnehmen.“

Die Antwort kommt wie aus einem Munde.

Spricht man von der Tugend einer Frau, denken dieselben Traditionalisten an die Organisation des Haushaltes. Fortschrittlichere denken genau umgekehrt oder machen keine Unterschiede. Man kann über die Tugend eines Kindes sprechen und hat einen Jungen oder ein Mädchen vor Augen. Alt und Jung, Vermögende, Arme, es gibt möglicherweise viele Arten von Tugend. So wie es wahrscheinlich diverse Arten der Schlechtigkeit gibt.“

Ich kann mich glücklich schätzen, meine Liebe. Ich suche, denke ich, nur eine Tugend. Und Sie bieten mir mal eben so einen ganzen Schwarm von Tugenden.“

Dieser Mensch ist unfassbar. In seinem Dozieren liegt etwas Diebisches. Ich mache jede Wette, dass seine Begleiterin nicht merken wird, wie sie ihm mit jedem Schritt, mit jedem Wort und jeder Frage und Antwort in eine Falle geht, die irgendwo am Ende unsichtbar auf sie wartet. Was immer er auch mit dieser Falle bezwecken mag.

Um beim Bild eines Schwarms zu bleiben, meine Liebe, wenn ich Sie nach der Natur einer Biene fragte, und Natur ist in diesem Zusammenhang wohl das rechte Wort, und Sie sagten mir, es gäbe viele und verschiedene, was würden Sie mir antworten, wenn ich dann fragte: Meinen Sie viele und voneinander unterschieden, da es Bienen sind, oder darin nicht unterschieden, sondern in etwas anderem, sagen wir in Schönheit, Größe oder sonst etwas?“

Dieser Mann ist wahnsinnig. Nicht bei Verstand. Anders kann man so etwas nicht erklären.

Dass sie nicht verschieden sind, sofern sie Bienen sind.“

Was die Tugend betrifft, meinten Sie aber doch, es gäbe durchaus viele?“

Ich denke schon.“

Kommen Sie! Hören Sie auf, Vieles aus Einem zu machen, wie man im Scherz zu denen sagt, die etwas zerstoßen. Lassen Sie es – gesund. Lassen Sie es ganz. Sagen Sie mir, was Tugend ist.“

Ähm, Entschuldigung, das macht dann 8.50 Euro.“

Özmert. Die Putzfrau stört noch einmal. Ich würde zu gerne wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Ob er auch nur ein Wort dieser bizarren Unterhaltung verstanden hat

Oh ja. Danke schön. Und einen schönen Abend noch.“

Ich höre das Klappern von Münzen auf Glas.

Wie der Dichter sagt: Sich erfreuen am Schönen und es zu vermögen; ihm nachstrebend, um es herbeizuschaffen.“

Ich sehe im Spiegel wie er ihr die Türe aufhält. Seine Antwort höre ich nur noch ganz leise durch die hereinwehenden Geräusche der Nacht.

Meinen Sie, Verehrteste, dass der, der dem Schönen und Wahren nachstrebt, ein Streber des Guten…“

Kannten Sie den Mann, der gerade hier war?“

Ich stehe vor Özmerts Tresen und bezahle mein Essen. Er schüttelt den Kopf und schenkt mir ein schiefes Lächeln.

Ein bisschen, wie sagt man – çilgin. Aber Kunde ist König. Ich nur zuhören.“

Er zuckt mit den Schultern.

Auf Wiedersehen.“

Gute Nacht“, antwortet er und ich trete auf die Straße und denke: Das wird sich noch zeigen.

Bei den Dialogpassagen des Fremden und seiner Begleiterin handelt es sich um in zeitgenössisches Deutsch übertragene Auszüge aus: Platon, Menon, ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch, Sokrates diskutiert mit dem Thessalier Menon von Pharsalos.

Platons Text gilt als ein vortreffliches Beispiel für die Kunst der Mäeutik (Hebammenkunst), einem durch Sokrates begründeten Dialogprozess, bei dem man einer Person zu einer Erkenntnis verhilft, indem man sie durch geeignete Fragen dazu veranlasst, den betreffenden Sachverhalt selbst herauszufinden.

01.00 Uhr

Antriebslos schlendere ich zum Flussufer hinunter und zähle in Gedanken meine Schritte. Sechs in ungefähr fünf Sekunden. Macht zweiundsiebzig in einer Minute. Macht überschlagen rund viertausend pro Stunde. Wann kann ich an einem Samstag den Hausmeister aus dem Bett klingeln? Um sieben? Erst um acht? Bis dahin sind es noch über sechs Stunden, über vierundzwanzigtausend Schritte. Ein grauenhafter Gedanke, der mich sofort stehenbleiben lässt. Ich stütze mich auf das Geländer der Promenade und starre ans andere Ufer. Lichter, Geräusche, das Rauschen des Wassers. Mit fällt ein, dass ich Zigaretten gekauft habe. Ich ziehe die Packung aus der Manteltasche, reiße das Cellophan ab und zünde mir eine an. Wirbelnd verschwindet der Rauch in der aprilkühlen Nachtluft.

Während meiner Studienjahre in Berlin, während meines anschließenden Auslandsjahres an der Universität in Glasgow, sprich, in einer anderen, lange untergegangenen Epoche, ja, noch während meiner ersten beiden Anstellungen war ich Herrscher der Zeit. So kam es mir damals vor. Müdigkeit gab es nicht. Man schwitzte sie aus. Energie gab es im Überfluss. Eine durchgemachte Nacht war etwas, das nicht im Mindesten ins Gewicht fiel. Wie lautlos, rasend schnell und unbemerkt sich doch so etwas ändert. Ich muss gähnen und schnippe die Zigarette in Richtung des Ufers. Ich gehe noch ein paar Schritte und setze mich dann auf eine halbwegs trockene Bank, die Ellbogen auf die Knie und den Kopf auf die Hände gestützt, die weitläufige, baumbestandene Grünanlage mit den jetzt schlafenden Kinderspielplätzen im Rücken und das Panorama der auf der anderen Seite liegenden Südstadt vor Augen.

Es gab in meinem Leben keinen aufmerksamen und liebevoll lenkenden Dr. Wilbur Larch. Aber das Kollegium am Internat war damals aufmerksam genug, um darauf zu achten, dass ich der Welt nicht abhanden komme. Und weil es damals für mich sowieso keine andere Welt als die Räume und Säle in Soglitz gab, habe ich ein gutes Abitur abgeliefert. Ich gebe zu, dass das Lernen oft sogar Spaß gemacht hat. Nicht, dass ich die geringste Vorstellung davon gehabt hätte, wie das Leben, das noch vor mir lag, aussehen sollte. Der Wunsch, Soglitz möglichst schnell hinter mir zu lassen, auch wenn die letzten Jahre im trägen Fluss von Normalität und akzeptablem Miteinander vergangen waren, und ein erhebliches Maß an schläfriger Orientierungslosigkeit verwehten mich zur Bundeswehr. Wenn man nachdenken will, ist die Bundeswehr ein durchaus passabler Ort. Drill und Langeweile. Ersteres war ich gewohnt. Das zweite gab mir die Gelegenheit, mir Gedanken zu machen.

Ich weiß es noch ganz genau. Es hat sich in meine Erinnerung gebrannt. Meine Stubenkumpel und ich standen in unserer Ausgehkluft vor dem Plakat und grinsten uns an. Irgendwann 1991. Das Plakat zeigte einen in schwarz gekleideten Priester, der eine ganz in weiß gewandete Nonne küsst. Kein Text. Nur das grüne Firmenlogo United Colours of Benetton. Keiner von uns hätte in diesem Moment erklären können, was ein solches Motiv mit einer Bekleidungsfirma zu tun hat, aber ich wusste in diesem Augenblick, dass ich genau so einen Job machen wollte. Genau so etwas. Anderes. Dieses Plakat umgab die Aura von etwas Außergewöhnlichem, Provokantem, Dingen, die in Soglitz nicht einmal spurenelementar zu finden gewesen waren.

Nach der Bundeswehrzeit zog ich nach Bad Albrig ins Erdgeschoss meines Elternhauses und vermietete die obere Etage an eine ältere Dame. Wir haben ein äußerst seltsames Gespann abgegeben. Die Schritte über die Treppe nach oben führten aus den wabernden Nebeln des Chaos in den zart parfümierten Dunst konservativster Ordnung. Aber ich muss meiner über mir wohnenden Untermieterin zugute halten, dass sie sich niemals zu einer Bemerkung hat hinreißen lassen. Es war ein stillschweigendes Arrangement. Die Zimmer im Obergeschoss waren schön und dennoch nicht teuer. Das Haus war bewohnt und ich verdiente eine Kleinigkeit nebenher. Denn ich absolvierte ein unbezahltes Praktikum in der einzigen Werbeagentur, die es in Bad Albrig gab und Anfang des Jahres 1992 schrieb ich mich zum Studium am College for Marketing and Communication in Berlin ein, kurz CoMaCo genannt. Für mich und alle Studenten vor und nach mir war und blieb es allerdings stets nur das Coma und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, zu wie vielen mehr oder weniger geistreichen Witzen, Bemerkungen und Sprüchen diese Abkürzung herhalten musste. Sogar die Dozenten und Professoren beteiligten sich gelegentlich an diesem blöden Spiel, vor allem dann, wenn es darum ging nicht bestandene Prüfungen zu kommentieren. Nach den vielen Jahren einengender und in unsichtbaren Staub gehüllter Gleichförmigkeit glich diese Zeit in Berlin einer übermütigen seelischen Kissenschlacht bei sperrangelweit geöffneten Fenstern. Ich war frei, hatte ein einfaches, aber nettes Zimmer, interessante Freunde, ich hatte ein bescheidenes Auskommen, wie ich fand, atemberaubende Freundinnen, Schwindel erregenden Sex, ich hatte Zeit und vor allem eine Richtung in Form eines Studiums, das mir über alle Maßen gefiel. Ich hatte den Kopf voller Gänsedaunen, die zeitweise einen erheblichen Wirbel veranstalteten. Und ich zwinkerte manchmal konspirativ in die Wolken, für den Fall, dass es dort oben doch etwas gab, das es nicht nur übel mit mir meinte.

Er sitzt jetzt schon seit fast fünf Minuten da und glaubt wahrscheinlich, dass ich ihn noch nicht bemerkt habe. Reglos, zwei Bänke weiter, ein kleiner dunkler Schatten, der mich mustert und beobachtet. Vielleicht sollte ich jetzt einfach aufstehen und fortgehen. Mein Bedarf an rätselhaften Begegnungen ist für heute gedeckt und ich fröstele ein wenig. Aber ich bleibe sitzen, zünde mir eine weitere Zigarette an und schaue zu ihm hinüber. Er sieht etwas heruntergekommen aus und sein Alter kann ich nicht schätzen. Ich bin nicht gut in so etwas. Vielleicht dreizehn, vierzehn. Auf jeden Fall noch ein Kind. Um diese Zeit, alleine an diesem Ort. Für einige Sekunden befällt mich der beängstigende Gedanke, er könne nur ein Köder sein, und dass ich im nächsten Augenblick von zwei oder mehreren dunklen Gestalten umringt bin, die mir im günstigsten Fall nur das Handy und meine Barschaft abverlangen. Aber dann schelte ich mich einen Idioten und bedeute ihm mit einem Nicken, dass er näher kommen soll. Langsam steht er auf und schleicht sich zu mir heran. In drei Schritten Entfernung bleibt er stehen, um mich mit prüfendem Blick anzusehen. Viel älter als vierzehn kann er wirklich nicht sein.

Du weißt, wie spät es ist? Musst Du nicht zu Hause sein?“ Keine Antwort. Nur ein skeptischer Blick.

Aber sprechen kannst Du schon? Was machst Du um diese Zeit hier?“

Schläfst Du heute da?“, antwortet er leise und zeigt auf die Bank.

Wie bitte?“, frage ich völlig perplex und im selben Augenblick ahne ich, dass die Wahrnehmung um diese Zeit andere Regeln schreibt und dass er glaubt, ich sei ein Penner.

Nein. Oh nein, das hatte ich eigentlich nicht vor.“

Wir blicken uns eine Weile an und dann frage ich:

Und? Wie heißt Du nun?“

Du siehst auch irgendwie nicht so aus. Cooler Schal. Ich heiße Tim. Und Du?“ Er ist einen Schritt näher gekommen und ich erkenne, dass er an der einen Hand ein größeres Pflaster trägt.

Nenn mich …. Nenn mich Mr. Pechvogel.“

Meine zweiten und dritten Taufnamen lauten Paul und Peter. Wenn man eine katholische Mutter und zwei Großväter mit eben jenen Namen hat, kann einem das schon mal passieren und ich schiebe schnell hinterher:

Paul Peter Pechvogel.“

Drei Ps. Vielleicht findet er das ja witzig, aber er verzieht keine Miene und nickt nur nachdenklich.

Und wo schläfst Du? Besser gesagt, wo solltest Du jetzt schlafen?“

Meine Platte ist da drüben“, er deutet mit dem Kopf irgendwo in Richtung der Grünanlagen.

Deine was?“

Jetzt kichert er kurz und kaum hörbar.

Ich schlafe da drüben im Park. Mit ein paar Kollegen.“

Ich schaue ihn nachdenklich an. Dieser Junge ist einer jener obdachlosen, herumstreunenden und bedauernswerten Minderjährigen, um die sich kein Schwein kümmert und die nicht selten selbst dem Sozialamt aus den Fingern gleiten.

Gibt es auch ein Zuhause?“

Er zuckt nur mit den Schultern und schweigt.

Und was machst Du nachts so? Wenn Du nicht im Park schläfst?“

Ich zieh so herum. Sammle Leergut. Manchmal finde ich auch etwas zu essen. Nachts ist nicht so viel los. Da geht das besser. Außerdem sind jetzt weniger Bullen unterwegs. Wir müssen einen neuen Schlafplatz finden. Und warum sitzt Du hier?“

Ich seufze und zünde mir eine Zigarette an. Einen Augenblick lang überlege ich, ob ich ihm eine anbiete, aber dann lasse ich es.

Tja, ich sitze hier, weil ich heute Nacht wohl auch keinen Schlafplatz mehr finden werde. Ich habe meine Schlüssel in der Wohnung liegen lassen und muss warten, bis mir morgen der Hausmeister weiterhilft.“

Jetzt grinst er ein wenig.

Verstehe. Ganz schöne Scheiße.“

Das kann man so sagen. Ich hoffe, in Deinem Zelt ist es wenigstens etwas wärmer und trockener als hier.“

Wieder nur ein kurzes Schulterzucken.

Geht so. Ich denke, ich mache noch eine Runde über die Spielplätze. Hat mich gefreut.“

Und dann schlendert er über die Straße und verschwindet in den Schatten.

Noch ein Kind und doch hätte ich schwören können, dass auf eine schwer zu beschreibende Weise ein Erwachsener vor mir gestanden hat. Und dieser Gedanke erzeugt eine mehr als unangenehme Gänsehaut.

Ich sollte mir ein paar Notizen machen. Damit ich das alles schwarz auf weiß nachlesen und glauben kann, morgen früh, wenn ich in meiner Wohnung am Tisch sitze und einen ersten heißen Kaffee trinke. Ich nehme mein Moleskine aus der Jackentasche und schlage es auf. Ideen, die vom Himmel fallen. Bei der Beleuchtung kann ich meine eigene Schrift kaum erkennen. Ich lasse das aufgeschlagene Notizbuch auf meinem Oberschenkel liegen und denke nach. Schlafen wäre eine feine Sache. Ich starre gedankenverloren über den Fluss und reiße die Augen ein paar Mal gegen die aufkommende Müdigkeit auf. Hinter mir fährt ein Auto vorüber. Irgendwo in der Ferne ist ein Zug zu hören und im selben Moment fallen mir die Augen wieder zu …

Der Willow Tea Room in der Sauchiehall Street ist bis auf den letzten Platz besetzt. Eine freudig und angeregt durcheinander schwatzende Gesellschaft mir durchweg bekannter Gesichter. Das Kollegium und meine Freunde aus Soglitz sind ebenso anwesend wie eine ganze Reihe neuer Bekannter. Selbst Rektor Richard Wilson und der Vizekanzler Sir Graeme Davis von der Universität im Kelvingrove Park nippen hocherfreut an ihren Darjeelings. In einer Ecke, auf zwei vornehmen Stühlen mit endlos langer Rückenlehne und in ein ohne jeden Zweifel tiefgründiges Gespräch versunken sitzen Chalky und ein Mann, den ich an seinem Schnäuzer und der lässig geknöpften roten Schleife vor seinem Kragenknopf erkenne: Charles Rennie Mackintosh, der hoch anerkannte Erbauer dieses wunderbaren Etablissements. Anja bedient. Mit Häubchen und Schürze. Anjas Vater steht griesgrämig hinter der Kuchentheke. Ein Glöckchen erklingt. Stühle werden gerückt und die ganze Gesellschaft begibt sich ins Erdgeschoss und auf die Straße, wo sie Aufstellung nimmt und unter dem Winken und dem Jubel der Glasgower Bevölkerung in Richtung Bellahouston Park aufbricht. Das House for an Art Lover steht dort. Es wurde dieses Jahr eingeweiht und stellt ein weiteres Meisterwerk von Mr. Mackintosh dar. An der Spitze des Zuges stolzieren Charles Rennie Mackintosh und Chalky, letzterer ein Zepter schwingend, an dessen Spitze ein selbst angefertigtes Gemälde baumelt: Ein fingerhebender Mönch, zwei Fische und eine Eiche. Von überall sind Rufe zu hören: Art is the flower, life is the green leave. You must be independent, independent, independent …

… Hallo? Hallo? Ist alles in Ordnung? Hallo? Aufwachen.“

Ganz allmählich hebt sich der Schleier meines Minutenschlafes und ich höre eine Stimme und spüre eine Hand auf meiner Schulter. Hinter meinem Rücken erklingt ein Motorengeräusch und die Beleuchtung hat sich einen Deut verändert. Als ich mich aus meiner zusammengesunkenen Haltung aufrappele und die Augen öffne, steht ein Polizist in Motorradmontur vor mir.

Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Ich stütze mich von der Bank ab und stehe auf.

Guten Abend. Ja. Ja, es ist alles in Ordnung. Entschuldigen Sie. Ich muss wohl einen Moment eingeschlafen sein.“

Darf ich fragen, was Sie um diese Zeit hier machen?“

Ich muss – Ich muss mir die Nacht um die Ohren schlagen, weil ich meine Schlüssel in der Wohnung habe liegen lassen. Ich war in einem Konzert. Im Dom. Heute Abend. Gestern Abend …“

Der Mann schaut mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich nicht deuten kann.

Darf ich einmal Ihre Papiere sehen?“

Ich fummele meine Brieftasche aus dem Jackett und reiche ihm meinen Ausweis. Als er sie an sich nimmt, reicht meine andere Hand die eingerissene Eintrittskarte zu Beethovens Neunter nach.

Einen Moment bitte.“

Als er zum Motorrad geht und im Licht des Scheinwerfers meine Papiere prüft, reibe ich mir die Augen und drehe mich zu ihm um. Ein kaum erkennbarer Schatten huscht zwischen den Bäumen auf der anderen Straßenseite vorbei und ich ahne, wem dieser Schatten gehört.

Der Polizist kommt wieder auf mich zu und übergibt mir den Ausweis und die Eintrittskarte.

Das tut mir Leid für Sie. Aber geben Sie auf sich Acht. Vielleicht suchen Sie sich eine etwas belebtere Stelle. Guten Abend.“

Er geht zu seinem Motorrad zurück, setzt den Helm auf und fährt davon. Vor meinen Füßen liegt mein Moleskine. Ich hebe es auf und stecke es zusammen mit der Brieftasche und der Eintrittskarte wieder in meinen Mantel.

Glück gehabt, Alter!“

Ich schrecke herum und sehe ihn auf mich zukommen. Es ist der Junge. Er hat eine Plastiktüte in der Hand, in der irgendetwas steckt.

Mich hätte der Bulle niemals so einfach gehen lassen.“

Du solltest ja auch nicht hier sein“, antworte ich lakonisch und knöpfe mir den Mantel zu.

Er presst die Lippen zusammen und hebt entschuldigend die Hände.

Gehört das Ihnen?“

Sein Finger zeigt auf etwas unter der Bank, aber ich erkenne nicht sofort, was es ist. Er macht einen Schritt auf mich zu, bückt sich, um es aufzuheben und hält es mir dann hin. Es ist mein Portmonee. Mechanisch nehme ich es entgegen und halte es unschlüssig in der Hand.

Muss ich nachschauen?“, frage ich ihn mit spitzem Unterton, zu spitzem Unterton, denn er stößt einen verächtlichen Laut aus und schenkt mir einen noch geringschätzigeren Blick.

Alle denken das. Alle! Und was mich betrifft, haben sie alle Unrecht. Ich bin kein Dieb, Alter. Ich hätte Sie nicht darauf hinweisen müssen. Sie wären einfach gegangen. Und überhaupt, Sie meinen, während Sie pennen, nehme ich mir was raus und lege das Teil wieder hin, um Sie jetzt …“

Er tippt sich an die Stirn. Als er im Begriff ist, ohne ein weiteres Wort zu gehen, halte ich ihn am Arm zurück.

Warte. Bitte warte, Tim. Hier.“

Und dann ziehe ich einen Zehneuroschein aus dem Portmonee und halte ihn ihm vor die Nase.

Finderlohn.“

Er schaut eine Weile auf seine Füße und ich sehe ihm an wie blanker Nutzen und brotlose Ehre miteinander kämpfen. Dann nimmt er den Schein und sagt leise:

Danke, Mister. Vielleicht vergeht die Nacht heute ja etwas schneller. Auf Wiedersehen. Obwohl ich das nicht glaube.“

Ich sehe ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden ist. Redlichkeit ist keine Sache des Milieus. Und ich muss mir den Kloß aus dem Hals schlucken, denn ich weiß, dass ich in seiner Situation wahrscheinlich anders gehandelt hätte. Von der anderen Seite des Flusses wehen zwei durcheinanderheulende Martinshörner herüber und das Blaulicht wandert wie rasende Leuchttürme an der Häuserzeile entlang und verschwindet hinter der Auffahrt zur Südbrücke.

02.15 Uhr

Ich lernte Chalky 2006 kennen. Ich hatte mir im Frühjahr eine Sportverletzung zugezogen und der Arzt verschrieb mir fünfzehn physiotherapeutische Anwendungen. Er empfahl mir die Praxis Christian Schirmer. Christian Schirmer ist Chalkys bürgerlicher Name. Physiotherapeutische Anwendungen finden nicht unter einer Glocke des Schweigens statt. Man redet miteinander, kommt ins Gespräch. Sogar Männer machen das. Wir stellten fest, dass wir ähnliche künstlerische Vorlieben teilten. Herb Ritts, Augusto de Luca, Corbijns Talk-Video von Coldplay aus dem letzten Jahr, die Plakatkunst eines Pierre Bonnard. Von bis, zwei ähnlich weit gespannte Bögen. Außerdem malte und zeichnete er, was ich damals so interessant wie ungewöhnlich fand und was ihm später seinen Spitznamen einbrachte. In den Praxisräumen hingen diverse seiner Kreidezeichnungen. Wir verabredeten uns, gingen gemeinsam essen. Und so weiter und so weiter. Sie kennen das.

2008, es war das vorletzte Jahr meiner Anstellung bei Stürmer & Friends, feierte Christian seinen zweiundvierzigsten Geburtstag in einer Kneipe am Prenzlauer Berg. Es war eine ziemlich schräge Douglas Adams Veranstaltung, denn jeder, der nicht wusste, was es mit der Adams´schen 42 auf sich hat, musste zweiundvierzig Kniebeugen machen. Der Mann war immerhin Physiotherapeut! Eine Idee, die Christian bei den Einladungen seiner Gäste natürlich tunlichst verschwiegen hatte. Irgendwann stellte er mir eine Frau vor und in diesem Moment wusste ich binnen Bruchteilen von Sekunden, wie sich ein Batter beim Baseball fühlt, wenn er den perfekten Hit erzielt hat. Anja Leitner, hallo, und wie heißen Sie? Mein Herz flog aus dem Stadion und ich glaube, ich habe ein reichlich dämliches Gesicht gemacht.

Und einen Tag später holt ein alkoholisierter Autofahrer Christian vom Fahrrad und er erleidet einen Unfall, der sein ganzes Leben ändern wird. Aus dem fitten Physiotherapeuten wurde innerhalb von wenigen Sekunden ein versehrter Berufsunfähigkeitsrentenbezieher, der längere Strecken nur mit Krücken gehen kann. Und was habe ich gemacht? Ich bin an den Tagen nach der Feier dieser Frau hinterhergelaufen. Ich habe ihn erst viel später im Krankenhaus besucht und vorgeschoben, ich hätte für Stürmer unerwartet nach Hamburg reisen müssen. Später hat er es beiläufig von Anja erfahren. Die Knotenpunkte seiner eigenen Lügennetze im Auge zu behalten ist eine unlösbare Aufgabe.

Habe ich dich jemals angelogen, Chalky … ? Den Aspekt lassen wir jetzt einmal tunlichst beiseite.

Ich hasse rhetorische Fragen. Und verwende sie so oft selber. Leitplanken meines Lebens, verbeult und verschrammt von der Angst, dass mich ehrliche Fragen in den Graben befördern. Es sind eh keine Fragen. Es sind verklausulierte Behauptungen. Bornierte, intellektuelle Treibmittel für Totschlagargumente. Utensilien aus dem Werkzeugkasten eines Klugscheißers. Wollen Sie nicht verstehen, meine Herren, dass Sie mit diesen Leistungen in Soglitz keine Zukunft haben? Anja, habe ich es Dir nicht gesagt? Wollen Sie wirklich irgendein Trockenfutter kaufen? Hat Ihr Hund das verdient? Erwähnte ich nicht, dass unser Dienstleistungskatalog … Grauenhaft.

In der Mitte der Brücke bleibe ich stehen, denn ich weiß, dass ich das, was hundert Meter vor mir geschieht, nicht sehen will. Eine seltsame Wut fällt mich an und ich weiß nicht warum.

Zwei Krankenwagen und ein Polizeiwagen stehen am Ende der Brücke. Das Blaulicht durchrührt den nächtlichen Himmel. Die Martinshörner sind ausgeschaltet. Ich erkenne ein auf der Straße liegendes zerbeultes Motorrad und eine Hand voll Sanitäter und Polizisten. Vor allem aber fallen mir die mindestens zwanzig bis dreißig herumstehenden Gaffer auf. Es ist unfassbar! Um diese Zeit. Vor einer halben Stunde war dieser Ort wahrscheinlich nahezu unbelebt. Und jetzt? Es würde mich nicht wundern, wenn der ein oder andere dort trotz Aprilwetter im Bademantel und in Pantoffeln herumstünde. Nicht wenige Fenster der umliegenden Häuser stehen auf. Fader Lichtschein dringt heraus und die Schattenrisse geifernder Voyeure.

Ich drehe mich um und gehe langsam den Weg zurück, den ich gekommen bin. Vielleicht ist alles halb so schlimm. Vielleicht nur kleinere Verletzungen. Abschürfungen, Blutergüsse. Und wenn nicht? Weißt Du, was dann geschieht? Genau solche Fragen meine ich. Ja, ich weiß, was dann geschieht. Man wird sich irgendwann vor Gericht wiedersehen. Aber es wird nicht um Wahrheit und Recht gehen. Es wird um Standpunkte und Interessen gehen. Wollen Sie wirklich auf die Ihnen zustehenden rechtlichen Möglichkeiten verzichten? Unterstellen Sie mir etwa unangemessene Winkelzüge? Chalky hat es mir erzählt. Knapp fünfundzwanzigtausend Euro Rente im Jahr. Und an jedem Monatsende ein Job im Abrechnungsbüro eines Sanitätshauses unweit seiner Wohnung. Aber es hat gedauert. Und manchmal habe er in den Gerichtssaal kotzen mögen.

Am Ende der Brückenauffahrt gehe ich einfach weiter geradeaus, vorbei an der Treppe, die wieder hinab zur Uferpromenade führt. Wahrscheinlich hatte der Polizist Recht mit seinem Hinweis, ich solle mir belebtere Orte suchen, Stellen, an denen die Chance größer ist, auf irgendwelche Nachtschwärmer zu stoßen und wo noch ein wenig Verkehr herrscht. Der Mensch ist ein misstrauischer Hasenfuß. Im Grunde ist es völlig egal, wohin ich mich wende. Das Kind in mir spielt mit sich selber. Wenn auf dem nächsten Plakat, das Du siehst mindestens eine Frau abgebildet ist, nimmst Du die erste Straße links. Wenn es ein Mann ist, rechts. Meine Augen suchen die Geschäfte auf meiner Seite ab und nach fünfzig Metern bleiben sie an der Scheibe eines Lebensmitteldiscounters hängen. Das lächelnde Gesicht eines kleinen Mädchens mit schokoladenverschmiertem Mund wirbt für eine Nussnougatcreme. Ok. Das muss reichen. Ich bin nicht wählerisch und nehme die nächste Straße links. Was hätte ich wohl gemacht, wenn es eine Zahnpastatube oder ein Paar Herrenschuhe gewesen wären? Die Tube. Der Schuh. Mein Hirn spielt. Vor allem verrückt. In nicht allzu weiter Ferne rollt ein Donnerschlag durch den Himmel und mich beschleicht ein mulmiges Gefühl.

Rosenstraße. Hier liegen entlang der Bürgersteige wenigstens ein paar Geschäfte, deren Auslagen man sich anschauen kann. Schmuck. Kleidung. Wärmepflaster. Porzellan. Eine Patisserie. Zwei Friseure. Dreißig Meter vor mir steht ein Pärchen vor einer hell erleuchteten Scheibe und raucht. Kunstmann. Eine der wenigen noch inhabergeführten Buchhandlungen in der Stadt. Als ich das Geschäft erreiche, sind der Mann und die Frau wieder im Innenraum verschwunden und ich blicke irritiert durch die Scheibe, hinter der ein reges Treiben herrscht. Und dann entdecke ich das Plakat an der Eingangstür.

Büchernacht bei Kunstmann

Leser lesen für Leser

(Lese-Interessenten melden sich bitte bis

Donnerstag, 5. April an der Kasse)

Besuchen Sie uns und stöbern Sie solange Sie wollen.

Freitag, 13. April 2012 – ab 22.00 Uhr

Eintritt frei

Ich zähle mindestens zwanzig Besucher. Am Ende des lang gestreckten Raumes sind drei Stuhlreihen vor einem Stehpult aufgestellt worden, die zu Dreiviertel besetzt sind. An der Kasse steht eine kleine Schlange. Und hinter der Kasse … Ich merke, wie meine Hände feucht werden. Himmelherrgott, in welchen Film bin ich in dieser Nacht geraten? Etwas älter. Blaues Kostüm. Das ist die Begleitung aus der Dönerbude! Ich könnte schwören, dass sie es ist. Und im selben Augenblick beginnt mein Blick fieberhaft den Raum zu durchsuchen.

Wie viele Wissenschaftler haben schon nachgewiesen, dass Sehen konstruieren heißt, dass der Mensch mit jeder Wahrnehmung interpretiert, die Realität verändert? Sagen Sie es mir bitte. Erschafft mein Hirn in diesem Augenblick jenen Professor Seltsam, weil es die Frau wiedererkannt hat? War ich überhaupt in Özmerts Dönerbude, oder leide ich an hochgradiger Unterzuckerung, weil ich seit über zwölf Stunden nichts mehr gegessen habe? Schwitzen, Zittern, Seh- und Bewusstseinsstörungen. Stimmt es, dass wir nur das als Wahrheit ansehen, was wir dafür halten, halten wollen?

Nein. Unsinn. Quatsch. Humbug. Ich war gestern Abend in einem Konzert und habe diesen Verrückten getroffen. Der jetzt am Ende des Verkaufsraumes aus der ersten Stuhlreihe aufsteht und zum Stehpult geht. Und als wolle die Natur meinen Phantasmagorien noch einen i-Punkt aufsetzen, ertönt in dieser Sekunde ein Donner, so nah, als rolle er hinter meinem Rücken vorbei und es fängt an, wie aus Kübeln zu schütten. Unwillkürlich drücke ich die Eingangstür zur Buchhandlung auf und fliehe hinein.

Guten Morgen. Herzlich willkommen. Je später der Abend … Kann ich Ihnen helfen?“

Die junge Verkäuferin steht unmittelbar vor mir und das Schild an ihrer Brust weist sie als Frau Dreher-Kunstmann aus. Ich starre sie verwirrt an, gebe stotternd zur Antwort:

Nein … Danke … Guten Abend, äh … Ich wollte nur … Darf ich mich etwas umschauen?“

Aber gerne. Bitte schön. Wir haben noch etwa eine Stunde geöffnet. Wenn Sie ein Glas Wasser oder einen Saft möchten, dort hinten steht ein kleiner Tisch vorbereitet.“

Sie nickt mir freundlich zu und wendet sich dann an eine Dame, die ein Buch in der Hand hält und offensichtlich eine Frage hat.

Ich schätze Freundlichkeit, aber dieses Mal hätte ich auf sie verzichten können, denn die kurze Begrüßung hat dazu geführt, dass ich nicht mitbekommen habe, wie sich das Gespenst vorgestellt hat. Und ich bin sicher, dass er das hat. Bei solchen Gelegenheiten ist das eine Frage des Anstands. Nur wenige Schritte von mir entfernt stehen ein Zweiersofa und ein winziger Beistelltisch voller Prospekte. Den einen Platz belegt ein in ein Buch versunkener junger Mann.

Ist der Platz noch frei?“, aber er reagiert nicht und ich setze mich neben ihn. Meine Uhr sagt zehn Minuten vor drei und ich lasse mich zurückfallen und schließe für einen Moment die Augen, obwohl ich weiß, dass das in meiner Situation gefährlich ist.

Seine Stimme ist bis zu mir herüber zu hören, obwohl er nicht übermäßig laut spricht. Aber so soll das bei Lesungen ja wohl auch sein. Sie klingt nicht ganz so pathosgetränkt wie in der Dönerbude und gegen Ende unseres Gesprächs im Da Jacopo und er macht immer wieder längere Pausen. Die warme Heizungsluft hüllt mich ein wie das wohlige Leinentuch den Einschlafenden.

… Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Büßer des Geistes: Oh wie lachte meine Seele ob seiner Hässlichkeit! Mit erhobener Brust und denen gleich, welche den Atem an sich ziehen: Also stand er da, der Erhabene, und schweigsam: Behängt mit hässlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hingen an ihm – aber noch sah ich keine Rose. Noch lernte er das Lachen nicht und die Schönheit. Finster kam dieser Jäger zurück aus dem Walde der Erkenntnis …

Das Offensichtliche, das Augenscheinliche, sind hinterhältige Taschenspieler. Betrüger. Denn erstens ist nichts offen und nichts ersichtlich und zweitens sehen die Augen nichts, oder zu spät, weil nichts erscheint, weil das Auge nahezu blind etwas abtastet, das in der Verkleidung von voreiligen Vorstellungen daherkommt.

Warum habe ich mir eigentlich kein Hotelzimmer genommen …?!

… Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen eignen Schatten springen – und wahrlich! hinein in seine Sonne …

Über Schatten springen. Hinein in seine Sonne. Ein Bett hätte mir gereicht. Jetzt lohnt es sich ja kaum noch. Fraglich überhaupt, ob ich einschlafen könnte.

… der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist noch der Sinn seines Auges. Seine Tat selber ist noch der Schatten auf ihm: Die Hand verdunkelt den Handelnden. Noch hat er seine Tat nicht überwunden …

Vielleicht haben Sie damit ja Recht! Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt einen Schlüssel verloren oder irgendwo habe liegen lassen. Und einhundert oder einhundertzwanzig Euro dafür, dass man drei, vier Stunden auf einem Bett liegen darf, finde ich ein wenig happig.

… Noch hat seine Erkenntnis nicht lächeln gelernt und ohne Eifersucht sein; noch ist seine strömende Leidenschaft nicht stille geworden in der Schönheit …

Meine Leidenschaft geht Sie nichts an, mein Lieber. Rein gar nichts. Und ich darf Ihnen versichern, sie kann ganz schön laut werden, wenn sie Schönheit erblickt.

… Mit lässigen Muskeln stehen und mit abgeschirrtem Willen: Das ist das Schwerste euch Allen, ihr Erhabenen!

Was ist ein abgeschirrter Wille? Kein Wille? Nichts wollen? Meine Güte, wie schön wäre das manchmal. Aber es funktioniert nicht. Ich will so vieles. Jemand neben mir. Einen anderen Job. Weniger Probleme. Die Vergangenheit ändern. Die Zukunft voraussehen. Eine andere Welt.

… Der Säule Tugend sollst du nachstreben: Schöner wird sie immer und zarter, aber inwendig härter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt. Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schön sein und deiner eignen Schönheit den Spiegel vorhalten. Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung wird noch in deiner Eitelkeit sein! Dies nämlich ist das Geheimnis der Seele: Erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr, im Traume – der Über-Held. Also sprach Zarathustra.

So weiche, kranke Seele. Verlasse mich. Und zeige dich, du Über-Held … Euphorie macht sich breit. Es sind nur noch ein paar Stunden und augenblicklich sitze ich im Warmen.

Ich glaube, ich erwähnte, dass ich meine Studienjahre, die Zeit in Glasgow und vor allem die Jahre meiner ersten beiden Anstellungen als eine Art rauschhaften Zustands, wenn auch langsam nachlassenden Enthusiasmus, empfunden habe. So ist das mit Schwärmerei und Begeisterung. Bei Stürmer & Friends war ich zwar in einer höheren Gehaltsklasse angekommen, aber auch auf dem Boden der alltäglichen Realität. Und heute, bei W&P und mit Anfang vierzig, wird mir die Gruppe der Kollegen, die deutlich jünger sind als ich und gelegentlich eine Euphorie leben, die ich von früher kenne, zunehmend suspekter.

Wir sind wie mittelalterliche Marktschreier. Scharlatane. Wir errichten potemkinsche Dörfer aus vordergründig sinnstiftenden Begriffen, die sich um nichts anderes, als sich selber drehen. Wir reiten auf dem Zeitgeist und tauschen in hektischer Betriebsamkeit die eine Langeweile gegen eine perfekt gestylte andere Langeweile aus. Eine Endlosschleife des pompös überhöhten Gleichen. Wir sind selbstverliebte Baumeister einer fragwürdigen Ästhetik eines noch fragwürdigeren Empfindungskonsums. Erleben Sie den ultimativen … und so weiter und so weiter und so weiter.

Ich merke, wie sich jemand neben mich setzt, und schlage widerwillig die Augen auf. Er ist es. Der junge Mann ist gegangen. Ich richte mich ein wenig auf und sein Blick ist der eines Professors, der ein Forschungsobjekt studiert.

Ich möchte Sie nicht belästigen“, sagt er leise, „guten Abend, aber ich erachte es als äußerst wundersam und merkwürdig. Merkwürdig. Im ureigenen Sinne dieses Wortes. Erklären Sie es mir bitte: Warum sind Sie immer wieder da, wo ich bin? Warum bin ich immer wieder dort, wo Sie sind? Ich habe Sie in diesem türkischen Schnellimbiss gesehen. In den Spiegeln. Sie saßen dort so alleine und in Gedanken versunken. Normalerweise hätte ich Sie angesprochen, aber ich war gerade in ein höchst fesselndes Zwiegespräch verstrickt. Und jetzt hier …“

Ich biete ihm zwei Hände voll Wörter. Die kürzestmögliche Erklärung für mein abendliches Schicksal. Details nenne ich nicht.

Oh, das tut mir aufrichtig Leid. Sie sind nicht verheiratet, oder wohnen mit jemand zusammen?“

Ich war verheiratet“, erwidere ich. Den zweiten Teil seiner Frage beantworte ich nicht, denn ich ahne, welches Geschlecht er mit Jemand meint.

Sie hätten sich ein Zimmer nehmen können“, meint er und ich gebe ihm durch ein Nicken schweigend Recht.

Wahrscheinlich bin ich an diversen Hotels vorbei gelaufen. Aber vor lauter Bäumen …“

Er lächelt wissend.

Oh ja, das Naheliegende kann unendlich weit entfernt sein, wenn man in die entgegengesetzte Richtung läuft.“

Sein Blick wandert kurz durch den Raum und scheint dann durch mich durch im Nichts zu versinken.

Ich bin auch schon länger nicht mehr verheiratet. Meine Frau hat mich – verlassen. Indem sie – stehen geblieben ist. Und die meisten meiner Freunde empfinden mich als verschroben, zu freiheraus, zu unverblümt. Die Reihen haben sich gelichtet.“

Ich habe keine Kraft mehr. Nicht einmal mehr die Energie, jetzt einfach aufzustehen. Ich lasse ihn reden.

Wahrscheinlich wäre mir an Ihrer Stelle ein ähnliches Schicksal beschieden gewesen.“

Ich studiere das Muster seiner Krawatte und täusche Anteilnahme vor. Wie konnte man nur ein solches Kleidungsaccessoire erfinden? Es ruft Atemnot hervor und sieht in den meisten Fällen auch noch albern aus.

Ich bin ein Suchender, müssen Sie wissen. Ich war es nicht immer, aber ich habe vor längerer Zeit etwas gefunden, was mich zu einem Sucher gemacht hat. Das erhebende Gefühl von Leichtigkeit, wenn der Ballast endgültig abfällt, den die Welt und man selber auf die Schultern getürmt hat. Die Stille und Gemessenheit, die sich einstellen, wenn man sich ewiger Wahrheit und Schönheit verschreibt. Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet: So seht mich gehen! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der tanzt. Und ich möchte nicht mehr aufhören zu tanzen. Und mit Bergen soll der Erkennende bauen lernen. Sagten Sie nicht, dass Sie gerne wandern? Alleine und immer höher strebend? Und so suche ich. Jeden Tag. Schritt für Schritt. Ich suche den, der erschafft und erfindet, dem noch nicht Gefundenen ein Heim errichtet. Ich suche den, der nicht nach zu vielen Tugenden strebt, denn schon zwei Tugenden sind eine zu viel. Den, der Gott zur Rede stellt, weil er ihn achtet. Ich suche den, dessen Seele überläuft und keinen Tropfen zurücklässt, der die Unbeschreiblichkeit im augenscheinlich Unbedeutenden erkennt, der Sinn, Grund und Ziel nicht jenseits der Sterne vermutet, sondern Hoffnung und Verlangen vor seinen Füßen auf und in der Erde findet. Es ist schwer, einen solchen zu finden und noch schwerer zu ertragen, dass man sein Glücksgefühl so selten teilen kann, denn dieses Teilen würde wahrlich zu einer Verdopplung führen. Aber das versteht kaum jemand. Es ist keine Sache der Vermittlung. Man muss es aus sich selbst heraus kennen, um es zu begreifen und festhalten zu wollen. Die, die das nicht erkennen wollen oder können, wähnen sich am warmen Feuer der Erkenntnis sitzend. Aber die Berührung eines Unbekannten bedeutet noch lange keinen Schutz vor Einsamkeit. Und was der vermeintlich Weise als Untergang eines kranken Narrenhirns ansieht, ist für den Narren womöglich der Übergang zur Weisheit …“

Worte. Worte, die man nicht jeden Tag hört. Die um mich herumsummen, wie Bienen auf einer Frühlingswiese. Die die Aura des Positiven ausstrahlen. Und die zu einer Kette geknüpft ein Netz ergeben, in dem man wohlig im Wind schaukelt und träumt. Die auf meinem Verstand liegen, wie Tautropfen auf Blättern an einem Herbstmorgen.

Wir schauen uns an und mein Blick ist gleich dem eines Fünfjährigen, der vor einer Tafel steht und die Strukturformel von Diethylether betrachtet.

Aber dieses Mal sagt er nichts. Kein Sie-verstehen-mich-nicht-nicht-wahr? Stattdessen greift er in seine Jackettasche und zieht ein Buch hervor.

Nehmen Sie das. Bitte. Erweisen Sie mir den Gefallen und nehmen es an. Ich werde mir ein neues Exemplar besorgen. Vielleicht finden Sie ja Zeit einmal hineinzuschauen. Sie werden die eine oder andere Anmerkung finden. Gedanken eines Suchenden. Und aus Ihrer Sicht wahrscheinlich Verrückten.“

Mechanisch nehme ich ihm das Buch aus der Hand und lese den Titel: Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und Keinen.

Danke“, sage ich tonlos und in diesem Moment tritt die ältere Dame in blauem Kostüm und dieses Mal mit Mantel an unser Sofa und fragt:

Ich möchte die Herren nicht unterbrechen, aber sollen wir so langsam? Es war ein langer Tag.“

Selbstverständlich, meine Liebe. Ich bin sofort bei Ihnen.“

Er erhebt sich und reicht mir die Hand.

Leben Sie wohl. Es war mir ein Vergnügen.“

Er streift seinen Trenchcoat über und die beiden gehen zum Ausgang, wo er ihr wieder die Tür aufhält, bevor sie auf der Straße verschwinden.

Ich habe einmal in meinem Leben den neugierigen Voyeur gespielt und ich bin mir dabei entsetzlich schäbig vorgekommen. Als ich spürte, dass es mit Anja und mir dem Ende entgegen ging, bin ich ihr eines Abends heimlich gefolgt, weil ich einfach nicht glauben wollte, dass sie sich mit einer Freundin trifft. Als ich eine halbe Stunde später erfahren musste, dass es sehr wohl eine Freundin war, mit der sie in einem Restaurant verschwand, war mir noch elender zumute, als ich befürchtet hatte, wenn ich hätte zusehen müssen, wie sie einen fremden Mann mit einem Kuss begrüßt.

Aber das hier ist etwas anderes. Mit meinem Nachtschatten verbindet mich kein inniges Verhältnis, keine Zuneigung geschweige denn pulverisierte Liebe.

Ich stehe auf, stecke das Buch ein und folge den beiden nach draußen.

Der Teufel treibt mich an, denn ich will wissen, wohin er geht, wo er wohnt, wie er heißt. Denn letzteres weiß ich immer noch nicht. Wenn er in ein Taxi steigt, werde ich ihm nicht weiter folgen. Das wäre mir zu peinlich, blöde und zu kostspielig.

Sie sind ungefähr einhundert Meter entfernt, gehen die Rosenstraße entlang in der entgegengesetzten Richtung zu der, aus der ich gekommen bin. Sie gehen zügig und sie hat sich bei ihm untergehakt. Ich folge ihnen vorsichtig und schleiche von Hauseingang zu Hauseingang. Humphrey Bogart und Der Malteserfalke lassen grüßen. Sie biegen zweimal nach links ab und dann nach rechts. Für einen Moment befürchte ich, dass ich sie verloren habe, aber dann entdecke ich sie auf der anderen Straßenseite. Sie sind stehen geblieben, schütteln sich die Hände und reden miteinander. Und dann setzt die Frau ihren Weg geradeaus fort und er verschwindet hinter einer Ecke in einer anderen Straße.

Zehn Minuten lang folge ich ihm im Zickzack durch die immer dunkler werdenden Straßen, die hier weit mehr Wohnhäuser aufweisen als Geschäfte. Wir kommen an einem Haus vorbei, das ich wiedererkenne. Im Erdgeschoss liegen die Büros einer Versicherungsfirma, für die wir vor längerer Zeit einen Auftrag ausgeführt haben. Und dann bin ich mir sicher, dass er irgendwo abgebogen ist, wo ich es nicht bemerkt habe. Enttäuscht bleibe ich eine Weile stehen, um mich zu orientieren, und gehe dann einfach weiter.

Die Straße macht einen leichten Bogen und mündet auf dem Museumsplatz. Als ich aus der dunklen Häuserzeile auf das mit zwei Baumreihen bepflanzte Karree heraustrete, bleibe ich unwillkürlich stehen, denn der Anblick kommt so unerwartet wie er beeindruckend ist. Das Gebäude des Reinhoff-Museums befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes und seine Eingangsfront bildet ein riesiges, weiß getünchtes Rechteck um das Eingangsportal und den auf gleicher Höhe in großen Lettern angebrachten Schriftzug herum. Und aus irgendeinem Versteck heraus auf diese weiße Fassade geworfen, erstrahlt in atemberaubender Größe ein Gemälde, dem, wie ich einmal annehme, jeder, der sich ein wenig für Kunst interessiert, irgendwann einmal in Museumsshops, Kunstbüchern oder ähnlichem begegnet ist. Vielleicht stand er ja auch schon einmal vor dem Original in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Caspar David Friedrichs Mönch am Meer. Der Name des Malers in durchscheinenden, geschwungenen Buchstaben und wie eine Krone am oberen Bildrand und ein wie von unsichtbarer Hand langsam vorbeigezogener Fließtext, dessen Inhalt ich aber, von da, wo ich stehe, kaum erkennen kann. Welch’ ein monumentaler Anblick! Und was für ein seltsames Gefühl, ein solches Motiv in den frühen, noch dunklen Morgenstunden eines verregneten Apriltages in einer solchen Größe zu betrachten. Welcher Künstler oder welcher Museumsmanager auch immer sich das ausgedacht hat, es ist eine imposante Werbung für entweder eine kommende Sonderausstellung oder das Museum als solches. Oh, du Werbegott des schlichten Gemüts, du hast ja Recht: Nicht kleckern – klotzen! Wenn die Zutaten, das Rezept und der Ort stimmen, dann darf es auch einmal etwas mehr sein.

Er sitzt, der Fassade gegenüber, auf der Bank genau in der Mitte und als ich ihn bemerke, wende ich mich erschrocken und abrupt nach links und stelle mich schnell in den Schatten eines Baumes. Auf diese Weise saß er im Konzert. Versteinert und absolut unbeweglich. Wie mit der Bank verwachsen. Sie erinnern sich daran, dass ich Ihnen erzählte, dass Gott und ich keinerlei Verhältnis pflegen. Was bedeutet, dass Kirchen keine Orte sind, die mich aus einem religiösen Empfinden anziehen. Man besucht sie aus kulturellem Interesse. In Maßen.

Im Augenblick aber und ich gebe es unumwunden zu, habe ich das Gefühl, in einer Kirche zu stehen. Zwei Baumreihen, die wie Säulen auf den hell erleuchteten Altar zulaufen und ein riesiges Bild, wie ein über alle Maßen kunstvolles, darüber schwebendes Ziborium.

Und am Ende, quasi in der letzten Reihe des Kirchenschiffs und so klein wie der auf der Projektion abgebildete Mönch, sitzt ein Fremder mit im Schoß gefalteten Händen.

… Früher galt ich bei andern, jetzt gelte ich mir selbst etwas. Viele ziehen das Erste, wenige das zweite vor.

Caspar David Friedrich

*5. September 1774, Greifswald – †7. Mai 1840 in Dresden

Er bewegt sich keinen Millimeter. Es würde mich nicht wundern, wenn er aufgehört hätte zu atmen. Der Fließtext vergeht am linken Bildrand und eine Weile ist nur das Bild zu sehen. Mönch, Strand, Meer, Himmel. Blau, grau und schwarz in allen denkbaren Schattierungen.

… Es ist nämlich ein Seestück, vorne ein öder sandiger Strand, dann das bewegte Meer und so die Luft. Am Strande geht tiefsinnig ein Mann im schwarzen Gewande; Möwen fliegen ängstlich schreiend um ihn her, als wollten sie ihn warnen, sich nicht auf ungestümes Meer zu wagen …

Ein Windstoß fährt in die Baumkrone über mir und ein Schwall von winzigen Tropfen ergießt sich über mich. Von irgendwoher, weit entfernt, hört man das Geklapper von Schritten auf dem Kopfsteinpflaster. Langsam versinkt der Text im Bild und wird überlagert von einem nächsten.

… Und sännest Du auch vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zur sinkenden Mitternacht; dennoch würdest du nicht ersinnen, nicht ergründen, das unerforschliche Jenseits! Mit übermütigem Dünkel wähnst Du der Nachwelt ein Licht zu werden, zu enträtseln der Zukunft Dunkelheit! Was heilige Ahndung nur ist, nur im Glauben gesehen und erkannt; endlich klar zu wissen und zu verstehen! Tief zwar sind deine Fußstapfen am öden sandigen Strande; doch ein leiser Wind weht darüber hin, und deine Spur wird nicht mehr gesehen: Törichter Mensch voll eitlem Dünkel! Caspar David Friedrich

Wenn es nicht so vollkommen absurd klingen würde! Aber es kommt mir vor, als ob er selber diese Sätze ausgesucht hat. Oder noch besser, dass es sie zu einer anderen Zeit gar nicht gibt, dass er sie jetzt, genau in diesem Augenblick in einer Art geistiger Fernbedienung in das Bild projiziert.

… und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: Der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Heinrich von Kleist

Jetzt ist er aufgestanden und steht vor der Bank wie ein Gläubiger in Erwartung des Vater Unser. Das Bild gleicht einem Manifest.

… staunend und zitternd ausgeliefert den Mächten der Natur, deren Teil man doch ist, das eigene Ich erhöhend in die schmerzende Wonne der Erhabenheit …

Er schiebt die Hände in die Manteltaschen und geht nicht einmal zehn Meter entfernt an mir vorbei. Ich drücke mich in den Schatten des Baumes und als er im Dunkel der Straße verschwindet, gehe ich ihm nach. Wann geht Mitte April die Sonne auf? Ich weiß es nicht …

Bei den durch den Fremden in der Buchhandlung vorgetragenen Passagen handelt es sich um Auszüge aus:

Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen, Erster Teil, Von den Erhabenen, Insel Verlag, 1901.

Weitere Zitatquellen oben: Teil 4, Von höheren Menschen, 17 und Teil 2, Von den berühmten Weisen.

04.30 Uhr

Er beginnt mir Leid zu tun. Ich weiß nicht, was oder wer er ist. Ein Fanatiker. Ein Größenwahnsinniger. Ein naiver Träumer. Ein Geistesgestörter. Eine umherirrende Nervensäge. Alles zusammen. Nichts von alledem. Wenn ich ihn so vor mir sehe, wie er durch die Nacht stolpert, strahlt er nichts, aber rein gar nichts aus, das nur annähernd von etwas wie Erhabenheit zeugen würde. Er ist ein armer, einsamer und alter Mann, der einer Schimäre nachjagt, etwas für möglich hält, das nicht möglich ist. Er ist ein Gebrochener, der vorgibt den aufrechten Gang zu beherrschen, einer der unter der vielleicht schwersten Last des Menschseins in die Knie gegangen ist: Dem Bewusstsein, dass man seine gedachten Träume niemals wird ausleben können, obwohl das Leben jeden Tag verdeutlicht, dass man ein zur Selbstreflexion fähiges, dem Logos verbundenes Nicht-Tier ist.

Ein Mensch, der nachts um vier Uhr auf einem leeren Platz auf einer verlassenen Bank sitzt und ein monumentales Bild anstarrt, muss etwas in sich tragen, an etwas tragen, das schwerer wiegt als die Lasten seiner durchschnittlichen Mitmenschen. Aber für Unbehauste wie ihn scheint es kein Mittel zu geben, sich anderen verständlich zu machen. Suchende, und er nannte sich einen solchen, Suchende seines Schlages haben nur einen Vertrauten – sich selber. Sie fürchten sich vor Spiegeln, denn sie ahnen, dass sie dort etwas sehen, was sie von Natur aus mit anderen teilen – eine strebende Seele, einen relativierenden Verstand und blinde Augen. Man zieht sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Unkenntnis. Und weil das so ist, erfand das menschliche Wesen das Märchen. Denn siehe da, dort funktioniert es! Nein, alter Mann dort vor mir, es funktioniert nicht! Es bedarf der Fehler und Erkenntnisse anderer. Es bedarf der Abgrenzung und ständigen Annäherung an selbige, um dem Paradies des mit allem Einssein wenigstens stundenweise etwas näher zu kommen.

Soll ich Dir eine Geschichte erzählen, mein suchender Freund? Obwohl ich mir das gut überlegen muss. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass sie Dich nicht aufheitern wird. Wahrscheinlich wird sie nur ein weiterer Kiesel in Deinem zentnerschweren Sack sein, den Du mit Dir herumträgst, auch wenn es, verglichen mit dem, was ich für Dich erahne, nur eine winzige Episode aus Versagen und Irrtum darstellt. Aber der letzte Kiesel gibt den Ausschlag. Und das will ich nicht.

Meine Frau und ich kannten nicht nur verhangene Tage. Man verfalle nicht dem Irrtum, dass, nur weil ich bisher wenig Schmeichelhaftes über uns berichtet habe, wir nicht auch einmal von der Sonne beschienen wurden. Man heiratet nicht aus Berechnung oder emotionaler Versehrtheit. Heutzutage nicht mehr. Es mag Ausnahmen geben.

Unsere Hochzeit war wunderschön. Nein, das ist nicht die Melancholie der Erinnerung. Glauben Sie mir, sie war schön. Selbst mein Schwiegervater hatte einen erstaunlich guten Tag erwischt. Heute könnte ich über etwas spekulieren, von dem ich damals noch nichts wusste: Ob es vielleicht nur daran lag, dass man ihm eine Sonderration Medikamente verabreicht hatte. Im Nachhinein wird mir auch klar, warum meine Frau nicht übermäßig daran interessiert war, vor unserer Hochzeit immer wieder Zeit mit mir und ihren Eltern zu verbringen. Anjas Vater ist General a.D. und möglicherweise ist er vor kurzem gestorben. Ich weiß es nicht. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn vor unserer Trauung getroffen habe, kam er mir zwar sehr mürrisch und äußerst komisch vor, aber ich dachte mir, so sind Väter, wenn sie ihre einzige Tochter an einen fremden Mann abtreten müssen. Und außerdem war der Mann Soldat.

In der Anfangszeit meiner dreijährigen Ehe habe ich ihn dann häufiger gesehen und diese Treffen empfand ich als zutiefst peinlich und grotesk. Glauben Sie mir, es gab keinen Krisenherd aus dieser Zeit, zu dem er mich nicht dozierend befragt hätte, zu dem er auf meiner ausführlich erläuternden Meinung bestand, um mich am Ende mehr oder minder deutlich wissen zu lassen, dass er diese absolut nicht teile. Politisch stehe ich eher links und ich befürworte das Vorgehen Israels im Gazastreifen und Westjordanland nun mal nicht. Ich war der Ansicht und bin es noch heute, dass die Präsenz von US-Truppen im Irak das Chaos eher befeuert hat, als dass sie es eindämmte. Und ich hielt die Idee, somalische Piraten zum Abschuss freizugeben für einen seiner vielen missratenen Witze. Er ließ nicht locker. Afghanistan, Pakistan, Algerien, Mittel- und Südamerika, Asien. Er hat mich am Esstisch über die Landkarten des Grauens gezerrt, während Anja und ihre Mutter in der Küche den Abwasch erledigten, oder sonst wo im Haus verschwunden waren. Bis ich es nicht mehr ertragen habe und Anja mitteilte, dass ich zu diesen Treffen nicht mehr bereit sei. Es liege nicht daran, dass ihr Vater und ich gegensätzlicher Meinung seien, es liege an seiner beleidigenden, aggressiven und schulmeisterlichen Art mir gegenüber.

Ich sei kein linker, uneinsichtiger Schullümmel. Kein blöder Rekrut. Wir hatten an dem Tag einen fürchterlichen Streit, der darin endete, dass sie mir unter Tränen und widerwillig gestand, dass ihr Vater schwer krank sei und dass dieser Umstand zuhause und vor Fremden totgeschwiegen werde, weil vor allem ihre Mutter sich schäme und damit ganz und gar nicht umgehen könne.

Vor Fremden?! Und wann wolltest Du mir das sagen?“, habe ich sie konsterniert gefragt. Aber sie hat sich nur weinend umgedreht und hat schweigend die Wohnung verlassen. Hätte ich von Anfang an gewusst, dass der Mann unter Morbus Pick leidet, wäre ich mit den Situationen völlig anders umgegangen. Niemand lässt sich gerne beschimpfen und Fäkalscherze sind schon gar nicht mein Ding, außer vielleicht bei Chalky, aber da weiß ich, wie es gemeint ist, aber wenn man aufgeklärt wurde, dass ein Kranker vor einem sitzt, erscheint das alles in einem erheblich anderen Licht. Zu viert haben wir uns nicht mehr getroffen. Anjas Mutter kam hier und da bei uns vorbei und bei diesen Gelegenheiten tropften ab und an ein paar spärliche Informationen zum Gesundheitszustand ihres Mannes aus der Kiste der Geheimniskrämerei. Wie gesagt, zuletzt ging es ihm nicht besonders gut. Aber ein schwarz umrandeter Briefumschlag lag noch nicht in meinem Briefkasten.

Ich habe eine Weile nicht aufgepasst und weiß nicht, wo wir sind. Aber bemerkt hat er mich noch nicht. Über die wenigen Ampeln, die nicht im Blinkmodus sind, geht er auch bei Rot.

Ist das erlaubt, Du Hüter der Ehrlichkeit?

Jetzt bleibt er stehen und greift in die Hosentasche. Nicht alle Menschen vergessen ihren Haustürschlüssel. Nur ich.

Es ist ein schmutzig graues Mehrfamilienhaus und er geht die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Ich bleibe stehen und beobachte, wie er die Türe aufschließt.

Und dann ist er verschwunden.

Ich warte, bis das Licht im Flur ausgeht, mache die wenigen Schritte bis zum Eingang und studiere die Namen auf den Klingelschildern. Groschnik. Bender/Ahamdi. Kleinschmitt. Schenker. Rattmann. Dr. Westphal.

Ich spiele ein Assoziationsspiel und stelle mir spontan irgendetwas zu den Namen vor. Dr. Westphal? Vielleicht. Bender/Ahamdi wohl kaum. Mir wird bewusst, dass ich mein Notizbuch in der Hand halte, aber ich stecke es wieder zurück in das Jackett.

Langsam laufe ich die Straße zurück.

96. Fichtestraße 96

14. April 2012. Samstagmorgen.

05.10 Uhr

AnkerLetzter Teil

… Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg.

Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.

Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1885

2014

Als ich Carsten vor sechs Monaten am Montag nach dem dritten Advent sagte, dass ich kündigen würde, reagierte er nicht einmal. Er kam aus der Kaffeeküche, hob schweigend den Becher zum Gruß und verschwand in seinem Büro. Ich hätte genauso gut sagen können: Ich habe gestern die dritte Kerze auf meinem Kranz angezündet. Ich hätte meinen verstaubten Witz machen können, mit dem ich ihn manchmal hochnahm, wenn er, wie an diesem Montag, seine grauenhafte, mit Enten bevölkerte Krawatte trug und über den kein Mensch mehr lachte. Aber er rauschte nur durch den Raum und zog, in seinem Zimmer angekommen, das Handy aus der Tasche. Als ich mich an den Türrahmen seines Appartements, wie wir anderen es nannten, lehnte, zog er die Augenbrauen hoch und bedeutete mir mit einem Wink einen Moment zu warten. Eine Terminbestätigung. Um 14.00 Uhr im Café Florian. Wie besprochen. Ja, ich mich auch.

Ich werde W&P verlassen, Carsten. Ich werde kündigen.“

Er sah mich mit einem Blick an, der eindeutig sagte: Bitte verschwende nicht meine Zeit.

Was ist los?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen, „bist Du irgendwo abgeblitzt? Haben die Plätzchen nicht geschmeckt? Die waren von Klarhaus. Ich dachte mir, für die diesjährige Weihnachtsfeier könnte es einmal etwas ganz besonderes sein.“

Ich werde kündigen. Ob Du mir das jetzt glaubst oder nicht.“

Er starrte mich völlig entgeistert an. Und glaubte es immer noch nicht.

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Mir fällt nichts mehr ein. Und – ich habe auch keine große Lust mehr. Es tut mir Leid.“

Er stützte sich mit der einen Hand auf dem Schreibtisch ab und wedelte mit der anderen in Richtung Tür.

So, jetzt geh’ bitte nochmal aus dem Zimmer, dreh’ Dich um, komm’ wieder rein und alles ist paletti. Und dann sprechen wir über das Thema Weil-es-möglich-ist.“

Er hob den Becher an den Mund und stellte ihn verärgert wieder ab, weil er inzwischen leer war.

Ich – verlasse – die – Firma!“

Er seufzte und setzte sich in seinen Sessel.

Nicht morgen, aber in den nächsten Monaten. So wie das eben abläuft. Auslaufzeit. Einarbeitungszeit. Falls gewünscht und nötig. Sachen packen. Ein paar Tränchen. Ende. Türe zu. Danke schön. Und noch einmal danke schön.“

Warum? Warum – bitte schön? Ich verstehe es nicht!“, und seine Frage klang fast schon ein wenig verzweifelt.

Es läuft doch alles, Mann. Oder hast Du etwas Besseres? Spuck es aus. Ich lache auch wieder über Deine Schlipswitze. Sie sind cool. Ich habe mich da, verdammt noch mal, geirrt …“

Mein Entschluss kam nicht über Nacht. Ich habe ihn über Nacht getroffen, aber ich weiß, dass er in mir herangewachsen ist wie Stalagmiten in einer Höhle. Langsam und im Dunkeln. Das laufende Maxtec-Geschäft war da nur der berühmte letzte Tropfen.

Es ist nicht mehr, wie es einmal war. Die Anbiederei, und so empfinde ich es, ist zur unschönen Routine geworden. Manche Kunden präsentieren uns ihre grottenschlechten Ideen wie Hostien aus einem Tabernakel und, um sie zu halten, um im Geschäft zu bleiben, lassen wir uns darauf ein. Es ist nicht immer so, aber es ist zu oft so. Wir sind Vollstrecker und Handlanger eines Heeres aus Stabreimern und Hobbyfotographen, die natürlich ausnahmslos Word beherrschen und Photoshop auf ihren Laptops installiert haben. Schauen Sie bitte und achten Sie auf dieses kleine Detail hier, so sollte es aussehen …

Maxtec ist einer jener zahlreichen Netzbetreiber, die sich nahezu stündlich mit Flatrates, Gratisgeräten und ihren Preisen überbieten, ahnend, dass ihr Angebot schon in den Schredder kann, sobald der erste Spot über den Bildschirm flimmert, weil die Konkurrenz irgendein Gimmick auf ihr Paket draufgelegt hat. Die Kamera fährt durch das Haus. Alles nobel und viel Bling-Bling. Dort wo Mediengeräte stehen (also überall), kommt es zu kurzen, farbigen Eruptionen. Lächelnde Gesichter. Lächeln ist das Wichtigste. Die Tochter telefoniert in ihrem Zimmer, wo gleichzeitig Fernseher und Rechner laufen. Bei Mom und Dad im Erdgeschoss ist es keinen Deut anders. Alles stylisch. Sehr stylisch. Man fläzt sich auf dem Sofa. Beim Bruderherz raunzt noch zusätzlich eine Musikanlage. Ferngesteuert, versteht sich. Und genau das macht Opa vom Nachbarzimmer aus. Fernsteuern. Hallo, meine Lieben nah und fern, ich bin’s. Und das alles für sage und schreibe läppische … Jingle. Cut. Zeit ist so etwas von teuer. Und Sie fragen sich, warum Sie das brauchen? Weil es möglich ist!

Der Satz stammt nicht von mir. Oh, nein. Ich habe mir im Laufe meiner Karriere manchen Stuss ausgedacht, glauben Sie mir, aber ein solcher Satz als Kaufanstoß wäre zu allen Zeiten tabu gewesen. Ich muss morgens noch in den Spiegel sehen können.

Aber Maxtec ist eine Nummer. Jemand, der auch morgen noch Werbung machen möchte. Kein schwäbischer Riegelstanzer, der alle zehn Jahre einmal etwas anders machen will. Und deswegen lassen wir uns auf so etwas ein.

Als die Kollegen im Büro von meiner Kündigung erfuhren, herrschte einen Tag lang gedämpfte Stimmung und ich muss zugeben, dass mich das auf eine seltsame Art und Weise gefreut hat. Bitte verstehen Sie das nicht falsch, aber in meiner Berufsinnung gibt es keine Hofknickse und Diener. Der Ton ist grundsätzlich sehr freundlich und leger und manchmal können auch die Praktikanten mitreden.

Wenn wir uns über den Weg liefen, fielen hier und da Kommentare wie: Einfach weggehen geht gar nicht! Oder nur: Verboten! Aber sie hätten sagen können, was sie wollten, mein Entschluss würde nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und dabei hatte ich, wie Carsten befürchtet hatte, keine einzige Sekunde über Alternativen oder die Zukunft nachgedacht. Mich plagte kein Gewissen und ich fühlte mich nicht schlecht. Was ich nicht ganz verstand, aber auch nicht weiter hinterfragte. Es würden sich andere Türen auftun, andere Wege ergeben. Das sich gelegentlich beim Nach-Hause-Gehen einstellende Gefühl, eine Handbreit über dem Trottoir zu schweben, überraschte mich. Aber es erschreckte mich nicht. Der Schritt verrät, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet: So seht mich gehen! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der tanzt. Irgendwo in meinem Leben war ich diesen Sätzen begegnet, aber ich hatte keine Ahnung, wo das gewesen war.

Über die Weihnachtsfeiertage fuhr ich an die Ostsee und ließ mir die Seele durchblasen, den Nacken massieren und den Magen verwöhnen, würfelte mit meinen Ideen und Gedanken um die Zukunft und als ich Ende Mai das letzte Mal ins Büro ging, schenkten mir die Kollegen einen Montblanc LeGrand Kugelschreiber, der, da bin ich mir heute noch sicher, zur Hälfte auf Carstens Konto ging.

Wohin mich dieser tanzende erste Schritt noch führen würde, davon ahnte ich in diesen Tagen nichts.

Ich sitze in der Abflughalle und schaue zum wiederholten Mal in Richtung Schalter, aber noch ist dort keine himmlische Begleiterin in Kostüm und passendem Schal erschienen, um das Boarding zu beginnen. Die Anzahl der Mitreisenden ist überschaubar. Ein gutes Dutzend Geschäftsleute, zwei ältere Paare, eine Familie mit zwei kleinen Mädchen, wovon eines nach einer weiteren Limonade quengelt, eine Hand voll Frauen, denen man nicht ansieht, ob sie beruflich oder privat unterwegs sind, und eine betagte und äußerst korpulente Dame im Rollstuhl. Bis auf sie starren die meisten auf ihre Handys oder telefonieren. Einer der Männer hat sein Bein über den vor ihm stehenden Rollkoffer gelegt und blättert in einer Zeitung. Rund um den Globus finden täglich tausende solcher Szenarien statt. Ich trinke meine im Duty-Free-Shop erstandene Wasserflasche aus und werfe sie in den Papierkorb. Wahrscheinlich ist Pfand auf der Flasche, aber ich kann mich nicht aufraffen, sie einzustecken, um ein Stück Plastik wegen acht oder zehn Cent durch die Weltgeschichte zu tragen. Wenigstens bewegt mich meine Trägheit noch ab und zu und löst ein schlechtes Gewissen aus.

Ich habe mir in der Buchhandlung gegenüber den Spirituosen eine Zeitung und ein dünnes Taschenbuch gekauft. Gerade mal vierundvierzig Seiten und ich war überrascht so etwas in einer Flughafenbuchhandlung zu finden. Kafkas Forschungen eines Hundes. Ich gehöre zu jenem seltsamen Menschenschlag, der Franz Kafka etwas abgewinnen kann. Wir haben auf dem Internat Das Schloss gelesen. Mein Gott, welche niederschmetternde Hoffnungslosigkeit. Kafka war ein Haderer. Ich weiß, wovon ich rede. Und ich erinnere mich daran, dass der damalige Chef von Jägermeister eigene Slogans kreierte: Ich trinke Jägermeister, weil ich Kafkas Schloss nicht geknackt habe. Manchmal funktioniert es auch ohne uns.

Ich nehme das Buch von meinem Oberschenkel und schlage es noch einmal auf der letzten Seite auf. … aber immerhin Freiheit, immerhin ein Besitz. Ein Hund erzählt von seinen lebenslangen Forschungen über das Wesen des Hundedaseins. Er untersucht sämtliche möglichen Arten der Hundenahrung und hungert dafür, aber er findet keine Lösung. Beim Lesen überfielen mich seltsame Assoziationen, aber das kenne ich ja an mir.

Ein Hund, Umherstreifen in der Dunkelheit, Suchen, vergebliches Forschen, Parallelen verschiedener Geschichten, Homer Wells, Soglitz, ein Fremder …

Das quengelnde Mädchen hat seinen Willen, sprich seine Limonade bekommen. Die Mutter ist vom Automaten zurück und für eine Weile herrscht Friede.

Ich stecke das Buch in das Seitenfach meines Koffers und nehme mir die Zeitung vor, ohne einen Artikel intensiver zu lesen, denn mein Blick wandert immer wieder zum Schalter. Die Ebolaseuche ist inzwischen in Sierra Leone und Liberia angekommen. Die ISIS hat Mossul im Nordirak erobert. Im Sauerland ist ein Learjet 35 abgestürzt und im Mannheimer Hauptbahnhof hat es ein Zugunglück mit fünfunddreißig Verletzten gegeben. Und gestern ist der Fotojournalist Robert Lebeck gestorben, von dem ich zwei Bildbände habe und dem vor ein paar Jahren eine Ausstellung gewidmet war, die Chalky und ich uns bei einem meiner Besuche angeschaut haben.

Die alte Dame fährt ihren elektrischen Rollstuhl langsam in Richtung des Gates. Wenn ich angekommen bin, werde ich Chalky in seinen nicht elektrischen Rollstuhl setzen, ob er will oder nicht und wir werden eine ausgedehnte Museumstour machen.

Sie würden sich wundern, was ich seit meinem Weggang bei W&P alles unternommen habe. Ich hatte mir fest vorgenommen, unter keinen Umständen in meiner Wohnung Staub anzusetzen. Seit einem knappen Jahr arbeite ich als Freelancer bei der Abendzeitung. Außerdem habe ich bei einer Fachzeitschrift für Kunst und Film eine in unregelmäßigen Abständen erscheinende Kolumne zum Thema Heute vor zwanzig Jahren. Und Carsten hat mir das Versprechen abgerungen, dass ich aushelfe, falls einmal zu viel Druck im Auftragsbehälter ist. Ich habe etwas widerwillig zugestimmt und es ist auch erst einmal vorgekommen.

Sie sehen also, dass ich etwas habe, was ich früher nicht hatte: Zeit. Für den Preis, dass mein Konto deutlich häufiger nach vorsichtigerem Umgang als noch vor einem Jahr fragt. Die Veranstaltungsseite der Abendzeitung ist meist das erste, was ich durchsehe. Ich habe mir letztes Jahr Nachtzug nach Lissabon und Django Unchained angesehen und war beide Male reichlich enttäuscht, obwohl ich es schon befürchtet hatte. Aber ich mag Jeremy Irons und Christoph Waltz. Und eine mehr als schräge Erfahrung war der Besuch einer Ausstellung über Meret Oppenheim. Das einzige, an das ich mich erinnere, sind pelzige Tassen, pelzige Schuhe und pelzige Hände. Und ein Ausspruch von ihr, Freiheit werde einem nicht geschenkt, man müsse sie sich nehmen.

Schon wieder Freiheit. Merkwürdig.

An alle Passagiere des Germanwings Fluges G219 nach Berlin. In wenigen Minuten beginnen wir mit dem Boarding. Wir wünschen allen Fluggästen einen angenehmen Flug. Wir bitten zuerst …“

Der Engel hat kurze schwarze Haare, trägt die Maske des Lächelns und nach und nach erheben sich die Wartenden und ordnen sich zu etwas, das man mit etwas gutem Willen als Schlange bezeichnen könnte.

Als ich mit den anderen den Verbindungstunnel entlang gehe, merke ich, wie das Gefühl zurückkehrt, gegen das ich mich nicht wehren kann, weil es in Gefilden liegt, zu denen ich keinen Zugang habe. In der Wartehalle kreisten meine Gedanken um andere Sachen. Im Augenblick klammern sie sich mit feuchten Händen an ein Wort: Fliegen. Und automatisch werden meine Schritte langsamer. Ich habe meine Flugangst deutlich besser im Griff als noch vor Jahren, aber ganz los werde ich sie wohl nie.

12C. Der Platz am Gang. Wenn sich der Fensterplatz, geschweige der in der Mitte beim Check-in vermeiden lässt, fühle ich mich schon etwas besser. Ich weiß, dass mir dieser Tick im Ernstfall nicht weiterhilft. Er ist ein Placebo und die Wirkung hält auch nur ein paar Minuten an.

Am Fenster sitzt eine junge Frau in Jeans und einem T-Shirt mit dem Aufdruck CDF. Was immer das bedeuten mag und auf der anderen Seite des Ganges studieren die beiden Mädchen aus der Halle die Verschlüsse ihrer Gurte. Obwohl der Flieger bei weitem nicht ausgebucht ist, hat es wieder eine Weile gedauert, bis sich alle sortiert haben. Es gibt Menschen, die mit beeindruckender Selbstbezogenheit und in schon fast provokanter Gemütsruhe ihre Sachen verstauen und was mancher unter Handgepäck versteht, übersteigt meinen Verstand. Ich nicke der Frau am Fenster zu und sie grüßt schweigend zurück. Und dann sitze ich auf meinem Platz und wische mir die feuchten Hände an den Oberschenkeln ab.

Als die Maschinen im hinteren Teil aufheulen und ein leichtes Ruckeln zu spüren ist, beginnen meine Finger, die Knie zu massieren. Aus den Augenwinkeln merke ich, wie meine Nachbarin kurz herüberschaut und unmerklich lächelt.

Ein wenig Angst? Sie sind bestimmt nicht der einzige. Glauben Sie mir, wenn wir oben sind, vergeht das wieder. Ich habe mal gehört, dass Psychologen so etwas Verfügbarkeitsheuristik nennen. An das schwere Schlimme erinnert man sich leichter als an alltägliche Bagatellen.“

Wir steigen und steigen und die Maschine fliegt eine lang gezogene Kurve. Ich starre auf die Klappe im Vordersitz und muss mich immer wieder räuspern.

Sind Sie Psychologin?“, frage ich tonlos und ohne sie anzuschauen.

Sie lacht. „Nein, aber mein Bruder.“

Schade. Sie wären mir eine große Hilfe gewesen. Auch wenn ihr Honorar sicherlich jenseits meiner finanziellen Möglichkeiten liegt.“

Die Antennen meines Körpers registrieren, wie der Vogel sich langsam beruhigt und ich atme einmal tief aus.

Sehen Sie, das fühlt sich alles schon besser an. Und die Landung überstehen Sie auch, denn mein Geschwätz zu gegebener Zeit wird Sie wieder ein wenig ablenken.“

Ich bin Ihrem Bruder wohl zu Dank verpflichtet.“

Wir schauen uns an und lächeln beide. Als der Steward vorbeikommt bestelle ich mir ein Wasser.

Privat oder geschäftlich?“, höre ich sie neben mir fragen, „ich möchte Sie aber keinesfalls stören. Wenn Sie keine Unterhaltung möchten, vertiefe ich mich in mein Buch.“

Doch, doch. Privat. Ich besuche einen alten Freund. Nur über ein verlängertes Wochenende. Dann muss ich wieder zurück. Wir sehen uns leider nicht allzu oft. Er hatte vor Jahren einen Unfall und ist seitdem körperlich eingeschränkt.“

Wir schweben durch ein Meer aus blauer Luft und sprechen über Dinge, über die Menschen bei solchen Gelegenheiten sprechen, vorausgesetzt, sie ziehen es nicht vor, zu schweigen oder zu schlafen. Eben, ob man privat oder geschäftlich unterwegs ist, was man beruflich macht. Höfliche Fragen und, je nachdem wer dort neben einem sitzt, nicht selten bemerkenswert interessante Antworten. Ich erwähne in knappen Sätzen meine Arbeit, dass ich gekündigt habe und heute noch nicht verstehe, wie einfach mir das gefallen ist. Verheiratet? Nein. Womit sich die Frage nach Kindern heutzutage zwar nicht erübrigt aber trotzdem ungefragt bleibt.

Und Sie? Was machen Sie außerhalb Ihrer Freizeit?“

Gedanken sind schneller, viel schneller als Sätze, als Fragen und Antworten. Meine Fantasie spielt wieder und fragt sich, welchem Beruf jemand wie diese Frau nachgehen könnte. Sie sieht nicht aus wie eine Bankerin. Oder das weibliche Pendant von ausschließlich in schwarz oder grau gekleideten METRO-Mitarbeitern. Eher wie eine Kindergärtnerin. Journalistin. Irgendetwas in der Modebranche.

Und dann nimmt das Gespräch eine so unerwartete, eine so unglaubliche Wendung, dass ich für einige Sekunden lang der absolut festen Überzeugung bin, zu träumen. Chalky kann ein Großmeister des perfiden Witzes sein. Sie erinnern sich an die Kniebeugen. Und diese Idee war vergleichsweise harmlos. Gäbe es einen Gott und hieße dieser Gott Chalky, dann wäre es absolut möglich, dass genau er diese Situation von langer Hand und mit hinterhältiger Perfektion geplant hat.

Ich bin Restauratorin“, höre ich sie antworten und dann tippt ihr Finger dreimal auf ihre Brust ohne dass ihre Augen das verfolgen.

Caspar David Friedrich. CDF. Ich restauriere in einem Team von Kolleginnen seit letztem Jahr zwei Bilder von ihm. Den Mönch am Meer und die Abtei. Die beiden Gemälde bilden ein Bilderpaar.“

In meinem Innenleben beginnt es zu rauschen und ich fühle, dass es nur eines Wimpernschlages bedarf, damit aus diesem Rauschen ein Sturm mit mindestens Windstärke acht wird. Braune Erinnerungsblätter wirbeln durch meinen Verstand und vermischen sich mit aufblitzenden Bildern der letzten Wochen und Monate. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen so entgeistert angeschaut.

Sichtlich verunsichert blickt sie mich an und meint:

Jemand, der alte und beschädigte Kulturgüter wieder fit macht, ähm … Ist Ihnen nicht gut?“

Oh, doch … doch … Entschuldigung … es ist nur … das klingt äußerst interessant. Bitte erzählen Sie weiter … ich hatte bisher noch nicht das Vergnügen …“

Sie schmunzelt und zieht die Stirn ein wenig in Falten aber dann spricht sie weiter.

Wir sind, wie gesagt, ein Team aus fünfundzwanzig Kolleginnen und restaurieren die Bilder im Auftrag der Alten Nationalgalerie. Kennen Sie die Bilder? Kennen Sie den Mönch?“

Ob ich den Mönch kenne?! Du meine Güte! Ich nicke nur und sie fährt fort.

Eine Menge Firnisschichten haben die Bilder über die lange Zeit extrem verdunkelt. Sie wirkten grau, flach. Ihnen fehlte das magische Strahlen des ursprünglichen Zustands. Die Bilder wurden 1810 auf einer Berliner Ausstellung von Friedrich Wilhelm III erworben und waren – das ist das Bemerkenswerte – 1906, als man Friedrich auf der Jahrhundertausstellung in Berlin quasi wiederentdeckte, bereits komplett von nachgedunkelter Firnis überzogen. Und teilweise beschädigt.“

Ich lausche den Äußerungen dieser Frau und kann es immer noch nicht glauben.

Und wer finanziert so etwas?“, frage ich, um mein Interesse zu untermauern und nicht Gefahr zu laufen, dass sie plötzlich aufhört zu sprechen.

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung.“

Sie lächelt mich an und ich erahne, wie sehr ihr ihre Arbeit gefällt.

Sonst wäre so etwas kaum möglich. Die Arbeit ist einfach großartig“, sagt sie, als habe sie meine Gedanken erraten, „es sind nicht nur sechzehn Möwen auf dem Bild abgebildet. Es sind definitiv mehr. Wieviele können wir noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Wenn wir fertig sind, sind wir und die zukünftigen Besucher die ersten seit Generationen, die die beiden Bilder im Originalzustand bewundern können. Und ich bin sicher, in dem, was man dann erblickt, klingen keinesfalls nur Einsamkeit, Düsternis, Melancholie oder gar Todeserwartung an. Schicht für Schicht, Schritt für Schritt wird es heller. Es klart auf. Zusehends.“

Sie lacht und ich frage sie:

Und wie lange bereitet man sich auf einen solchen Job vor?“

Eine ganze Weile. Deswegen war ich beispielsweise vorgestern auf einer Tagung, auf der es um Materialkunde ging. Die Leinwände der beiden Bilder stammen von ein und demselben Stoffballen…“

Als das Pling über uns ertönt und eine Stimme darüber informiert, dass man demnächst mit dem Landeanflug beginne, ist es so, als zerschneide man ein dünnes Seil, eine zarte Verbindung von Seele und Verstand. Ein nicht in Worte zu fassendes Gefühl in mir möchte, dass wir jetzt einfach weiterfliegen. Ich sehe diesen Fremden vor mir, wie er in jener verregneten Nacht vor der Projektion sitzt. Und ich lausche den Ausführungen dieser Frau, die mir hoch in einem blauen Himmel davon erzählt, wie sie diesem Bild den Schleier der Trostlosigkeit nimmt.

Sie schaffen das“, redet sie mir gut zu, als wir langsam dem festen Boden entgegen sinken.

Und falls im ganz und gar unwahrscheinlichen Falle ein Kratzer übrig bleiben sollte – wenden Sie sich an mich. Wir kriegen das wieder hin.“

Und jetzt lacht sie und schaut aus dem Fenster und ich stelle zum ersten Mal fest, wie wunderbar dieses Lachen ist.

Als sie mir in der Ankunftshalle die Hand zum Abschied reichen will, nehme ich sie nicht sofort an. Ich will nicht, dass sie geht. Es gibt etwas, das sie unbedingt wissen muss.

Darf ich sie etwas fragen?“ Mein Herzschlag beginnt zu stolpern und sie nickt.

Sie müssen mir versprechen, dass Sie das jetzt unter keinen Umständen falsch verstehen. Es ist nicht das, wonach es vielleicht aussieht. Es ist nicht das, was Sie meinen.“

Sie schenkt mir einen fragenden Blick.

Ich muss, nein, ich möchte Ihnen etwas erzählen. Das geht aber nicht hier. Nicht zwischen Tür und Angel. Es hat mit dem Bild zu tun, an dem Sie arbeiten. Darf ich Sie fragen, ob Sie etwas dagegen haben, wenn wir uns in den nächsten Tagen wiedersehen? Ich weiß, wie das klingt. Bitte, es ist nicht so, dass ich Sie nicht … Ich finde Sie äußerst nett. Und attraktiv. Ich möchte nur nicht …“

Ich bin auf dem besten Weg, mich hoffnungslos zu verhaspeln.

Darf ich Sie übermorgen zum Essen einladen. Sie bestimmen den Ort. Ich übernehme die Rechnung.“

Ich sehe wie sie mich einen Augenblick taxiert und dann lächelnd und kaum sichtbar den Kopf schüttelt.

Das ist jetzt einmal ein wenig anders …“

Und als ich stöhnend an die Decke schaue, schiebt sie schnell entschuldigend hinterher:

Nein, das war jetzt etwas gemein. Hier, ich gebe Ihnen meine Karte und Sie rufen mich an. Übermorgen sollte klappen. Und dann sehen wir weiter.“

Der Stein, der mir vom Herzen fällt, dürfte den Bodenbelag unter unseren Füßen erheblich in Mitleidenschaft gezogen haben.

Danke“, atme ich hörbar aus, „vielen Dank. Es bedeutet mir wirklich sehr viel und ich werde Ihnen alles erklären. Danke.“

Jetzt nehme ich ihre Hand und schaue ihr dann nach, wie sie durch die Schiebetür verschwindet. Langsam schiebe ich die Visitenkarte in meine Jackentasche.

Lena Mattner – Restauratorin.

2015

Anja hat mich überrascht. Mehr als das. Eine solche Reaktion hätte ich von ihr nicht erwartet. Ich frage mich ernsthaft, ob meine Wahrnehmung in unserer letzten gemeinsamen Zeit so katastrophal eingeschränkt war, dass ich derlei Wesenszüge an ihr nicht erkannt, nicht mehr erkannt habe, oder ob ihre aktuelle Lebenssituation ihr eine Gelassenheit und Milde geschenkt hat, die vorher nicht vorhanden war.

Das Thema Wohnungsabwicklung hängt jetzt seit über einem Jahr in der Luft und ich gebe zu, dass mir das zunehmend peinlicher wird. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und auch darüber gesprochen. Seit sie weiß, dass ich nicht mehr bei W&P arbeite, weiß sie natürlich auch, dass meine finanziellen Möglichkeiten eingeschränkter sind als vorher. Sie hat vorgeschlagen, dass ich ihr ihren Anteil nach und nach in Raten überweise, was für mich einer Art Miete gleichkäme. Ich solle es mir überlegen. Sie sei nicht so eine, meinte sie, und wahrscheinlich hat sie damit sogar Recht. Erwartet habe ich allerdings etwas anderes.

Aber seit Juni letzten Jahres sind unsichtbare und wahrlich unerklärliche Mächte in Gestalt einer mein Leben sanierenden Berliner Restauratorin am Werk und ich habe mehr und mehr das Verlangen, einen korrekten und endgültigen Schnitt zu machen. Lena ist ganz und gar unbeschreiblich. Im ureigenen Sinne dieses Wortes. Manchmal impulsiv und fordernd und dann über weite Phasen eher still und beobachtend. Ich könnte schwören, dass die Wörter zickig, launig und Lena nicht in einen, einen Sinn ergebenden, Zusammenhang zu bringen sind. Ein wenig neugierig ist sie manchmal, aber meistens stellen sich diese nachhakenden Fragen als ein einem irgendwann nachvollziehbaren Ziel geschuldetes Interesse heraus. Wenn wir uns besuchen, mäandern unsere Gespräche nicht selten durch unsere Vergangenheit. Sie wollte ein paar Mal wissen, wie ich auf meine Textideen gekommen bin, ob ich mit Lyrik etwas anfangen kann und, und, und. Hölzchen, Stöckchen, Stock, Ast, Stamm. Ich habe ihr von meiner Notizbuchsammlung erzählt. Wir sprechen über Chalky, Carsten, die anderen, meinen Job, zweimal haben wir sogar über jene seltsame Nacht und den Fremden geredet und zwischendurch erfahre ich von Caspar David Friedrich und ihrem Leben in Berlin. Ihr Bruder, der Psychologe, ist ziemlich erfolgreich und ihre Eltern sind geschieden. Und dann schenkt sie mir zu meinem Geburtstag im Mai ein gerahmtes Gedicht von Ingeborg Bachmann: Reklame. Wenn Sie das Gedicht kennen, werden Sie verstehen, was ich mit neugierig meinte.

Wir haben über alles Mögliche gesprochen und wie jeder ahnen wird, haben wir nicht nur miteinander gesprochen …

Im Frühjahr haben Anja und ich uns also entschlossen, die Wohnung zu verkaufen. Ich kann mir eine monatliche Rate in angemessener Höhe nicht leisten und so kann ich sie ausbezahlen und mir selber bleibt noch genug, um das zu planen, was immer da kommen mag. Schritt für Schritt, hat Lena gemeint und ich habe geantwortet: Schicht für Schicht. Und dabei haben wir uns angegrinst.

Caspar David Friedrich war das sechste von zehn Kindern. Als er sieben war, starb seine Mutter, ein Jahr später eine seiner Schwestern. Sechs Jahre später sein Bruder, der ihn vorher vorm Ertrinken gerettet hat, welch’ ein Gedanke, und als er siebzehn ist, stirbt eine weitere Schwester. Schwer zu ertragen, denke ich …“

Lena reicht mir ein weiteres Buch. Die Sonne scheint durch die offenen Fenster in eine nahezu leere Wohnung. Die Möbel und Dinge, an denen Anja interessiert war, die wenigen persönlichen Sachen, die in den Zimmern übrig geblieben waren und mich an sie erinnerten, hat sie vor einiger Zeit abgeholt und ich habe ihr völlig freie Hand gelassen. Über so etwas werde ich mich mit ihr nicht streiten. Ein Teil dessen, was übrig blieb, ging auf den Sperrmüll. Und freundlicherweise hat der neue Eigentümer zugesagt, die Matratzen und demnächst leeren Bücherregale auf seine Kosten zu entsorgen.

Morgen werden Lena und ich nach Berlin fahren und ich werde eine Weile bei ihr einziehen. Ich habe darauf bestanden, mir umgehend eine eigene Wohnung zu suchen, aber sie hat nur vieldeutig lächelnd geschwiegen und genickt.

Als Deine Mutter starb, hast Du dir da manchmal gewünscht, Geschwister zu haben?“

Sie wischt sich die staubige Hand an der Hose ab und wirft mir einen Blick zu.

Ich weiß es nicht. Vielleicht. Wenn das Verhältnis innig ist, ist Vieles sicherlich einfacher. Aber können wir über etwas anderes reden?“

Wir sortieren Bücher aus den Regalen und ein paar Kartons mit Unterlagen aus, denn alles wird morgen nicht ins Auto passen. Sie reicht mir Franzens Die Korrekturen und ich lege das Buch zu den anderen in die Kiste und nicht auf den Stapel daneben. Die Aussortierten holt eine ältere Dame der Diakonie in den nächsten Tagen ab. Als der Fluss des Anreichens ins Stocken kommt, blicke ich zu ihr auf und sehe, wie sie mir etwas mit fragendem Blick hinhält.

Das auch?“

Es ist Nietzsches Also sprach Zarathustra und für wenige Sekunden steht er wieder vor mir, jener Unerklärbare und suchend Verstörende.

Gib her. Als Erinnerung.“

Hattest Du nicht erzählt, dass das Buch das Leseexemplar des Mannes gewesen sei? Mit handschriftlichen Anmerkungen von ihm? Da sind aber keine Anmerkungen. Keine einzige.“

Sie gibt mir das Buch und ich schlage wahllos ein paar Seiten auf. Nichts. Keinerlei Vermerke. Ich zucke etwas ratlos mit den Schultern und wir schauen uns einen Moment schweigend an.

Ich habe danach nicht mehr hineingeschaut. Vielleicht habe ich mich ja geirrt. Ein wenig seltsam, aber …“

Nachdenklich betrachtet sie den Einband in meiner Hand.

Ich erinnere mich, dass Du mir gesagt hast, Du hättest Dir in der Nacht ab und zu Notizen gemacht.“ Ihr Blick bekommt etwas Detektivisches.

Gut möglich. Wahrscheinlich ja.“

Erneutes Schulterzucken und ein Hinweis mit der Hand in Richtung der Wand, wo ein halbes Dutzend kleinerer Kartons stehen.

Die Moleskines sind irgendwo da drüben dabei. Dazu und dem ganzen anderen Kram kommen wir gleich. Nur, ich fürchte, dass uns das in diesem Fall nicht sonderlich weiterhilft. Das Notizbuch, um das es geht, habe ich eine Woche bevor wir uns im Flieger kennengelernt haben um ein Haar verloren. Bei einer Fahrradtour um den Tollensesee. Ich stand auf einem der Stege und wollte mir etwas notieren, als es mir aus Versehen ins Wasser fiel.“

Um Verständnis bittend hebe ich die Hände.

Bis ich die Klamotten aushatte, bis ich das Teil im Schilf wiedergefunden hatte, das hat gedauert. Am Ende war es nahezu völlig durchweicht und verdreckt und ich habe mir ein neues gekauft. Auch dahinein“, ich deute mit dem Finger auf die Kisten, „habe ich seitdem nicht mehr geschaut. Die Seiten sind total verklebt.“

Sie setzt sich rittlings auf einen der Stühle und verschränkt die Arme auf der Lehne.

Darf ich das Notizbuch gleich haben?“, und jetzt muss ich laut lachen.

Frau Restauratorin! Der Job geht erst am Montag weiter. Aber meinetwegen. Lena, Du bist wirklich umwerfend.“

Sie antwortet mit einem absolut undurchsichtigen Lächeln.

Und ich habe eine Idee! Zugegeben, eine verrückte Idee. Aber vielleicht passend für einen solchen letzten Tag und Abend. Versprichst Du mir, dass Du nicht nein sagst?“

Ich falte die Hände, lege sie vor meinen Mund und versuche dieses unergründbare Lächeln zu ergründen.

Einverstanden“, antworte ich leise, „aber Du lädst mich heute zum Abendessen ein.“

Bingo“, frohlockt sie und macht eine Faust, „das war ein Teil meiner Idee!“

Als wir später in die Stadt fahren, sitze ich auf dem Beifahrersitz und kann nur unentwegt den Kopf schütteln.

Du bist verrückt, Lena Mattner! Absolut verrückt. Und Du weißt, dass Du verrückt bist.“

Manchmal“, gibt sie süffisant zur Antwort, „aber nicht allzu oft. Das kann ich mir in meinem Beruf nicht leisten.“

Vollbesetzte Cafés, Kinderwagen schiebende Mütter und Väter, Fahrradfahrer. Ein üblicher Frühsommernachmittag zieht an meinem Seitenfenster vorbei.

Und was erwartest Du, was wir finden?“, frage ich.

Antworten. Antworten auf dumme Fragen. Und am Ende ein wunderbares Abendessen mit Dir. Ach komm! Es ist ein Spiel. Und vielleicht bläst es alten, verklebten Staub von da fort, wo er nicht hingehört. Wo fangen wir an?“

Du bist der Staubwedel. Ich dackele nur hinterher. Atemlos und hustend.“

Sie parkt den Wagen am Rathausplatz und wir steigen aus. Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Sie hat meine Hand genommen und zweimal fest gedrückt. Das Elektrowarengeschäft, das in der Nacht damals aussah wie ein bepackter Möbelwagen, plakatiert mit Sonderangeboten und dem Hinweis, dass es in einem Monat schließt. Als wir in die Claudiusstraße einbiegen, zeige ich quer über die andere Straßenseite auf Özmerts Dönerbude. Vor der Tür halte ich sie am Arm zurück und weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, was ich fühle.

Lena, muss das denn wirklich sein. Ok. Vielleicht hat das alles so gar nicht stattgefunden. Ich melde mich morgen bei einem Seelenklempner an und …“, ich zeige in das Innere von Özmerts Bude, … als ob so jemand sich nach all der Zeit noch an den Abend erinnern würde!“

Sie nimmt meinen Kopf in ihre Hände und gibt mir einen Kuss.

Du Hasenfuß! Gut, wie Du willst. Die Rolle des Bestimmers liegt mir nicht. Wir kehren also um. Aber dann bezahlst Du das Abendessen. Und glaube mir, ich habe einen Bärenhunger. Und eine unbändige Lust auf teuren, sündhaft teuren Wein!“

Du bist keine Restauratorin, Du bist eine Hexe“, seufze ich. Sie grinst mich an und ich öffne die Tür und schiebe sie an die Theke.

Was darf sein“, fragt Özmert und ich weiß, dass es an mir ist, die besagte Frage zu stellen. Ich würde jetzt gerne an einem anderen Ort bei einem Glas Wein ein lockeres Gespräch mit ihr über Özmerts sprachlich nicht ganz korrekt gestellte Frage führen, ich würde jede ihrer Fragen, was sein darf, so gut ich kann beantworten, wenn mir nur das erspart bliebe, was ich befürchte gleich zu hören, aber …

Ich habe nur eine Frage. Die Frage mag Ihnen etwas ungewöhnlich erscheinen, aber ich suche nach einem älteren Herrn. Vielleicht erinnern Sie sich an mich. Ich war vor drei Jahren, an einem Freitag im April hier und habe dort hinter dem Mauervorsprung gesessen. Es hat an dem Abend wie aus Kübeln gegossen. Es war nach Mitternacht und ich war damals der einzige Gast. Ein älterer Herr und eine Dame in einem blauen Kostüm kamen herein und führten ein etwas seltsames Gespräch über – na ja, Tugend. Schönheit. Ich habe Sie gefragt, ob Sie den Mann kennen, ob er öfter kommt, aber …“

Özmert sieht mich an, als wäre ich ein unangemeldeter Kontrolleur des Gesundheitsamtes.

Viele Kunden. Und drei Jahre sind lange Zeit. Ich nicht …“ Er hebt entschuldigend die Hände.

Danke. Das macht nichts“, unterbreche ich ihn, „auf Wiedersehen.“

Wir machen einem Mädchen Platz, das hereinkommt und sich an uns vorbeizwängen will und dann treten wir auf die Straße hinaus.

Das ist ein Punkt für jeden. Oder keiner für uns beide“, sage ich flapsig und sie antwortet,

Wie ich sagte. Nur ein Spiel. Und jedes beginnt mit einem ersten Zug. Hätte ja sein können.“

Sie hakt sich bei mir unter und wir schlendern an die Uferpromenade. Als wir an der Bank vorbeikommen zeige ich mit einer gewollt theatralischen Geste mit dem einen Arm auf die Bank und mit dem anderen weit über den Fluss zum Ende der Brücke.

Hier habe ich gesessen und da drüben war der Unfall.“

Alles klar“, und ohne hinzusehen, weiß ich, dass sie sich in diesem Augenblick amüsiert.

Nur schaukelnde Kinder. Ein paar Muttis und Vatis. Keine Obdachlosen und keine Polizisten. Und das mit den Punkten vergessen wir ganz schnell. Ich will nicht gegen Dich gewinnen.“

Ein Skater kommt uns entgegen und ich stelle fest, dass mir der Blick über den Fluss um diese Uhrzeit und bei diesem Klima weit besser gefällt.

Und? Abschiedsschmerz. Bereust Du es schon, mit nach Berlin zu kommen?“

Wer den Tonfall seiner Sätze beherrscht, besitzt eine große Gabe. In ihrer Stimme liegt nichts Neckendes oder Scherzendes mehr. Sie will mich aufmuntern und verhindern, dass ich meine eigenen Witze nur als Schutzschild einer möglicherweise heranrollenden Schwermut gebrauche. Ich lege den Arm um ihre Schulter.

Nein! Oh nein. Glaube mir. Ganz bestimmt nicht. Ich will da sein, wo Du bist. Solange es geht.“

Wir bleiben einen Moment lang stehen und umarmen uns.

Als wir bei Kunstmann ankommen und die Buchhandlung betreten, kann ich nicht verhindern, dass mein Blick sofort das Ladeninnere nach jener älteren Begleiterin von damals absucht. Aber sie ist nicht da und auch niemand, der ihr ähnlich sieht. Hinter der Kasse erkenne ich die Dame wieder, die mich in der Nacht begrüßte und mir Getränke anbot. Wir schlendern hinüber und dieses Mal nimmt mir Lena die Frage ab. Ich weiß, dass sie unbedingt verhindern will, dass mich das Gefühl beschleicht, auf einer Art Gang nach Canossa zu sein.

Guten Tag. Ich habe eine Frage. Sie veranstalten gelegentlich Nachtlesungen. Stimmt das?“

Oh ja“, antwortet Frau Dreher-Kunstmann und ich überfliege das Namensschild an ihrem Revers.

In der Regel im späten Frühjahr und im Herbst. Haben Sie Interesse an einer Lesung?“

Nein Danke. Ich habe nur eine Frage betreffs einer Lesung von vor drei Jahren. Mir ist klar, dass das eine Weile her ist. Es war der …“

Sie wirft mir einen hilfesuchenden Blick zu und ich springe ihr bei.

Der 13. April 2012. Ein Freitag. Es hat an diesem Abend immer wieder fürchterlich geregnet und gestürmt.“

Frau Kunstmann sieht mich einen Moment lang an und dann meint sie freundlich:

Ja, ich erinnere mich. Es war unsere erste Veranstaltung dieser Art. Seitdem machen wir so etwas zweimal im Jahr und sind sehr zufrieden. Die Kunden reagieren durchweg positiv.“

In diesem Augenblick habe ich das Gefühl als öffnete sich eine zarte Blüte der Hoffnung irgendwo in meinem Körper.

An dem Abend oder Morgen, las ein älterer Herr aus Nietzsches Zarathustra. Wissen Sie zufälligerweise noch wer das war? Gibt es vielleicht noch eine Anmeldeliste oder ähnliches?“

Nein, das tut mir Leid“, antwortet Frau Kunstmann und ihr Blick wirkt zunehmend irritiert.

Und außerdem … Ich müsste mich sehr täuschen, aber ich bin mir fast sicher, dass an diesem Leseabend nur Frauen gelesen haben. Für diese Veranstaltung hatte sich kein Mann angemeldet. Leider.“

Ein Stiefel. Riesengroß und zenterschwer. Und eine winzige Blüte, die zermalmt wird.

Als wir wieder auf der Rosenstraße stehen, beginnt die Sonne hinter den Geschäftshäusern gegenüber unterzugehen.

Und?“, frage ich, „kommst Du mich im Irrenhaus besuchen? Ist Dein Bruder teuer? Mein Name ist Schizophrenie und es war wunderbar, Sie eine Weile kennen zu dürfen …“

Sie schlingt die Arme um mich und gibt mir einen Kuss.

Ja, ja, Du Spinner!“, und sie ist sich ihres Witzes durchaus bewusst.

Als hätte nicht jeder Mensch irgendwann einmal Aussetzer. Wenn die Fantasie auf den Jahrmarkt geht, leistet sie sich nicht nur Pommes mit Majo. Und übrigens Pommes mit Majo – ich habe Hunger. Komm!“

Und sie nimmt meine Hand und zieht mich fort.

Als wir das Da Jacopo erreichen, bleibe ich vor dem Eingang stehen und sehe sie bittend an.

Wenn der Kellner derselbe ist wie an jenem Abend, stellen wir dennoch keine Fragen, ok?“

Sie nickt nur und wir betreten das Lokal und setzen uns an den letzten freien Tisch am Fenster. Der Kellner ist eine Kellnerin. Sie begrüßt uns freundlich und als sie die Speisekarten auf den Tisch legt, fragt sie:

Darf es schon etwas zu trinken sein?“

Ich sehe, wie Lena den Mund zu einer Antwort öffnet, aber ich bin schneller.

Ja. Ich hätte gerne die Weinkarte. Mir ist nach einem guten Wein. Einem sündhaft guten Wein.“

Als die Kellnerin gegangen ist, beuge ich mich vor und flüstere ihr zu:

Du bestimmst die Flasche. Ich übernehme die Bezahlung. Weißt Du noch?“

Wieder nickt sie nur und schenkt mir eines dieser Lächeln, an das ich mich seit unserem Flug nach Berlin so sehr gewöhnt habe.

Als ich vor über zehn Jahren mein Examen gemacht habe, war die Scheidung meiner Eltern seit zwei, drei Monaten offiziell.“

Wir sitzen uns gegenüber und sie hat ihre Hände über meine gelegt.

Nicht, dass ich übermäßig oft zu Hause gewesen wäre, aber wenn ich es war, war es einfach nur entsetzlich. Es war, als hätte man jemanden gezwungen, sich stundenlang eine Dauerwerbesendung anzusehen. Nur dass es nicht um Gemüseschneider und Lockenwickler ging, sondern um Moral, Ehrlichkeit und Loyalität. Um Ansprüche, Vorwürfe und Anklagen. Ich habe Dir erzählt, dass mein Vater Arzt und meine Mutter wissenschaftliche Bibliothekarin sind. Mein Großvater hatte einen Lehrstuhl für Philologie an der Freien Uni Berlin und meine verstorbene Großmutter war Hausfrau. Aber was für eine. Du siehst, meine Familie zählt zum erlauchten Kreis jener bürgerlich verbildeten Wesen, die ihre Werte, ihre Traditionen und Vorstellungen recht hoch halten. Kannst Du dir vorstellen, was passiert, wenn man nach und nach erfahren muss, dass man diesen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird? Dass sie einem über den Kopf wachsen? Dass man sie so hoch gehängt hat, dass man bequem immer wieder darunter durchlaufen konnte? Bis sie dann krachend über einem zusammenbrechen. Ich habe das nie gewollt. Und ich will es auch heute noch nicht. Ich glaube, mein Großvater hat mehr unter der Scheidung seiner Tochter gelitten als er gezeigt hat. Manchmal denke ich, es war nicht die Trennung als solche, sondern die Art und Weise, wie sie vollzogen wurde.

Zu meinem Examen hat er mir fünf Hunderteuroscheine und ein von ihm handgeschriebenes Gedicht geschenkt …“

… das Verschenken von Gedichten hat in eurer Familie offensichtlich Tradition …“

Vielleicht. Ein wenig. Jeder hat irgendeine Macke. Das verschleierte Bild zu Saïs. Ein junger Mann kommt auf der Suche nach der Wahrheit nach Saïs in Ägypten. Dort trifft er auf eine steinerne, verhüllte Skulptur und einen Priester, der ihm sagt, dass sich unter diesem Schleier die Wahrheit verberge, die Gottheit aber verbiete, diesen Schleier zu lüften. Natürlich tut es der junge Mann trotzdem. Bei Nacht. Und als man ihn am Morgen findet, ist er bleich, spricht nicht mehr, wird seines Lebens nicht mehr froh und findet ein frühes Grab …“

… ist die Wahrheit so grauenvoll?“

Ich glaube, darum geht es gar nicht. Wenn man die Wahrheit erkennen will, muss man einen langen Weg des Lernens gehen. Und eine solche Suche erlaubt keine Abkürzungen oder vermessenen Finten. Man braucht Geduld. Bei einem Bild dauert es lange, bis man sich dem Original nähert. Und ob man ihm gerecht geworden ist und alles richtig gemacht hat, weiß man auch nicht mit Gewissheit. Den Schluss des Gedichtes kann ich noch auswendig:

Weh dem’, dies war sein warnungsvolles Wort,

Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,

Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.’

Und am unteren Ende des Bogens ergänzte mein Großvater noch Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird. Kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben. Das ist wie das Gedicht auch von Schiller und Großvater erzählte mir, dass auf Beethovens Schreibtisch eine hinter Glas gerahmte Abschrift dieser Sätze gestanden hätte.“

Die beiden Namen an diesem Ort bewirken, dass ich mich für einen kurzen Augenblick aus Schreck so versteife, als habe jemand in nicht allzu weiter Ferne einen Pistolenschuss abgegeben. Als sie mich erstaunt anschaut, winke ich ab und schicke ihr einen Kuss durch die Luft.

Angeblich befand sich dieser Ausspruch als Inschrift über dem Eingang des Isistempels in Saïs. Im Jahr nach meinem Examen hatte ich einmal kurz überlegt Urlaub in Ägypten zu machen und nach Sa Al Hagar zu fahren. Aber ich habe es dann doch nicht gemacht.“

Die Kellnerin bringt unser Essen und ich fülle unsere Gläser.

Auf Berlin! Schritt für Schritt.“

Schicht für Schicht.“

2016

Sie ist im Museum. Seit zwei Wochen hängen dort der Mönch am See und die Abtei im Eichwald und versetzen einen Strom von Besuchern in Verzückung und Erstaunen. Wir waren am Tag der Ausstellungseröffnung gemeinsam dort und es war herzzerreißend mit anzusehen, wie sie sich über den Zuspruch und die Begeisterung gefreut hat.

Ich gehe in ihre Küche und stelle die Espressomaschine an. Außen vor dem Fenster sitzt ein Spatz auf dem Sims und plustert sich auf.

Es war ihre Idee. Sie hat es vorgeschlagen und zu Anfang fand ich es schlicht abwegig und undenkbar. Sie hat mein Notizbuch wiederhergestellt und wie zu erwarten war, ist dort an keiner Stelle von einem Fremden die Rede. Ein obdachloser Junge. Ein Polizist. Ein Unfall. Kunstmann und ein paar Eindrücke und Bemerkungen über Beethovens Neunte.

Ich habe ihn noch ein einziges Mal wiedergesehen. Nein, nicht so wie Sie vielleicht denken. Ganz anders. Es war in einem Traum. Einem der wenigen, die ich habe und deren Sinn sich mir seit jeher verschließt. Und auch über diesen Traum legt sich immer mehr die Firniss des Vergessens. Ich sehe Lena und den Mönch, wie sie in der Alten Nationalgalerie vor dem Bild stehen. Der Mönch trägt sein Gesicht. Sie sind in ein angeregtes Gespräch vertieft. Und sie scheinen sich einig zu sein über das, worüber sie sprechen. Sie lachen leise und nicken sich zu. Und dann geht der Mönch in das Gemälde zurück, verschwindet hinter einer kleinen Anhöhe rechts von der Mitte. Als gäbe es dort einen dem Blick des Betrachters verborgenen Abstieg zu einem unsichtbaren Strand. Und bevor er nicht mehr zu sehen ist, dreht er sich noch einmal um und winkt zurück. Und Lena hebt die Hand und erwidert seinen Gruß.

Ich solle alles niederschreiben, hat sie vorgeschlagen. Meine Erinnerungen, so wie ich sie heute habe. Nach allem, was danach geschehen ist. Nur für mich. Und für Sie. Sie würde die Seiten binden lassen und ich müsste ihr eine Widmung hineinschreiben. Lena Mattner, was bist du nur für eine Frau! Ich nehme meine Tasse und gehe ins Wohnzimmer zurück. Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Ich habe mich an dem erfreut, was andere mir erzählt haben. Chalky. Sie. Die Stadt. Und dann klappe ich mein Laptop auf und beginne zu tippen …

Ich sah ihn das erste Mal Mitte April vor vier Jahren. 2012. Es war an einem Freitag, dem 13. und meine Erinnerung an diesen Abend ist noch so lebendig, als sei es erst gestern gewesen. Es schüttete in Strömen. Abertausende, wild um sich schlagende, von den Lichtern der Straßenbeleuchtung zerteilte Wasserfäden, von Windböen gejagte Schwaden, die aus einem schwarzen Himmel fielen …

Fine

 

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