Internetbuch Durchschnittliches Leiden

 

Willkommen bei unserer neuesten Idee, einem kostenlosen Buch, dessen Teile ihr zu einem Ganzen zusammenfügen könnt.

Wahrscheinlich bist du ganz zufällig hier gelandet, oder doch nicht? Oder du bist an der falschen Stelle oder was auch immer.

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TEIL I

ANKUNFT

´Haltet endlich eure Klappen, ihr blöden Weiber!´, denkt er.

Er sitzt im Zug von Zürich nach Paris. Ein Fensterplatz in Fahrtrichtung, beim Rückwärtsfahren wird es ihm immer übel. Die Zugsessel sind viel weicher als in der Schweiz. Und mit verblassten, cremefarbenen, grauen und grünen Streifen durchzogen. Diese Farben setzen sich im ganzen Zugsabteil fort. Im gleichen Abteil ihm gegenüber sitzen zwei ältere Damen. Der Zug ist zu 90 Prozent belegt, viele Alleinreisende, vermutlich viele Geschäftsleute und Touristen, das übliche Pack. Der Sitz neben ihm ist frei. Es ist ihm gelungen, jegliche Fahrgäste fernzuhalten. Stattdessen hat er seine Jacke und Umhängetasche da platziert.

Er ist Ende zwanzig, sieht aber jünger aus. Er hat braune Augen und Haare und ist 1.74 m groß. Ohne seine Brille würde er kaum seine ausgestreckte Hand erkennen. Recht konservative Erscheinung, er sieht aus wie ein Student. Das Haar ist kurz, peinlich genau platziert und mit Haarspray fixiert, mit einem leicht angedeuteten Mittelscheitel. Seine Nase ist etwas groß geraten, aber nicht weiter störend – einer seiner Partygags war, die Nasenflügel hochzuziehen und in jedem Nasenloch ein Einfrankenstück zu platzieren. Seine Zähne sind recht gepflegt. Links und rechts von seinen zwei mittleren Schneidezähnen hat er kleine Zahnlücken. Seine Haut ist für diese Jahreszeit etwas zu braun. Er hat nur wenig Bartwuchs, natürlich frisch rasiert. Die Fingernägel sind gepflegt, mit einer Nagelfeile geschliffen. Die Schuhe sind von Levis, mit weißen und schwarzen Streifen auf den Seiten. Die Socken sind schwarz, wie es sich gehört. Die Hose ist Marke We und beige. Er trägt einen schwarzen Gurt und ein blaues Hemd mit feinen weißen Streifen durchzogen. Am linken Handgelenk trägt er eine Swatch, sie sieht für 150 Franken recht edel aus. Vom rechten Handgelenk baumelt ein Armband mit irgendwelchen weißen und braunen Holzröllchen und vom Hals eine Aluminiumkette. Sein Schwanz ist 17 cm lang, leicht rechts abstehend, momentan natürlich schlaff. Dazu tragen vor allem die zwei Weiber vis-à-vis bei.

Und dann habe ich Socken für ihn gestrickt“, sagt die Eine.

Ach nein“, erwidert die Andere, ihm direkt gegenüber sitzend, mit langen schwarzen Haaren und Hornbrille. Vermutlich um die Fünfzig. Ihre gewaltigen Hängetitten sind auf ihrem fetten Ranzen aufgestützt.

Ja wirklich, zu Weihnachten. Er wächst ja so schnell“, wieder die Erste, links sitzend, mit roten Haaren zu einer Dauerwelle manipuliert. Sie ist vermutlich jenseits von fünfzig, mit einem besonders hässlichen Muttermal am Kinn.

Ach nein, die Zeit geht ja so schnell vorbei“, bemerken die Hängetitten.

Ach ja, ja!“, grunzt das Muttermal.

´Scheiß Weiber. Dann mache ich besser wieder den Discman an. Tja, was könnte ich mir reinziehen?´, denkt er.

Er macht sein schwarzes CD-Etui auf und durchkämmt seine CDs.

´Ein Trancemix Goliath Platinum mixed by DJ Dream, etwas Elektro, The Understanding von Röyksopp, nochmals Trance, Addicted to music von ATB, ein Housemix von Firstclass best of 2004/05, Duke von Genesis, Malers fünfte Symphonie. Nein, die kann ich jetzt nicht hören, macht mich zu nachdenklich. Erinnert mich an den Film Tod in Venedig von Luchino Visconti. Herrlich, wie der Komponist Gustav von Aschenbach in Venedig kuren sollte, dann aber langsam an seiner Sehnsucht nach vollkommener Schönheit zugrunde geht und schließlich den Löffel abgibt. Auf seinem Untergang begleitet von Mahlers Fünfter. Da kann man richtig genüsslich mitleiden. Nein, zum Kuren bin ich nicht in Paris. Für Ferien und nichts tun, das habe ich nie gelernt. Ich will an diesem Buch arbeiten. Gut, vielleicht lasse ich mir dann noch einen blasen. Die französische Wirtschaft muss ja auch angekurbelt werden und die Frauen kriegen ja sonst nichts Warmes in den Magen. So, was haben wir sonst noch? Ach ja, Relax von Blank & Jones… yes, die ist jetzt genau richtig´, denkt er.

Er steckt sie in den Discman und erhöht das Volumen, bis die Musik in seinen Ohren das Geschwätz der zwei Weiber überdeckt. Natürlich ist er wieder mal überarbeitet, er hat zulange die Französischwörtchen vom letzten Sprachaufenthalt gepaukt.

Die Strommasten flitzen am Fenster vorbei.

´Schöne braun-grüne Gegend hier, flach soweit das Auge reicht. Schön zum Durchfahren, aber todlangweilig zum Wohnen´, denkt er.

Auf dem Lande, wo ich aufgewachsen bin, war es nicht so schön flach. Ich stamme aus einem kleinen Kaff mit rund 200 Einwohnern, jeder kannte jeden, schrecklich. Wir wohnten zum Glück etwas außerhalb vom Hauptort. Als Kind musste ich zu Fuß rund einen Kilometer durch den Wald auf einen Hügel hochlaufen. Auf der nachfolgenden Lichtung wohnten meine Eltern und Geschwister auf einem kleinen Bauernhof. Er bildete zusammen mit vier weiteren Bauernhöfen einen Weiler. Nur zwei der anderen Höfe konnte man von unserem Haus aus sehen, die drei anderen lagen nochmals ein Stück tiefer im Wald.

Meine Eltern haben fünf Kinder produziert, wozu weiß man nicht genau. Wahrscheinlich, weil das damals so üblich war, Opfer der Gesellschaftsnormen. Liebe zu Kindern kann mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Ich bin das zweitjüngste Kind. Zwei Schwestern sind neun und acht Jahre älter und die dritte zwei Jahre jünger. Mein Bruder ist drei Jahre älter.

Mein Vater ist mittelgroß und recht konservativ. Falls wir nicht ruhig waren beim täglichen Tischgebet, gab’s eins mit dem Messer an die Birne. Er ist schon selber auf dem Bauernhof aufgewachsen. Seine Haare trägt er trotz Seitenstirnglatzen zurückgekämmt, bereits auf dem Hochzeitsfoto war das so. Durch die langen Arbeitsstunden auf dem Bauernhof ist er gut in Form geblieben.

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