Mosers Ende / Leseprobe und Exposé

Exposé

 

Genre: Kriminalroman

 

 

Textumfang: Rund 50‘000 Wörter

 

 

Erzählperspektive: Ein kleinerer Teil wird in der Ich-Perspektive, der grössere Teil in der dritten Person erzählt. Zu Beginn des Romans sind einige kurze Rückblenden eingefügt, ansonsten wird chronologisch erzählt.

 

 

Zusammenfassung

Valentin Wolf, Hobbyschriftsteller und zeitweiliger Ich-Erzähler, reist allein für einige Tage ins Berner Oberland, in das altehrwürdige, abgelegene Kurhotel Rosenlaui, um an seinem Buchprojekt zu arbeiten. Beim Abendessen, allein an seinem Tisch, fällt ihm eine grössere Gästegruppe auf. Wie ihm die Servierfrau mitteilt, handelt es sich um die Familie Moser aus Meiringen, die sich hier versammelt hat, um ein familiäres Problem zu lösen. Kurz vor Mitternacht schreckt Valentin Wolf durch den Schrei einer Frau aus dem Schlaf. Es erweist sich, dass Linda Moser ihren Ehemann Matthias erstochen im Hotelzimmer aufgefunden hat. Ausserdem wurde Schmuck und Bargeld gestohlen. Der herbeigerufene Polizist Peter Kehrli realisiert, dass der Fall eine Schuhnummer zu gross ist für die Dorfpolizei, und lässt die Kriminalpolizei aus Bern kommen. Anna Burger, frischgebackene Kriminalkommissarin, wird von ihrem Chef mit dem Fall betraut, will aber die Untersuchung gemeinsam mit Peter Kehrli führen.

Alle Angestellten und Hotelgäste werden befragt, und schon bald zeigt sich, dass zahlreiche Personen ein mögliches Motiv für die Tat hätten, und dass ausserdem niemand ein Alibi für die Tatzeit vorweisen kann. Zunächst stehen, wegen des Diebstahls, die Hotelangestellten im Fokus, doch dann tauchen immer mehr Ungereimtheiten aus dem Kreise der Familie Moser auf. Zunächst ist da eine Erbstreitigkeit unter den vier Geschwistern Moser. Ihr verstorbener Vater hatte eine sehr erfolgreiche Baufirma aufgebaut und diese noch vor seinem Tod dem Schwiegersohn, Bruno Brawand, überschrieben. Der Geschwisterstreit dreht sich jetzt um das Schicksal der Familienvilla. Samuel, Susanna und Barbara wollen diese verkaufen, um ihren Geldbedarf zu decken, während Matthias seine Zustimmung strikte verweigert und die Villa für sich und seine Anwaltskanzlei nutzen will.

Nach und nach findet die Polizei heraus, dass Matthias mit seinem Insiderwissen als Anwalt seine Verwandten regelrecht erpresst hat: Einerseits Samuel, den Politiker, und Bruno, den Schwager, weil die zwei einen illegalen Deal um Bauaufträge ausgehandelt haben, um die defizitäre Baufirma in Schwung zu bringen. Andererseits seinen Schwager, den Chirurgen Michael, weil Matthias um die Klage einer Patientin wegen einer misslungenen Operation wusste. Zusätzlich kommt heraus, dass Samuel mit umstrittenen Methoden eine Immobilie im Rotlichtmilieu betreibt. Zudem hat Matthias‘ Frau Linda seit längerem eine Affäre mit Michael und sähe ihren Mann auch am liebsten unter der Erde. Also jede Menge Motive, um einen ungeliebten Verwandten loszuwerden!

Die Charaktere in der Familie Moser sind sehr unterschiedlich angelegt. Samuel, der ewig zu kurz Gekommene, strampelt sich grollend und manchmal in der Grauzone durchs Leben. Susanna, die Feinfühlige, leidet stumm an ihren familiären Problemen. Michael und Linda, die Lebenslustigen, lassen sich ihre aussereheliche Liebe nicht verderben. Barbara, die Draufgängerin, und Bruno, der zaudernde Schwätzer, wollen um jeden Preis die Firma flott kriegen.

AnkerAuch auf der privaten Ebene zeigen sich verschiedene Entwicklungen. Anna Burger und Peter Kehrli kommen sich während der gemeinsamen polizeilichen Ermittlungen rasch näher. Beide sind jung, hübsch, aufgeschlossen und sehr verliebt, doch Anna hat Mühe, wirkliche Nähe zu zeigen. Was steckt dahinter? Gleichzeitig kommen sich Valentin Wolf und Susanna, Michaels betrogene Ehefrau, bei gemeinsamen Bergwanderungen näher. Doch wird diese kleine Romanze weitergehen? Susannas halbwüchsige Söhne, Luca und Remo, sind beide in ihre Cousine Elena, Lindas Tochter, verliebt. Während Luca mit ihr schäkert, verkriecht sich Remo in stummer Wut. Und zwischendurch lässt sich Valentin Wolf von der Hotelchefin die über zweihundertjährige (wahre) Geschichte des Kurhotels erzählen.

In den Verhören geben die Mitglieder der Familie Moser ihre Machenschaften und ihre Wut auf Matthias ohne weiteres zu, aber niemand will etwas mit seinem Tod zu tun haben. Was ist wirklich passiert? Erst die genetische Spurenanalyse der gefundenen Tatwerkzeuge, einem Messer und Gummihandschuhen, führt weiter und weist überraschend auf einen bisher nie im Fokus gestandenen Täter hin. Aber was könnte der für ein Motiv gehabt haben? Die Kommissarin erinnert sich an ihre eigene Kindheit, in der sie von ihrem Vater missbraucht wurde, und beginnt allmählich zu ahnen, was passiert sein könnte. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und bringt die Betroffenen nach und nach zum Reden. Sie findet heraus, dass auch Elena Moser von ihrem Vater, Matthias, jahrelang missbraucht wurde, ohne dass die Mutter etwas davon gemerkt hat. Im Hotel Rosenlaui wurde dann Remo, der unglücklich in Elena verliebte Jüngling, zufällig Zeuge einen solchen Übergriffs und hat schliesslich Matthias in seiner Wut umgebracht.

Ein kurzer Epilog schildert die weitere Entwicklung. Remo wird als Minderjähriger zwar bestraft, kann aber seine Ausbildung fortsetzen und sein Leben meistern lernen.

 

 

 

Leseprobe

 

 

Freitag, 20. Juli 2012

In vielen engen Kurven wand sich die steile Strasse durch das Reichenbachtal hinauf. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich mich jetzt keiner Träumerei hingeben durfte, sondern konzentriert durch das Fenster blicken musste, um mir die sonst drohende Übelkeit vom Leib zu halten. Zum Glück nahm der Chauffeur die Haarnadelkurven nicht sportlich rassig, sondern langsam und gleichmässig, als wüsste er von meinem angeschlagenen Gleichgewichtsorgan. Wir waren nur drei Passagiere in diesem Nachmittagskurs. Christian Abegglen, las ich auf dem kleinen Schild, das oberhalb der Frontscheibe angebracht war. Der Name kam mir bekannt vor, wahrscheinlich war er es gewesen, der mich auch im vorletzten Sommer im Postauto hinauf gefahren hatte. Ich war bestimmt schon zum zehnten Mal in diesem Tal unterwegs, aber immer wieder von Neuem stellte ich mir die Frage, wer denn auf die Idee gekommen war, durch diesen steil ansteigenden Wald und die enge Schlucht einen Fahrweg zu bauen. Was erwartete einen denn hinter der Schlucht? Nein, nicht das Paradies, sondern ein tief eingeschnittenes Tal, im Winter dauerhaft im Schatten der hohen Berge liegend, im Sommer ein sonniger Weidegrund für das Rindvieh aus dem Unterland. Aber eben nicht nur dies! Direkt am schäumenden Bach, inmitten von blumenreichen Weiden und dunklen Tannen, mit einem spektakulären Blick auf die Felswände der Engelhörner, da stand es, seit bald hundert Jahren fast unverändert: Das Hotel Rosenlaui!

Wir waren noch mehrere Kilometer vom Hotel entfernt, aber vor meinem geistigen Auge sah ich es schon klar und deutlich: Die breite Fassade des 1904 erbauten, vierstöckigen Hauptgebäudes, im Erdgeschoss etwas nach links versetzt den Hoteleingang, rechts davon die hohen Fenster des Frühstückssaales. Darüber, in der ersten Etage, die grosse Bibliothek, daneben der Speisesaal, dann in der zweiten bis vierten Etage die Fremdenzimmer. Die cremefarbene Fassade, zu der die graublau gestrichenen Fensterläden einen schönen Kontrast bilden. Die meisten Zimmer mit einem kleinen Balkon mit schmiedeeiserner Brüstung. Die Fassade gekrönt von fünf separaten kleinen Steildächern, ein richtiges Bijou!

Mit fünf Minuten Verspätung hielt das Postauto vor dem Hotel. Ich schwang meinen Rucksack über die Schulter, packte meinen grossen Rollkoffer, stieg aus, sah mich um und dachte: Gottlob! Seit dem vorletzten Sommer schien sich hier nichts verändert zu haben. Linkerhand des Hauptgebäudes stand immer noch der kleine Pavillon, in dem man Getränke und Kuchen kaufen konnte, daneben ein Dutzend grün gestrichene, von Ahornbäumen beschattete Gartentische mit dazu passenden Stühlen. Es war ein herrlicher Sommernachmittag, die Luft angenehm warm, und der Hotelgarten erschien gesprenkelt von den durch das Ahornlaub blitzenden Sonnenstrahlen. Etwa die Hälfte der Tische war besetzt, Familien mit Kindern und auch ältere Gäste genossen die lauschige Stimmung.

Ich wandte mich dem Hotel zu. Die breite Türe stand, wie immer bei schönem Wetter, offen, ich trat ein und stellte mich vor die Rezeption. Es war niemand da, so drückte ich den Klingelknopf. Keine drei Sekunden waren vergangen, als sich die Türe des dahinterliegenden Büros öffnete, eine grosse, schlanke Frau mit langen, blonden, gewellten Haaren erschien und mir die Hand entgegenstreckte. „Willkommen, Herr Wolf, schön, dass Sie wieder einmal bei uns zu Gast sind!“ Ich drückte ihre grosse, warme Hand. „Guten Tag, Frau Dietrich, auch ich freue mich sehr, hier im Rosenlaui einige ruhige Tage verbringen zu dürfen.“

Hotelchefin Claudia Dietrich lächelte charmant. Sie musste um die fünfzig sein, sah aber viel jünger aus. „Ja, mit ruhig treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Wie Sie wissen, gibt es bei uns für die Gäste weder Fernsehen noch Radio noch Internet, und der Mobiltelefonempfang ist sehr schlecht. Höchstens das Bimmeln der Kuhglocken könnte Sie beim Schreiben stören. Und abends, da kann man zwar noch in unserer Bar sitzen und sich amüsieren, aber es läuft keine laute Musik, und betrunkene Gäste gibt es kaum. Und um viertel vor zwölf ist strikte Nachtruhe im Haus, da pochen wir darauf.“ „Wunderbar, genau das, was ich jetzt brauche. Wissen Sie, ich schreibe an einem Kriminalroman, dessen Handlung hier in der Umgebung spielt, und ich erhoffe mir Inspiration durch Landschaft und Leute.“ „Oh, das freut mich sehr“, erwiderte Claudia Dietrich mit wachem Blick und legte einen Formularblock vor mich hin, „aber hüten Sie sich bloss davor, unser Tal in einem schlechten Licht zu zeigen. Sonst lasse ich alle Ihre Bücher verbrennen…“ „Im Gegenteil, ich will die schöne Gegend im allerbesten Licht darstellen. Ein kleines Verbrechen kann ja schliesslich überall passieren…“ „Na gut, hoffen wir das Beste. Nun muss ich Sie aber bitten, auf diesem Formular noch die Angaben für das Fremdenverkehrsamt auszufüllen.“ Ich nahm meinen Kugelschreiber zur Hand und füllte das Formular aus. „Aha, jetzt ist der Groschen gefallen“, kommentierte Claudia Dietrich, „ich habe die ganze Zeit nach Ihrem Vornamen gesucht. Valentin Wolf, was für ein schöner Name!“ „Ist nicht mein Verdienst, trotzdem Danke für das Kompliment“, sagte ich, nahm den Zimmerschlüssel in Empfang und begann mit meinem Gepäck die Treppe hochzusteigen.

Ach so, erinnerte ich mich beim Anblick des Schlüssels in meiner Hand, Nummer Neunzehn, also habe ich dasselbe Zimmer wie vor zwei Jahren, wie aufmerksam von der Chefin! Ich hatte das Zimmer damals explizit gelobt, und sie hatte es sich notiert. Die mehr als hundertjährige Treppe war mit einem Läufer belegt, aber unter dem weichen Belag knarrte und quietschte das Holz bei jedem Schritt in allen Variationen. Auf dem ersten Treppenabsatz hörte ich plötzlich ein bedrohliches Knurren. Ich blieb abrupt stehen und hob meinen Kopf. „Ach so, du bist es, Bäri“, sagte ich halblaut und streckte meinen rechten Arm aus, „komm zu mir, kennst du mich denn nicht mehr?“ Der grosse, alte Berner Sennenhund, der seit elf Jahren zum Rosenlaui gehörte, hörte sofort auf zu knurren, bellte zweimal kurz, begann eifrig zu wedeln und kam langsam die Stufen herunter. Ich streichelte seinen Kopf und kraulte ihn ausgiebig hinter den Ohren, wie er es so gern mochte. Dann entliess ich ihn die Treppe hinunter und stieg weiter hinauf in die dritte Etage.

Ja, der Hotelprospekt versprach wahrlich nichts Falsches: Beim Eintreten ins Zimmer fühlte ich mich auf einen Schlag um hundert Jahre zurückversetzt. Der Fussboden mit breiten, langen Dielen aus Tannenholz belegt, die Wände mit blassblauen Tapeten in Lilien-Muster, ein Landschaftsgemälde in überdimensioniertem Rahmen, an der Zimmerdecke geschwungene Bögen aus weissem Stuck, neben dem Fenster ein mächtiger Heizungsradiator, an der linken Wand ein viel zu hohes Bett mit weissem Leintuch und braunen Wolldecken, in der Ecke ein klobiger Schrank aus dunklem Holz, rechterhand eine schwere Kommode auf vier Füssen, darauf eine Waschschüssel und ein riesiger Krug. In den Zimmern gab es, wie eben vor hundert Jahren, kein fliessendes Wasser. Toilette und Bad befanden sich am Ende des langen Ganges.

Beinahe drei Stunden hatte meine Reise von Bern aus gedauert, und ich fühlte eine leichte Müdigkeit in mir aufsteigen. Vor dem Abendessen blieb mir noch genügend Zeit für ein Nickerchen und vielleicht einen ersten Spaziergang in der sauberen Bergluft. Ich räumte mein Gepäck provisorisch ein, legte mich angekleidet auf das Bett, und bald schon begannen mir die Augen zuzufallen.

Woher kommt denn diese Musik? Das klingt doch nach Chopin! Langsam richte ich mich im Bett auf, schaue auf die Uhr. Zehn vor sieben, jetzt habe ich doch tatsächlich fast zwei Stunden lang geschlafen! Schnell mache ich mich zurecht und steige die Treppe hinunter. Vor dem Eingang zum grossen Speisesaal in der ersten Etage bleibe ich stehen und schaue hinein. Am Flügel, hinten im Saal, sitzt Claudia Dietrich und spielt ein buntes Potpourri aus Chopin-Walzern. Wie leicht ihre Finger, durch tausendfache Übung geschult, über die Tastatur gleiten! Schwebend und perlend kommen die Töne aus dem mächtigen Instrument, steigen empor, verteilen sich im Saal, nehmen mich gefangen, lassen mich eintauchen in eine himmlische Klangwelt. Gebannt höre ich eine Weile einfach nur zu. Was für ein wunderschöner Auftakt zum Abendessen!

Das Hotel scheint gut besetzt zu sein, denn auf allen Tischen ist gedeckt. Zum Glück bin ich noch rechtzeitig aufgewacht! Ich hatte mir nämlich vorgenommen, mir einen Einzeltisch in der vorderen Ecke des Saales zu schnappen. Wenn man schon alleine essen muss, will man doch wenigstens die anderen Gäste ausgiebig beobachten können! Ich habe Glück, mein Wunschtisch ist noch frei.

Kaum habe ich Platz genommen, erscheint der Herr des Hauses, Daniel Dietrich, ein grosser, hagerer Mann mit grau-blondem Fünftagebart, durch die hintere Saaltür und eilt sofort auf meinen Tisch zu. „Mein lieber Herr Wolf, willkommen im Rosenlaui! Ich hoffe, Sie bleiben einige Wochen bei uns.“ „Na ja, einige Wochen“, erwidere ich trocken, „das würde mein Budget sprengen. Die Preise sind seit dem Bau des Hotels leider nicht stehengeblieben…“ Daniel Dietrich lacht. Wie seine Frau, sieht auch er noch ziemlich jung aus, obwohl er seit mehr als zwanzig Jahren das Rosenlaui führt. „Da haben Sie Recht. Aber immerhin sind wir, im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt, noch sehr günstig.“ „Das muss ich zugeben. Und man bekommt für sein Geld auch etwas. Wunderschöne Zimmer und ausgezeichnete Verpflegung.“ „Danke für die Blumen, Herr Wolf, und jetzt wünsche ich Ihnen einen guten Appetit.“

Unterdessen hat Claudia Dietrich unter starkem Applaus ihr kleines Konzert beendet. Fast alle Tische sind jetzt besetzt und der Geräuschpegel im Saal hat markant zugenommen. Aufmerksam mustere ich die anderen Hotelgäste. Vom Aussehen her und aus den Gesprächsfetzen, die an mein Ohr dringen, stammen die meisten Gäste aus der Deutschschweiz. Nur von der Fensterfront her kann ich Worte in Hochdeutsch und in Holländisch aufschnappen. Was mir am meisten auffällt und woher die lautesten Stimmen kommen, ist ein sehr langer Tisch in der Saalmitte, an dem zehn Personen sitzen. Ob das wohl ein Verein ist, oder ein Freundeskreis, der hier logiert, frage ich mich. Nein, von der Altersstruktur her ist das unwahrscheinlich. Es sind sieben Erwachsene, alle im Alter etwa zwischen vierzig und fünfzig, sowie drei Teenager. Also wohl eher eine Zusammenkunft mehrerer Familien, denke ich. Meine Neugier ist definitiv geweckt!

„Herr Wolf?“ „Oh“, schrecke ich auf, „Entschuldigung, ich habe Sie gar nicht kommen hören. Sie sind doch, hm, Maria?“ Maria Manzoni lächelt. „Genau, Herr Wolf, Sie haben ein gutes Gedächtnis. Hier, bitte, Ihre Suppe.“ „Vielen Dank, Maria. Und ich nehme dann, wie immer, einen Dreier Rioja zum Essen.“ Eine Weile lang vertiefe ich mich in die sämige, wunderbar gewürzte Tomatensuppe und nippe ab und zu an meinem Wein. Als Maria mit dem Hauptgang kommt – Kalbskotelette, Kartoffelpüree und grünen Bohnen – frage ich sie diskret nach dem grossen Tisch. Sie beugt sich etwas zu mir herunter und flüstert: „Das ist die grosse Familie Moser aus Meiringen. Alle vier Geschwister sind hier, zusammen mit den Frauen und Kindern. Und sie haben zusammen ein grosses Problem…“ Ich nicke dankend und verzichte darauf, sie weiter auszufragen. Allein an meinem Tisch sitzend, habe ich Musse, die zehn Menschen, ihre Stimme, Mimik und Gestik ausgiebig zu studieren. Von ihren Gesprächen kann ich einen Teil, wenn auch längst nicht alles, verstehen. Nachdem Maria den Nachtisch – Vanillecreme mit Himbeeren – abgeräumt hat, bilde ich mir ein, die Rollen und Charaktere der Mosers zuordnen zu können und zu wissen, wer wie gut auf wen zu sprechen ist.

Da ist ein alleinstehender Mann um die fünfzig namens Samuel. Er könnte der älteste in der Geschwisterreihe sein, ist schlecht gelaunt, erscheint mir ehrgeizig, aber irgendwie unzufrieden mit seinem Leben. Dann ein Ehepaar mit zwei fast erwachsenen Söhnen, Luca und Remo. Der Vater, Michael, spielt ein wenig den Lebemann, stellt sich in den Mittelpunkt, scherzt herum. Ein Jurist oder ein Arzt? Die Mutter, Susanna, wirkt eher abwesend, träumerisch, beteiligt sich nur wenig am Gespräch. Wer von beiden ist wohl den Mosers angeheiratet? Ich kann es vom Aussehen her nicht entscheiden. Sodann ein zweites Ehepaar, Linda und Matthias, mit einer halbwüchsigen Tochter namens Elena. Ein sehr seltsames Paar ist das, man würde kaum denken, dass sie zusammengehören. Linda, stark geschminkt, ist offen, fröhlich, spricht unbefangen mit allen am Tisch. Matthias hingegen ist wortkarg, mürrisch, kommt mir wie eine Zielscheibe vor, so als würde er ständig angegriffen und müsse sich rechtfertigen und verteidigen. Worum es dabei geht, kann ich leider nicht verstehen. Matthias gleicht äusserlich Samuel, dürfte also sein Bruder sein.

Da geschieht etwas Unerwartetes. Das dritte, vermutlich jüngste und kinderlose Paar am Tisch steht auf, verlässt den Saal und erscheint kurz darauf wieder. Beide tragen eine kleine Handharmonika, ein sogenanntes Schwyzerörgeli, in den Händen. Gleichzeitig kommt von vorne Hotelchef Daniel Dietrich, einen Kontrabass schleppend, in den Saal und verkündet: „Verehrte Gäste, ich darf Ihnen Barbara und Bruno Brawand-Moser aus Meiringen vorstellen. Die beiden wirken seit vielen Jahren in der Ländlerkapelle Echo vom Brünig mit und haben sich bereit erklärt, uns mit einem kleinen volkstümlichen Konzert zu unterhalten, zu dem ich mit meinem Bass beisteuern darf.“ Aha, denke ich, dieser Bruno Brawand hat in die Familie Moser eingeheiratet.

Und sogleich beginnt das erste Musikstück, ein traditioneller Schottisch. Die Finger der Brawands laufen mit atemberaubender Schnelligkeit auf den zahllosen Knöpfen ihrer Schwyzerörgeli hin und her. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie man seine Finger zu solcher Virtuosität trainieren kann. Währenddessen lässt Dietrich mit stoischer Ruhe den Bogen über die Saiten seines Kontrabasses hin und her gleiten. Schon nach wenigen Takten hat die fröhliche Melodie des Schottisch den ganzen Speisesaal in seinen Bann gezogen. Man wiegt sich im Takt, summt mit oder klopft den Rhythmus, sei es mit den Schuhen auf dem Fussboden oder mit den Fingern auf dem Tisch. Auch der nachfolgende Walzer im Dreivierteltakt nimmt das Publikum sofort mit, einige Paare sind sogar aufgestanden und drehen sich tanzend im Kreise. Ohne Pause folgt ein Musikstück dem anderen. Nach dem sechsten Stück steht Barbara Brawand auf, hält ihre Hände wie einen Trichter von den Mund und singt mit ganzer Inbrunst das sogenannte Sennengebet. Ein solches lassen die traditionellen Alphirten jeweils in der Abenddämmerung von den Bergen herab erklingen, wobei sie einen extra dafür angefertigten grossen, hölzernen Schalltrichter verwenden. Auf der Alp oben wäre das Ganze noch viel schöner anzuhören, weil die von den Bergflanken zurückkommenden Echos das Lied mehrstimmig erscheinen lassen und ihm einen schaurig-schönen Klang verleihen. Aber sogar hier im Saal läuft es mir kalt den Rücken herab. Nach einem letzten Schottisch legen die Musikanten ihre Instrumente nieder und verbeugen sich, unter langem Applaus, vor dem Publikum.

Zum Abschluss des feinen Abendessens lasse ich mir einen Tessiner Grappa die Kehle hinabrinnen. Dann erhebe ich mich, verlasse den Speisesaal und begebe mich in die gleich gegenüber liegende, grosse Bibliothek des Hauses. Auch hier fühlt man sich absolut wie zu Thomas Manns Zeiten. Der Raum ist gegen zwanzig Meter lang und sechs Meter breit, und die Wände sind fast lückenlos mit Bücherregalen bedeckt. An der Fensterfront stehen sechs oder sieben breite, tiefe Polstersessel mit reichlich abgewetztem Bezug, und neben jedem Sessel steht eine Leselampe mit grossem, grünem oder gelbem Schirm, die bloss einen düster-bleichen Lichtkegel verbreitet. In der Längsachse des Raumes stehen, von hochlehnigen Stühlen umsäumt, drei rechteckige, schwere Tische. Zwei davon sind wohl als Lesetische gedacht, auf dem dritten, niedrigeren steht ein spielbereites Schachbrett.

Unglaublich, was sich in dieser Bibliothek im Laufe der Zeit an Büchern angesammelt hat. Die meisten Bände sind wohl alte, klassische Werke. In eintöniger Reihe stehen sie auf dem Regal, mit ihren düsteren, dunkelgrauen oder braunen Bücherrücken und den kaum mehr leserlichen Titeln. Nur ab und zu leuchten dazwischen, wie Farbtupfer, neuere Bücher mit roten, gelben oder weissen Rücken auf. Ich schreite ganz langsam den Bücherreihen entlang und überfliege die Titel. Man könnte hier wohl ganze Tage damit zubringen, alte und neue Kostbarkeiten ausfindig zu machen, da und dort einen Band zur Hand zu nehmen, einige Seiten zu lesen, um dann in den langen Regalen weiter zu stöbern…

Die Zeit verrinnt wie im Fluge in diesem ehrwürdigen Raum. Ich schaue auf die Uhr. Halb elf, Zeit für meine Zimmerruhe. Ich steige die Treppe hoch, gehe ins Bad und lege mich dann angekleidet mit einem Buch aufs Bett. Gähnend versuche ich, noch einige Seiten zu lesen, aber ich merke, wie mir die Augenlider schwer und schwerer werden…

Plötzlich schrecke ich auf. Was ist denn da los? Ein dumpfer Lärm und ein unterdrückter Schrei haben mich geweckt. Jetzt meine ich, Schritte im Flur zu hören. Woher das wohl kam? Ich horche angestrengt. Von weit her höre ich leises Stimmengemurmel. Das muss von der Bar im Nebengebäude kommen, wohin sich viele Hotelgäste nach dem Essen zu einem Drink verzogen haben. Sonst herrscht absolute Stille im Haus.

Habe ich mich getäuscht, das Ganze nur geträumt? Wahrscheinlich, denke ich, so muss es sein. Ich lege mich wieder aufs Ohr und döse bald wieder ein. Da: Unvermittelt zerreisst ein gellender Schrei die Stille! Eine Türe schlägt krachend, jemand poltert dumpf im Treppenhaus und schreit verzweifelt um Hilfe. Es ist eine Frauenstimme!

Donnerstag, 19. Juli 2012

„Schau mal“, rief Linda begeistert aus, „wie weit oben wir schon sind! Unser Hotel Rosenlaui sieht ja schon winzig klein aus, wie ein Puppenhaus!“ Michael packte mit der rechten Hand das Seil, drehte sich talwärts und lachte auf. „Tatsächlich!“ Michael und Linda waren um sechs Uhr morgens, als das Tal noch im tiefen Schatten lag, in forschem Tempo vom Hotel abmarschiert und hatten nach einer guten Stunde schon die Engelhornhütte erreicht, wo sie auf der Sonnenterrasse einen Tee tranken und ein Sandwich assen. Ihre Route führte dann durch das steinige und wilde Ochsental hinauf, bis zum Fuss der Nordwand des Grossen Engelhorns. Michael hatte die Wand schon achtmal durchklettert und Linda versprochen, sie diesen Sommer auf die schöne Tour mitzunehmen. Die Kletterei durch diese Wand war nicht einfach, aber der Kalkstein war immerhin stabil und bot guten Halt.

Heute war es endlich soweit! Er schaute Linda an. „Du, es fehlen uns nur noch drei Seillängen bis zum Ausstieg. Traust du dir zu, die nächste zu führen?“ Linda blickte die beinahe senkrechte Felswand hoch und zog eine skeptische Miene. „Hm, ich weiss nicht so recht. Schaut für mich wie eine Fünf aus. Etwas ambitioniert für mich.“ Michael zog die Routenskizze aus seiner Hosentasche hervor. „Aha, es ist nur eine Vier plus. Das schaffst du, mein kleiner Engel“, sagte er und legte Linda sanft eine Hand auf die Schulter. Linda lächelte. „Na ja, das würde noch passen, der Engel in der Engelhorn-Nordwand. Wenn nur der Engel nicht aus der Wand fliegt und seine Flügel aufspannen muss…“

Michael grinste. „Los geht’s, Mädchen.“ Linda warf einen Kontrollblick auf die am Gürtel hängenden Karabinerhaken, setzte vorsichtig den rechten Schuh auf einen Tritt im Fels, fasste mit den Händen zwei winzig kleine Griffe, zog sich etwas hoch, suchte für den linken Schuh einen Tritt, dann den nächsten für den rechten Schuh, wieder einen Griff für die linke Hand, einen neuen Tritt, einen neuen Griff… Und schon hatte Linda den ersten Sicherungspunkt erreicht. Sie zog einen Karabinerhaken vom Gürtel, fädelte ihn in die Öse des fest im Fels steckenden Bohrhakens ein und zog dann das Seil hindurch. „Gut gemacht“, rief Michael von unten. Er war auf dem kleinen Absatz stehen geblieben, hatte sich selber gut gesichert und zog das Seil exakt im Tempo von Lindas Aufstieg nach, so dass es immer gespannt blieb und er Linda, sollte sie trotz aller Vorsicht abstürzen, auffangen könnte. Linda hatte schon wieder drei Meter Höhe gewonnen und steuerte zielstrebig den nächsten Bohrhaken an.

Was für eine tolle Frau, dachte Michael, welch Vergnügen, mit ihr klettern zu gehen! Wie liebe ich ihre schlanke, wohlgeformte Gestalt, ihre eleganten Bewegungen, ihre kräftigen Schenkel, ihre schwarzen, unter dem Kletterhelm vorquellenden Haare, ihr herzliches Lachen! Wenn ich da an meine Angetraute Susanna denke… Ein kräftiger Ruck am Seil riss Michael aus seinen Träumereien. „Kannst nachkommen!“, rief Linda fröhlich von oben.

Eine knappe Stunde später hatten sie den Gipfel des Grossen Engelhorns erreicht, setzten sich auf einen grossen, flachen Stein und packten ihren Lunch aus dem Rucksack. Es war ein herrlicher Sommertag, die Sonne schien kräftig, und nur wenige Quellwolken schwebten über den Gipfeln. Aber hier oben auf fast 2‘800 Metern über Meer war die Luft frisch, und ein leichter Nordwind liess die verschwitzten Kletterer trotz Windjacke beinahe frösteln. Aber die Aussicht war atemberaubend. Tief unten schimmerte der Rosenlaui-Gletscher, dahinter erhoben sich die schneebedeckten Gipfel von Wellhorn, Wetterhorn, Rosenhorn und Hangendgletscherhorn. Weiter weg, im Osten, leuchteten die Schneefelder vom Sustenhorn, Dammastock und Galenstock. Die höchsten Gipfel des Oberlandes hingegen, das Finsteraarhorn und die Jungfrau, waren hinter dem Wetterhorn verborgen.

Zwei andere Seilschaften waren schon vor ihnen oben angekommen, man hatte sich kameradschaftlich begrüsst und tauschte bald Neuigkeiten aus der Kletterszene aus. Michael Steuri kannte fast alle einheimischen Bergsteiger. Er hatte schon als Gymnasiast, vor mehr als dreissig Jahren, zu klettern begonnen und kannte mittlerweile die meisten Routen im Berner Oberland aus eigener Erfahrung. Er hatte sich immer mit gezieltem Training fit gehalten und bewältigte auch jetzt noch, als Zweiundfünfzigjähriger, Routen bis zum fünften Schwierigkeitsgrad. In den letzten vier Jahren hatte er seine sportliche Schwägerin, Linda Moser, nach und nach für die Felswände begeistern können und sie zu einer fast ebenbürtigen Kletterpartnerin ausgebildet. „Michael, was denkst du?“, fragte Linda, nahm seine Hand und sah ihn mit ihren grossen, dunklen Augen an. „Ach, ich bin so glücklich, mit dir hier oben zu sein“, sagte er, „weit weg von den Sorgen des Alltags.“ „Hast du denn Ärger im Spital?“ Michael seufzte. „Ach, diese leidige Geschichte mit der Operation von Frau R… Und dann dieser lästige Brief… Aber ich kann dir jetzt noch nichts davon erzählen, vielleicht später mal… “

Michael blieb eine Weile stumm. Dann begann er unvermittelt leise zu lachen. „Was ist?“, fragte Linda. „Weisst du, ich dachte an deine Bemerkung vom Puppenhaus während des Aufstiegs. Von hier oben betrachtet, erscheint wirklich alles so winzig, das Tal mit seinen Alltagsproblemen so weit weg, alles so nichtig und klein. Rund um uns herum nur die Berge mit ihrer grossartigen Ruhe, voll von Klüften, Abgründen, senkrechten Wänden, Schutthalden, Schnee und Eis. Was suchen wir eigentlich hier oben? Warum zieht uns diese majestätische Welt mit solch magischer Kraft an, lässt uns keine Ruhe, bringt uns zum Träumen vom Klettern an senkrechten Wänden, vom Sieg über die Schwerkraft, vom Überwinden aller Schwierigkeiten, vom Erlebnis des Gipfels, von der tiefen Zufriedenheit nach dem Abstieg? Scheinbar leblos ist sie, diese Bergwelt, und doch voller Leben. Tausende blühender Pflanzen überziehen die steilen Abhänge, Murmeltiere tollen im Gras herum, Gämse und Steinbock trotzen den kargen Bedingungen, Adler und Alpendohlen segeln hoch in der Luft. Und nur ganz selten, an schönen Sommertagen, wagen sich auch wir Zweibeiner zaghaft ins Hochgebirge.“

„Mensch, du bist ja richtig poetisch“, staunte Linda, „aber eben, da unten im Rosenlaui, so winzig sie von hier aus auch erscheinen mag, braut sich ein tüchtiges Donnerwetter zusammen. Dort sitzt Matthias und widersetzt sich allen Geschwistern, will das Haus um jeden Preis behalten, nimmt alles dafür in Kauf. Ich kenne ihn nun schon lange genug, und ich glaube kaum, dass er nachgeben wird.“ „Ja, das wird schwierig“, stimmte Michael zu. „Meine Liebe, so schön es hier oben ist, wir sollten uns langsam an den Abstieg machen.“

Freitag, 20. Juli 2012

Ich bin jetzt hellwach und schaue auf meine Uhr: Zwanzig Minuten vor Mitternacht. Zum Glück bin ich immer noch angekleidet! Schnell schlüpfe ich in meine Schuhe und eile aus dem Zimmer. Von unten höre ich lautes Wehklagen, deshalb renne ich, so schnell es geht, die Treppe hinunter. Auf dem untersten Treppenabsatz, oberhalb der Rezeption, bleibe ich abrupt stehen und lasse unwillkürlich einen kleinen Schrei fahren. Eine dunkelhaarige Frau, die ich sogleich als zum grossen Tisch gehörig erkenne, steht mitten im Raum, klammert sich mit beiden Händen an die Hotelchefin und schreit in einem fort: „Matthias ist tot, Matthias ist tot, …“ Claudia Dietrich versucht, sich von ihr loszureissen, schafft es aber nicht. Als sie mich erblickt, ruft sie erleichtert: „Schnell, holen Sie meinen Mann, in der Bar, schnell!“ Ich renne ins Freie und will mich zum Nebengebäude wenden, da kommt schon Daniel Dietrich gelaufen. „Was ist denn los?“ „Offenbar ein Todesfall…“ stammle ich, und wir laufen zusammen zur Rezeption zurück. „Schnell, Zimmer siebzehn“, schreit Claudia Dietrich uns zu, während sie immer noch von der Frau umklammert wird. Der Hotelchef und ich rennen keuchend die Treppe hoch.

Die Türe zum Zimmer siebzehn steht halb offen. Ein Mann, nur mit einem dunklen Pyjama bekleidet, liegt reglos am Boden. Auf der Höhe seines Rückens bedeckt ein grosser Fleck, offenbar von eingetrocknetem Blut, die Holzdielen. Der Mann kommt mir ebenfalls vom grossen Tisch her bekannt vor. Daniel Dietrich kniet sich hin und versucht, dem Mann Puls und Atem zu fühlen. Dann erhebt er sich kopfschüttelnd. „Ich denke, er ist wirklich tot. Sie, Herr Wolf, bleiben hier und passen auf, dass niemand hereinkommt und nichts angefasst wird. Ich rufe unterdessen den Notarzt an.“ Er schliesst die Türe von aussen, und ich bleibe ganz allein mit dem Toten im Zimmer. Ein mulmiges Gefühl schleicht an mir hoch, die Zeit will kaum vergehen, ich stehe am Fenster und starre hinaus in die Dunkelheit. Schliesslich kommt Dietrich zurück und meldet, der Arzt sei unterwegs. Es würde mich natürlich brennend interessieren, mehr über den Verstorbenen zu erfahren, aber ich wage nicht zu fragen, und Dietrich, sichtlich geschockt vom Ereignis, schweigt vor sich hin.

Endlich, um zwanzig nach zwölf, höre ich ein Auto vorfahren, und eine Minute später erscheint ein grossgewachsener, schlanker, älterer Mann mit Glatze und kurzem weissem Bart im Türrahmen. „Grüss dich, Fritz“, sagt Daniel Dietrich, sichtlich erleichtert, „ich habe dich wahrlich nicht gern aus dem Bett geholt, aber hier sieht es ganz nach einem unnatürlichen Todesfall aus. Übrigens, das ist Herr Valentin Wolf, Hotelgast, und Doktor Fritz Tschanz, diensttuender Arzt aus Meiringen.“ Tschanz zieht sich Einweghandschuhe über und untersucht den am Boden liegenden Mann vorsichtig und gründlich. Dann erhebt er sich seufzend. „Ja, dem armen Matthias Moser ist leider nicht mehr zu helfen. Dürfte seit einer guten Stunde tot sein. Über die Todesursache kann nur eine Autopsie letzte Klarheit bringen, aber jedenfalls wurde der Mann von hinten niedergestochen, vermutlich mit einem Messer.“ Tschanz wendet sich zu Dietrich. „Ich fülle jetzt den Totenschein aus, und du, Daniel, avisierst die Polizei. Ich denke, es reicht, wenn die morgen früh anrückt. Bis dann muss aber das Zimmer verschlossen bleiben und niemand darf etwas anrühren.“ „In Ordnung“, erwidert Dietrich, „dann versuche ich, direkt Polizist Peter Kehrli zu erreichen. Er ist doch ein Neffe der Ehefrau des Verstorbenen.“ „Ach ja, stimmt, die Linda Moser ist seine Tante. Wo steckt sie eigentlich?“ „Ich nehme an, immer noch unten bei Claudia. Gehen wir doch hinunter.“ Unglaublich, denke ich, hier in der Gegend scheinen alle irgendwie miteinander verwandt zu sein. Wir treten auf den Flur hinaus, und der Hotelchef schliesst das Zimmer von aussen ab. Mittlerweile haben sich im Flur etwa zwanzig Hotelgäste versammelt, sprechen durcheinander, gestikulieren, wollen wissen, was passiert ist. Daniel Dietrich erklärt, es habe einen Todesfall gegeben, und bittet die Leute, auf ihre Zimmer zu gehen und Ruhe zu bewahren. Aber da mich selbst das Geschehen so fasziniert und mich niemand weiter beachtet, gehe ich einfach mit hinunter, immer einige Schritte hinter Tschanz und Dietrich bleibend, und beobachte vom untersten Treppenabsatz aus, was weiter passiert.

Während Daniel zum Telefon geht, kommt Claudia mit Linda Moser zusammen aus dem Büro heraus. Doktor Tschanz begrüsst Linda und drückt ihr gegenüber sein Bedauern und Mitgefühl zum Verlust ihres Ehemanns aus. Er will ihr ein Beruhigungsmittel geben, damit sie besser schlafen könne, aber sie lehnt dies ab. Claudia bietet ihr an, sie dürfe gerne ein anderes, freies Zimmer zum Schlafen benutzen. „Nein danke“, sagt sie, „ich gehe lieber zu meiner Tochter Elena ins Zimmer. Es wird uns gut tun, heute Nacht nicht allein zu sein.“ Da kommt Daniel Dietrich zurück. „Ich habe soeben mit Peter Kehrli telefoniert. Er war total fassungslos, ist aber derselben Meinung wie Fritz Tschanz. Es genügt, wenn er morgen früh hierherkommt, sofern wir das Zimmer verschlossen halten.“ „Danke, Daniel“, sagt Linda Moser. „Kann ich noch irgendetwas für dich tun, Linda?“, fragt Claudia. Linda schüttelt den Kopf, verabschiedet sich mit einem Händedruck von allen und steigt die Treppe empor in Richtung Elenas Zimmer. Nachdenklich steige auch ich wieder zu meinem Zimmer hoch und lege mich ins Bett, kann aber erst nach zwei Uhr morgens einschlafen.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Bruno Brawand war gar nicht zufrieden. Leise fluchte er vor sich hin, während er seinen Laptop startete. Verdammt, die miese Geschäftslage wäre schon schlimm genug. Aber dann noch dieser Brief, der setzt dem Fass den Deckel auf… Bruno, seit drei Jahren Geschäftsführer der Moser Bau AG, sass nachmittags um fünf im Garten des Hotels Rosenlaui unter einem Ahornbaum, starrte auf den Bildschirm und machte sich Sorgen. Sein grosses Glas Bier hatte er, etwas allzu schnell, leergetrunken und soeben bei Daniel Dietrich ein zweites bestellt. Er öffnete jetzt sein Buchhaltungsprogramm und studierte intensiv die Lage der zahlreichen Haben- und Soll-Konten. Aber, wie er auch die Ergebnisse in seinem Kopf drehte und wendete, es wollte einfach nicht aufgehen. Die hohen Löhne und die Schuldzinsen frassen einen zu grossen Teil des Ertrages auf, und es war absehbar, dass das Geschäftsergebnis auch heuer, wie schon letztes und vorletztes Jahr, im Minus ausfiele. Und dies trotz seiner beileibe nicht geringen Anstrengungen, die Auftragslage zu verbessern, insbesondere dem kleinen Deal mit seinem Schwager Samuel… Wenn es nur mit der Familienvilla endlich vorwärts ginge! Und dann kam noch dieser vermaledeite Brief…

Bruno hatte seine Augen geschlossen und war ins Grübeln geraten. Bin ich denn unfähig, ein Baugeschäft zu führen? Früher, unter dem alten Samuel Moser, habe ich doch als Bauführer eine gute Figur abgegeben. Sonst hätte mich mein Schwiegervater doch nicht zum Nachfolger ernannt! Na ja, zugegeben, ich musste noch etwas nachhelfen, und Barbara hat sich auch mächtig stark gemacht für mich, aber wer würde das nicht tun? Jetzt reiss dich zusammen, Bruno, du musst das Ding einfach zum Laufen bringen!

Oh, wer legt denn da seine Hände auf meine Schultern? Bruno drehte den Kopf. „Ach so, du bist es!“ Seine Ehefrau Barbara stand hinter ihm und lachte ihn strahlend an. Bruno liebte ihre schon etwas mollige Figur, ihre kurzen, dunklen Haare, ihre braunen, nie geschminkten Augen, ihre Fältchen um die Nase herum, ihren kleinen, stets ein wenig offenen Mund, ihr kehliges Lachen. „Sorgen, mein Herz?“, fragte sie. Bruno murmelte einen Fluch in sich hinein. „Das kann man wohl sagen. Sieht von Monat zu Monat schlechter aus.“ „Ganz so schlimm wird es nicht sein“, meinte Barbara betont optimistisch. „Komm, wir schauen uns die Sache mal gemeinsam an.“ Erleichtert stimmte Bruno zu. Barbara würde bestimmt, wie schon so oft, eine Lösung finden!

Barbara setzte sich neben ihn und begann, die Tabellen zu studieren. Mehrere Minuten lang sagte sie gar nichts, dann holte sie aus ihrer Handtasche Block und Farbstifte hervor und fing am, ein Schema zu malen. In die Mitte des Blattes zeichnete sie einen schwarzen Kreis und schrieb hinein: Defizit. An diesen Kreis setzte sie etwa ein Dutzend Pfeile an, in alle Richtungen weisend. An die Enden der Pfeile malte sie Kästchen in verschiedenen Farben und schrieb Stichworte hinein, etwa Lohnkosten, Kapitalkosten, Steueraufschub, Verzögerung bei Matter, Einspruch von Meyer, Kostenüberschreitung bei Sieber. Dann malte sie weitere Pfeile, neue Kästchen, bis das ganze Blatt wie ein Labyrinth aussah.

Bruno schaute fasziniert zu. Frauen denken einfach irgendwie anders! Am Ende notierte Barbara, immer wieder in den Computertabellen nachschauend, neben jedes Kästchen eine Zahl. Sie lehnte sich zurück, schaute auf das Blatt und meinte: „So, jetzt haben wir, auf diesem sogenannten Mindmap, die grafische Übersicht unserer geschäftlichen Probleme.“ Bruno war perplex. „Wo hast du das nur gelernt?“ Barbara lächelte, der Stolz war ihr anzusehen. „Schliesslich habe ich die Management Akademie in Thun abgeschlossen. Da lernt man eben, Probleme mal anders anzugehen, als man es schon immer gemacht hat. Du zum Beispiel marschierst, wenn ein Problem vorliegt, einfach schnurgerade darauf zu, du denkst sozusagen eindimensional, gehst von A zu B und dann nach C. Ein Mindmap hingegen ist zweidimensional, da kannst du Abhängigkeiten, Rückkopplungen und Blockaden besser darstellen. So wirst du, wenn es optimal gemacht wird, mit einem Blick die kritischen Schwachstellen der Projekte überblicken.“ Bruno umfasste Barbaras Kopf mit beiden Händen. „Ich staune, Frau Professorin.“ Barbara lachte und drückte ihrem Mann einen dicken Kuss auf den Mund. „Hoffentlich auch, mein Männlein!“

„Aber“, meinte Bruno zaghaft, „was heisst jetzt das konkret für unser Geschäft?“ Barbaras Miene wurde eine Spur besorgter. „Ja, Reserven haben wir tatsächlich kaum mehr. Ich sehe drei Alternativen, um über die Runden zu kommen: Entweder holen wir nächstes Jahr zwanzig Prozent mehr Aufträge herein, oder wir kaufen die Ware um mindestens zehn Prozent billiger ein, oder wir bauen beim Personal ab und erledigen die ganze Administration selber.“ Bruno war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Auch Barbara hatte kein Wunderrezept! “Das scheint mir aber alles unrealistisch. Die ersten beiden sind auf legalem Weg unerreichbar, und die dritte würde für uns eine Siebentagewoche ohne Ferien bedeuten.“ Barbara nickte. „Apropos legalem Weg: Was machen wir mit dieser Drohung?“ Bruno erwiderte schulterzuckend: „Da müssen wir wohl oder übel bezahlen. Ich will nicht noch grösseren Ärger im Haus.“ „In dem Fall erhöht sich aber unser Defizit nochmals um ein Drittel“, meinte Barbara trocken und fügte dem Mindmap ein weiteres Kästchen mit einer negativen Zahl zu. „Das heisst doch im Klartext“, sagte Bruno, „unser Geschäft können wir nur retten, wenn die Familienvilla sehr bald zum Verkauf kommt. Wir müssen Matthias umstimmen. Ach, ich könnte ihn erwürgen, ihn mit seiner blödsinnigen Sturheit!“

Linda Moser stieg aus der Duschkabine, trocknete sich ab, schlüpfte in ihren pinkfarbenen Morgenmantel und trat auf den langen Gang hinaus, an dessen Ende ihr Zimmer lag. Morgen würde sie, da war sie sicher, in Beinen und Armen einen tüchtigen Muskelkater verspüren, aber im Augenblick fühlte sie sich rundum wohl. Die Klettertour mit Michael hatte ihre Laune beinahe in den Himmel gehoben, hatte ihr ein Stück Glück geschenkt. Das war der Mann, mit dem sie wirklich zusammen sein wollte! Und er wollte doch auch, begehrte sie seit Jahren, wie noch kein Mann sie begehrt hatte. Linda blieb vor ihrer Zimmertüre stehen. Ihre gute Laune sank im Bruchteil einer Sekunde in den Keller hinunter, ihre Gedanken begannen zu kreisen.

Und jetzt? Da drinnen sitzt mein miesepetriger Ehemann Matthias. Nein, er wird nicht fragen, wo ich gewesen sei. Mit keinem Wort wird er meine Eskapade erwähnen. Seine Rache besteht darin, mich anzuschweigen und mich traurig anzublicken. Warum lässt er mich dann nicht gehen? Warum will er um jeden Preis nach aussen die heile Familie spielen, will sogar in die alte Villa seiner Eltern ziehen, damit alle Welt sieht, er hat es geschafft, er hat seine Ehe gerettet, seine weisse Weste ist unbefleckt, er bleibt der untadelige Anwalt, er leistet perfekte Arbeit in seiner klinisch sauberen Kanzlei an der Bahnhofstrasse… Oh ja, er glaubt, er sei gerecht, jeden Verstoss gegen das Gesetz müsse er aufklären und den Übeltäter seiner Strafe zuführen. Oh ja, er ist gerecht, vor allem aber selbstgerecht bis zum Überdruss. Und ich? Nach dem Gesetz bin ich seine Ehefrau, müssen wir ausharren, bis der Tod uns scheidet… Nein, aber nicht mit mir! Linda erschrak ob ihrer eigenen Stimme. Energisch drückte sie die Türklinke nach unten.

Aber das Zimmer war leer. Ihr Mann würde wohl irgendwo im Garten sitzen. Linda stellte sich vor den Wandspiegel, liess den Morgenmantel zu Boden gleiten und drehte sich langsam zweimal um ihre Achse. Ja, sagte sie sich, für meine siebenundvierzig mache ich doch eine durchaus gute Figur. Sie trat näher zum Spiegel. Und auch mein Gesicht ist noch passabel, wenn auch jetzt, ohne Schminke, etwas langweilig, beinahe allzu gleichmässig. Meine straffe, sonnengebräunte Haut, meine symmetrischen, dunklen Augen, meine schön gerade Nase, meine vollen Lippen, mein gut abgerundetes Kinn, mein schlanker Hals. Doch, ich gefalle mir! Linda legte sich, wieder im Morgenmantel, auf das Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Matthias ging ihr nicht aus dem Sinn. Wir sind ja doch immerhin fast zwanzig Jahre zusammengeblieben, da muss doch mal mehr gewesen sein? Habe ich ihn mal richtig geliebt? Ich kann es beim besten Willen nicht sagen. Jedenfalls hat er mir damals mächtig imponiert. Ein durchaus gutaussehender Mann, studierter Rechtsanwalt, mit Aussicht auf eine eigene Kanzlei, redegewandt, ohne auf Angeber zu machen, zwar ohne viel Humor, aber doch mit einem gewissen spröden Charme. Und ich? Fünfundzwanzigjährige Apothekenhelferin, wohl allzu hübsch und zu sexy, um die seriösen Männer anzuziehen, war ich schon mehrmals an den Falschen geraten.

Und dann kommt so ein Studierter und wirbt um mich. Ja, das war es, eine Werbung, ganz klassisch, mit rosaroten Nelken und dunkelroten Rosen, exquisiten Pralinen, Einladungen zum Essen, Ausfahrten im Cabriolet. Richtig verliebt war ich wohl nicht, aber geschmeichelt in allen Farben und Tönen. Die ersten Monate unserer Freundschaft waren wirklich schön. Matthias war ja ziemlich zurückhaltend, ich hätte mir ein wenig mehr den stürmischen Liebhaber gewünscht. Ich glaube nicht, dass ich damals eine allzu grosse rosarote Brille trug, aber, wie es eben ist, man lernt die schwierigeren Eigenheiten eines Menschen erst so nach und nach kennen.

Was man am Anfang noch als zuvorkommend, korrekt, tugendhaft, gerecht und sauber tituliert, empfindet man drei Jahre später als kontrollierend, penibel, selbstgerecht und pingelig. Natürlich ging es uns materiell ganz prächtig, aber emotional hat sich immer mehr die Wüste ausgebreitet…

Und das war beileibe nicht nur meine eigene Empfindung! Matthias hat sich wirklich extrem stark verändert, wie mir auch andere bestätigen. Wie konnte das geschehen? Ich kann es mir nicht genau erklären. Eine gewisse Überheblichkeit hatte er immer schon an sich. Als Lieblingskind seiner Eltern kommt man eben schnell zur Einsicht, man sei etwas Besseres. Aber es war wohl auch die Arbeit mit seinen Klienten, mit den Gesetzes-Paragraphen, der stete Kampf gegen den politischen Filz im Dorf, der alle Probleme unter dem Deckel hielt… Wahrscheinlich hat ihn das fertig gemacht, hat ihn so extrem intolerant werden lassen. Eigentlich hätte ich Mitleid mit ihm haben müssen. Aber er war unterdessen so unnahbar geworden, so abweisend, dass ich mich Michaels Annäherungsversuchen noch so gerne überliess… Würde es mir mit Michael genauso gehen? Ich kann es mir nicht vorstellen, er ist so vollkommen anders… Linda war eingeschlafen.

Kurz vor acht Uhr abends fuhr ein dunkelblauer Mercedes auf den Parkplatz des Hotels Rosenlaui. Ein Mann stieg aus und ging, in der Rechten eine Aktentasche, in der Linken eine kleine Reisetasche, auf den Hoteleingang zu. Dieses lästige Familientreffen, seufzte er vor sich hin, hat mir gerade noch gefehlt. Dabei hätte ich im Amt mehr als genug zu tun. Die Baugesuche häufen sich, ebenso die Einsprachen, und überall wird meine Stellungnahme gefordert. Ich wollte ja unbedingt in den Gemeinderat gewählt werden, aber unterdessen muss ich sagen, es bedeutet mehr Bürde als Würde. Und die Bezahlung ist auch an der untersten Grenze. Und als hätte ich nicht schon genug Ärger, funkt mir jetzt noch dieser verfluchte Matthias dazwischen, mit seinem unseligen Brief… Der Mann liess sich an der Rezeption seinen Zimmerschlüssel geben, stellte aber sein Gepäck in der Bibliothek ab und ging direkt in den Speisesaal, wo die meisten Hotelgäste gerade beim Hauptgang sassen. Er steuerte auf den grossen Tisch in der Saalmitte zu, begrüsste seine Tischgenossen nur mit einem angedeuteten Winken und setzte sich auf den einzigen noch freien Stuhl.

„Endlich“, rief ihm Linda Moser zu, „warum kommst du denn so spät, Samuel?“ Samuel Moser, der ältere Bruder von Lindas Mann Matthias, brummte vor sich hin. „Ach, wie mich das ärgert, immer diese sinnlos langen Sitzungen im Gemeinderat, das ist doch eine reine Zeitverschwendung.“ „Das kann ich verstehen“, pflichtete ihm seine Schwester Barbara bei, „und die Sitzungshonorare sind eine reine Verschleuderung von Steuergeldern.“ Samuel lächelte säuerlich. Er war nicht gerade das, was man gemeinhin einen schönen Mann nennt. Etwas korpulent, mit dickem Hals und einem Ansatz von Doppelkinn, einem breiten Gesicht mit unregelmässiger Haut, flachem Schädel mit nur noch wenigen, langen, rötlichen Haaren. Er wirkte viel älter als der nur um zwei Jahre jüngere Matthias.

Da trat Maria Manzoni an den Tisch. „Guten Abend und willkommen, Herr Moser. Möchten Sie noch gerne das komplette Abendmenu essen?“ Samuel winkte ab. „Nein, nein, ich beginne mit dem Hauptgang. Und bringen Sie mir einen Dreier Merlot.“ Samuel hatte plötzlich realisiert, wie hungrig er nach der langen Sitzung geworden war, und ass seinen Teller viel zu hastig leer. Gleich darauf erschien Maria schon mit dem Nachtisch. Die anderen hatten ihr Dessert schon beendet und diskutierten in Zweier- oder Dreiergrüppchen miteinander. Samuel wartete ab, bis die Gespräche am Tisch für einen Moment erloschen waren, und warf dann trocken in die Runde: „Und, habe ich recht, wenn ich ahne, dass in der Familie noch kein Verhandlungsergebnis erzielt wurde?“

Eine bedrückende Stille entstand am Tisch. Samuels Schwestern, Susanna und Barbara, hielten sich eine Hand vor den Mund und warfen sich ängstliche Blicke zu, während Bruder Matthias nur finster vor sich hin starrte. Auch die Eingeheirateten der Familie, Michael, Linda und Bruno, wagten nichts zu sagen. Samuel blickte der Reihe nach alle in der Runde an. „Na, wohl alle aufs Maul gefallen, ihr Feiglinge?“ Weitere Sekunden verstrichen. Plötzlich stiess die sechzehnjährige Elena Moser einen Schrei aus, erhob sich so ruckartig, dass ihr Stuhl nach hinten umkippte, und rannte schluchzend aus dem Saal hinaus. Vetter Luca und Mutter Linda eilten ihr sofort nach. Das war nun das erlösende Zeichen zum Aufbruch. Es dauerte keine Minute, und Samuel Moser war allein am Tisch zurückgeblieben. Er machte sich nicht daraus, bestellte sich einen Cognac und trank ihn in aller Ruhe genüsslich aus. Eine tolle Familie haben wir da, überlegte er grimmig vor sich hin, ein richtig explosives Gemisch! Zum Glück müssen das unsere Eltern nicht mehr erleben!

Samstag, 21. Juli 2012

Punkt acht Uhr morgens stoppte der Polizeiwagen vor dem Hotel Rosenlaui, ein junger Polizist in Uniform stieg aus und eilte zur Rezeption. „Ach, wie bin ich froh, dass du da bist!“, rief ihm Hotelchefin Claudia Dietrich schon von weitem entgegen. „Bei uns ist ja der Teufel los. Guten Morgen, Peter!“ Sie schüttelte Peter Kehrli die Hand. Obwohl Claudia ziemlich gross war, wurde sie von Kehrli um einen ganzen Kopf überragt. Er mass exakt einen Meter siebenundneunzig und wirkte mit seinem dünnen Körper eher wie ein schlaksiger Jüngling als wie ein gestandener Polizist. Immerhin gaben ihm seine runde Brille und sein kurz geschnittener, dunkler Bart ein etwas männlicheres Aussehen. „Ich begreife das überhaupt nicht“, sagte Peter, „Onkel Matthias soll erstochen worden sein?“ „Ja, auch wir stehen vor einem Rätsel“, erwiderte Claudia. „Möchtest du zuerst zu Tante Linda oder vorher den Toten sehen?“ „Gehen wir zunächst zum Tatort“, sagte Peter, und sie stiegen gemeinsam zum Zimmer siebzehn hoch. Claudia schloss mit dem Schlüssel auf und begab sich dann wieder zur Rezeption, während Peter begann, den Toten und das Zimmer zu inspizieren. Zehn Minuten später war er schon wieder unten bei Claudia. „Also, liebe Claudia, wie ich schon vermutet hatte, ist dieser Fall eine Schuhnummer zu gross für unseren kleinen Meiringer Polizeiposten. Deshalb habe ich bereits telefonisch die Kriminalpolizei in Bern aufgeboten. Sie werden im Laufe des Vormittags eintreffen, um alle Spuren zu sichern und die Leiche zur Obduktion zu überführen. Das Zimmer habe ich versiegelt, so dass bis dahin nichts passieren sollte. Jetzt möchte ich aber gerne Linda und Elena sehen.“

Als Peter Kehrli die Türe zu Zimmer vierunddreissig öffnete, stiess Linda einen Schrei aus. „Endlich, Peter, wie schön, dass du hier bist!“ Sie sprang auf, umarmte ihren Neffen und wisperte: „Ist das doch furchtbar! Du weisst ja, wie Matthias und ich zueinander standen, aber trotzdem… Wer kann denn so etwas getan haben?“ In diesem Moment kam Tochter Elena aus dem Bad zurück. Auch sie umarmte ihren Cousin, dem sie nicht einmal bis zu den Schultern reichte. „Wurde er wirklich… erstochen?“, fragte sie mit zittriger Stimme. „Es sieht ganz so aus“, erwiderte Peter, „aber sonst wissen wir noch gar nichts. Für mich ist es unbegreiflich, was da passiert ist. Aber bald wird die Kriminalpolizei aus Bern eintreffen und euch dann sicher auch befragen. Und Matthias werden sie zur Obduktion mitnehmen müssen, um die genaue Todesursache abzuklären.“ „Was sollen wir denn jetzt machen, bis die hier sind?“, fragte Linda. Peter überlegte kurz. „Habt ihr schon gefrühstückt?“ Beide Frauen schüttelten den Kopf. „Dann hole ich euch jetzt etwas vom Buffet. Oder möchtet ihr doch lieber mit den anderen Hotelgästen zusammen frühstücken?“ Wiederum Kopfschütteln. Peter wandte sich zum Gehen, da fragte ihn Linda noch: „Sind eigentlich die übrigen Familienmitglieder schon orientiert?“ „Oh, das weiss ich auch nicht. Ich werde Claudia fragen.“

Als Peter gegangen war, nahm Linda ihre Tochter in die Arme. Lange standen sie so, eng umschlungen, mitten im Zimmer, und wiegten sich sanft hin und her. Schliesslich lösten sie sich voneinander, nahmen die beiden alten, runden Holzstühle und setzten sich vor die offenstehende Balkontüre. Elena hatte Tränen in den Augen. „Armer Papa, jetzt bist du tot, kommst nie, nie wieder. Weisst du, Mama, ich schäme mich so!“ „Aber warum denn, mein Herz?“ „Ich müsste doch jetzt wahnsinnig traurig sein. Den eigenen Vater zu verlieren! Aber irgendwie spüre ich nichts. Es ist einfach leer in mir. Das kann doch nicht normal sein!“ Linda drückte ihrer Tochter die Hand. „Das kann ich gut verstehen. Bitte mache dir keine Vorwürfe, lass es einfach zu, wie es ist. Vielleicht kommt die Trauer erst viel später, vielleicht auch gar nie. Meine liebste Elena, wir brauchen uns ja nichts vorzumachen. Matthias war ein äusserst spezieller Mensch und hat sich immer mehr in eine Richtung entwickelt, die wir beide nicht verstehen konnten. Ich wünsche mir jetzt vor allem, dass wir zwei ganz fest zusammenhalten in dieser Zeit.“ Elena schaute ihrer Mutter in die Augen. „Mama, ich habe dich so gern!“ Ein Weinkrampf schüttelte Elena, sie sank auf die Knie und legte Linda ihren Kopf in den Schoss. Sie liess sich willig über die Haare streichen und beruhigte sich allmählich.

Es klopfte, und Peter trat mit einem grossen Tablett ein. Er stellte es auf dem kleinen, runden Tisch ab und holte dann aus dem Flur noch einen dritten Stuhl für sich selbst. Er setzte sich und sagte dann: „Unterdessen hat Daniel Dietrich unsere ganze Familie, und ebenso die übrigen Gäste, über Matthias‘ Tod orientiert. Niemand darf das Hotel verlassen, bis die Kriminalpolizei mit den Untersuchungen und Befragungen fertig ist.“ Die beiden Frauen nickten nur. Eine ganze Weile sassen die drei dann stumm beisammen, in ihre Gedanken versunken, nippten an ihrem Kaffee und kauten auf ihrem Brötchen herum. Schliesslich schenkte Peter Kaffee nach und schaute dann auf die Uhr. „Oh, schon halb zehn. Ich nehme an, die Leute aus Bern werden jeden Moment eintreffen, da gehe ich jetzt wohl besser nach unten. Bleibt doch bitte hier im Zimmer, ich komme euch dann holen.“ Mit einer kurzen Umarmung verabschiedete er sich.

Peter Kehrli traf Claudia Dietrich vor der Hotelrezeption. „Du, Claudia, ich nehme an, die Leute aus Bern werden bald hier sein. Hättest du uns irgendwo ein ruhiges Zimmer für die Befragungen? Und, ehm, vielleicht auch Kaffee dazu?“ Claudia lächelte. „Natürlich, lieber Peter. Wenn du schon an einem Samstag arbeiten musst, sollst du es gemütlich haben. Hier, siehst du, unser zweites Büro könnt ihr gerne benutzen, und den Kaffee bestelle ich gleich.“ Kaum war Peter in das Büro getreten, klingelte die Hausglocke, und Claudia ging nachsehen. Kurz darauf klopfte es, und im Türrahmen erschien ein mittelgrosser, leicht korpulenter Mann um die fünfzig, in Jeans und kariertem Hemd, mit nicht allzu gepflegten, graumelierten Haaren und einem Dreitagebart. Als er den Meiringer Polizisten erblickte, überzog ein breites Grinsen sein rundliches Gesicht. „Schau mal an, der Peter Kehrli, grüss dich! Was habt ihr denn angestellt hier oben? Es freut mich sehr, wieder mal im hintersten Oberland tätig zu werden. Auch wenn ich zugebe, es hätte mir gestern Freitag besser gepasst als jetzt am Wochenende, hahaha.“ Kriminalkommissar Rolf Ramseier, immer noch im Türrahmen stehend, lachte schallend laut. Dann drehte er sich um und führte eine junge Frau herein. „Übrigens, das ist meine Assistentin, Anna Burger. Sie hat soeben ihre Ausbildung zur Kriminalkommissarin abgeschlossen. Anna ist ein kluges Köpfchen, und wenn ich nicht aufpasse, wird sie mir bald meine Stelle streitig machen, hahaha!“

Peter Kehrli hatte kein Wort von dem mitbekommen, was Rolf Ramseier soeben gesagt hatte. Wie gebannt war sein Blick auf dem Gesicht der Frau vor ihm hängen geblieben. Wie wunderschöne dunkle Augen sie doch hatte, welch zartes Lächeln um die Lippen, wie schön die dunkelbraunen Haare das gleichmässige Gesicht umrahmten! Auch sie war in Zivil gekommen, trug schwarze Jeans und eine kurzärmlige pinkfarbene Bluse. Jetzt streckte sie ihm lächelnd die Hand entgegen. „Guten Tag, ich bin die Anna.“ „Hm“, stotterte Peter, während ihm das Blut heiss ins Gesicht schoss, „freut mich, Sie, hm, pardon, dich, kennenzulernen. Hm, ja, Peter heisse ich.“ Was ist denn nur los mit mir, fragte sich Peter entsetzt, so ein furchtbar peinlicher Anfang ist mir noch gar nie passiert, sonst bin ich doch nicht dermassen leicht aus der Ruhe zu bringen… Wenn ich mich doch nur ins nächste Mauseloch verkriechen könnte… Aber nein, jetzt muss ich erst recht durchhalten!

„Können wir jetzt zum Tatort gehen?“, fragte Rolf Ramseier, schon leicht ungeduldig. „Natürlich, sofort“, erwiderte Peter, führte die beiden zum Zimmer siebzehn und entfernte das Siegel an der Türe. Der tote Mann lag noch genauso da wie vorher. „Hier ist das Opfer“, sagte Peter, „aber vom Tötungswerkzeug, wir vermuten einem Messer, fehlt bis jetzt jede Spur.“ „Wir suchen natürlich überall nach Spuren“, erwiderte Rolf. „Und, sag mal, wurde eigentlich etwas gestohlen?“ Peter bekam erneut einen heissen Kopf. „Hm, das wissen wir noch gar nicht. Die Frau des Verstorbenen, die den Toten gefunden hat, ging danach ins Zimmer ihrer Tochter zum Schlafen, und ich habe sie noch nicht befragen können. Und übrigens wäre das sowieso etwas heikel für mich, sie ist nämlich meine Tante.“ „So etwas war ja zu erwarten“, frotzelte Rolf grinsend, „im Oberland sind doch alle irgendwie miteinander verwandt. Dann machen wir es doch so: Zuerst nehmen wir hier die Spuren auf und packen den Toten ein, und dann holst du, Peter, die Frau, und Anna befragt sie.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete Rolf den grossen Koffer, den sie mitgebracht hatten, und packte das für die Spurensicherung benötigte Material aus. Während Anna das Zimmer nach Spuren absuchte, machte Rolf unzählige Fotos vom Tatort. Erst am Schluss untersuchten beide vorsichtig den toten Mann und wickelten ihn danach in ein grosses weisses Tuch ein. „Wie wollt ihr eigentlich vorgehen“, fragte Rolf, „um die Tatwaffe zu finden?“ Anna überlegte einen Moment. „Was könnte der Täter damit gemacht haben? Gereinigt und bei sich behalten? Dann könnten wir wahrscheinlich immer noch Reste von Blut nachweisen. Aber wir müssten vielleicht sämtliche Räume durchsuchen, um das Ding zu finden, eine Heidenarbeit. Oder hat er das Messer irgendwo entsorgt? Mitten in der Nacht keine einfache Aufgabe, wenn man kein Risiko eingehen will, entdeckt zu werden. Vermutlich wird es dann nicht allzu weit weg sein, aber in dieser unübersichtlichen Landschaft trotzdem schwierig zu finden. Wenn er es allerdings vergraben hat, sogar sehr schwierig…“ Rolf nickte. „Dann schlage ich vor, dass ihr heute mal die Umgebung des Hotels grob durchkämmt. Wenn ihr nichts findet, könnt ihr Verstärkung anfordern für eine detailliertere Suche.“ „Einverstanden“, erwiderte Anna. „Und noch etwas“, fuhr Rolf fort, „das ja eigentlich selbstverständlich ist. Niemand darf heute, bevor die Durchsuchungen und Befragungen abgeschlossen sind, ohne eure Bewilligung das Haus verlassen.“ Peter nickte. „Das haben wir schon veranlasst.“ Zu dritt hoben sie dann den eingewickelten Toten hoch, schleppten ihn hinunter und luden ihn in den Leichenwagen der Polizei. Rolf Ramseier holte noch das übrige Material aus dem Zimmer, verabschiedete sich und machte sich auf den Weg nach Bern.

„Siehst du, Anna, hier können wir in aller Ruhe die Befragungen durchführen. Und der Kaffee steht auch schon bereit.“ „Ausgezeichnet“, lobte Anna Burger und setzte sich an den kleinen Besprechungstisch. „Dann hole ich jetzt die Frau des Verstorbenen“, sagte Peter Kehrli und ging hinaus.

Anna schaute sich im Raum um. So etwas wie dieses Hotel hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Sie betrachtete die alten lilafarbenen Tapeten mit dem gelblichen Lilienmuster, die mit geschwungenem Stuck verzierte Decke, den uralten Schreibsekretär aus dunkel gebeiztem Holz, das viel zu massige Büchergestell, den klobigen Schreibtisch mit den gebogenen Beinen. Sie fühlte sich vollkommen deplatziert, als befinde sie sich plötzlich in einem anderen Leben. Eine verrückte Idee ist das schon, dachte sie, in diesem abgelegenen Tal ein solches Hotel zu bauen. Und mit dieser altertümlichen Einrichtung auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Erfolg zu haben! Offensichtlich sehnen sich viele Leute nach der früheren, einfacheren Lebensweise.

AnkerEs klopfte, und Peter trat mit einer Frau mittleren Alters ein. „Ich lasse euch jetzt allein“, sagte er und verschwand gleich wieder. Die Kommissarin kam auf Linda Moser zu. „Guten Tag Frau Moser, es tut mir sehr leid, dass ihr Mann so hat sterben müssen, und ich fühle mit Ihnen.“ Sie legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Bitte nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir, was sich gestern Nacht zugetragen hat.“ Linda Moser setzte sich seufzend. „Nun, da gibt es nur wenig zu berichten. Nach dem gemeinsamen Abendessen gingen wir, das heisst alle zehn Mitglieder der Familie Moser, in die Bar zu einem Schlummertrunk. Die Brüder Moser, also Samuel und mein Mann Matthias, hatten sich gegen elf Uhr verabschiedet, und die drei Jugendlichen gingen auch bald nachher. Wir anderen blieben noch in der Bar sitzen. Um halb zwölf wurden wir wie üblich hinauskomplimentiert und gingen alle zusammen ins Hotelgebäude zurück. Ich stieg hinauf zu unserem Zimmer und fand… Matthias leblos da liegen. Hm, weiss man denn schon etwas Genaueres darüber, wie mein Mann… zu Tode gekommen ist?“ „Erst die Autopsie wird genaue Klärung bringen. Aber er wurde wohl mit einem Messer von hinten niedergestochen.“ „Ach wie furchtbar. Wer könnte denn sowas tun?“ „Ja“, erwiderte Anna Burger, „es ist manchmal unbegreiflich, wozu Menschen fähig sind. Und leider treffen wir dies in unserem Beruf häufig an. Frau Moser, wir gehen jetzt zusammen in das Zimmer, wo Sie den Toten gefunden haben. Aber haben Sie keine Angst, es ist nichts mehr von den nächtlichen Ereignissen zu sehen.“

Die beiden Frauen stiegen langsam die Treppe hoch. Als sie das Zimmer siebzehn betraten, schien darin tatsächlich nichts mehr auf die Geschehnisse der Nacht hinzudeuten. „Bitte schauen Sie sich jetzt ganz genau um hier im Zimmer“, sagte die Kommissarin, „fällt Ihnen irgendetwas auf, hat sich etwas verändert, wurde vielleicht etwas gestohlen?“ Linda blickte um sich. „Ach je, darauf habe ich doch in der Nacht gar nicht geachtet. Wissen Sie, nachdem ich gegen Mitternacht meinen Mann hier tot gefunden hatte, packte ich nur schnell Nachthemd und Zahnbürste zusammen und ging dann zum Schlafen in das Zimmer meiner Tochter Elena.“ „Das verstehe ich gut“, meinte die Kommissarin mitfühlend. Linda öffnete die oberste Schublade der grossen Kommode und stiess sogleich einen spitzen Schrei aus. „Nein, das darf nicht wahr sein! Mein ganzer Schmuck ist weg, und das Bargeld auch! Warum nur habe ich ausgerechnet gestern das teure Armband und den Diamantring nicht getragen, wie schade!“ „Also doch ein Diebstahl“, murmelte Anna Burger, öffnete ihre Tasche und reichte Linda Moser ein Formular. „Hier können Sie dann eintragen, was fehlt. Aber schauen Sie vorher noch alles ganz genau durch.“ Linda, mittlerweile verunsichert und zittrig, öffnete hastig die weiteren Schubladen, den grossen Schrank und ihre Gepäckstücke, fand jedoch keine weiteren Hinweise auf einen Diebstahl. „Und, was passiert jetzt?“, fragte sie schliesslich, „müssen meine Tochter und ich noch länger hier im Hotel bleiben?“ Anna Burger dachte kurz nach. „Nun, Sie dürfen sicher heute noch heimreisen, wenn Sie dies wünschen. Die Anmeldung des Todesfalles beim Zivilstandsamt können Sie allerdings erst am Montag vornehmen. Ich möchte Sie aber bitten, heute noch bis Mittag hier zu bleiben, falls wir noch weitere Fragen hätten. Und vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Linda Moser nickte zerstreut und verliess ohne ein weiteres Wort das Zimmer.