Wenn das Fahrrad baskiil heißt / Leseprobe und Exposé

Exposé

 

Der Himmel kann nie einstürzen, alles bleibt, wie es ist. Denkt und wünscht Frida,12. Doch von einem Tag zum anderen wird alles anders: Fridas Vater Johann verlässt die Familie und zieht zu einer neuen Partnerin. Frida leidet unter der Trennung, ist zornig auf den Vater, den sie jedes zweite Wochenende unter Protest besuchen muss. Nach so einem Wochenende ist sie meist besonders traurig, weil sie den Papa eigentlich noch sehr liebt, was sie ihm aber keinesfalls zeigen will.

Ungefähr zur gleichen Zeit stürzt auch für Nafisa,14, der Himmel ein. Sie ist zusammen mit ihrer Schwester Fahia auf der Flucht aus Somalia nach Europa. Fahia überlebt die Strapazen der Flucht nicht. Nafisa schafft es nach Deutschland und findet in einem Haus für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge Unterkunft. Nicht weit von der Wohnung entfernt, wo Frida mit ihrer Mutter Gunhild wohnt.

Beide Mädchen lernen sich zufällig kennen, nachdem Frida einen Fahrradunfall hatte. Nafisa spricht und versteht noch wenig Deutsch. So erzählt sie Frida auf Somalisch von allem was sie bedrückt- die Erlebnisse der schrecklichen Flucht, Fahias Tod, ihre Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern. Frida erzählt Nafisa auf Deutsch von ihrem Kummer um den Vater. Obwohl sie sich gegenseitig nicht verstehen, sitzen die beiden Mädchen oft zusammen und reden miteinander. Frida beschließt, Nafisa beim Deutschlernen zu unterstützen, damit sie sich so schnell wie möglich „richtig“ verstehen können.

Frida ist häufig in dem Flüchtlingsheim, lernt auch andere Mädchen aus Somalia kennen. Nach und nach erfährt sie einiges über das Land Somalia, die Zustände dort. Sie überlegt, wie es den Mädchen zumute sein muss, wenn sie mit Deutschen zusammen sind und kaum ein Wort verstehen. In der Gemeinschaft der somalischen Mädchen wiederum ist sie diejenige, die nicht versteht, warum gelacht, geweint oder gestritten wird. Eine ganz neue Erfahrung für sie.

Fridas Mutter Gunhild verschafft den Jugendlichen in dem Flüchtlingsheim ein paar gebrauchte Fahrräder. Fridas Vater bringt Nafisa und einigen anderen Mädchen Fahrradfahren bei. Eine Aktion, die ihm Frida wieder ein wenig näherbringt.

Seit Frida im Fernsehen ein brennendes Flüchtlingsheim gesehen hat, spürt sie ab und zu Angst um Nafisa und die anderen Mädchen. Wieder rechnet sie es dem Vater hoch an, dass er versucht, ihr die Ängste zu nehmen und die vier somalischen Mädchen mit ihr und zwei Schuldfreunden zu einem Sonntagsausflug einlädt. Auf dem er pöbelnde Jugendliche vertreibt, die sich auf Kosten der dunkelfarbigen Somalierinnen lustig machen wollten.

Auf einer gemeinsamen Radtour mit Nafisa entdeckt Frida an ihrem Lieblingsort im Wald, eine verschwiegene Quelle, einen Zettel, der auf Ausländerfeindlichkeit hinweist. Vor Nafisa hält sie ihre Befürchtung geheim, spricht nur mit ihrer Freundin Swea und dem Klassenkameraden Janne darüber. Janne hat seinen Cousin Lukas,17, in Verdacht, einer ausländerfeindlichen Bande anzugehören. Frida und Janne finden noch ein paar Indizien dafür, dass diese Bande irgendetwas plant, was sich gegen Ausländer richtet. Mit Erwachsenen reden sie vorab nicht darüber- aus Angst, nicht ernst genommen zu werden. Doch Fridas Befürchtungen, Nafisas Flüchtlingsheim könnte Gefahr drohen, werden immer konkreter. So vertraut sie sich dann doch dem Religionslehrer Herrn Wasser an, der ihren Verdacht sehr ernst nimmt. Im letzten Moment kann ein Anschlag auf das besagte Flüchtlingsheim und Schlimmeres verhindert werden.

 

Leseprobe

 

1

 

 

Der Bus fuhr um eine Kurve, steuerte die nächste Haltestelle an. Frida und Svea regten sich über den Mathelehrer auf. Er hatte eindeutig zu schwere Aufgaben in der Mathearbeit gestellt. Und das in der letzten Stunde! Unmöglich, der Mann!

Zwei Frauen saßen den Mädchen gegenüber. Auch sie regten sich auf. Natürlich nicht über einen Lehrer. Die Schule hatten sie längst hinter sich. „Und weißt du“, sagte die Frau mit der grünen Handtasche zu ihrer Nachbarin, „genau in dem Moment ist der Himmel über mir eingestürzt.“

Frida stieß Svea mit dem Fuß an und verbiss sich ein kleines Lachen. Der Himmel konnte nicht einstürzen. Der Himmel war da oben, immer und ewig, machte sich höchstens mit einer Portion Regen oder Schnee auf der Erde bemerkbar. So einfach war das. Und beruhigend war das auch. Solange der Himmel blieb, wo er hingehörte, war die Welt in Ordnung. Alles sollte so bleiben, wie es nun einmal war. Wünsche für Veränderungen hatte Frida nicht. Sie winkte der Freundin nach, die jetzt aussteigen musste.

Und dann stürzte der Himmel doch über Frida ein. Genau an dem Tag, als der Papa den letzten Koffer gepackt hatte und zu Frida ins Zimmer trat.

„Auf Wiedersehen, meine Kleine“, sagte er. Frida saß auf ihrem Bett und tat so, als würde sie interessiert in einem Buch lesen. Sie sah nicht von dem Buch auf. Der Papa sollte nicht merken, dass ihre Augen kaum noch die Tränen zurückhalten konnten. Das ging ihn nichts an, den Verräter, den Mistkerl, der schuld an der Veränderung in Fridas Leben war. Das Leben sollte so bleiben, wie es immer gewesen war. Vater, Mutter, Kind. Eine Familie, die bisher glücklich zusammengelebt hatte. Was die Eltern plötzlich bestritten. Sie waren schon lange nicht mehr glücklich gewesen, Gunhild und ihr Mann Johann. Angeblich jedenfalls. Frida hatte nichts bemerkt. Vor zwei Wochen war der schreckliche Tag gewesen. Ein Mittwoch. Seitdem hasste Frida jeden Mittwoch. Sie saßen zu Dritt im Wohnzimmer. Der Papa erklärte Frida, warum er aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte. Er und die Mama liebten sich nicht mehr. Auf einer Geschäftsreise hatte er eine andere Frau kennengelernt. Mit ihr, Janina hieß sie, wollte er jetzt zusammenleben. Frida blieb stumm. Kein Wort kam aus ihrem Mund. Janina, Janina, was für ein hässlicher, affiger Name. Janina, Frida hielt sich die Ohren zu. Was interessierte sie der Name der Frau, die ihr den Papa wegnahm? Und warum ließ die Mama sich das eigentlich gefallen? Sie sah die Mama böse an. Doch die Mama nahm sie nur schweigend in die Arme. Frida wollte nicht in den Arm genommen werden. Wollte, dass dieses Gespräch zu Dritt nur ein schwarzer Albtraum war.

„Verstehst du mich ein bisschen?“ Der Papa setzte sein bittendes Lächeln auf, dem Frida normalerweise selten wiederstehen konnte. Umsonst. Frida begriff einfach nicht, was er zu ihr sagte. Hatte es auch gar nicht begreifen wollen. Wie konnte sie auch? Die Eltern hatten sich nie in ihrer Gegenwart gestritten, so wie es bei Jannes Eltern gewesen war. Janne ging in Fridas Klasse. Im Schulbus hatte er ihr ab und zu von den hässlichen Streitereien der Eltern erzählt. Deshalb war er auf eine Veränderung seines Lebens vorbereitet gewesen. Trotzdem war es ein Schock, als seine Mutter plötzlich auszog.

„Hallo, meine Kleine, hörst du mich nicht?“ Der Papa kam näher, strich Frida über die dunkelblonden Haare, die ihr bis auf die Schultern fielen.

„Ich bin nicht mehr klein“, murmelte Frida und zuckte zurück. Er sollte jetzt bloß nicht auf die Idee kommen, sie zu umarmen. Dann würden die Tränen sofort sichtbar werden und seinen Pullover versauen. Jawohl, versauen! Und das geschah ihm dann ganz recht, dem Papa. Der Pullover würde so nass werden, dass der Papa in seinem Koffer einen anderen Pullover suchen müsste. Vielleicht würde er den weinroten Pullover finden, den Frida so an ihm mochte. Und während er sich umzog, kam ihm die Erleuchtung: er konnte Frida und die Mama nicht verlassen. Er liebte sie doch beide so sehr, dass er ohne sie nicht leben konnte. Das hatte jedenfalls neulich in einem Fernsehfilm ein Mann zu seiner Ehefrau und Tochter gesagt. Jetzt sah Frida den Papa doch an. „Na los!“, forderte sie ihn stumm auf. „Los, sag es schon!“

„Du wirst immer meine Prinzessin bleiben“, sagte der Vater ein wenig hilflos. Auf Fridas Wutanfall war er nicht gefasst. Sie schrie, er solle endlich verschwinden. Raus aus ihrem Zimmer! Nie wieder kommen! Und eine Prinzessin war sie schon lange nicht mehr. Mit zwölf Jahren war das Prinzessinengequatsche vorbei. Endgültig!

„Ich weiß, das alles ist nicht leicht für dich.“ Der Papa streckte die rechte Hand nach ihr aus. Frida schlug die Hand weg, registrierte das geschockte Zusammenzucken des Vaters und knallte die Tür hinter ihm zu, nachdem er zögernd gegangen war.

Dann warf sie sich auf ihr Bett, zog die Bettdecke fest über den Kopf und konnte endlich die Tränen loslassen. Dunkel, alles war dunkel um sie herum. Und da fiel ihr das von dem eingestürzten Himmel ein. Die Frau hatte Recht gehabt. Der Himmel konnte einstürzen. Genau in diesem Moment war es passiert. Und er würde Frida unter sich begraben. Falls sie trotzdem noch weiterleben würde, Frida schluchzte laut auf, dann würde eine andere Frida aus ihr werden. Eine Frida, die nicht mehr lachen konnte. Die an nichts mehr Spaß hatte. Der alles egal war. Die zwar in die Schule ging, aber kein Interesse an dem hatte, was man dort lernen musste. Die sich für nichts mehr begeistern konnte. Die ihre Freizeit irgendwie totschlug. Mit Lesen vielleicht. Oder mit Fernsehen. Oder mit sonstwas. Gleichgültig.

„Frida?“ Die Mama klopfte an die Tür. „Darf ich reinkommen?“

„Nein!“ Frida wollte jetzt niemanden sehen. Wollte solange ungehindert weinen, bis alle Tränen aus ihr heraus geflossen waren. Wollte sich unter dem eingestürzten Himmel verstecken und nie mehr auftauchen.

Sie wusste nichts von dem Mädchen, über dem der Himmel ebenfalls eingestürzt war. Ungefähr zur gleichen Zeit. Nafisa, so hieß das Mädchen, besaß kein Bett, in dem es sich verkriechen konnte. Seit Wochen schon schlief sie meist unter freiem Himmel. Dicht an Fahia, die große Schwester gekuschelt. Der Himmel bewachte den Schlaf der beiden Schwestern. Alles Mögliche konnte hier unten auf der Erde passieren. Wer seine Heimat verlassen musste, lebte gefährlich. Jedenfalls solange, bis eine neue Heimat gefunden war. Auf den Himmel jedoch war Verlass. Nafisa hatte sich viele Wochen lang seinem Schutz anvertraut.

Doch jetzt war er eingestürzt, der Himmel. Nafisa wollte weinen, so wie Frida in dem Moment weinte. Aber ihre Tränen blieben trocken, waren nicht nass wie Fridas Tränen. Nafisas Körper war so ausgetrocknet, dass selbst für Tränen keine Feuchtigkeit übriggeblieben war. Verständlich, wenn man nur eine kleine Flasche Wasser pro Tag zu trinken bekam. So weinte Nafisa trockene Tränen, die beinahe noch schmerzhafter waren als feuchte Tränen.

Nafisa hockte am Straßenrand eines Ortes, den sie nicht kannte. Ein richtiger Ort war das auch gar nicht. Zehn oder zwölf kleine Häuser, mehr war da nicht. Und die Straße war eigentlich nur ein kleiner Trampelpfad aus trockenem Sand. Auf diesem sandigem Boden lag Fahia und sagte kein Wort. Nie wieder würde sie ein Wort sagen. Tot, sie war tot, die große Schwester. War vor Entkräftung einfach in sich zusammengesackt. Schon seit vier Tagen hatte Fahia sich nicht wohlgefühlt. Hatte sich nur noch mühsam und mit letzter Kraft durch die Wüste geschleppt. „Das Schlimmste haben wir bald hinter uns“, hatte eine Frau, die sich ein bisschen um die Schwestern kümmerte, Fahia angefeuert. „Halte durch, Fahia, es dauert nicht mehr lange, dann…“

„Dann?“, hatte Fahia mit schwacher Stimme gefragt, ehe sie starb. Sie glaubte nicht mehr an ein Dann, das in die Zukunft wies. Deshalb schloss sie die Augen und verstummte für immer.

Und Nafisa blieb allein zurück, ohne die große Schwester. Als ihr das bewusst wurde, stürzte der Himmel über ihr ein. Verhüllte die Welt in schwarze, nie mehr endende Finsternis.

„Sie ist tot, du kannst nichts mehr für sie tun, Nafisa. Komm, wir müssen weiter. Hier können wir nicht bleiben.“ Eine Frau packte Nafisa am Arm, wollte sie mit sich ziehen. Aber Nafisa weigerte sich. Sie konnte die Schwester nicht einfach hier zurücklassen. Sie wollten doch für immer zusammen bleiben, Fahia und sie. Das hatten sie sich geschworen, als sie vor vier Wochen aufgebrochen waren. Heimlich. Mitten in der Nacht. Sogar die Mutter wusste nichts von ihrer Flucht. Nur die Großmutter. Sie hatte alles, was sie besaß, verkauft, damit die beiden Enkelinnen Geld für die Flucht hatten. Man brauchte Geld, wollte man aus diesem verfluchten Land in ein nicht verfluchtes Land fliehen. Das hatte die Großmutter begriffen. Sie hatte die Enkelinnen ermutigt, den Schritt in ein besseres Leben zu wagen. Was erwartete die Beiden schon hier in Somalia? Fahia war sechzehn Jahre alt. Bald würden die Männer kommen und sie zwingen, Soldatin zu werden. Sie würden ihr das Schießen beibringen und achselzuckend zuschauen, wie das Mädchen von anderen, verfeindeten Soldaten abgeknallt wurde. Ein Menschenleben war nichts wert. Und war der Mensch weiblich, war es schon überhaupt nichts wert, das Leben. In zwei Jahren, sobald sie sechzehn Jahre alt war, würde Nafisa das gleiche Schicksal drohen wie ihrer Schwester. Oder sie würde vorher mit irgendeinem Mann verheiratet werden, der alles mit ihr machen durfte, was er wollte. Nafisa war sehr hübsch. Ihre hellbraune Haut, das schwarze krause Haar, die schlanke Figur. Viel hübscher als Fahia. Die Großmutter hatte lange nachgedacht. Soldatin oder Ehefrau eines ungeliebten Mannes – beide Zukunftsaussichten lehnte sie für die Enkelinnen ab. Also blieb nur noch die Flucht. Nach Europa. Wo Mädchen eine Chance hatten, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es selbst wollten. So jedenfalls hatte es die Großmutter gehört. Konkrete Vorstellungen von Europa hatte sie auch nicht.

Nafisa starrte auf die tote Schwester, wollte die Hand der Frau abschütteln, was ihr nicht gelang. Also ließ sie sich willenlos von der Hand mitziehen.

„Ich weiß, das ist schwer für dich, meine Kleine“, sagte der Mund, der zu der Frau mit der Hand gehörte. „Aber du musst jetzt an dich denken. Du schaffst es bis nach Europa. Du bist zäh, das weiß ich.“

Europa. Nafisa wusste nicht, was das war, Europa. Sie wusste auch nicht, was sie dort erwartete. Sie wusste nur, dass sie weitergehen musste, wollte sie nicht wie Fahia die Augen schließen und verstummen. Immer weiter. Bis ans Ende der Welt. Trotz des eingestürzten Himmels, der nie wieder sicher und beruhigend da oben auf sie aufpassen würde. Ihre Gedanken verwirrten sich. Kein Himmel passte auf irgendeinen Menschen auf. Das hatte sie doch oft genug erlebt. Hatte der Himmel etwa aufgepasst, als die Männer in ihr kleines Haus gekommen waren, damals, vor ungefähr acht Wochen? Sie und Fahia hatten Musik gehört. Auf ihrem Smartphone. So ein Ding besaßen alle, sogar in Sablale, dem kleinen Dorf in Somalia, wo Fahia und Nafisa geboren und aufgewachsen waren. Die Männer hatten den Stick mit der Musik aus beiden Smartphones herausgerissen. Hatten den Mädchen den Stick in den Hals gesteckt und befohlen: „Schluckt das runter! Ihr wisst, dass es verboten ist, Musik zu hören. Das soll euch eine Lehre sein.“ Danach gab es Schläge für beide.

Dass man keine Musik hören durfte, wenn gewisse Männer ins Dorf kamen, wussten alle. Warum das so war, wusste kaum jemand. Musik war doch etwas Schönes. Also hörten alle heimlich Musik, vor allem die Mädchen und Jungen. Und sobald die gewissen Männer ins Dorf kamen, versteckte man die Smartphones. Diesmal waren Fahia und Nafisa nicht schnell genug gewesen. Die Mutter war unterwegs, schon viele Wochen, um Arbeit zu suchen. Deshalb hatten die beiden Mädchen der Großmutter von den Männern erzählt. Der Großmutter war der Kragen geplatzt. Die Mädchen mussten weg, so schnell wie möglich. Eine gefährliche Flucht war immer noch besser als das Leben hier in Somalia. Die Männer hätten die Enkelinnen töten können. Und kein Mensch hätte gewagt, diese Männer zu bestrafen.

Nafisa sehnte die Nacht herbei. Sich irgendwo fallen lassen. Die Augen schließen. An nichts mehr denken. Vor allem nicht an die tote Schwester. Und nicht daran, dass sie nun ganz allein auf sich gestellt war. Und auf keinen Fall an eine Zukunft, die völlig im Dunkeln lag. Die unvorstellbar war. Nur noch schlafen. Den eingestürzten Himmel wie eine Decke über sich ziehen. Nie mehr aufwachen.

Irgendwann kam die Nacht, folgte dem Tag. Wie immer. So, als wäre nichts geschehen. Frida wollte den eingestürzten Himmel nicht sehen und ließ das Rollo am Fenster herunter. Was sie normalerweise nicht machte. Sie brauchte das Licht der Straßenlaterne vor dem Fenster. Heute brauchte sie die Dunkelheit.

Nafisa hatte kein Fenster und erst recht kein Rollo. Und Straßenlaternen gab es hier ohnehin nicht. Sie lag auf dem nackten Boden am Rande der Wüste und starrte in die Dunkelheit, die den eingestürzten Himmel vor ihren Augen versteckte.

Vielleicht beschloss der Himmel in dieser Nacht, dass die beiden Mädchen sich begegnen würden, Frida und Nafisa. Irgendwann einmal. Später. In einem halben Jahr? Vielleicht.

 

 

2

 

 

Ein halbes Jahr war vergangen. Frida hatte sich an das Leben ohne den Papa gewöhnt. Nein, das stimmte nicht. Gewöhnt hatte sie sich nicht an seine Abwesenheit. Sie vermisste ihn noch immer. Die Wohnung erschien ihr manchmal viel zu groß und zu leer. Vor allem abends, wenn sie früher alle Drei zu Hause gewesen waren. Gewöhnt hatte sie sich auch nicht an die Wochenenden, an denen sie den Papa besuchen musste. Obwohl Janina, die er nun angeblich liebte, sehr nett zu ihr war. Sie backte den Marmorkuchen, den Frida gerne aß. Fragte immer, was sie mittags am liebsten essen würde. Manchmal machten sie Ausflüge zu Dritt, gingen in den Erlebnispark oder wie am letzten Wochenende ins Hallenbad. Sobald das Schwimmbad geöffnet wurde, wollten sie unter den ersten Badegästen sein. Das hatte der Papa neulich angekündigt. Endlich war der Frühling nach einem langen, grauen Winter angekommen.

Trotzdem war Frida immer wieder froh, wenn diese Wochenenden vorbei waren. Ab und zu täuschte sie vor so einem Wochenende Bauchschmerzen vor. So wie gestern. Achselzuckend hatte die Mama den Papa angerufen und Fridas Besuch abgesagt, sich danach zu Frida umgedreht. „Es tut ihm leid. Er hatte eine Radtour mit dir geplant.“

Frida hatte das Gesicht verzogen. Eine Radtour zu Dritt natürlich. Ohne Janina unternahm der Papa ja keinen Schritt mehr. Dabei wäre Frida ganz gern einmal mit ihm alleine gewesen. Aber gut, es war nun einmal so, wie es war. Die Radtour konnte sie auch mit Svea zusammen machen. Am besten gleich morgen. Sie könnten zusammen an den See fahren und dort picknicken.

Leider musste Svea mit ihren Eltern und den beiden Schwestern die Oma besuchen, die achtzig Jahre alt wurde.

Ein wenig missmutig beschloss Frida am Samstag, allein ein bisschen mit dem Rad umher zu fahren. Die Mama hatte keine Zeit. Sie hatte Wochenenddienst im Krankenhaus, wo sie halbtags als Krankenschwester arbeitete. Zum See wollte Frida nicht fahren. Das machte allein keinen Spaß. Vielleicht in den kleinen Wald, wo die geheimnisvolle Quelle war. Wer sich auskannte, fand diese Quelle trotz der Brombeerranken, die den Weg zu ihr versperrten. Frida war noch nie alleine dort gewesen. Doch mit zwölf, fast dreizehn Jahren sollte man keine Angst mehr haben. Also setzte sich Frida aufs Rad und fuhr los. Fuhr durch die Straßen, bis sie in den Radweg einbog, der durch eine kleine Anlage mit Büschen und Bäumen führte. Jetzt unter der Brücke durch, über die eine Autostraße führte.

„Radfahrer absteigen!“, befahl ein Schild, weil man den Gegenverkehr nicht sehen konnte. Das an die Betonwand gesprühte Bild eines Menschen, der eine Kapuze über dem Kopf trug und gefoltert wurde, konnte niemand übersehen. „Stoppt Folter!“, stand unter dem Bild. An dieser Stelle gruselte Frida sich immer und schob das Rad ganz schnell um die Ecke. Endlich stand sie vor dem großen Platz, auf dem im August immer die Kirmes stattfand. Weit hinten parkten ein paar Autos. Dort links spielten ein paar Jungen Fußball. Eine Frau rief ihren Hund zu sich. Sonst war hier absolut nichts los. Ohne Kirmes wirkte der Platz schmutzig, grau und seltsam verloren. Frida musste den Platz überqueren, um dann links in den schmalen Weg einzubiegen, der zu ihrem Ziel führte: das kleine Wäldchen mit der geheimnisvollen Quelle.

Auf dem Kirmesplatz war freie Bahn, um so richtig in die Pedale zu treten. Frida schaute auf den Tacho, der vorn am Rad befestigt war. Zwanzig Stundenkilometer, zweiundzwanzig, fünfundzwanzig. Sie lachte vor Freude. So unbeschwert dahin zu sausen machte einfach Spaß. Der zu schnell beendet war, als Frida irgendein Hindernis übersah und auf den Boden knallte. Kurz wurde es ihr schwarz vor Augen. Unwillkürlich fasste sie sich an den Kopf. Der Fahrradhelm saß da, wo er hingehörte. Am Kopf tat auch nichts weh. Nur am rechten Knie und am rechten Arm. Frida biss sich auf die Lippen, um einen Schmerzenslaut zu unterdrücken.

Eine Stimme sagte etwas zu ihr. Frida verstand nichts und öffnete die Augen, die sie vor Schreck geschlossen hatte. Sie sah ein ihr unbekanntes braunes Gesicht. Auch die Augen waren braun, dunkelbraun und glänzend. Die Lippen rosa. Die Haare waren mit einem bunten Tuch verdeckt. Eine von den Flüchtlingen, schoss es Frida kurz durch den Kopf. Sie wusste, dass in der letzten Zeit viele Menschen aus ihrer Heimat flohen und in Europa Schutz suchten. Dieses Mädchen gehörte wahrscheinlich zu ihnen. Das Mädchen sagte wieder etwas, das Frida nicht verstand. Streckte die Arme aus, um Frida aufzuhelfen. Frida ergriff die Hände und erhob sich mühsam, stand etwas wacklig auf den Beinen und schaute auf das Fahrrad herunter, das ziemlich ramponiert aussah.

„Ich…“, das Mädchen zeigte auf sich. „Ich…Nafisa.“

Aha. Das Mädchen hieß offenbar Nafisa. Ein seltsamer Name.

„Frida.“ Frida zeigte auf sich. „Ich heiße Frida.“

Die beiden Mädchen lächelten sich an. Nafisa zeigte auf ein Haus, das Frida bisher nie aufgefallen war. Eine dreistöckige Villa, die alt und ein wenig vergammelt wirkte, trotzdem durch die gelben Klinkersteine gemütlich aussah. Nafisa ging einen Schritt auf das Haus zu, sagte wieder etwas Unverständliches. Frida überlegte flüchtig, welche Sprache das sein mochte? Englisch auf keinen Fall. Französisch oder Italienisch auch nicht. Frida schüttelte den Kopf. Diese Sprache hatte sie noch nie gehört. Mit einer Handbewegung forderte Nafisa Frida auf, mit ihr in das Haus zu gehen. Anscheinend wohnte sie dort. Frida zögerte kurz, ging dann aber doch hinter Nafisa her. Bestimmt gab es in dem Haus Wasser, mit dem sie sich den Dreck und die kleinen Steine vom Knie und dem Arm abwaschen konnte. Nafisa hob das Fahrrad auf, schob es bis zur Haustür, legte es dort vorsichtig ab. Frida wollte es abschließen, ließ den Schlüssel dann aber doch im Rucksack. So ein zerbeultes Fahrrad würde wohl kaum jemand klauen.

Ein paar Stufen führten zu der Haustür, die offen stand. Fridas Knie beschwerte sich mit einem heftigen Schmerz, als sie die Stufen hinauf ging. Dann stand sie neben Nafisa in einem Korridor. Laute Stimmen waren zu hören, Musik, irgendetwas fiel mit einem Knall um. Eine Frau mit kurzen, blonden Haaren kam aus der Tür hinten links. Nafisa sagte etwas zu ihr, was die Frau aber nicht verstand. Sie wandte sich an Frida: „Wer bist du? Was ist passiert?“

Frida erklärte ihr, dass sie einfach mit Nafisa mitgegangen wäre. Nafisa lächelte, als sie ihren Namen hörte, zeigte auf eine Tür, an der „Bad“ stand. „Ich würde nur gern den Dreck…“, begann Frida ein wenig verlegen. Die Frau schüttelte den Kopf. Fridas Wunden mussten behandelt werden. Einfach nur mit Wasser abwaschen war zu wenig. Sie streckte Frida ihre Hand entgegen. „Ich bin übrigens Anne. Und jetzt kommst du mit mir. Ich muss mir das genau ansehen, also dein Knie und die Abschürfungen an dem Arm. Dann werde ich es desinfizieren und ein Pflaster draufkleben.“

Zu dritt gingen sie ins Bad. Während Anne Fridas Verletzungen behandelte, erzählte sie, dass hier in diesem Haus Kinder und Jugendliche wohnten, die allein aus ihrer Heimat geflohen waren. „Ohne Eltern oder andere ältere Verwandte, verstehst du?“

Nein, das verstand Frida nicht. Wie konnten Kinder ganz alleine, ohne Eltern…? Anne unterbrach sie. Es gab schlimme Zustände in diesen Ländern, aus denen die Menschen flohen. Leider war so eine Flucht teuer. Und da reichte dann manchmal das Geld nur für eine Person aus der Familie. Sie zeigte auf Nafisa. „Sie ist aus Somalia geflohen, war fast vier Monate unterwegs. Aber sie hat es geschafft. Jetzt ist sie hier in Sicherheit.“

In Sicherheit? Ohne ihre Eltern? Ganz alleine? Was sollte das heißen? Frida brachte keinen Ton heraus, sah Nafisa nur entsetzt an. Nafisa war höchstens ein paar Jahre älter als sie. Und sie war ohne ihre Mama, ohne ihren Papa…?

„Wie, was?“, fragte Frida, die Annes Frage nicht verstanden hatte. „Ach so, ob ich weiß, wo Somalia liegt?“ Sie überlegte. Irgendwo in Afrika? Aber wo genau? Und was war da los in Somalia? Anne klebte ein großes Pflaster auf Fridas Knie. Nafisa sagte etwas, das weder Frida noch Anne verstanden.

„Somalisch.“ Anne seufzte. „Dafür gibt es nur wenig Dolmetscher. Wir müssen uns mit Händen und Füßen verständigen. Nicht immer leicht. Deshalb müssen die Mädchen so schnell wie möglich Deutsch lernen.“

„Bringen Sie Ihnen Deutsch bei?“, fragte Frida und unterdrücke einen Schmerzensschrei, als Anne einen kleinen Stein aus der Wunde am Arm entfernte.

„Nur ein bisschen“, antwortete Anne. „Ich bin vor allem dazu da, die Mädchen zu betreuen. Das heißt, auf sie aufzupassen, mit ihnen zu kochen, für sie zu sorgen. Wir sind hier sechs Betreuerinnen und wechseln uns ab. Ich habe heute Nachtdienst und bleibe bis morgen Mittag hier.“

Frida sah sie kurz an. Anne war vielleicht so alt wie die Mama, oder ein bisschen älter. Die Flüchtlingsmädchen zu betreuen schien ihr Beruf zu sein. Wie hieß dieser Beruf? Frida wollte nicht danach fragen und wandte sich an Nafisa. „Danke, dass du mir geholfen hast“, sagte sie. Danke – das Wort hatte Nafisa verstanden. „Danke – bitte“, erwiderte sie. Beide Mädchen lachten. Anne wusch sich die Hände. Wenn Frida Lust hatte, konnte sie sich ja einmal Nafisas Zimmer anschauen. Frida hatte Lust.

„ Meine Zimmer“, sagte Nafisa auf Deutsch und ging vor Frida die Treppe hinauf. Ein Bett stand in dem Zimmer, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Schrank, ein Regal, auf dem allerlei Kram lag. Vor allem Duschgels, Haarspangen, Seife, Deo- Roller. Nafisa nahm ihr Tuch vom Kopf und warf es aufs Bett. Frida lachte ein bisschen über die lustige Frisur, die da zutage kam. Krause, schwarze Haare waren zu einem kecken Pferdeschwanz zusammengebunden, der mitten auf dem Kopf saß.

„Warum hattest du denn das Tuch auf?“, fragte Frida. „Es ist doch viel zu warm für ein Kopftuch.“

Nafisa zuckte mit den Schultern und holte eine Flasche Wasser und zwei Gläser aus dem Schrank. Beide tranken ihr Glas fast in einem Zug leer. Dann setzten sie sich nebeneinander aufs Bett. Frida hatte den Wunsch, Nafisa am alles Mögliche zu fragen. Vor allem, warum sie nach Deutschland gekommen war. Und wieso war sie ohne Eltern hier? Und wie sah es wohl in Somalia aus? Hatte sie kein Heimweh? Doch alle diese Fragen hatten keinen Sinn, weil Nafisa kein Deutsch verstand. Und Frida verstand kein Somalisch. Trotzdem war sie neugierig, wie sich diese fremde Sprache wohl anhörte.

„Sag mal was auf Somalisch!“, forderte sie Nafisa auf, wiederholte ihre Bitte betont langsam. Offenbar hatte Nafisa verstanden. Sie begann, Frida ein wenig von dem zu erzählen, was sie bisher niemandem erzählt hatte. Und weil es in ihrem Inneren keinen Anfang und kein Ende von den langen Monaten der Flucht gab, begann sie irgendetwas zu erzählen, was mittendrin passiert war.

„Es war in Libyen. Wir waren so froh, endlich dort zu sein. Das Meer war nicht mehr weit. Und wir wollten nur noch auf ein Schiff, um endlich nach Europa zu kommen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, weißt du, was Europa eigentlich war. ich wusste nur von den anderen, dass uns in Europa ein besseres Leben ohne böse Männer und Soldaten erwartete. Da kamen plötzlich Polizisten auf uns zu, trieben uns vor sich her, schlugen uns und sperrten uns ins Gefängnis. Frauen und Männer wurden getrennt. Einen Raum gab es da, wo mehr als hundert Frauen zusammengepfercht wurden. Schlafen konnte man nur im Sitzen, Platz zum Liegen gab es nicht. Auch keine Decken. Nichts. Und dann kam ein Polizist auf mich zu und wollte meinen Pass sehen. Aber ich hatte gar keinen Pass. Woher auch? Daraufhin brüllte der Polizist mich an. ‚Wieso kommst du in mein Land ohne Pass? Dann gib mir Geld, wenn du schon keinen Pass hast.‘ Aber Geld hatte ich auch nicht. Deshalb hat er mich geschlagen. Und dann wollte er noch…“ Nafisa zögerte. Nein, das konnte sie nicht aussprechen, was der Polizist nun mit ihr machen wollte. Zwei Frauen hatten sie gerettet, waren zu dem Polizisten gegangen, hatten ihn beschworen, er sollte sie in Ruhe lassen. „Sie ist doch noch ein Kind.“ Irgendwann hatte der Polizist von ihr abgelassen, hatte sich ein anderes Opfer gesucht.

Nafisa schob den Ärmel ihrer langärmligen Bluse hoch, zeigte auf die Narben, die die Schläge der Polizisten dort hinterlassen hatten. Fridas Augen weiteten sich vor Schreck. Das sah ja viel schlimmer aus als ihre Verletzungen, die vorhin durch den Fahrradunfall entstanden waren. Wo hatte Nafisa sich denn so verletzt? War sie auch vom Fahrrad gefallen? Nafisa zuckte mit den Schultern. Sie verstand Fridas Frage nicht. „Deutsch! Bitte!“ Sie sah Frida auffordernd an. Frida überlegte. Vielleicht wollte Nafisa, dass sie ihr nun auch auf Deutsch irgendetwas erzählte. Was könnte das sein? Von der Schule, dem blöden Mathelehrer, dem Schulfest, das in vier Wochen stattfinden würde? Doch dann erzählte sie etwas ganz anderes. Was sie noch nicht einmal Svea erzählen würde.

„Ich bin immer noch so traurig“, begann sie, „weil mein Papa ausgezogen ist, weißt du? Er ist der beste Papa der Welt. Nein, das war er. Jetzt ist er einfach nur noch doof. Er wohnt bei einer fremden Frau, Janina. Blöder Name, stimmt‘s? Aller zwei Wochen muss ich ihn besuchen. Und da tut er immer so, als wäre ich noch immer seine Prinzessin, wie früher. Aber eine Prinzessin verlässt man doch nicht einfach. Außerdem bin ich schon lange nicht mehr seine Prinzessin. Das ist vorbei. Jetzt hat er ja eine Königin.“ Frida lachte verächtlich. „Janina. Und stell dir vor, die ist nicht halb so hübsch wie meine Mama. Keine Ahnung, was er an der findet. Ich vermisse ihn so, meinen Papa, auch wenn er doof ist. Eigentlich ist es ja auch gar nicht doof. Er ist nett und lustig und…, naja, eben ein richtig guter Papa. Und deshalb will ich ihn an den Wochenenden nicht besuchen, verstehst du? Weil ich dann am Sonntagabend in meinem Bett liege und weinen muss. Weil es so schön mit ihm war, als wir drei noch zusammen waren. Und weil es nie wieder so sein wird. “

Plötzlich fiel ihr ein, dass Nafisa weder ihren Papa noch ihre Mama besuchen konnte. So gut es ging, schluckte sie ganz schnell ihre Tränen herunter. Nafisa war ja viel schlimmer dran als sie. Ganz alleine war Nafisa nach Deutschland gekommen, war durch Tausende von Kilometern von ihren Eltern getrennt.

Nafisa nickte, als hätte sie Fridas Worte und Gedanken verstanden. Und da kam Frida eine Idee. Sie könnte Nafisa Deutsch beibringen, jeden Tag ein bisschen mehr. Damit sie sich beide nicht immer nur anlächeln und mit den Schultern zucken mussten. Und Nafisa könnte ihr gern auch ein bisschen Somalisch beibringen. Somalisch sprach niemand, den Frida kannte. Noch nicht einmal Herr Schreiner, der Französischlehrer, der immer so tat, als könnte er alle Sprachen dieser Welt sprechen. Frida sprang auf, ganz begeistert von ihrer Idee. Gab es denn nicht einen einzigen Menschen hier, der Nafisa die Idee übersetzen konnte?

In dem Moment klopfte es an die Tür. Ein Mädchen mit ähnlich brauner Haut wie Nafisa kam herein, musterte Frida neugierig. Nafisa zeigte auf das Mädchen. „Cadisha“, sagte sie. Dann unterhielt sie sich lautstark und schnell mit Cadisha. Bis Cadisha sich an Frida wandte. „Ich- schon besser Deutsch als Nafisa. Wohnen schon länger hier.“

Frida atmete auf. Dann konnte diese Cadisha ja Nafisa von Fridas Superidee informieren. Betont langsam setzte sie Cadisha auseinander, dass sie Nafisa so schnell wie möglich Deutsch beibringen wollte. Und Cadisha sollte Nafisa fragen, ob sie sich darüber freuen würde. Gleich morgen könnten sie damit anfangen. Morgen war Sonntag und niemand musste in die Schule gehen.

Ob Cadisha, die ja auch noch längst nicht perfekt deutsch sprach, alles richtig übersetzte, wusste Frida nicht. Es war ihr auch gleichgültig. Wichtig war nur, dass Nafisa nickte und ein freudiges Lachen über ihr Gesicht ging.

„Soll ich zu dir kommen oder kommst du zu mir?“, fragte Frida, ehe sie ging. Da Cadisha schon wieder gegangen war, konnte Nafisa natürlich nichts antworten. Sie begleitete Frida zur Haustür. Dort fiel Frida ein, dass sie die Betreuerin Anne informieren sollte. Sie wusste ja nicht, ob die Mädchen einfach so in die Stadt gehen und jemanden besuchen durften. Und Nafisa sollte morgen am besten gleich zu ihr in die Gebrüder-Grimm- Straße kommen. Bestimmt fand sie Fridas Zimmer gemütlich.

„Weißt du was?“, Anne saß im Büro am Computer. „Im Moment habe ich leider soviel Bürokram zu erledigen. Wenn du magst, kommst du morgen noch einmal hier vorbei. Dann können wir alles andere klären.“

Klären? Frida verdrehte die Augen. Was gab es denn da zu klären? Sie würde Nafisa ganz schnell Deutsch beibringen. War das nicht eindeutig genug? Fand Anne ihre Idee etwa nicht gut?

„Doch, natürlich finde ich das gut. Und wenn du wirklich dabei bleibst, würde ich gern mit deinen Eltern sprechen. Die können mich anrufen und…“

Frida seufzte auf. Wie kompliziert doch manche Erwachsene waren. Da konnte man als Noch-Kind nicht viel dagegen machen. Außer, die Idee einfach in die Tat umzusetzen. Und jetzt musste sie das ramponierte Fahrrad nach Hause schieben. Pech. Frida lächelte Nafisa zum Abschied zu. Ohne Eltern in ein fremdes Land fliehen war viel, viel schlimmer als ein Fahrradunfall. War das auch schlimmer als ein Papa, der ausgezogen war? Nafisa konnte ihre Eltern noch nicht einmal besuchen, wenn sie Sehnsucht nach ihnen hatte. Ob sie täglich mit ihnen telefonierte? Oder war so ein Telefonat nach Somalia gar nicht möglich? Gleich zu Hause wollte Frida Somalia im Atlas suchen.

 

 

3

 

 

Gunhild erschrak, als sie nach Hause kam. Ein Pflaster auf Fridas Knie, zwei Pflaster auf dem rechten Arm. Was war passiert? Unmöglich, dass Frida ganz allein die Pflaster so korrekt…

„Nein, nein“, fiel Frida der Mama ins Wort. Natürlich hatte sie die Pflaster nicht selbst auf die Wunden geklebt. Wahrscheinlich hätte sie den Verbandskasten noch nicht einmal gefunden.

„Er liegt wie immer im Bad in der Schublade unten links“, sagte Gunhild.

Frida winkte ab. Schon gut. Unwichtig. Viel wichtiger war es, dass die Mama ihr etwas über Somalia erzählte. Somalia? Gunhild verstand nicht. Was hatten Fridas Verletzungen mit Somalia zu tun? Ein Land, mit dem sie sich bisher nicht besonders intensiv beschäftigt hatte. Sie hatte andere Sorgen. Johann, der sie und Frida verlassen hatte. Fridas Traurigkeit über den Verlust des Vaters, die Gunhild täglich spürte. Sie selbst hatte ihre Traurigkeit zur Seite gelegt. Es nützte nichts, einer vergangenen Liebe nachzuweinen. Sie hatten sich auseinandergelebt, Johann und sie. Basta. So war das eben. „Die Kinder sind immer die Dummen bei einer Trennung“, hatte ihre Freundin Beatrix erst vorgestern festgestellt. Sie hatten im Cafe gesessen und Gunhild hatte von Fridas nächtlichen Tränen erzählt, die sie durchaus bemerkte. Auch wenn Frida nicht darüber sprach.

„Zuerst“, forderte Gunhild Frida jetzt auf, „erzählst du mir, was passiert ist. Somalia ist jetzt nicht das Thema.“

„Doch“, erwiderte Frida. Sah aber ein, dass die Mama das Recht hatte, die Geschichte zu hören, die mit dem Fahrradunfall angefangen, mit Nafisa weitergegangen und mit Somalia aufgehört hatte. Nein, nicht aufgehört, das war falsch. Somalia war der Anfang von dem, was Frida im Kopf hatte und doch nicht genau benennen konnte. Warum flohen Menschen aus diesem unbekannten Land, sogar Kinder, allein, ohne Eltern? Warum…

„Und nun bitte erst einmal ganz von vorn“, unterbrach Gunhild die etwas wirre Erzählung, die von Fragen durchsetzt war. Frida seufzte auf. Na gut, dann also von vorn. Wie sie mit dem Rad über den Kirmesplatz gesaust und gestürzt war. Nafisa, die ihr geholfen hatte. Und, und, und…Am Ende stand Fridas Idee, Nafisa so schnell wie möglich Deutsch beizubringen. „Damit wir zusammen reden können, verstehst du?“

Gunhild nickte. Vor allem war sie erst einmal froh, dass Frida nichts Schlimmes passiert war. Am liebsten wollte sie als erstes die Pflaster ablösen und sich die Wunden genauer anschauen. Wozu war sie Krankenschwester. Frida wurde ungeduldig. Diese Frau in dem Haus, Anne, hatte die Wunden desinfiziert und bestimmt ebenso gut versorgt wie eine Krankenschwester. Die Mama sollte sich jetzt für Nafisa und deren Heimatland interessieren.

„Meinetwegen.“ Gunhild gab seufzend nach. Sie wusste: wenn Frida sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie nicht so schnell locker. „Aber ich muss gestehen, dass ich herzlich wenig über Somalia weiß. Ich weiß nur, lass mich überlegen, ja, ich weiß, dass Somalia in Ostafrika liegt, an den Indischen Ozean grenzt, an Äthiopien, an Kenia und an sonst noch etwas. Es liegt am Horn von Afrika. Ja, das war’s dann auch schon.“

Frida war trotzdem beeindruckt. In ihren Augen wusste die Mama da schon recht viel. Auch wenn die Lage des Landes und die Namen der angrenzenden Länder nichts darüber aussagten, warum Nafisa aus Somalia geflohen war. Gunhild murmelte etwas von ganz schlimmen Zuständen in Somalia. So genau wusste sie das aber auch nicht. Also fuhr sie ihren PC hoch und gab Somalia ein.

Da war erst einmal die Landkarte von Somalia. Die Hauptstadt hieß Mogadischu. Einen großen Teil der Landesfläche im Zentrum und Norden nahm die Somaliwüste ein. „Das Klima“, las Gunhild vor, „gehört zu den Tropen. Im Süden ist es wechselfeucht, im Landesinneren und Norden trocken. Die mittleren Temperaturen liegen zwischen sechsunddreißig und zweiundvierzig Grad. Im Gegensatz zu anderen Wüstenregionen wird es in Somalia nachts nicht viel kälter als am Tag.“ Gunhild wandte sich an Frida, die ihren Kopf über die Landkarte beugte. „Da wird es dem Mädchen … wie heißt sie noch gleich…hier sicher sehr kalt vorkommen. Wir hatten heute fünfundzwanzig Grad. Und vor einem Monat hatten wir sogar noch Frost.“

„Vielleicht hatte sie deshalb das Tuch auf dem Kopf“, überlegte Frida. Nein, falsch. In der Stadt liefen neuerdings viele Frauen mit Kopftüchern herum. Das waren Flüchtlinge, aus Syrien zum Beispiel. Darüber hatten sie neulich in der Schule gesprochen. In Reli. „In Syrien ist Krieg“, hatte Herr Wasser, der Religionslehrer, erklärt. „Und deshalb fliehen viele Menschen aus Syrien, um ihr Leben zu retten. Sie sind oft keine Christen wie wir. Sie sind Moslems und nennen ihren Gott Allah. Und die Frauen tragen Kopftücher. Ja, Svea, was möchtest du wissen? Warum sie Kopftücher tragen? Weil…, nun ja, weil das bei den Moslems eben so üblich ist.“

„Wieso ist das bei denen üblich?“, hatte Janne gefragt. Doch da hatte die Klingel die Stunde beendet. Herr Wasser hatte auf die nächste Stunde verwiesen, in der Fragen beantwortet werden sollten

„Ist in Somalia auch Krieg? So wie in Syrien?“, fragte Frida und schmiegte sich dicht an die Mama. Welches Glück, dass sie nicht plötzlich ihre Sachen packen und ganz alleine in ein fremdes Land fliehen musste.

Gunhild dachte nach. Einen Krieg wie in Syrien gab es in Somalia nicht. Trotzdem konnten die Menschen nicht sicher leben, waren oft genug in Lebensgefahr. Sie klickte weiter. Las, dass es zwar eine Regierung in Somalia gab, die aber nicht viel zu sagen hatte. Überall im Land gab es Männer, sogenannte Rebellen, die das Land auf ihre Art regieren wollten. Was vor allem hieß: sie wollten Macht über die anderen Menschen haben. Wollten, dass alle Menschen so lebten, wie sie es vorschrieben. Die Al-Shabaab Kämpfer, so hießen sie, die durch das Land zogen. Sie erschossen alle, die anderer Meinung waren als sie. „Somalia ist eines der gefährlichsten Länder der Erde“, las Gunhild vor. Frida lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die arme Nafisa. Da war ihr wohl nichts anderes übrig geblieben als zu fliehen. Wie sah so eine Flucht wohl aus? Packte man einen Rucksack mit den nötigsten Dingen? Kleider, Handtücher, Zahnbürste, ein paar Bücher, eine Wasserflasche, ein paar belegte Brötchen? Vorsichtig schaute man durchs Fenster. Niemand zu sehen. Also rannte man geduckt los, rannte solange, bis man endlich in Sicherheit war. Doch wie sah diese Sicherheit aus? Ein Haus wie das am Kirmesplatz? So weit konnte niemand rennen. Um dorthin zu gelangen, musste man einige Länder durchqueren, irgendwann auch das Meer. Im Fernsehen hatte Frida einmal ein Boot mit Flüchtlingen gesehen. Dicht gedrängt saßen sie nebeneinander. Und niemand wusste, ob das Schiff untergehen oder einen sicheren Hafen erreichen würde. Frida hatte bei diesem Fernsehbild einen kalten Schauer verspürt. Dann hatte sie es wieder vergessen. Jetzt stand das Bild wieder vor ihr. Hatte Nafisa auch auf so einem schwankenden, unsicheren Boot gesessen?

„Wahrscheinlich“, sagte Gunhild nachdenklich.

Frida fuhr sich ungeduldig mit der linken Hand durch die Haare. Sie musste Nafisa so schnell wie möglich Deutsch beibringen, damit die ihr von der Flucht erzählen konnte. „Sie hat bestimmt Schlimmes erlebt“, sagte Gunhild, die in den Fernsehnachrichten immer wieder die Massen von Flüchtlingen sah, die nach Europa kamen. Bei einer Flucht ging es um Leben und Tod. Plötzlich spürte sie ein warmes Mitgefühl für diese ihr fremde Nafisa. Die Frida so selbstverständlich geholfen hatte. Vielleicht sollten sie morgen zusammen in das Haus am Kirmesplatz gehen und Nafisa besuchen. Wie gut, dass sie sich morgen frei genommen hatte. Weil Frida wegen der Bauchschmerzen nicht zu Johann gefahren war. Und einen ganzen Sonntag sollte Frida nicht allein sein. Die Großeltern waren leider verreist. Sonst hätten die sich um Frida gekümmert. Gunhild sah Frida forschend an. Sie wusste genau, was die Bauchschmerzen bedeutet hatten. Und offenbar waren sie ja auch ganz schnell verflogen und vergessen.

Sie schliefen beide lange, fast bis elf, Gunhild und Frida. Ausschlafen am Sonntag war einfach ein Muss. Nach dem Frühstück setzten sie sich aufs Fahrrad. Zum Glück stand im Keller noch ein altes Rad, das Frida eigentlich zu klein war. Ihr neues, seit gestern zerbeultes Fahrrad, musste morgen in die Fahrradwerkstatt gebracht werden. Gunhild überlegte, ob sie Johann bitten sollte, das Rad zu reparieren. Fahrräder instand zu setzen war immerhin sein Hobby.

„Der bestimmt nicht“, sagte Frida trotzig. „Der hat doch jetzt keine Zeit mehr für mein Rad. Der hat doch jetzt seine blöde Janina.“

„Na, na.!“ Gunhild hob mahnend den Zeigefinger. Sie mochte es nicht, wenn Frida so abfällig von Johann und seiner neuen Beziehung sprach. Frida zuckte mit den Achseln. Wie sollte sie denn sonst von dem Verräter sprechen? Seltsam, dass die Mama ihn nicht täglich mit den übelsten Schimpfwörtern bedachte.

Als sie vor dem Haus auf dem Kirmesplatz die Räder abschlossen, war der Papa erst einmal vergessen. Gunhild drückte auf die Klingel. Schritte kamen näher. Eine junge Frau mit Kurzhaarfrisur guckte aus der Haustür. „Ja bitte?“

„Ich will zu Nafisa“, sagte Frida.

„Gunhild Wenk ist mein Name“, stellte Gunhild sich vor. „Ich bin Fridas Mutter und…“

In dem Moment ging die Tür rechts im Hausflur auf. Die Küche, wusste Frida. Sie hatte gestern noch kurz zusammen mit Nafisa das Haus besichtigt. Nafisa kam aus der Küche, sah Frida und rannte ihr entgegen. Die beiden Mädchen umarmten sich, als würden sie sich schon viele Wochen kennen. Gunhild und die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur machten große Augen.

„Guten Tag“, sagte Nafisa, stolz auf das neue Wort, das sie gelernt hatte. „Guten Tag, Frida.“

„Guten Tag, Nafisa. Das ist meine Mama.“ Frida zeigte auf Gunhild. Nafisa zog die Stirn in Falten, überlegte eine Weile und sagte dann auf Deutsch: „Ich vermisse meine Mama.“ Frida hatte sie trotz der seltsamen Aussprache verstanden. Sie umarmte Nafisa ein zweites Mal und hielt sie ganz fest. Die Frau mit der Kurzhaarfrisur zuckte hilflos mit den Achseln, sagte zu Gunhild: „Alle hier im Haus vermissen ihre Eltern. Einige wissen gar nicht, wo ihre Eltern gerade sind. Sie wurden auf der Flucht getrennt. Andere haben wenigstens Handykontakt mit Mutter oder Vater. Nafisa wollte diesen Satz – ich vermisse meine Mama- unbedingt auf Deutsch lernen. Für mich ein Zeichen, wie sehr ihr die Mutter fehlt.“ Sie streckte Gunhild die Hand hin. „Kascher, Claudia Kascher ist mein Name. Ich arbeite hier als Betreuerin.“ Gunhild schüttelte Claudia Kaschers Hand. „ Frida hat gestern Nafisa…“

„Ich weiß“, unterbrach Claudia Kascher sie. „Meine Kollegin Anne hat mir davon erzählt. Nett von Ihnen, dass Sie heute gleich zu uns kommen. Die Mädchen hier haben außer zu uns kaum Kontakt nach draußen.“ Die beiden Frauen sahen, wie Nafisa Frida an der Hand in die Küche zog, aus der laute Stimmen zu hören waren. Frida wurde von den drei Mädchen, die dort an einem großen Holztisch saßen, freundlich begrüßt. Sie winkten ihr zu, lächelten und sagten etwas in ihrer Sprache, die Frida nicht verstand. .

„Hey“, grüßte Frida etwas verlegen. Laut und schnell sprach Nafisa auf die anderen ein. Zeigte auf den freien Platz neben sich. Frida sollte sich setzen und mit ihnen frühstücken. Skeptisch betrachtete Frida das rote Gemisch, was da auf Nafisas Teller lag. Ein Brot mit Nutella hätte sie ja mitgegessen. Aber das da? Was war das überhaupt? Cadisha, die Frida von gestern wiedererkannte, versuchte, das rote Gemisch auf Deutsch zu erklären. Aber durch ihre seltsame Aussprache verstand Frida nicht alles. Paprika, Tomate, das könnte hinkommen. Irgendwie schien beides und noch einiges andere dazu gebraten zu sein. Grobes Toastbrot, aber nicht getoastet, aß man offenbar dazu. Frida schauderte es ein bisschen. Das sollte das Frühstück sein? Also sie aß zum Frühstück am liebsten ein Croissant mit Nutella. Nafisa drückte ihr eine Gabel in die Hand, deutete dann auf ihren Teller. Davon sollte Frida probieren. Zaghaft nahm sie eine Gabel von dem Zeug, wie sie das auf dem Teller heimlich nannte. Nafisa sah sie gespannt an. Die anderen Mädchen lachten und redeten munter drauflos. Frida verstand kein Wort. Was sie zunächst verlegen machte. Ein merkwürdiges Gefühl, nichts von dem Geschnatter mitzukriegen. Die Mädchen konnten sonstwas über Frida sagen. Zum Beispiel, dass sie blöd aussah. Oder dass ihre Nase zu dick war. Beides stimmte natürlich nicht. Aber es könnte eben sein, dass…

„Schmecken?“, fragte Cadisha jetzt, nachdem Frida die Gabel zum Mund geführt hatte. Tapfer schluckte sie das „Zeug“ runter. Naja, schmecken war vielleicht zu viel gesagt. Nicht schmecken aber auch. Frida merkte, dass sie vor Schreck gar nicht auf den Geschmack geachtet hatte. Und vor Ärger, weil sie sich gern mit den Mädchen unterhalten hätte. Weil sie gern gewusst hätte, warum sie gerade eben in lautes Gelächter ausbrachen. Und nach allem, was sie auf der Flucht erlebt hatten, hätte sie auch gerne gefragt. Nein. Frida schüttelte den Kopf. Die Flucht hätte sie erst einmal ausgeklammert. Das war bestimmt für alle eine furchtbar trauriges Kapitel. Und im Moment waren sie alle so lustig. Frida sah ein Mädchen nach dem anderen an. Verwundert. Wieso konnten die hier ruhig sitzen, irgendein rotes, gebratenes Gemüsezeug essen und ganz normal quatschen und lachen? Wenn sie alleine ohne Mama und Papa in einem fremden Land sein müsste, würde sie nur weinen. Nichts als weinen. Essen und lachen wären dann Fremdworte für sie.

„Hallo!“ Gunhild kam zusammen mit der Betreuerin in die Küche, winkte den Mädchen zu. Ihr fiel gleich auf, dass Frida ihren nachdenklichen Blick aufgesetzt hatte. „Ist was, Frida?“

„Wieso“, platzte es aus Frida heraus, „wieso können die…“, sie zeigte auf die Mädchen, „so, so…, ja, so lachen, wenn sie doch…“ Erschrocken hielt sie sich den Mund zu. Sie wollte die Mädchen doch nicht an das erinnern, was sie erlebt hatten. Dann fiel ihr ein, dass ja nur die Mama und die Betreuerin die deutschen Worte verstanden.

„Niemand kann nur weinen und traurig sein“, erwiderte Claudia. „Wir sind froh, dass die Mädchen ein halbwegs normales Leben in diesem Haus führen können. Wenigstens am Tag. Nachts kommen oft genug die Albträume über sie und die schlimmen Erinnerungen. Das ist…“ jetzt hielt sie sich erschrocken den Mund zu. Frida war zu jung, um zu begreifen, was diese Mädchen Schreckliches erlebt hatten. Das begriffen ja oft genug die Erwachsenen noch nicht einmal.

Frida hatte jedoch begriffen, dass die Nächte für die im Moment so fröhlichen Mädchen schwarz und traurig waren. Die Nächte waren auch für sie die Zeit, in der sie ab und zu wegen dem Papa weinen musste. Am Tag kamen die Tränen nur noch selten. Die Tage waren eigentlich so normal geworden wie früher, als der Papa noch zu Hause gewesen war. Nein, das stimmte nicht ganz. Die Tage waren anders normal als früher. Frida hatte sich daran gewöhnt, dass sie häufiger alleine in der Wohnung war. Weil die Mama ihren Dienst im Krankenhaus nicht sofort beenden konnte, sobald Frida zu Hause war. Dann musste Frida sich mittags schon einmal irgendetwas aufwärmen, das die Mama am Vortag gekocht hatte. Und allein essen musste sie dann auch. Anfangs war das ungewohnt gewesen, allein am Tisch zu sitzen und zu essen. Nichts hatte ihr so richtig gut geschmeckt. Doch die Zeit war vorbei. Sie hörte laute Musik, während sie aß oder las nebenbei in einem Buch. Beim Lesen versank sie in eine andere Welt und vergaß für kurze Zeit alles andere.

Frida sah Nafisa neugierig an. Ob sie wohl auch so gerne las und alles, was sie Schlimmes erlebt hatte, dabei vergessen konnte? Zu ärgerlich, dass sie Nafisa nicht sofort danach fragen konnte. Also bat sie Cadisha, Nafisa nach ihren Leseerfahrungen zu fragen. Doch Cadisha verstand nicht, was Frida wollte, zuckte nur hilflos mit den Schultern.

„So gut spricht Cadisha noch nicht Deutsch“, erklärte Claudia. „Aber ein bisschen kann ich dir auch antworten. Die Mädchen hier haben natürlich keine Bücher, die sie…“

„Wieso natürlich?“, unterbrach Frida sie. Es war doch nicht natürlich, kein Buch zu haben. Das war doch eher mehr als unnatürlich. Gunhild ermahnte Frida, genauer nachzudenken. Auf eine gefährliche Flucht, die viele Monate dauerte, konnte niemand ein Buch mitnehmen. „Außerdem“, fügte Claudia hinzu, „ sind die Mädchen teilweise nur kurz in die Schule gegangen. Zwei oder drei Jahre, dann kamen die jüngeren Geschwister an die Reihe. In Somalia kostet der Schulunterricht Geld. Für mehr als ein Kind reicht das Geld meist nicht. Das gilt jetzt vor allem für die Mädchen aus Somalia und Eritrea. In Syrien ist das etwas anders. Da sind alle zur Schule gegangen. Bis der Krieg kam und es in manchen Städten lebensgefährlich wurde, überhaupt auf die Straße zu gehen. “

„Wieso wurde das lebensgefährlich?“, wollte Frida wissen. Doch ehe Claudia ihr antworten konnte, standen die Mädchen plötzlich alle auf und strebten zur Tür. Anscheinend hatten sie genug gefrühstückt. Claudia zeigte auf den Tisch. Ihre Teller und Bestecke mussten sie schon selbst in die Spülmaschine stellen. Sie flüsterte Gunhild zu, dass es immer wieder von neuem schwer war, den Mädchen etwas Ordnung beizubringen. „Man merkt eben doch, dass sie ganz anders aufgewachsen sind als wir.“

Die Mädchen rannten zur Haustür, nachdem sie den Tisch abgeräumt hatten. Ehe sie hinaus in die Sonne traten, verhüllten sie ihre Haare mit bunten Tüchern. Bewundernd standen sie vor Fridas Fahrrad, das links an der Mauer lehnte. Frida wunderte sich ein bisschen. Das Fahrrad war alt und eigentlich schon lange ausrangiert. Sie gab die richtigen Zahlen im Schloss ein und fragte: „Möchte mal jemand fahren?“ Dazu machte sie heftige Zeichen mit den Händen, die alle gut verstanden. Die Mädchen schüttelten bedauernd den Kopf. „Nicht können“, erklärte Cadisha. „Wir nicht können.“ Was nicht können? Fahrrad fahren? Wahrscheinlich hatte sie sich verhört, dachte Frida. Cadishas Aussprache war einfach nicht gut zu verstehen. Plötzlich liefen die Mädchen auf einen älteren Mann zu, der über den Platz schlenderte und ihnen entgegen winkte. Er hatte die gleiche dunkle Hautfarbe wie sie und lächelte eine nach der anderen freundlich an. Dann nickte er Frida zu. „Wen haben wir denn da?“ Frida seufzte erleichtert auf. Der Mann war zwar kein Deutscher, schien aber verständliches Deutsch zu sprechen. Als er sich ihr als Ibrahim aus Somalia vorstellte und sagte, dass er schon fünf Jahre hier in der Stadt lebte, seufzte sie gleich noch einmal erleichtert auf. Dann könnte er die Mädchen in ihrem Auftrag fragen, warum sie ihr Fahrrad nicht wenigstens einmal ausprobieren wollten. „Ich bin Frida“, fügte sie hinzu.

„Aha. Guten Tag Frida.“ Ibrahim nickte und fuhr fort: „Du wunderst dich vielleicht, Frida. Aber die Mädchen können nicht Fahrrad fahren. Manche haben zu Hause in ihren Dörfern noch nie ein Fahrrad gesehen. Wie sollten sie da Fahrrad fahren lernen?“

„Dann bringe ich es ihnen bei“, sagte Frida etwas großspurig. Ibrahim lachte. So einfach war das nun auch wieder nicht. Frida war offenbar die Jüngste von den fünf Mädchen hier. Und damit auch die Kleinste. Konnte sie etwa eines der Mädchen halten, wenn das Fahrrad zur Seite kippte? Bestimmt nicht. Außerdem besaßen die Mädchen hier ohnehin kein Fahrrad. Obwohl, er lächelte Frida zu, obwohl es einfach großartig wäre, wenn zum Beispiel jemand ein Rad spenden würde, das er nicht mehr brauchte. Jemanden, der ihnen das Radfahren beibrachte, würde man dann sicher auch finden.

„Mein Papa“, sagte Frida ohne nachzudenken und wurde gleich darauf rot im Gesicht. Der Papa würde sich bedanken, wenn er seine kostbare Zeit mit diesen Mädchen aus Somalia und nicht mit Janina verbringen musste.

„Dann frag deinen Papa doch mal.“ Ibrahim ging auf Claudia zu, die zusammen mit Gunhild aus der Haustür kam. Claudia machte ihn mit Gunhild bekannt. „Ibrahim kommt häufig zu uns“, sagte sie. „Er kommt auch aus Somalia, lebt schon länger hier und spricht gut Deutsch. Wir brauchen ihn dringend als Übersetzer.“

Ibrahim zeigte auf Frida. „Ihre Tochter?“, fragte er Gunhild. „Sie hatte gerade eine tolle Idee. Sie wollte den Mädchen Fahrradfahren beibringen. Nur leider gibt es hier im Haus keine Fahrräder. Kein Geld, Sie verstehen? Es ist schon eine gute Sache, dass den Mädchen ihr Aufenthalt hier bezahlt wird, das Essen, Trinken, die Kleidung, das Gehalt für die Betreuerinnen. Der deutsche Staat tut wirklich viel für die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge.“ Bedauernd zog er die Stirn in Falten. Er selbst besaß auch nicht genug Geld, um den Mädchen Fahrräder zu spendieren. Gunhild überlegte kurz. Es mussten ja nicht gleich nagelneue Fahrräder sein. Sicher taten es auch gebrauchte Fahrräder, die unbenutzt herumstanden. Evi, ihre Kollegin im Krankenhaus, hatte erst neulich erzählt, wie sie ihren Keller ausgemistet hatte. „Drei alte Räder standen da, nutzlos. Ich habe sie gleich auf den Sperrmüll gestellt. Du glaubst nicht, wie schnell die weg waren.“ Schade, die drei Räder wären hier hochwillkommen gewesen. Aber bestimmt standen in anderen Kellern auch noch Räder, die keiner mehr fahren wollte. „Ich sollte einen Aushang am Schwarzen Brett im Krankenhaus machen“, überlegte Gunhild laut. Natürlich durften es keine Schrottkisten sein, die dann großzügig gespendet wurden.

„Und Ihr Mann bringt den Mädchen das Fahrradfahren bei“, sagte Ibrahim. „Das hat jedenfalls Ihre Tochter gerade vorgeschlagen.“ Gunhild sah ihn erstaunt an. Frida stampfte verlegen mit dem rechten Bein auf. Das war ihr nur so herausgerutscht. Sicher würde auch Sveas Vater diese Aufgabe übernehmen. Sveas Vater war verlässlich und würde Svea, ihre zwei Schwestern und seine Frau niemals im Stich lassen. Gunhild dachte kurz nach. „Du solltest deinen Vater auf jeden Fall fragen“, sagte sie zu Frida. „Er könnte dann auch gleich die gespendeten Räder nachsehen, also falls mein Aushang erfolgreich ist.“

Frida wandte sich achselzuckend ab. Sie könnte ja darüber nachdenken. Schön wäre es, zusammen mit dem Papa, Nafisa und den anderen Mädchen hier auf dem Kirmesplatz…

„Was heißt Fahrrad auf Somalisch?“, fragte sie Ibrahim.

„Baskiil“, erwiderte er. Stolz wandte Frida sich an die Mädchen, zeigte auf ihr Fahrrad und sagte: „Baskiil.“ Die Mädchen lachten fröhlich und umarmten sie zum Abschied.

 

 

 

 

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